Bundesbank-Betrug mit Schrottmünzen: Wertschöpfung auf Chinesisch

Von Arndt Krieger

Ist die Bundesbank auf eine Betrüger-Bande hereingefallen? Die soll verschrottete Euro-Münzen aus der Bundesrepublik aufgekauft, in China wieder zusammengesetzt und bei der deutschen Zentralbank gegen Bares eingetauscht haben. Ermittler schätzen den potentiellen Schaden auf mehrere Millionen Euro.

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REUTERS

Euro-Münzen: In China neu zusammengesetzt?

Hamburg - Die Zollbeamten am Frankfurter Flughafen wollen nur eine Routinekontrolle machen, aber sie landen einen echten Volltreffer. Im Gepäck des Reisenden liegt ein Sack voller Euro-Münzen. Ihr Wert: rund 9000 Euro.

Es sind allerdings keine normalen 1- und 2-Euro-Münzen. Vielmehr sind sie krumm und schief. Außerdem entdecken die Beamten Spuren, die typisch für eine offizielle Entwertung durch Zentralbanken sind. Und sie finden weitere Indizien dafür, dass sie einen Sack Geldreste vor sich haben. Die Kupfernickelkerne und die Messingringe passen zum Teil nicht ineinander, die Prägung ist abgeschliffen.

Der Verdacht: Der Reisende will in Deutschland Münzschrott einführen, der in China zu Geldstücken zusammengebaut wurde. Doch der Ertappte weicht aus: "Das ist Geld. Ich habe es von einem Bekannten aus China, wo es keine Bank mehr annimmt." Er erfülle nur einen Gefälligkeitsdienst. Aus Nächstenliebe. Sobald er die Münzen bei der Bundesbank eingetauscht habe, sollten sie wieder nach China gelangen.

Gut vernetzte Bande

Bei einer Überprüfung der Konten des vermeintlichen Wohltäters stellen Beamte der Frankfurter Polizei fest, dass er bereits eine Gutschrift der Bundesbank über den Eintausch von "schadhaftem Geld" - so heißt das wirklich - in Höhe von knapp 10.000 Euro erhalten hat.

In den folgenden Monaten, es ist mittlerweile Spätsommer 2010, fallen bei Kontrollen mehr als ein Dutzend weitere "Gefälligkeitsdiener" mit demolierten Euro-Münzen im Gepäck auf. Jedes Mal liegt die eingeführte Summe bei weniger als 10.000 Euro, sie muss damit nicht angemeldet werden. In Ermittlerkreisen heißt es, einige Geldtransporteure seien Flugbegleiter der Lufthansa, die häufig auf Linienflügen nach China unterwegs sind. Die Lufthansa wollte sich zu dem laufenden Verfahren nicht äußern.

Aber was steckt hinter den mysteriösen Entdeckungen im Gepäck? Und was wollten die Reisenden mit den demolierten Münzen?

Die Ermittler gehen davon aus, dass eine gut vernetzte Bande bereits von der Bundesbank eingezogene und zum Recycling bestimmte 1- und 2-Euro-Münzen in China wieder neu zusammensetzt und zurück in die Bundesrepublik bringt. Was Finanzinstitute in China tunlichst lassen, scheint die Bundesbank zu übernehmen: Sie tauscht das Geld ein. Und würde damit doppelt zahlen: erst für die kaputten Münzen und dann für die runderneuerten.

Trickreicher Münzkreislauf

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Betrüger wie folgt vorgegangen sind:

  • Ein Besucher tauscht bei einer Filiale der Bundesbank durch Gebrauch lädierte Euro-Münzen ein.
  • Das Analysezentrum in Mainz prüft das Geld stichprobenartig und überweist dem Einlöser den Gegenwert.
  • Die Bundesbank lässt das Geld in einer der fünf Münzprägeanstalten entwerten. Die Münzen werden verbogen, ihre Oberflächen geschliffen und der innere vom äußeren Kern getrennt.
  • Anschließend übernimmt die VEBEG, das Verwertungsunternehmen des Bundes, das Altmetall und versteigert es. Jeder Bürger, jedes Unternehmen (und damit auch die wahrscheinlichen Betrüger) kann den Schrott ersteigern.
  • Die Münzen gelangen nach China und werden dort wieder zusammengesetzt.
  • Schließlich bringen die Boten sie zurück nach Deutschland und tauschen sie ein zweites Mal bei der Bundesbank ein. Weil anschließend nur Stichprobenuntersuchungen gemacht werden, fällt dies nicht auf.

Die Ermittler unterstellen, dass der in Deutschland entwertete Münzschrott auch von den Geldboten und ihren Helfern bei der VEBEG ersteigert und anschließend in China zusammengesetzt wurde. Wer die "Münzbieger" in Asien sind, ist allerdings noch unklar.

Auch wie hoch der Schaden im Detail ist, bleibt offen. Allein im vergangenen Jahr versteigerte die VEBEG gut 480 Tonnen Schrottmünzen. Wieviel davon wieder zusammengesetzt wurde und wie hoch der Gegenwert der Münzen war, weiß niemand im Detail. Die Frankfurter Polizei rechnet damit, dass beim "Aus alt mach halbwegs neu"-Kreislauf bislang ein Schaden in zweistelliger Millionenhöhe entstanden ist. Ein Polizist sagt: "Wenn der Zoll nicht so hartnäckig geprüft hätte, würde dieses Geld-Recycling noch immer unbemerkt ablaufen."

EZB warnt vor Falschgeld in Deutschland

Die Beweislast für den mysteriösen Münzkreislauf ist folglich ziemlich erdrückend. Nur bei der Bundesbank kann man sich einen solchen Millionenbetrug nicht vorstellen. "Uns sind keine derartigen Vorkommnisse bekannt", heißt es bei der Frankfurter Behörde.

Und genauso selbstbewusst-bürokratisch geht die Erklärung weiter: "Aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Verwahrung und Verwaltung nicht mehr umlauffähiger Münzen ist ein Verschwinden aus dem Bereich der Deutschen Bundesbank praktisch nicht möglich." Entsprechend gebe es keinen Anlass, das Sicherheitsgefüge bei der Erstattung nicht mehr umlauffähiger Münzen zu verändern.

Was nicht sein darf, ist auch nicht. Punkt. Zumindest bei der Bundesbank. Dabei untersucht die Staatsanwaltschaft Frankfurt seit Monaten die Vorgänge. Die Ermittler gehen dabei auch der Frage nach, ob die eingezogenen Geldstücke vor der Versteigerung unter Umständen nicht ausreichend zerstört wurden. Außerdem untersuchen sie, ob Mitarbeiter der Bundesbank durch zu lasche Kontrollen indirekt beim Münztourismus mitgeholfen haben könnten.

Dass sich die Bundesbank recht ahnungslos gibt, überrascht nicht nur angesichts der konkreten Ermittlungen. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) warnte noch vor kurzem: Die Chance, in Deutschland Falschgeld zu bekommen, ist deutlich höher als im europäischen Ausland.

Die EZB meldete für das vergangene Jahr eine Steigerung der Blütenrate in der Bundesrepublik von immerhin 14 Prozent. Der durch das Falschgeld entstandene Schaden stieg auf 3,4 Millionen Euro. Der wahrscheinliche deutsch-chinesische Millionenbetrug könnte die Statistik für 2011 entsprechend vermiesen.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. HaHa
flower power 07.03.2011
Gab es keine andere Möglichkeit die alten Münzen zu entsorgen? wie blöd müssen solche Beamte sein? Das grenzt ja schon an sensationeller Dummheit. Das kommt dabei heraus, wenn unfähige leute auf dem falschen Job sind. Klasse die Chinesen, einfach clever......
2. China
LeisureSuitLenny 07.03.2011
Muss das sein das sowas nach China verkauft wird? Was hat man denn gedacht was die damit machen.. unsere Gesetze interessieren dort niemanden.
3. sprichwörtlich
toskana2 07.03.2011
Zitat von sysopIst die Bundesbank auf eine Betrüger-Bande hereingefallen?*Die soll verschrottete Euro-Münzen aus der Bundesrepublik aufgekauft, in China wieder zusammengesetzt und bei der deutschen Zentralbank gegen Bares eingetauscht haben. Ermittler schätzen den potentiellen*Schaden*auf mehrere Millionen Euro. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,748119,00.html
Denen ist alles zuzutrauen. Chinesische Geduld und Fälscher-Kunst sind sprichwörtlich!
4. ... und die deutsche Dummheit. ...
Regimekritiker 07.03.2011
Zitat von toskana2Denen ist alles zuzutrauen. Chinesische Geduld und Fälscher-Kunst sind sprichwörtlich!
... wird wohl auch irgendwann sprichwörtlich zu werden. Ich glaub' ich bin im falschen Film.
5. Blauäugige Bundesbank
Zorpheus 07.03.2011
Wenn die Bundesbank solches Geld wirklich angenommen hat (es sieht ja so aus, ist aber nicht eindeutig bewiesen), dann ist diese Blauäugigkeit einfach nur peinlich. Was soll das bitte heißen? : "Aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Verwahrung und Verwaltung nicht mehr umlauffähiger Münzen ist ein Verschwinden aus dem Bereich der Deutschen Bundesbank praktisch nicht möglich." Soll das heißen die linke Hand versteigert den Schrott, und die rechte Hand glaubt das Zeug wird sicher verwahrt, und man muss bei der Münzannahme nicht mit sowas rechnen?
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Bundesbank-Präsidenten: Bernard bis Weidmann

Einnahmen der Bundesbank
Auf die Entwicklung ihres Gewinns hat die Bundesbank nur einen sehr begrenzten Einfluss. Die erste wichtige Ertragsquelle sind die staatlichen Gold- und Währungsreserven. Sie ist vom Preis für Gold ebenso abhängig wie von den Schwankungen an den Devisenmärkten und vom Zinsniveau in den Vereinigten Staaten. Die Bundesbank hält den größten Teil ihrer Währungsreserven als verzinsliche US-Wertpapiere. Die zweite große Einnahmequelle der Bundesbank ist ihr Anteil an der Refinanzierung der Banken in der Euro-Zone.
Kodex für Bundesbank-Vorstände
Die Deutsche Bundesbank ist politisch unabhängig, ihre Vorstände müssen sich aber an gewisse Regeln halten. Diese sind seit Juli 2004 im Verhaltenskodex für Bundesbank-Vorstände festgehalten. Ein Überblick. Quelle: dpa
Ansehen der Bundesbank wahren
Alle sechs Vorstände haben den Verhaltenskodex unterschrieben. Danach arbeiten sie unabhängig, unparteiisch und nehmen keine Geschenke an. Der Kodex schreibt den Vorständen vor, dass sie sich "jederzeit in einer Weise verhalten, die das Ansehen der Bundesbank und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Bundesbank aufrecht erhält und fördert".
Interessenkonflikte vermeiden
Bei ihrer Amtsausübung handeln sie ohne Rücksicht auf eigene Interessen, heißt es: "Sie vermeiden Situationen, die zu persönlichen Interessenkonflikten führen könnten, und legen dem Vorstand unvermeidbare persönliche Interessenkonflikte offen."
Auftritte in der Öffentlichkeit
Der Ethikkodex erlaubt es Bundesbank-Vorständen, öffentlich Reden zu halten oder Texte zu verfassen, die nicht ihrem Amt bei der Notenbank zuzurechnen sind. Allerdings gilt die Einschränkung: "Die Vorstandsmitglieder stellen in ihren Beiträgen klar, dass sie diese als Privatpersonen verfasst haben und die Beiträge nicht notwendigerweise die Ansicht der Bank wiedergeben."
Prüfung von Regelverletzungen
Ob ein Vorstand die Regeln des Kodex übertreten hat, prüft der Ethik-Beauftragte der Bundesbank in jedem Einzelfall. Seit Oktober 2009 ist Professor Dr. Uwe H. Schneider von der Technischen Universität Darmstadt "Beauftragter für Corporate Governance der Bundesbank".
Entlassungsverfahren
Hält sich ein Mitglied des Leitungsgremiums nicht an die Vorgaben, kann das sechsköpfige Gremium mit Stimmenmehrheit beschließen, die frühzeitige Entlassung eines Mitglieds beim Staatsoberhaupt zu beantragen. Die Regierung müsste die Entlassungsurkunde des Bundespräsidenten gegenzeichnen.
Gründe für Entlassung
Für einen solchen Schritt gibt es nur zwei Gründe: Entweder ist der Vorstand krank und dienstunfähig, oder er hat sich eine "grundsätzliche und weitreichende Verfehlung" zuschulden kommen lassen - dieser Begriff ist allerdings nicht genau definiert. Dazu gehört eine Straftat oder eben ein Verstoß gegen den Verhaltenskodex.
Bislang keine Entlassung
In der mehr als 50-jährigen Geschichte der Notenbank ist es noch nie vorgekommen, dass ein Vorstand wegen Verfehlungen entlassen wurde. Ernst Welteke, der 2004 über eine Affäre wegen einer Einladung in ein Luxushotel stolperte, reichte seinen Rücktritt ein.

BaFin und Bundesbank
Die Bankenaufsicht in Deutschland teilen sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Bonn und die Bundesbank mit Hauptsitz in Frankfurt. Ziel ist, ein stabiles Finanzsystem zu garantieren. So sollen beispielsweise allzu riskante Geschäfte verhindert werden.

Die BaFin übernimmt die Verantwortung für alle hoheitlichen Maßnahmen wie etwa die Genehmigung und Schließung von Banken. Die Bundesbank ist für die laufende Überwachung zuständig: Sie wertet etwa Berichte aus, die von den Banken regelmäßig eingereicht werden müssen und prüft, ob die Institute genügend Eigenkapital haben und ihre Risiken angemessen steuern. Die Notenbank führt zudem Aufsichtsgespräche mit den Managern der Banken.