European Homecare "Schlagkräftiges Team" für die Flüchtlingsbetreuung

Für Firmen wie European Homecare ist Flüchtlingshilfe ein Geschäft. Jetzt gerät das Essener Unternehmen wegen Misshandlungen in einer Unterkunft in Nordrhein-Westfalen in die Schlagzeilen. Es ist nicht das erste Mal.

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Berlin - Drei lächelnde Menschen mit europäischem, asiatischem und afrikanischem Aussehen: So harmonisch werden Besucher auf der Homepage von European Homecare begrüßt. Unter der Überschrift "Werte" heißt es: Ziel der Firma sei es, Flüchtlingen, Asylbewerbern und Wohnungslosen "Orientierung zu geben und ihr Selbstwertgefühl zu stärken, damit sie sich in ihrem neuen Leben zurechtfinden".

Das klingt ziemlich zynisch angesichts von Bildern, die jetzt aus einer Asylunterkunft im nordrhein-westfälischen Burbach aufgetaucht sind. Darauf demütigen zwei Männer in Uniform einen gefesselten Flüchtling. Bei den Tätern soll es sich um Mitarbeiter der privaten Wachfirma SKI handeln - die im Auftrag von European Homecare tätig war.

Dort zeigte sich Geschäftsführer Sascha Korte am Montag "schockiert darüber, dass sich in einer unserer Einrichtungen derartige Übergriffe haben ereignen können". Man habe die Zusammenarbeit mit SKI in Nordrhein-Westfalen vorerst beendet, an anderen Standorten werde sie überprüft. European Homecare habe eine eigene Taskforce gebildet und erwäge, selbst Strafanzeige gegen die mutmaßlichen Täter zu stellen.

Doch European Homecare fällt nicht zum ersten Mal auf. Im Jahr 2003 geriet das Unternehmen in Österreich in die Schlagzeilen, nachdem im Flüchtlingslager Traiskirchen bei Wien ein Tschetschene nach einer Massenschlägerei an seinen Kopfverletzungen gestorben war. Flüchtlingsorganisationen prangerten damals eine unzureichende Betreuung der Einrichtung an, die kurz zuvor von European Homecare übernommen worden war.

Internetseite von European Homecare: Niedrige Kosten als wichtigstes Argument

Internetseite von European Homecare: Niedrige Kosten als wichtigstes Argument

Wenig später zeigt eine Frau aus Kamerun in Traiskirchen einen Wachmann wegen Vergewaltigung an. Dieser gab zu, er sei "scharf auf die Negerin" gewesen und habe sich mit ihr in einen Büroraum eingesperrt, um Sex zu haben. Der Wächter wurde dennoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen, der Frau drohte dagegen vorübergehend eine Verleumdungsklage.

Der damalige Anwalt des mutmaßlichen Opfers, Wolfgang Rainer, glaubt, dass der Staat den Betrieb des Lagers sehr bewusst ausgliederte: "Die wollten sich der Verantwortung entledigen." Auch der Traiskirchener Bürgermeister Fritz Knotzer kritisierte gegenüber der "Presse" die Zustände in der Flüchtlingsunterkunft scharf: "Seit der Privatisierung der Flüchtlingsbetreuung im Lager sind Gewalt, Totschlag, Vergewaltigung und Korruption an der Tagesordnung. Es ist ein einziges Chaos."

Werbung in bestem Managerdeutsch

Erhalten haben soll European Homecare den Auftrag wegen eines besonders günstigen Angebots. Pro Tag und Flüchtling wollte das Unternehmen mit 12,89 Euro auskommen - und unterbot damit offenbar alle anderen Bewerber. Der Kostenfaktor ist weiterhin das wichtigste Argument, mit dem European Homecare für seine Dienste wirbt: "Wir sind ein kleines schlagkräftiges Team mit großer Erfahrung und geringen Overheadkosten", heißt es in bestem Managerdeutsch auf der Seite.

Auch die Wurzeln von European Homecare haben wenig mit denen anderer Flüchtlingshilfsorganisationen zu tun. Gründer Rudolf Korte betrieb in Essen eine Firma für Baubeschläge und Schlüsseldienste, bevor er nach der Wiedervereinigung die Flüchtlingshilfe zunächst in Ostdeutschland als Geschäftsmodell entdeckte.

Mittlerweile betreibt das Unternehmen in Deutschland 40 Einrichtungen für Asylbewerber und Flüchtlinge, wobei die Dienstleistungen von der Einrichtung über Mahlzeiten bis zur Beratung reichen. Größere Beschwerden gab es dabei in jüngster Zeit nicht. "Das sind nicht die Schlimmsten", heißt es aus einer Nichtregierungsorganisation.

Dennoch sehen viele Flüchtlingsvertreter das Geschäftsmodell sehr kritisch. Denn traditionelle Hilfsorganisationen verstehen sich meist auch als Anwälte von Asylsuchenden. European Homecare dagegen gibt sich explizit unparteiisch. So betreibt das Unternehmen die Internetseite www.asyl.de als "neutralen Anlaufpunkt", um sich "rund um das Thema Migration in Deutschland und Europa genauer zu informieren".

Im österreichischen Traiskirchen ist European Homecare inzwischen nicht mehr zuständig, sondern das ebenfalls umstrittene Schweizer Privatunternehmen ORS. "Sie wurden abermals unterboten", vermutet Christoph Riedl vom Flüchtlingsdienst der österreichischen Diakonie als Grund für den Wechsel. Seine eigene Organisation habe angesichts der Bedingungen in der Ausschreibung von vorneherein verzichtet. "So billig wollten wir uns erst gar nicht bewerben

DER SPIEGEL
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vaikl 29.09.2014
1. Bezriksregierung Arnsberg
Standards missachten, Kontrollen vermeiden, Ausflüchte der Privatfirmen und Mitarbeiter einfach so akzeptieren... war da nicht mal was mit dem größten PCB-Skandal deutscher Geschichte bei der Dortmunder Firma Envio, mit vorsätzlichen Körperverletzungen und ebenso völlig missachteten Kontrollen und Genehmigungen/Auflagen?? Anscheinend ist da eine regional verantwortliche NRW-Behörde völlig außer Rand und Band geraten.
gregor.seibert 29.09.2014
2. Die neoliberale Saat geht auf
Genau das ist eine direkte Folge der neoliberalen Privatisierungs-Ideologie. Der verhasste Staat kann nix. Der Markt regelt ja alles viel besser. Lambsdorff hat diese Politik in dem berühmten nach ihm benannten Papier Anfang der 80iger zu Papier gebracht. Ein Treppenwitz der Geschichte: Die SPD (in Person Arbeiterverräter Schröder) hat es ungesetzt. Pervertiert wurde es dann von Mutti und ihren liberalen gelben Helferlein. Und wie gesagt: Das ist nur EINE der vielen direkten Folgen der neoliberalen Ideologie!
Ruhrfred 29.09.2014
3. Soweit
Soweit ist es also schon, dass der Staat mit seinem Beamtenheer nicht einmal mehr selbst dafür sorgen kann, Unterkunft, Verpflegung und Sicherheit für diese Menschen selbst zu organisieren. Die Frage ist dann doch: "Warum?" Und die Antwort ist einfach: Ich schreibe aus, dass die Menschen eine würdige Unterkunft bekommen sollen, gute Ernährung, Betreuung und Sicherheit. Unternehmen XYZ bietet dass dann für einen "Apfel und ein Ei" an und wird beauftragt. Und am Ende wundert man sich, dass das nicht klappen kann. Nur von Seiten des Staates kann dann gesagt werden: "Aber hier ist doch der Vertrag. Da steht es doch, dass die sich daran halten müssen. Wir haben alles richtig gemacht." Und kein Steuerzahler regt sich auf, dass selbst damit noch Geld gemacht werden konnte. Ich frage mich wirklich, in was für einem Land ich lebe. Es muss mal klar definiert werden, was staatliche Aufgabe ist und was nicht. Und dass Infrastruktur, Polizei, Justiz und Bildung in STAATLICHE Hand gehören ist dabei unabdingbar.
Kleinerkrauter 29.09.2014
4. Teures Sparen!
Die entsetzlichen Vorfälle lassen sich weder kleinreden noch schnell erledigen. Politiker haben uns wieder einmal alle mitschuldig werden lassen, indem sie Billigheimer bezahlt und gute Leute außen vor gelassen haben. Egal worum es geht, immer wird nur das Billigste genommen. Und das wird dann eben auch geliefert. Das die Opfer diesmal Asylanten sind, stimmt traurig. Was für ein herber Empfang!
mimas101 29.09.2014
5. Ich bin verwundert
das die Unterbringung pp einfach so an eine private Firma ausgegliedert wird weil's billiger ist (sein soll). Haben die bundesdeutschen Beamten vielleicht keine Lust einen Raumbelegungsplan zu erstellen oder ähnliches? Essensversorgung kann man auch an die Gemeinden vor Ort delegieren, da muß halt ein Sachbearbeiter mal beim nächsten Fleischer anrufen, und die Flüchtlingshilfe-Organisationen sind sowieso bei den Anträgen, der Betreuung pp tätig. Dabei darf man halt auch nicht vergessen das es sich hier nur um eine temporäre Unterbringung und Versorgung handelt, nämlich so lange bis über den Asylantrag bzw. der Verbleib des Flüchtlings rechtskräftig entschieden wurde.
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