Burnout-Gefahr Firmen fürchten den Stressfaktor Chef

Haben Vorgesetzte eine Mitschuld, wenn Mitarbeiter an Burnout leiden? Studien belegen, dass Führungskräfte großen Einfluss auf den Krankenstand ihrer Abteilung haben. Unternehmen wie MAN wollen das nicht hinnehmen: Sie lassen die Angestellten ihre Chefs beurteilen.

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MAN-Werk in Salzgitter: "Fülle von Aufgaben, die täglich auf uns einprasseln"
dapd

MAN-Werk in Salzgitter: "Fülle von Aufgaben, die täglich auf uns einprasseln"


München - Wer wissen will, was "just-in-time" in der Arbeitswelt bedeutet, kann dies in Karlsfeld besichtigen. Hier, vor den Toren von München, produziert MAN täglich 176 Lastkraftwagen im 2-Schicht-Betrieb; in 63 verschiedenen Varianten. Der Bau von Lkw ist Handarbeit, die Massenproduktion von Kleinserien. Es ist eine Vielfalt, die jeden Industrieroboter und jede Software überfordert.

Bereits 18 Tage im Voraus steht bis auf die Sekunde fest, welcher Lkw wann die Werkshalle verlassen soll. Exakt acht Stunden und 15 Minuten dauert der Bau einer Zugmaschine. Es ist ein Ablauf, der keine Störungen und Fehler verzeiht.

Sechs Minuten und zehn Sekunden sind für jeden Arbeitsschritt am Fahrwerk eingeplant, bei den Fahrerkabinen sind es drei Minuten und 45 Sekunden. Über jedem Arbeitsplatz hängt ein Monitor, der den Produktionsstand anzeigt und ob die Arbeit in Verzug ist. Schwere Werkzeuge wie Elektroschrauber schweben griffbereit an Drahtseilen in Brusthöhe über dem Band. Jeder Arbeitsschritt wird durch die Arbeiter in einem Qualitätsprotokoll dokumentiert.

Seit das Rauchen am Band verboten ist, steht alle paar Meter am Rand ein Aschenbecher für die schnelle Zigarette zwischendurch.

Das Gesundheitsmanagement gewinnt an Bedeutung

"Der Arbeitstakt wird noch kürzer werden", sagt Jörg Schwitalla, "das ist der Produktivitätsfortschritt, der unseren Wohlstand sichert." Der MAN-Personalvorstand weiß, dass der Druck nicht abnehmen wird. Nicht für die weltweit 23.000 MAN-Mitarbeiter in der Produktion, und auch nicht für die anderen der insgesamt knapp 48.000 Beschäftigten.

Die Beschleunigung und Verdichtung der Arbeitswelt hat ihren Endpunkt noch nicht erreicht - weder bei MAN noch bei den anderen deutschen Unternehmen. Deshalb gewinnt das Gesundheitsmanagement in den Firmen an Bedeutung. Stress ist längst zum betriebswirtschaftlichen Problem geworden: Kranke und überforderte Mitarbeiter machen Fehler. Doch in einer modernen Wirtschaftswelt, in der die Fehlertoleranz gegen Null geht, kann selbst das kleinste Missgeschick große Kosten verursachen.

Gerade startet Schwitalla für den Konzern weltweit ein neues Programm zur Burnout-Prävention. Doch er weiß auch, dass es damit alleine nicht getan ist. Denn die Veränderungen in der Arbeitswelt greifen tief in die Kultur der Unternehmen ein. Sie muten den Mitarbeitern mehr zu, aber sie bieten ihnen auch mehr Freiheiten. Sie stellen das Anweisungsregime der alten Industriegesellschaft in Frage.

Wie Führungskräfte ihren Krankenstand beeinflussen

"Bei der Fülle von Aufgaben, die täglich auf uns einprasseln, kommt es darauf an, dass jeder Mitarbeiter selber Prioritäten setzen und entscheiden kann, was sofort bearbeitet werden muss und was liegen bleiben kann", sagt Schwitalla. "Deshalb ist mir ein klares Nein lieber als ein gequetschtes Ja." Längst bieten Unternehmen wie MAN nicht nur ihren Führungskräften Seminare zur Stressvermeidung und für Zeitmanagement an.

Doch was passiert, wenn der Vorgesetzte mit der Eigeninitiative seiner Untergebenen oder einem begründeten Nein nicht umgehen kann?

"Zu den größten Stressfaktoren im Beruf zählen die Unsicherheit über die eigene Position im Unternehmen, der Mangel an Vertrauen zwischen Chefs und Untergebenen, permanente Überforderung durch unrealistische Vorgaben oder sinnfreie Aufgaben", sagt Gerhard Bosch vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg/Essen.

Die Regeln vorleben, die man selbst aufstellt

Zunehmend gerät der Stressfaktor Chef in den Fokus. Studien belegen, dass Führungskräfte ihren Krankenstand mitnehmen. Bereits vor Jahren hat Volkswagen in seinen Werken probeweise Vorgesetzte aus Bereichen mit überdurchschnittlich hohen Krankheitsraten in solche mit besonders niedrigen Fehlzeiten versetzt. Das Ergebnis: Schon nach kurzer Zeit schossen die Fehlzeiten in den ehemals vorbildlichen Abteilungen nach oben. Bereits nach einem Jahr hatten die neuen Chefs wieder ihren alten Krankenstand erreicht.

Derzeit lässt MAN alle Mitarbeiter weltweit Fragebögen ausfüllen zu ihrer Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz - und ihren Chefs. Heute reicht es nicht mehr aus, dass sich Vorstände allein mit Unternehmensstrategien und Renditenziel auseinandersetzen, sie müssen sich auch um das Klima in ihren Firmen kümmern. "Wir müssen offen darüber sprechen, ob die Vorgesetzten Teil der Lösung oder Teil des Problems sind", sagt Personalvorstand Schwitalla. Reichen sie einfach die Vorgaben nach unten durch und schauen zu, wie ihre Untergebenen damit fertig werden? Oder filtern sie den Druck und setzen selber Prioritäten? Akzeptieren sie, dass ihre Mitarbeiter neben dem Beruf auch noch ein Privatleben haben?

"Sie müssen als Vorstand die Regeln vorleben, die sie aufstellen, sonst setzen sie sich nicht im Unternehmen durch", sagt Schwitalla. So gilt für die Konzernspitze die ungeschriebene Regel, dass an Wochenenden keine dienstlichen Mails geschrieben werden und man auch nicht miteinander telefoniert.

"Ob wir beispielsweise den Blackberry als Fluch oder Segen empfinden, liegt auch an uns selber", sagt Schwitalla. Er nutzt ihn zwischendurch zur Entschleunigung. Gelegentlich fährt der Manager früher zu Terminen in die Stadt. Seine Sekretärin weiß dann, wie er für Dringliches über seinen Blackberry für sie zu erreichen ist, ansonsten herrscht Funkstille. "Ich setze mich dann eine halbe Stunde in Ruhe irgendwohin, um zu entspannen und kreativ zu bleiben", sagt Schwitalla. Der Personalvorstand empfiehlt solche kurzen Momente der Muße im alltäglichen Stress ausdrücklich auch seinen Mitarbeitern.



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Seite 1
johnnychicago 29.07.2011
1. Na super...
es wird echt immer besser. Einerseits will man dass der Betrieb reibungslos läuft und andererseits lässt man so einen Unsinn vom Stapel. Es gibt nicht nur das Mobbing von Oben nach unten, sondern auch von Unten nach Oben. Schon mal daran gedacht? Das Problem ist dass es immer schwieriger wird gegen Störenfriede vorzugehen. Und sind einige im Team, die womöglich noch andere mitreissen, dann kommts zur Meuterei bei jeder Kleinigkeit und das Betriebsklima ist es recht kaputt. Ein guter, motivierter Mitarbeiter wird vom Chef nicht gemoppt und dem wird auch der Rücken freigehalten auch wenn er mal in einem Tief sitzt. Aber einer der nur rummault und rummotzt und dabei seine Arbeit auch noch unzufrieden erledigt....
JaIchBinEs, 29.07.2011
2. Zeitdruck ist Gift für die Produktqualität.
Natürlich liegt bei den Entscheidungsträgern eine große Verantwortung. Aber welche Konsequenzen sollte die negative Beurteilung eines unabkömmlichen Chefs haben? Das „Vorleben“ von Zielen ist auch so eine Sache, denn Manager sollen nun mal managen und Arbeiter arbeiten. Einen hektischen Softwareabteilungsleiter, der sich alle 4 Stunden nach der Fertigstellung erkundigt, will ich nicht unbedingt kopieren, denn: Zeitdruck ist Gift für die Produktqualität. tom
Leeoos 29.07.2011
3. Burnoutproduzierende Chefs
Wäre ich MAN-Mitabeiter würde ich ..... mich jetzt auch ne halbe Stunde neben das Band setzen und "kreativ" sein (können)?! Und Betriebe starten JETZT schon Mitarbeiterbefragungen, ja sogar bezüglich ihrer Vorgesetzten???? Genau das fordern seit Jahrzehnten verschiedene Qualitätsmanagement-Modelle und Gütesiegelzertifizierungen (zB EFQM), jetzt ists als ganz was Neues durchgedrungen. NeeNee, auch das ist nur Augenwischerei, es soll nicht besser werden, sondern weitere Effizienzpotentiale eruiert werden - das muss nicht per se schlecht oder böse sein, aber ehrlich sollte man bleiben!
arioffz 29.07.2011
4. Es ist einfach
Zitat von sysopHaben Vorgesetzte eine Mitschuld, wenn Mitarbeiter an Burnout leiden? Studien*belegen, dass*Führungskräfte großen Einfluss auf den Krankenstand ihrer Abteilung haben. Unternehmen wie MAN wollen das nicht hinnehmen: Sie lassen die Angestellten ihre Chefs beurteilen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,777093,00.html
irre für was für Sachen das man Studien braucht, anstatt einmal mit offenen Augen durch den Betrieb zu laufen. Wir sind auf dem absteigenden Ast und statt wir unser höchstes Gut, das wir haben, das sind nämlich unser Know-How und die dazu gut ausgebildeten Mitarbeiter, verheizen wir uns stattdessen gegenseitig. Ist ja egal, China und Russland holen uns schon ein, denn die kaufen unsere Technik und haben noch die dazugehörigen Rohstoffe. Deppnland D auf (nimmer) Wiedersehen.
doitwithsed 29.07.2011
5. Abidda
Mein Senf: 1. Natürlich wird nicht die Systemfrage gestellt, sondern nur an den Symptomen herumgedoktort. Auf die Idee, dass bei Verzicht auf die Verdichtung die ganze Problematik gar nicht entstehen würde, kommt man schon aus Prinzip nicht. Die Zwänge der Märkte und die Globalisierung, ja ja ... Dann lieber die Menschen pressen und sich dann über körperlichen und geistigen (Depression, B-out) Ausfälle der nichtfunktionierenden, minderleistenden Arbeitsdrohnen lustig machen. 2. Druck auf die Belegschaft reicht nicht, jetzt wird die mittlere Managementkaste in die Zange genommen. Der Wind wird auch dort rauher, manche werden es sogar mit Freude sehen. Nachdem man mit denen fertig ist, kann man sich ja andere Dinge aussuchen, die man in Form pressen kann. Bonsaibäume z.B., die wachsen ja im Vergleich zur Arbeitswelt noch relativ ungehindert, da gibt es sicher noch viele Möglichkeiten... 3. Den Angestellten möchte ich sehen, der sich ungestraft während der Arbeitszeit für 'ne halbe Stunde in das Café verziehen kann, "um zu entspannen und kreativ zu bleiben". Für die, die immer gleicher als Andere sind, ist das aber immer schon kein Problem gewesen - auch wenn sie es bei anderen nie dulden würden.
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