Kiffen Wie die neuen Cannabis-Start-ups funktionieren

Seit immer mehr US-Bundesstaaten Marihuana legalisieren, treibt die Start-up-Szene seltsame Blüten: Es gibt Gras-Lieferdienste und Verkupplungsapps für Kiffer, die der Plattform Tinder ähneln. Was taugen sie?

AP

Ein Selbstversuch von , San Francisco


Dr. Sridaran sitzt in weißem Poloshirt vor seinem Computer und spricht über Videokonferenz mit mir. Er fragt, seit wann und wie regelmäßig ich Rückenschmerzen habe, ob ich Schmerzmittel nehme. Auf ausführliche Antworten scheint er nicht aus zu sein. Nach rund 30 Sekunden stellt er mir die Bewilligung für das Marihuana aus. Explizit darum bitten muss ich ihn nicht.

Der Mediziner arbeitet für die Onlineplattform Eaze. Diese vermittelt Patienten, die Marihuana zur Behandlung von Schlafstörungen, chronischen Schmerzen, Migräne und anderen Krankheiten konsumieren, an Lieferanten. Die Fahrer holen den Stoff bei lokalen Cannabis-Bezugsstellen ab und liefern ihn innerhalb von 15 Minuten zum Kunden.

Eaze gilt als "Uber für Weed". 2014 in San Francisco gegründet, hat die Firma heute schon mehr als 200.000 Kunden in rund 100 Städten Kaliforniens. Ärzten wie Dr. Sridaran fällt die Aufgabe zu, die Bewilligungen auszustellen. Seit 1996 ist der Konsum von Marihuana zu medizinischen Zwecken in Kalifornien erlaubt.

Nun könnte Dr. Sridaran bald überflüssig werden - und die Start-ups könnten bald noch viel mehr Kunden gewinnen. Denn im vergangenen November haben die Kalifornier in einer Volksabstimmung die Pflanze auch als Freizeitdroge legalisiert. Erste Lizenzen für den nicht-medizinischen Bereich sollen noch dieses Jahr an Cannabis-Geschäfte ausgestellt werden. Wie funktioniert der Dope-Dienst?

In anderen US-Bundesstaaten ist das schon jetzt Alltag. In den vergangenen Jahren haben unter anderem Colorado, Oregon, Alaska und Washington Hanf für Erwachsene freigegeben. Gemäß dem auf die Cannabis-Branche spezialisierten Marktforschungsinstitut Arcview gaben die Konsumenten 2016 in Nordamerika 6,9 Milliarden Dollar für legales Cannabis aus, 86 Prozent davon in den USA. Bis 2021 sollen es über 21 Milliarden Dollar sein, prognostiziert Arcview. Start-ups wie Eaze wittern das große Geschäft.

Babyboomer bestellen am meisten

Mittlerweile hat mir der Arzt das Bewilligungsschreiben per E-Mail zugestellt. Auf der Eaze-Website bin ich nun freigeschaltet und kann auf Shoppingtour gehen. Ich scrolle durch das Angebot. Nebst Blüten der Sorten Sour Kush und Platinum Purple Hulk stehen Produkte für den Verzehr, sogenannte Edibles, und vorgerollte Joints zum Verkauf.

Ich entscheide mich für eine Achtel-Unze Silver Gorilla. Die Firma bucht mir dafür 58 Dollar von der Kreditkarte ab. Wie man es aus der Uber-App kennt, zeigt mir die Software nach dem Kauf an, wann der Fahrer mit der Lieferung bei mir ist: in 14 Minuten.

Online-Plattform Eaze (Screenshot)

Online-Plattform Eaze (Screenshot)

Wie Uber beschränkt sich auch Eaze darauf, Fahrer und Kunden zusammenzubringen, statt selbst Personal einzustellen. Und wie Uber sammelt das Start-up eine Unmenge Daten zum Nutzerverhalten. Die Daten kann die Firma einsetzen, um das Marketing und die Logistik zu perfektionieren.

Auszüge aus den Daten hat Eaze jüngst veröffentlicht. Sie geben einen interessanten Einblick in die Gewohnheiten und Eigenschaften der Konsumenten: Im Jahr 2016 habe man insbesondere viele neue Kunden aus der Babyboomer-Generation gewonnen, schreibt Eaze. Bei den zwischen 1946 und 1964 Geborenen habe man um 25 Prozent zulegen können. Gemäß Eaze hätten Kunden dieser Generation durchschnittlich 185 Dollar pro Monat ausgegeben. Bei den Millennials, den zwischen 1983 und 1995 Geborenen, waren es immerhin 136 Dollar.

Tinder für Kiffer

Auch andere Start-ups wollen sich das lukrative Geschäft nicht entgehen lassen. Unternehmen wie GreenRush, Meadow Care, Nugg oder Speed Weed bieten ebenfalls Hanflieferungen per Knopfdruck an. PAX Labs aus San Francisco setzt derweil auf Geräte zum Verdampfen von cannabishaltiger Flüssigkeit, sogenannte Vaporizer. Die Gadgets kommen in edlem Design daher, PAX Labs trägt deshalb in Anlehnung an die schön gestalteten iPads und iPhones den Übernamen "Apple der Vaporizer".

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Cannabis-Boom in den USA: Grüne Welle

Technologiebegeisterten steht auch das "Tinder für Kiffer" zur Verfügung. Die App High There! bringt Leute zusammen, um gemeinsam einen durchzuziehen. Wie bei Tinder schlägt die App andere Nutzer vor, die sich mit Profilbildern und witzigen Sprüchen im besten Licht darstellen. Per Wisch lässt sich entscheiden, ob man mit jemanden in Kontakt treten will oder nicht. Gemäß den Betreibern von High There! zähle man bereits 300.000 Nutzer.

Die US-Hanfindustrie erlebt zweifelsfrei einen Boom - allerdings ist dieser ziemlich zerbrechlich. Denn auf Bundesebene verbieten US-Gesetze weiterhin strikt den Anbau, Handel, Besitz und Konsum des Rauschmittels. Unter Präsident Obama hat sich Washington D.C. damit zurückgehalten, die Bundesgesetze in den Gliedstaaten durchzusetzen, die Cannabis legalisiert haben.

Was unter Trump kommt, ist vorerst unklar. Zwar sprechen sich Vertreter seiner Partei, die Republikaner, traditionell dafür aus, den US-Föderalismus zu respektieren und den einzelnen Staaten einen hohen Grad an Autonomie zu gewähren. Trotzdem ging ein Schock durch die Cannabis-Industrie, als Trump gewählt wurde und bald darauf Jeff Sessions als Justizminister einsetzte. Sessions sprach sich in der Vergangenheit klar dagegen aus, dass die Droge legal erhältlich sein soll.

Die vierzehn Minuten sind in der Zwischenzeit abgelaufen. Es klingelt an der Haustür. Der über Eaze vermittelte Lieferant steht mit einem weißen Stoffsäckchen vor der Tür. Darauf ist zu lesen: "Enjoy the moment", genieße den Moment. Seit der Registrierung auf der Eaze-Website und dem Gespräch mit Dr. Sridaran ist weniger als eine Stunde vergangen.

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insgesamt 2 Beiträge
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paysdoufs 06.03.2017
1. Inwiefern
die bekloppte, sanktionsfreie Kifferei jetzt immer wieder in der Presse kritiklos als neueste & hippste Errungenschaft der westlichen Kultur hochgeschrieben werden muss, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben...
giithuub666 07.03.2017
2. zu #1
Was genau ist daran "sanktionsfrei"? Es gibt hierzulande Gesetze, die diese Angelegenheit regeln. Inwieweit diese sinnvoll sind, ist eine andere Diskussion.
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