Care-Energy-Chef Martin Kristek Der Strom-Zampano

Verwirren, hinhalten, rauswieseln: Martin Kristek hält seinen dubiosen Strom-Discounter Care Energy wohl seit Jahren künstlich am Leben. Nun wollen Aufseher und Netzbetreiber das dreiste Treiben stoppen.

Martin Kristek auf einem Werbeplakat (Archiv)
OBS/mk-group Holding GmbH

Martin Kristek auf einem Werbeplakat (Archiv)

Von und


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es gibt Beklagte, die viele Akten einreichen, um Gerichtsprozesse in die Länge zu ziehen. Und es gibt Martin Kristek. Der Chef des Hamburger Billigstromanbieters Care Energy ließ im Juni 2015 gleich einen ganzen Container voller vermeintlicher Beweisstücke auf dem Parkplatz des Oberlandesgerichts Düsseldorf anliefern. Per Lkw.

Die Dokumente wurden nie zur Verhandlung zugelassen, dennoch zeigt die Aktion, mit welchen Methoden der österreichische Strom-Manager und Hobby-Discjockey ("DJ Columbus") am liebsten arbeitet. Seit mehreren Jahren erzürnt er nun schon Kunden, Verbraucherschützer, Geschäftspartner und Aufsichtsbehörden.

Fachleute sagen, Care Energy habe kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Aufgrund der niedrigen Verkaufspreise für Strom müsste die Firmengruppe eigentlich ständig Verluste schreiben. Der Verdacht liegt nahe, dass sie sich das Geld an anderer Stelle holt. In Internetforen häufen sich die Beschwerden von Kunden, denen Care Energy Geld schuldet.

Kritik gibt es auch an dem Geflecht aus Firmen mit wechselnden Namen und fragwürdigen Funktionen, das Kristek um die Marke Care Energy herum gesponnen hat. Die Firmen würden untereinander oft nur Scheingeschäfte führen, stellte das Oberlandesgericht Hamburg bereits 2014 fest.

Nun hat die Bundesnetzagentur ein Aufsichtsverfahren gegen Care Energy eingeleitet, in dem sie die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells infrage stellt. Schlimmstenfalls könnte die Behörde dem Strom-Discounter den Marktzugang verwehren.

Gleichzeitig hat der Stromnetzbetreiber 50Hertz Care Energy wegen säumiger Zahlungen den Netzzugang gesperrt. Bei den übrigen drei Stromnetzbetreibern laufen in der kommenden Woche ebenfalls Zahlungsfristen aus. Insgesamt gehe es um Forderungen in Höhe von sechs bis acht Millionen Euro, sagen Brancheninsider.

Die Firmengruppe will nach eigenen Angaben nicht zahlen, weil die Netzbetreiber zu hohe Forderungen gestellt hätten. Was die Netzbetreiber bestreiten.

Sollten alle vier Netzbetreiber Care Energy den Zugang sperren, könnte die Firmengruppe ihren Kunden keinen Strom mehr liefern - sprich: kein Geld mehr einnehmen. Schlimmstenfalls droht dann die Insolvenz. Es wäre wohl eine der größten, die es im deutschen Energiesektor je gegeben hat. 100.000 bis 200.000 Kunden könnten betroffen sein, schätzen Brancheninsider auf Grundlage der von Care Energy abgerufenen Strommengen.

Wenn es denn dazu kommt. Denn bis jetzt konnte Kristek seinen Kopf jedes Mal aus der Schlinge ziehen. Er und seine Kollegen verstehen sich meisterhaft aufs Tarnen und Täuschen, aufs Vertuschen und Verschleiern, aufs Hinhalten, Irritieren und Herauswieseln.

Das Hütchenspiel

Der erste Coup gelang Kristek 2014. Die Betreiber der Stromnetze hatten eine seiner Firmen, die mk-energy, vor Gericht verklagt, weil sich Care Energy weigerte, die sogenannte Ökostromumlage abzuführen. Diese muss in Deutschland jeder Endverbraucher zahlen, sie dient dazu, die Energiewende mitzufinanzieren. Ein Versorger wie Care Energy muss die Umlage stets von seinen Kunden zu den Stromnetzbetreibern durchreichen.

Care Energy tat das nicht. Man sei ja gar kein Stromversorger, argumentierte Kristek, sondern nur ein Dienstleister für Wärme, Kälte und Licht. Die Betreiber der Stromnetze fanden das hochgradig absurd. Das Landgericht Hamburg gab ihnen Recht.

Auch das Oberlandesgericht Hamburg hielt Kristeks Auffassung für unzutreffend. Dennoch gewann Care Energy den Prozess im September 2014. Denn die Stromnetzbetreiber hatten die falsche von Kristeks Baukastenfirmen vor Gericht gezerrt. Nicht die mk-energy hätten sie verklagen müssen, sondern die mk-power.

Die peinliche Posse vor Gericht erinnerte ein wenig an ein Hütchenspiel: Nichtssagende Firmenhüllen wurden so lange hin- und hergeschoben, bis niemand mehr wusste, unter welcher sich was verbirgt. Die Stromnetzbetreiber hatten aufs falsche Hütchen getippt. Sie mussten mit ihren Klagen von vorne beginnen. Was sie auch taten.

Das Namenskarussell

Es dauerte dann nochmals mehr als ein Jahr, bis es zum gewünschten Urteil kam. Im November 2015 stellte das Landgericht Hamburg endlich rechtswirksam fest, was in der Strombranche ohnehin schon alle wussten: Care Energy ist ein Stromversorger, kein Dienstleister für Wärme und Licht.

Das Gericht verdonnerte den Anbieter zu einer Nachzahlung in Höhe von gut 83 Millionen Euro. Zahlen sollte dieses Mal die richtige Firma: die mk-power. Nur hieß die inzwischen nicht mehr mk-power, sondern Care Energy Energiedienstleistungs GmbH.

Die Stromnetzbetreiber versuchten nun, ihr Geld einzutreiben. Letztlich per Gerichtsvollzieher. Doch auch das gelang nicht. Kristek war ihnen wieder einen Schritt voraus.

Kurz nach dem Urteil wechselte die Care Energy Energiedienstleistungs GmbH abermals den Namen. Sie hieß nun plötzlich Expertos Unternehmens- und Wirtschaftsberatungs GmbH & Co. KG. Sie verlegte ihren Firmensitz von Hamburg ins Sächsische Augustusburg. Und sie bekam einen neuen Geschäftsführer namens Ali A.

A. wohnt zwar auch in Hamburg. Doch da die Expertos in Sachsen firmiert, mussten die Stromnetzbetreiber erst einen neuen Gerichtsvollzieher bestellen. Was wieder eine Weile dauerte.

Als schließlich ein neuer Gerichtsvollzieher bestellt war, musste dieser erst einen Termin mit A. machen. Kurz vor diesem meldete sich A. krank. Bis heute haben die Stromnetzbetreiber keinen müden Cent gesehen.

Care Energy selbst wäscht die Hände in Unschuld. "Die Expertos ist keine Firma der Care-Energy Gruppe", teilt ein Sprecher mit. Zu fremden Unternehmen dürfe man sich nicht äußern.

Angriff ist die beste Verteidigung

Mit seinen Kunden springt Care Energy nicht minder dreist um. Bei den Verbraucherzentralen und im Internet häufen sich Beschwerden über verschleppte Kündigungen, Rechnungschaos und nicht erstattete Rückzahlungen. Ein typischer Fall ist der von Stephan Ernst aus dem sächsischen Klingenthal.

Im Juni 2015 hatte Ernst der Care Energy gekündigt, weil sie ihm mehrere Monatsabschläge doppelt in Rechnung gestellt hatte. Noch heute hat er mit dem Strom-Discounter Scherereien.

"Erst verzögerte sich meine Kündigung um zwei Monate", sagt Ernst. "Dann wollte Care Energy keine Abschlussrechnung herausrücken. Erst als ich die Schlichtungsstelle der Bundesregierung einschaltete, rührte sich Care Energy. Es stellte sich heraus, dass meine monatlichen Abschläge zu hoch waren und dass die Firma mir 242,11 Euro schuldet."

Ernst forderte sein Geld zurück. Doch er bekam es nicht. Stattdessen schickte Care Energy ihm selbst eine Mahnung über 108,35 Euro. Später dann noch eine über 464,45 Euro.

Ernst versuchte, den Fall zu klären - ohne Erfolg. "Per Telefon war die Firma nie erreichbar", sagt er. "Wenn ich Mails schrieb, bekam ich statt einer Antwort Werbung zurück. Einmal schickte mir Care Energy eine Warn-Mail in feuerroter Schrift."

Inzwischen hat Ernst fast resigniert. "Ich wage kaum noch zu glauben, dass ich mein Geld je wiederbekomme", sagt er. Er wäre schon froh, wenn Care Energy ihn einfach in Ruhe lässt.

Das Schwarze-Peter-Spiel

Auf den Umgang mit Kunden angesprochen, weist Care Energy alle Schuld von sich. Es habe beim Stromversorger Care-Energy AG Probleme mit Abrechnungsdaten gegeben, sagt ein Sprecher. Dieser sei aber eine eigenständige Münchner Firma gewesen, die die Marke Care Energy nur nutzen durfte. Erst nach den Beschwerden habe man die Mehrheit an der Care-Energy AG übernommen, um die eigene Marke zu schützen.

Und nun? Soll nicht etwa die Care-Energy AG schuld sein - schuld seien die Netzbetreiber. Manchen von denen seien "massive Prognose- und Abrechnungsfehler" unterlaufen. Sagt der Sprecher. Ohnehin sorge man stets umgehend dafür, dass Kunden in berechtigten Fällen ihr Geld zurück erhalten.

Bei einem Dienstleister, der Kundenbeschwerden an Care Energy abwickelt, ist anderes zu hören. "Momentan stauen sich bei uns gut 7500 Mails", sagt ein Mitarbeiter. "In vielen fordern Kunden ihr Geld zurück." Die dürfe man aber nur bearbeiten, wenn die Kunden unaufgefordert ihre Kontodaten mitschicken. Sonst lande die Mail im Mülleimer. Man habe ihm verboten, Kunden auf fehlende Bankdaten hinzuweisen.

Care Energy hat zu diesen Vorwürfen bislang nicht Stellung genommen.

Zusammengefasst: Der Strom-Discounter Care Energy steht wegen eines dubiosen Geschäftsmodells und einem fragwürdigen Umgang mit Kunden in der Kritik. Stromnetzbetreiber und Aufsichtsbehörden gehen nun verstärkt gegen die Unternehmensgruppe vor. Sollte es zur Insolvenz kommen, wären mehr als 100.000 Kunden betroffen.

Der Autor auf Facebook



insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon_3308703 08.07.2016
1. Die Kosten
für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer bei dem Geflecht möchte ich nicht wissen? Der schuldet doch Registergerichten und Finanzämtern auch Geld,oder bin ich zu kleingeistig?
felisconcolor 08.07.2016
2. Tja
Hauptsache alles schön grün und bio. Und für ökologisch angebauten Strom zahlt man ja gern etwas mehr - an windige Firmen. Ich möchte wetten Care energy xyz wie auch immer ist nur die Spitze des Eisberges. Und wieviel Stromkunden haben Rechnungen doppelt gezahlt weil sie auf Billiganbieter herein gefallen waren und Strompakete im Voraus gezahlt hatten. Der Anbieter war dann samt Geldern in der Insolvenz verschwunden und der örtliche Versorger der in die Bresche sprang / springen musste, wollte natürlich auch sein Geld, verständlicherweise. Aber Hauptsache alles ist grün und tutsitutsitutsi
moabitmoe 08.07.2016
3. Lerneffekt?
Teldafax, FlexStrom und nun das. Manche Schnäppchenjäger lernen es nie. Wenn ein Anbieter alle anderen massiv unterbietet, könnte man ins Grübeln kommen.
spidercs1 08.07.2016
4. Care zahlt Guthaben nicht aus
Ja, so geht dass, Geld einnehmen und die Guthaben der Kunden nicht auszahlen. Es sollten alle Kunden kündigen, das Firmengeflecht durchschauen nicht mal die eigenen Mitarbeiter. Es wird verschoben auf andere Institutionen und vertröstet wo es geht, aber ausgezahlt wird nichts. Hat schon mal jemand Geld zurück bekommen, würde mich mal interessieren. Schönen Gruss von einem seeehr zufriedenen Kunden :-)
sok1950 08.07.2016
5. bei einer Gas- und Energiegenossenschaft
wäre dies nicht passiert
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.