Champions-League-Finale Guck mal, wer den Ball macht!

Der Ball für das Champions-League-Finale kommt aus Pakistan - Adidas lässt das Hightech-Modell in Sialkot herstellen, der Hauptstadt der Fußballfertigung. Sie steht für rasante Veränderungen in der globalisierten Produktion. Ein Besuch in der Fabrik, deren Mitarbeiterinnen im Endspiel für ein Team fiebern.

Hasnain Kazim

Aus Sialkot berichtet


Verhüllte Frauen sitzen an einem langen Tisch, durch den Sehschlitz in ihrem schwarzen Gesichtsschleier blicken sie kritisch auf die glänzenden Fußbälle mit den bunten Sternen. Jeden einzelnen Ball nehmen sie in die Hand, wischen mal hier mit einem Tuch, kratzen mal dort mit einer Nadel. Einen Tisch weiter werden die Bälle gewogen, gemessen und geprüft, ob sie auch hundertprozentig rund sind.

Die Firma Forward Sports am Rande der ostpakistanischen Stadt Sialkot, ein paar Kilometer von der indischen Grenze entfernt, stellt den Fußball her, der am Samstag im Londoner Wembley-Stadion im Mittelpunkt stehen wird, wenn im Champions-League-Finale der FC Bayern München auf Borussia Dortmund trifft.

"Besucher aus dem Westen fragen manchmal: Warum arbeiten hier verschleierte Frauen?", sagt Khawaja Masood Akhtar. "Ich sage dann: Das ist die Kultur hier. Was kann ich daran ändern?" Er lacht schallend. Akhtar, ein kleiner, freundlicher Mann mit Vollbart, ist der Eigentümer und Chef der Firma Forward Sports, einem der größten Fußballhersteller der Welt. 1990 gründete der Ingenieur sein Unternehmen. Etwa 20.000 Bälle produziert es täglich, Hauptkunde ist der deutsche Sportartikelkonzern Adidas, er nimmt etwa 90 Prozent ab.

Nike, Adidas, Puma und Co., sie alle lassen in Niedriglohnländern produzieren, in China, Vietnam, Indonesien und eben auch Pakistan. Man kann das als Ausbeutung armer Menschen sehen, aber auch als das Schaffen von Arbeitsplätzen in armen Gesellschaften - je nachdem, ob fair bezahlt wird, ob Sicherheits- und Sozialstandards eingehalten werden und ob die Konzerne zu einem Standort stehen und mehr tun als nur billig zu produzieren.

Kinderarbeit aus den Fußballfabriken verbannt

Als in Pakistan in den neunziger Jahren das Thema Kinderarbeit in den Fußballnähereien aufkam, reagierten die Konzerne schnell. Viele Hersteller vor Ort erkannten, dass ihnen der Druck der Sportriesen das Genick brechen könnte. 1997 unterzeichneten deshalb die Handelskammer von Sialkot, Unicef und die Internationale Arbeitsorganisation Ilo das Atlanta-Abkommen, mit dem sich alle Beteiligten verpflichteten, Kinderarbeit in der Fußballindustrie von Sialkot abzuschaffen.

Als 2006 in den Nähereien der damals größten Ballfabrik, bei Saga Sports, Kinder entdeckt wurden, kündigte Nike kurzerhand den Vertrag - Saga Sports musste schließen. "Heute ist das wirklich kein Problem mehr", sagt Akhtar. "Wir schicken regelmäßig unangekündigte Prüfer in die Nähereien, die für uns arbeiten. Und die Sportartikelkonzerne haben ihre eigenen Prüfer."

Der Fußball hat Sialkot reich gemacht. Die Straßen sind asphaltiert, die Häuser gepflegt, selbst viele der alten, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts, während der britischen Kolonialzeit, gebaut wurden. Sialkot ist eine der wohlhabendsten Städte Pakistans. Schätzungsweise eine Dreiviertelmillion Menschen leben hier, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, das Pro-Kopf-Einkommen etwa doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. "Ausgerechnet Fußbälle", sagt die ehemalige Näherin Sadia und lächelt. "Dabei interessiert sich in Pakistan kein Mensch für diesen Sport. Wir lieben Cricket", sagt sie.

Die 27-Jährige hat bis vor drei Jahren in einer kleinen Näherei gearbeitet, die im Auftrag von Forward Sports Bälle für Adidas fertigte. Damals war Pakistan noch der weltgrößte Lieferant von handgenähten Fußbällen, jenen Bällen also, die im Profifußball zum Einsatz kamen. Jährlich 40 Millionen Stück, in WM-Jahren sogar noch mehr, wurden produziert.

Handgenähte Bälle sind nicht mehr gefragt

Doch die Nachfrage ist dramatisch eingebrochen. Heutzutage nutzt kaum eine Profiliga noch handgenähte Bälle. Bei Forward Sports machen sie deshalb nur noch einen kleinen Teil der Produktion aus. Die Näherei, für die Sadia arbeitete, musste schließen. "Jetzt lerne ich in einem Kurs, der von der Stadt Sialkot angeboten wird, wie man Bälle klebt, und hoffe auf eine Festanstellung bei einer der großen Firmen", sagt sie.

Die Verhältnisse in der Ballherstellung haben sich in den vergangenen drei Jahren verändert. Heute ist China die Nummer eins, mit billigen geklebten Bällen als Hauptprodukt. Pakistan ist auf den zweiten Platz gerutscht, mit maschinengenähten Bällen als größtem Gewinnbringer. Die geklebten Hightech-Bälle sind der Versuch, durch technischen Fortschritt den Anschluss nicht zu verpassen. Adidas hat das Kunstleder aus einer Mischung aus Polyurethan und Polyester in Japan und Südkorea entwickeln lassen.

Für Tausende von Näherinnen und Nähern bedeutet der Wandel, dass sie ihre Arbeit verloren haben. "Niemand kann technischen Fortschritt stoppen", sagt Aziz-ur Rehman, Adidas-Chef in Pakistan. Es gibt kaum noch Fertigung in Heimarbeit oder in kleinen Nähereien, die technisch anspruchsvollere Produktion findet jetzt in Fabrikhallen statt.

Akhtar pflichtet ihm bei. "Die Arbeiter müssen immer weiter lernen. Ich als Unternehmer muss immer wieder in neue Technologien investieren. Und die Sportartikelkonzerne müssen immer weiter forschen und bessere Produkte machen. So ist das eben." Insgesamt 3000 Menschen würde er heute beschäftigen, sagt Akhtar. Vor drei Jahren waren es nur 1200. Und der Produktionsprozess sei viel komplizierter geworden. "An einem Ball arbeiten jetzt 17 Leute. Früher waren es drei."

Teurer Strom hält Löhne niedrig

Die Ballmacher bei Forward Sports verdienen im Schnitt etwa 11.000 Rupien monatlich, das sind knapp 90 Euro. Außerdem zahlt das Unternehmen die Kranken- und Rentenversicherung. Unabhängige Gewerkschafter erzählen, die Arbeitsbedingungen seien "gut bis sehr gut". Die Arbeiter sagen, man könne nicht klagen, von den katastrophalen Zuständen in der Textilindustrie sei man "weit weg". "Wir spüren, dass die Endverbraucher auf die Produktionsbedingungen achten. Ihr Druck hilft uns", sagt Mohammed, der eine Maschine bedient, die die einzelnen Flicken aus dem Kunstleder stanzt.

Knapp 90 Euro Gehalt, das ist weniger als ein Champions-League-Ball offiziell im deutschen Handel kostet (129,95 Euro). Chinesische Fabriken zahlen drei- bis sechsmal so viel. Akhtar sagt, er würde seine Leute gerne besser entlohnen, aber dann wäre die Firma nicht mehr konkurrenzfähig mit China. Schuld sei die katastrophale Energieversorgung in Pakistan. "Wenn wir fünf Stunden am Tag Strom haben, ist das ein guter Tag. Normal sind drei Stunden." Viele kleine Nähereien, von denen es vor ein paar Jahren noch Hunderte gab, mussten wegen der Energiekrise schließen.

Forward Sports und die großen anderen Hersteller haben das Kapital, riesige Dieselgeneratoren zu betreiben. "Strom ist dadurch so teuer geworden, dass wir gerade noch mit den Chinesen mithalten können", sagt Akhtar. Die Bezahlung seiner Mitarbeiter könne nur steigen, wenn die pakistanische Regierung eine bessere Energieversorgung sicherstelle. Anders formuliert: Den Preis fürs schlechte Regieren zahlen am Ende die Arbeiter, nicht die Fabrikanten, nicht Adidas. Wie viel der Konzern für einen Champions-League-Ball zahlt und wie hoch sein Gewinn ist, hält er geheim.

Die Arbeiter sehen jetzt vor allem die pakistanische Politik in der Pflicht. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden. Kinderarbeit ist zwar aus den Ballfabriken verbannt worden, aber die Lebensbedingungen der meisten Menschen im Land hat sich nicht verbessert - Millionen Familien sind weiterhin darauf angewiesen, dass ihre Kinder dazuverdienen. Am wichtigsten, finden die Arbeiter bei Forward Sports, sei aber eine Verbesserung der Stromversorgung.

Das in Europa mit Spannung erwartete Finale interessiert die Menschen in Sialkot nicht. Kaum jemand will es sich anschauen. Dennoch gibt es ein Team, dem sie den Sieg wünschen: dem FC Bayern München. Der Verein wird nämlich von Adidas ausgestattet. Dortmund, das hat sich inzwischen bei ihnen herumgesprochen, gehört zum Puma-Lager.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
AusVersehen 25.05.2013
1. Schande für Adidas!!!
Zitat von sysopHasnain KazimDer Ball für das Champions-League-Finale kommt aus Pakistan - Adidas lässt das Hightechmodell in Sialkot herstellen, der Hauptstadt der Fußballfertigung. Sie steht für rasante Veränderungen in der globalisierten Produktion. Ein Besuch in der Fabrik, deren Mitarbeiterinnen im Endspiel für ein Team fiebern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/champions-league-besuch-in-einer-fussballfabrik-in-sialkot-in-pakistan-a-901597.html
Was rechtfertigt eigentlich die exorbitanten Preise bei Adidas, wenn sie ihre Klamotten genauso in den Billiglohnländern herstellen lassen wie Kik und andere?
noyes 25.05.2013
2. Diese Ball-Geschichte ist rund!
Fantastischer Artikel! Sehr spannend etwas ueber richtige Menschen im richtigen Leben zu ergahren! Vielen Dank, Hasnain Kazim!
flüchtig 25.05.2013
3. Der Bericht ist super!
Die Fotos jedoch stimmen nachdenklich. Vor allem der Ausdruck in den Gesichtern!
joachimfalkowski 25.05.2013
4. Kinderarbeit
...der letzte Bericht über die Herstellung von Fußbällen auch von Adidas vor nicht allzu langer Zeit erzählte von Kindern die für einen Hungerlohn mit ihren kleinen Händen Bälle zusammennähten. Natürlich anstatt zur Schule zu gehen.
Fritz13 25.05.2013
5. Ein sehr objektiver Bericht
Ich habe 20 Jahre in Asien gelebt und Pakistan regelmäßig bereist. Oft lese ich Berichte aus diesen Regionen, die sehr aufreisserisch und schlecht recherchiert sind. Das ist einmal eine positive Ausnahme.
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