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Chaos auf dem US-Immobilienmarkt: "Kauft euch eine Knarre"

Von , New York

Zwei Millionen US-Hausbesitzern droht die Zwangsvollstreckung, mehr als die Hälfte muss den Rausschmiss fürchten. Jetzt werden viele Verfahren gestoppt: Den Vollzugsfirmen der Banken wird Betrug und haarsträubende Schlamperei vorgeworfen. Manche ihrer Opfer greifen inzwischen zur Selbsthilfe.

Zwangsvollstreckungsschild: Chaos am US-Immobilienmarkt Zur Großansicht
AFP

Zwangsvollstreckungsschild: Chaos am US-Immobilienmarkt

Der Eindringling versuchte, die Haustür zu knacken. Nancy Jacobini hörte ihn am Schloss herumfummeln. Dann ging auch noch die Alarmanlage los. Panisch schloss sie sich im Badezimmer ein und wählte über ihr Handy den Notruf. "Jemand bricht in mein Haus ein!", rief sie ins Telefon.

Als die Polizei anrückte, war in der Tat jemand gewaltsam in Jacobinis Haus eingedrungen. Kein Dieb allerdings, sondern ein Vertragsmitarbeiter der US-Großbank JP Morgan Chase, die Jacobinis Hypothek hält. Die Bank wollte die Schlösser an Jacobinis Haus in Orlando in Florida austauschen, um es zwangszuversteigern - obwohl die 50-Jährige noch darin wohnte. Von dem gegen sie laufenden Vollstreckungsverfahren ahnte sie nichts. Konnte sie auch nicht: Es existierte nämlich nicht.

Zwar ist Jacobini im Zahlungsrückstand. Doch sie hat sich ordnungsgemäß für das Home Affordable Modification Program (HAMP) beworben, ein staatliches Hilfsprogramm für US-Hausbesitzer, denen die Hypothek über den Kopf wächst. Der Antrag läuft - doch statt Staatshilfe kam der Mann mit dem Dietrich.

JP Morgan Chase hat sich inzwischen bei Jacobini entschuldigt, die Frau hat die Bank dennoch verklagt. Ihr Rechtsanwalt hält das Problem für symptomatisch. "Amerika muss begreifen, dass so etwas mit alarmierender Regelmäßigkeit geschieht", sagt Matthew Weidner.

Anarchische Zustände

Tatsächlich ist Nancy Jacobinis Horrorerlebnis nur ein merkwürdiger Vorfall von vielen. Bei zahlreichen Zwangsvollstreckungsverfahren passieren zurzeit haarsträubende Dinge. Hausbesitzer berichten in eidesstattlichen Versicherungen über Gerichtsvollzieher, die sie aussperren - und über "Pfändungsfabriken", die bis zu 1000 Räumungsbefehle pro Stunde ausstellen - ohne die Dokumente angemessen zu prüfen.

Auf dem US-Häusermarkt herrschen nach dem Subprime-Crash und der Rezession anarchische Zustände. 2,1 Millionen Hausbesitzer stecken in der Vollstreckungsfalle, mehr als der Hälfte von ihnen droht zum Jahresende der Rausschmiss. Tendenz steigend: Allein im September wurden 347.420 neue Zwangsversteigerungen eingeleitet - wie viele davon unbefugt gestartet werden, weiß zurzeit niemand.

Das Problem beschäftigt mittlerweile Banken und Regierung gleichermaßen. Mehrere US-Institute haben ihre Verfahren gegen Hypothekenschuldner vorläufig gestoppt. Der Senat hat eine Anhörung anberaumt. Das Justizministerium und alle 50 Staaten haben Betrugsermittlungen wegen unbefugter Zwangsräumung aufgenommen. Sie untersuchen offenbar gefälschte Pfändungsbefehle und grenzenlose Schlampereien einzelner Banken.

Bank of America räumt Unregelmäßigkeiten ein

Der Verdacht: Statt Schuldnern zu helfen, ihre Häuser zu retten, werden massenhaft Zwangsräumungen gestartet. Statt Staatshilfen zugunsten der Schuldner umzusetzen, scheint die Wall Street oft genau das Gegenteil zu tun. "Es sieht so aus, als hätten die Banken Hausbesitzer wiederholt in die Irre geführt", schrieben mehrere Dutzend Kongressabgeordnete kürzlich an Justizminister Eric Holder. Es handle sich um ein Systemproblem.

Dadurch trifft der Zwangsräumungswahn immer wieder Unschuldige. Eine der skurrilsten Szenen spielte sich in Fort Lauderdale ab: Jason Grodensky wurde von der Bank of America, der größten US-Bank, zwangsenteignet, obwohl er gar keine Hypothek hat - er hatte bar bezahlt.

Mittlerweile hat die Bank of America Unregelmäßigkeiten eingeräumt. Man habe bislang Fehler in 10 bis 25 Fällen gefunden. Bei den Fehlern handele es sich aber nur um unvollständige Unterlagen oder fehlende Unterschriften, berichtet das "Wall Street Journal". Das Geldhaus habe der Zeitung erklärt, Hinweise für fehlerhafte Zwangsversteigerungen seien nicht gefunden worden.

"Ich wusste nicht, wie das Darlehen funktioniert"

Experten zeigen sich vom Ausmaß des Debakels überrascht. "Die Systeme waren zwar nie gut", sagte der Hypothekenbanker Jim Miller der "New York Times". "Aber niemand hat erwartet, dass diese Sache so schlimm wird." Andere Eingeweihte dagegen sagen, dass Firmen und Regierungsbeamte die Augen vor dem nahenden Chaos bewusst verschlossen haben. "Wir sind da fahrlässig hineingerasselt", sagt ein Hypothekenbanker SPIEGEL ONLINE. "Wir hätten es kommen sehen müssen."

Die Wurzeln des Problems finden sich lange vor der Krise. Während des Immobilienbooms drehte sich alles nur um Profit. Die Banken konstruierten immer windigere Hypotheken, Derivate und andere Spekulationsobjekte. Dabei versäumten sie es, Sicherheitsvorkehrungen zu treffen für den Fall, dass Schuldner nicht mehr zahlen können. Fast keiner sorgte vor.

Jetzt werden reihenweise Räumungsverfahren eingeleitet - oft ohne dass die Unterlagen der Schuldner angemessen geprüft werden. "Ich wusste nicht, wie das Darlehen funktioniert", gestand eine Abteilungsleiterin der Kreditfirma Litton Loan Servicing, einer Tochter der Großbank Goldman Sachs, die Zwangsräumungen einleitet. "Ich bin keine Kreditberaterin", sagte sie an Eides Statt. "Ich unterschreibe nur Dokumente."

Xee Moua, eine hochrangige Mitarbeiterin der Großbank Wells Fargo, räumte ein, sie habe pro Tag 500 Räumungsklagen unterzeichnet. Die einzigen Informationen, die sie verifiziert habe, seien Name und Titel des Schuldners gewesen. Ob sie die Höhe der Schuldsumme oder Zinsen überprüft habe, auf die sich die Pfändungsbescheide berufen hätten? "Nein."

500 Papiere am Morgen, 500 am Nachmittag

Im Krisenbrennpunkt Florida ermittelt Generalstaatsanwalt Bill McCollum gegen die Anwaltskanzlei David Stern, eine der größten US-Zwangsversteigerungsfirmen. Sie soll eine Art Fabrik für "falsche oder irreführende" Akten gewesen sein, auf deren Grundlage Hauseigentümer ihren Besitz verloren hätten.

Eine Mitarbeiterin habe nach Aussagen früherer Kollegen "500 Papiere am Morgen und weitere 500 am Nachmittag" abgezeichnet, "ohne sie überprüft zu haben", bis sie "sehr müde und erschöpft" gewesen sei. Manchmal hätten auch Anwaltsgehilfen für sie ihren Namen gefälscht.

Wer besonders viele Unterschriften produziert habe, so McCollum, dem habe die Firma oft die eigene Hypothek, die Strom- und die Handyrechnung bezahlt. Andere hätten zur Belohnung BMWs, Schmuck und sogar ein Haus bekommen. Die halbstaatlichen US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac legten ihre Geschäfte mit Stern vorläufig auf Eis.

Friseure als "Unterzeichnungsroboter"

Anwalt Peter Ticktin, der mehr als 3000 Hausbesitzer vertritt, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Vollstreckungsfirmen, derer sich Bank of America, JP Morgan Chase und andere Banken bedienen. Sie hätten Friseure, Wal-Mart-Angestellte und Ex-Fließbandarbeiter angeheuert - als Unterzeichnungsroboter. "Robo-signer" ist mittlerweile ein geflügeltes Wort.

Vom Pfusch ist sogar das von US-Präsident Barack Obama installierte Hilfsprogramm HAMP betroffen. Dessen Daten stehen nun ebenfalls in Frage, da es über dieselben Firmen und Banken abgewickelt wird.

Die Banken streiten das ab. "Wir sind überzeugt, dass die Integrität des Zwangsvollstreckungsverfahrens bei Citi fehlerfrei ist", sagte Citigroup-Finanzchef John Gerspach in einer Schaltkonferenz mit Analysten. Bank of America ist sich seiner Sache so sicher, dass es sein Moratorium für Zwangsversteigerungen jetzt in 23 Bundesstaaten wieder aufhob - 102.000 Verfahren könnten bald wieder aufgenommen werden.

Die anhaltenden Probleme drücken auf den US- Immobilienmarkt und dürften dafür sorgen, dass sich dessen Erholung noch weiter hinzieht. Für 2012 wird damit gerechnet, dass Zwangsversteigerungen 40 Prozent aller Hausverkäufe bestreiten. Doch Abertausende hängen nun im juristischen Niemandsand fest.

Manche Besitzer greifen da zur Selbsthilfe. Im kalifornischen Simi Valley nahmen Jim und Danielle Earl ihr enteignetes Haus gegen den Willen ihrer Bank wieder in Besitz. Gemeinsam mit ihren neun Kindern brachen sie die Schlösser auf und zogen wieder ein - wenige Tage, bevor die Neubesitzer kommen sollten.

Auch der Finanzblogger Karl Denninger, ein mittlerweile abtrünniger Urvater der Tea Party, rät zur Härte. Sein Tipp an drangsalierte Hypothekenkunden: "Kauft euch eine Knarre."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 145 Beiträge
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1. Na, wenn det mal alles so wahr ist
der.letzte.dodo 26.10.2010
Dann ist das Einkommen der Rechtsanwälte für die nächsten Jahre gesichert :-)
2. Chaos auf dem Immobilienmarkt
petsche 26.10.2010
Zitat von sysopZwei Millionen US-Hausbesitzern droht die Zwangsvollstreckung, mehr als die Hälfte muss den Rausschmiss fürchten. Jetzt werden viele Verfahren gestoppt: Den Vollzugsfirmen der Banken wird Betrug und haarsträubende Schlamperei vorgeworfen. Manche ihrer Opfer greifen inzwischen zur Selbsthilfe. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,724337,00.html
Komisch ist das mit den gewaehlten Regierungen dass sie reichlich Geld fuer die Bankenrettung hatten aber fuer ihre Waehler keinen Rettungsdollar uebrig haben. Die Analphabeten unter den Hausbesitzern haben sich von cleveren Bankbetruegern Kredite aufschwatzen lassen von denen sie wissen mussten dass sie verlorenes Geld sind.
3. Verbrecherbande
Benjowi 26.10.2010
Das ist fast die einzige Situation, in der ich die US-Waffengesetze für angemessen halten würde. Gegen solche Verbrecher kann man sich nur mit Gewalt verteidigen. Die Vorstellung irgendeine von diesen betrügerischen Gangsterbanken könnte versuchen, mir mein abbezahltes Haus einfach so abnehmen wollen, würde für mich den persönlichen Ausnahmezustand bedeuten! Ansätze zu solchem Tun gab es durchaus auch in Deutschland durch das unkontrollierte Zocken mit Grundschuldtiteln!
4. t
loncaros 26.10.2010
Genau, soll das Volk sich doch gegenseitig erschießen, hauptsache beim stinkenden Kopf passiert nichts.
5. Mosaik
Spessartplato, 26.10.2010
Zitat von sysopZwei Millionen US-Hausbesitzern droht die Zwangsvollstreckung, mehr als die Hälfte muss den Rausschmiss fürchten. Jetzt werden viele Verfahren gestoppt: Den Vollzugsfirmen der Banken wird Betrug und haarsträubende Schlamperei vorgeworfen. Manche ihrer Opfer greifen inzwischen zur Selbsthilfe. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,724337,00.html
Ein kleines weiteres Mosaiksteinchen zu F.Nietzsches und A.Schopenhauers Diktum: "Die Welt ist ein Irrenhaus..." Für weitere Mosaiksteinchen folgen Sie bitte der heutigen Tagespresse...
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