Frankfurt am Main - Verschärft der Westen mit Biosprit den Hunger auf der Welt? Angesichts der massiv steigenden Preise von Agrarrohstoffen hat sich eine Debatte über den Sinn von Bioethanol entwickelt. Entwicklungsminister Dirk Niebel forderte, den Verkauf des Kraftstoffs E10 auszusetzen, Hilfs- und Umweltorganisationen pflichten ihm bei.
Nun schaltet sich auch die Wirtschaft in die Diskussion ein. Der Chef des Lebensmittelriesen Nestlé, Peter Brabeck, forderte in der Schweizer "Sonntagszeitung" ein Verbot der Beimischung von Nahrungsmitteln bei der Treibstoffproduktion. Das heiße nicht, dass auf Biosprit komplett verzichtet werden müsse. Die Hersteller sollten aber andere organische Materialien verwenden. "Unser Problem ist, dass beinahe die Hälfte der Maisproduktion in den USA und 60 Prozent der Rapsproduktion in Europa der Treibstoffherstellung dienen", so der Nestlé-Chef. Die Preise seien heute doppelt so hoch wie noch 2007.
Der Chef des Biosprit-Herstellers Südzucker, Wolfgang Heer, kontert die Argumente von Niebel. Er sieht keinen Zusammenhang zwischen der Bioethanol-Herstellung und den Lebensmittelpreisen. "Diese Debatte halte ich bezogen auf Europa für übertrieben", sagte Heer der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Ich kann nicht erkennen, dass vermehrte Ethanol-Produktion zu einem geringen Angebot an Nahrungsmitteln führt - sie ist eine Ergänzung."
Dritte Nahrungskrise in fünf Jahren
Natürlich argumentieren die beiden Konzernchefs im Sinne ihres Unternehmens. Dennoch ist bemerkenswert, dass die überfällige Diskussion über Biosprit nun endlich geführt wird. Dabei ist die derzeitige Preisentwicklung Experten zufolge vor allem der Dürre in den USA und Indien geschuldet. Kritiker warnen jedoch, dass die Nachfrage nach Weizen und Mais zur Bioethanol-Herstellung zusätzlich Druck auf die Preise ausübe. Die Vereinten Nationen warnten erst kürzlich vor einer Lebensmittelkrise, es wäre die dritte innerhalb von nur fünf Jahren.
Laut Nestlé-Chef Brabeck schwanken die Preise für Grundnahrungsmittel immer stärker im Gleichklang mit dem Ölpreis. "Nicht nur, weil dieses zentral ist für die Produktion von Agrargütern, sondern auch, weil sich die Preise für Biotreibstoffe am internationalen Ölhandel orientieren", sagte Brabeck der "Sonntagszeitung".
cte/Reuters
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