Chefwechsel bei Air Berlin Rambo I geht, Rambo II kommt

Er revolutionierte die deutsche Luftfahrtbranche - und scheiterte am eigenen Größenwahn: Joachim Hunold gibt die Führung bei Air Berlin an Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn ab. Der kehrt damit zu den eigenen Anfängen zurück.

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Ex-Bahn-Boss Mehdorn (l.), scheidender Air-Berlin-Chef Hunold: Umbruch in der Branche
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Ex-Bahn-Boss Mehdorn (l.), scheidender Air-Berlin-Chef Hunold: Umbruch in der Branche


Hamburg - Geschmeidige Diplomaten sind sie beide nicht. "Rambo der Lüfte" nennen Kritiker Joachim Hunold. Als mindestens so hemdsärmelig und machtbewusst gilt sein Manager-Kollege Hartmut Mehdorn. Insofern können die Mitarbeiter der Fluggesellschaft Air Berlin auf einen konstanten Führungsstil setzen: Mehdorn soll Hunold als Chef der Airline ablösen.

Mehdorns Aufgabe ist klar definiert: Air Berlin braucht eine harte Sanierung. Im zweiten Quartal schrieb der Konzern, der sich unter Hunold im Rekordtempo zu Deutschlands zweitgrößter Fluglinie aufgeschwungen hat, rote Zahlen. Unterm Strich stand ein Nettoverlust von 44 Millionen Euro.

Der Visionär geht, der Sanierer kommt. Der Chefwechsel bei Air Berlin Chart zeigen ist einerseits der bittere Abgang eines Unternehmers, der einen Konzern mit guten Ideen groß machte, dann aber den Fokus verlor. Andererseits steht er exemplarisch für den Umbruch einer ganzen Branche. Kaum jemand hat den Siegeszug der Billigflieger in Deutschland so vorangetrieben wie Hunold. Die Beziehung der Bürger zum Fliegen hat sich dadurch verändert. Es ist so normal wie Bahnfahren geworden. Jetzt aber zeigt der Niedergang von Air Berlin, dass das Geschäftsmodell der Billigheimer an seine Grenzen stößt.

Aufstieg zu Deutschlands Nummer zwei

Als Hunold 1991 bei Air Berlin das Kommando übernahm, besaß das Unternehmen gerade einmal zwei Flugzeuge und beschäftigte rund hundert Mitarbeiter. Ende 2010 verfügte der Konzern über 171 Flugzeuge und 8900 Angestellte, setzte 3,7 Milliarden Euro um und beförderte 33,5 Millionen Passagiere.

Groß wurde das Unternehmen zunächst mit der Billigfliegerei. Dabei zeigte Hunold lange ein gutes Gespür für den Markt. So startete er 1998 ein "Mallorca-Shuttle", das in kurzen Abständen von Paderborn, Düsseldorf und Berlin-Tegel auf die Insel flog - täglich zur selben Zeit und unter derselben Flugnummer. Schon im darauffolgenden Winter bot Air Berlin wöchentlich bis zu 45 Flüge auf die Insel an.

Im Herbst 2003 startete Air Berlin seine "City-Shuttles" - preiswerte Städteverbindungen bei vollem Service. Auch diese wurden ein voller Erfolg: Allein in den ersten zwölf Monaten wurden 1,5 Millionen Passagiere befördert.

Doch dann drängten weitere Wettbewerber auf den Billigfliegermarkt und zwangen Air Berlin zu neuen Strategien. Der Visionär Hunold erwies sich dabei als schlechter Manager. Er expandierte zu schnell in zu viele verschiedene Bereiche. Er kaufte sich in andere Fluglinien ein, übernahm die dba, beteiligte sich an der österreichischen Niki, der Schweizer Belair. 2007 übernahm Air Berlin dann sogar die Traditions-Airline LTU.

Fokusverlust und Krise

"In der Rückschau lässt sich dieser Kauf als Wendepunkt definieren", sagt Heinrich Großbongardt, der seit 30 Jahren Airlines und Luftfahrtunternehmen berät. "Das Projekt war völliger Wahnsinn, die Integration von LTU fraß enorm viel Zeit, Energie und Ressourcen. Es hat den Konzern aber am Ende nicht weitergebracht."

Im Gegenteil: Air Berlin verlor zusehends den Fokus, wurde zu einem merkwürdigen Hybridgebilde, wollte Ferienflieger, Chartergesellschaft und Netzwerk-Airline mit Drehkreuzen zugleich sein. Auf Strecken wie Hamburg-Frankfurt wollte sich der Konzern mit dem viel größeren Branchenprimus Lufthansa Chart zeigen messen - und unterlag.

In den vergangenen Monaten schlitterte dann die gesamte Luftfahrtbranche in die Krise - Air Berlin erwischte es besonders schlimm. Der hohe Ölpreis, steigende Abgaben in Europa, der Einbruch des Tourismusgeschäfts durch die Revolutionen in Nordafrika und Arabien sowie die Katastrophe in Japan machen der Branche zu schaffen. 2011 werden die Luftfahrtkonzerne weltweit nur rund vier Milliarden Euro Gewinn erzielen, schätzt der Dachverband IATA. Das sind 78 Prozent weniger als im Vorjahr.

Air Berlin gerät durch diesen Einbruch in Existenznot - und hat keine Strategie um gegenzusteuern. Im Gegenteil: Die Billigflieger-Sparte, der einstige Wachstumssektor, ist im Niedergang. Hunold war zuletzt immer stärker in die Kritik geraten, weil er harte Schritte zur strategischen Neuausrichtung blockierte.

"In der Branche wird das ein oder andere Unternehmen wegfallen", sagt Branchenexperte Großbongardt. Das "Handelsblatt" prophezeit gar: "Die Zeit des billigen Fliegens ist vorbei." Der Preiskampf, den die Flug-Discounter losgetreten haben, lässt sich aber nicht mehr zurückdrehen.

Mehdorn kennt die Branche

Visionär Hunold muss sein Lebenswerk Air Berlin nun aufgeben. Stattdessen soll ein harter Sanierer ran: Ex-Bahn-Boss Hartmut Mehdorn, der seit Juni 2009 im Air-Berlin-Aufsichtsrat sitzt. Die Luftfahrtbranche ist kein neues Terrain für den Manager. Dort startete er seine Karriere. 1965 heuerte Mehdorn beim Flugzeughersteller Focke-Wulf an, er stieg bei Airbus auf und wurde 1989 Vorstand des Luft- und Raumfahrtkonzerns Dasa. Schon damals galt Mehdorn als effektiver Organisator.

Bei der Bahn konnte er seine Qualitäten als harter Sanierer unter Beweis stellen. Als Mehdorn 1999 dort Chef wurde, übernahm er einen maroden Staatskonzern, der seit Jahren Milliardenverluste machte. Bürger und Politiker erwarteten ein preisgünstiges Eisenbahnunternehmen, das auch in der Provinz Strecken betreibt. Aber der Konzern sollte bitte auch profitabel sein.

Mit tiefgreifenden Reformen brachte der Manager die Bahn auf Kurs: Er fasste die Unternehmensbereiche in drei Geschäftsfelder zusammen, bündelte die Frachtsparte und investierte beim Personenverkehr massiv in die Fernstrecken. Tausende Stellen wurden gestrichen. Am Ende verließ Mehdorn die Bahn zwar unrühmlich wegen einer Datenaffäre; er hinterließ aber einen funktionsfähigen, profitablen Konzern.

Harte Sanierung nötig

Auch bei Air Berlin will der Zug-Zampano durchgreifen. "Da muss eine Menge passieren", kündigte er am Donnerstag im "Tagesspiegel" an. Genaues zu seinen Plänen könne er aber erst in einigen Wochen sagen.

Bislang hatte Air Berlin eher zaghafte Sanierungsschritte angekündigt: Das Unternehmen will die Zahl seiner Flugzeuge bis 2012 von 171 auf 164 reduzieren und sich von einigen Regionalflughäfen wie Köln-Bonn zurückziehen. 7500 Flüge sollen bis Ende 2011 wegfallen. Das entspricht etwa einer Million Sitzplätze.

Experten halten das für zu wenig. "Das kann nur der Anfang sein. Um sich zu sanieren, wird der Konzern weit drastischer schrumpfen müssen als derzeit angekündigt", sagt Großbongart. "Es ist gut möglich, dass sich der Konzern aufspaltet, eigene Tochterfirmen gründet und einige davon zum Verkauf stellt", sagt der Investmentbanker Ulrich Puls.

In der Branche werden bereits Namen möglicher Interessenten für Konzernteile kolportiert. Dazu gehört auch die türkische Fluggesellschaft Pegasus Airlines. Ihr Chef Ali Sabanci sitzt bereits als größter Minderheitseigner im Air-Berlin-Management.

Gut möglich, dass Mehdorn schon bald hart durchgreift - und dann relativ schnell einen Nachfolger aufbaut. In der Branche wird unter anderem Paul Gregorowitsch gehandelt. Der Chef der niederländischen Fluggesellschaft Martinair sitzt ab September im Air-Berlin-Vorstand.



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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
dreimalneun 18.08.2011
1. Mehdorn
hat bisher nur Unternehmen ruiniert ausser der Bahn noch die Heidelberger Druckmaschinen. Dort wurden gute Strukturen von ihm zerstört und die falschen Entscheidungen getroffen. Das solche Gurken noch Jobs finden ist ein Armutszeugnis deutscher Manager . Gruß
kopflast 18.08.2011
2. resistent
ist die deutsche Wirtschaft ignorant, beratungsresistent, blind oder einfach nur dämlich? Was kann einen Aktionär reiten, sein Geld in Mehdorns Hände zu legen. Ich denke, Manche habens einfach verdient ihr Geld vernichtet zu sehen.
L0k3 18.08.2011
3. okay
ab sofort meide ich Air Berlin. Bei Mehdorn als Chef weiß man ja nicht ob die Maschienen überhaupt heil abheben. Frage mich eh wieso solche Nichtskönner und Mrd. Vernichter immer wieder neue Jobs bekommen. Ob Mehdorn, Nawrockie, Breuel und wie die Nieten im Nadelstreifen alle heißen je mehr Mist sie verbocken desto luckrativer der Nachfolgejob. Irgendwie scheine ich was verkehrt zu machen. :D
matbhmx 18.08.2011
4. Mähdorn ...
... äh, pardon, Mehdorn! Armes Air Berlin! Vae victis!
vogelskipper 18.08.2011
5. Auch mein Gedanke
Zitat von dreimalneunhat bisher nur Unternehmen ruiniert ausser der Bahn noch die Heidelberger Druckmaschinen. Dort wurden gute Strukturen von ihm zerstört und die falschen Entscheidungen getroffen. Das solche Gurken noch Jobs finden ist ein Armutszeugnis deutscher Manager . Gruß
Der Mehdorn sollte sich mit 69 Jahren auf seine Hobbies konzentrieren, das Schmieden von Hand am Amboss (das ist kein Witz!) und nicht noch weitere Unternehmen kaputt sparen.
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