Abkühlende Wirtschaft: Chinas Exporte brechen überraschend ein

Container im Hafen von Shanghai: Nachfrage aus dem Ausland sinkt Zur Großansicht
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Container im Hafen von Shanghai: Nachfrage aus dem Ausland sinkt

Die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt hat erhebliche Probleme: Im Juni sind Chinas Exporte um drei Prozent eingebrochen - statt wie erwartet zu wachsen. Auch die Einfuhren gingen zurück.

Peking - Chinas Wirtschaft überrascht derzeit beständig mit schlechten Nachrichten: Im Juni sind die Ausfuhren aus der zweitgrößen Volkswirtschaft der Welt um 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zurückgegangen. Damit führte China nach Angaben der Zollbehörde Waren und Dienstleistungen im Wert von 174 Milliarden US-Dollar (135 Milliarden Euro) aus. Der Einbruch kam unerwartet, da Experten im Vorfeld einen deutlichen Anstieg der Exporte von drei bis vier Prozent erwartet hatten. Es war das erste Export-Minus Chinas seit Januar 2012.

Dass Chinas Exportzahlen so überraschend und so deutlich eingebrochen sind, hat mehrere Gründe. Den sicher wichtigsten nannte Zheng Yuesheng, Sprecher der chinesischen Zollbehörde, auf einer Pressekonferenz am Dienstagmorgen gleich an erster Stelle: die "fortdauernd niedrige Auslandsnachfrage". Mit anderen Worten: die schwache Konjunktur vor allem in Chinas Exportmarkt Europa. Tatsächlich fielen die Ausfuhren nach Europa um 8,3 Prozent, die in die USA dagegen nur um 5,4 Prozent.

An zweiter Stelle nannte Zheng die höheren Arbeitskosten, die akuten Handelskonflikte mit Europa und den USA sowie die gestiegenen Exportpreise. Damit sprach er den immer stärker werdenden Renminbi an, der im Westen lange als deutlich unterbewertet galt. Chinas Währung ist inzwischen so teuer, dass die Exporteure des Landes zunehmend mit einem Problem zu kämpfen haben, das zuletzt vor allem ihre Kollegen in Starkwährungsländern wie der Schweiz betraf.

Bislang verzerrte Hot Money die Statistik

Mit einem dritten Problem beschäftigen sich Ökonomen in Peking seit längerem, ohne dass der Westen davon bislang deutlich Notiz genommen hätte: Die Außenhandelsstatistik zeichnet ein verzerrtes Bild. China wird zunehmend mit sogenanntem Hot Money überschwemmt - Kapital, mit dem Ausländer von den relativ hohen Zinsen in China profitieren wollen. Da Peking den Ab- und Zufluss ausländischen Kapitals strikt reguliert, nutzen sie dafür die nach wie vor riesigen Umsätze von Chinas Export.

So stellen chinesische Unternehmen ihren ausländischen Geschäftspartnern überhöhte oder schlichtweg gefälschte Rechnungen aus und legen das Geld kurzfristig in China an, wo die Banken anders als in den USA oder Europa immer noch drei Prozent Zinsen zahlen. So strömt Geld für Investitionen nach China, gleichzeitig wird aber auch die Handelsstatistik künstlich aufgebläht. Chinas neue Regierung ist entschlossen, diese Spekulation einzudämmen, seit Mai geht sie strikt dagegen vor.

Dass die Bekämpfung des Hot Money auch die hohen Exportzahlen dämpft, scheint die Regierung billigend in Kauf zu nehmen: Li Keqiang, als Premierminister traditionell Chinas Chefökonom, gab sich vor der Veröffentlichung der Exportzahlen gestern sehr entspannt: "Chinas Wirtschaft ist in diesem Jahr bislang stabil, die wichtigsten Indikatoren liegen in einer vernünftigen Bandbreite und entsprechen unseren Erwartungen."

Zentralbank weigert sich, Geldhahn aufzudrehen

Die jüngsten Zahlen dürften jedenfalls ein realistischeres Bild von Chinas Außenhandel geben als das noch zu Beginn des Jahres vorherrschende. Denn da überschlugen sich die Nachrichten über Chinas Exportboom. In der ersten Jahreshälfte waren die Ausfuhren demnach um insgesamt 10,4 Prozent gestiegen.

Jetzt aber zeigt sich, dass neben den Exporten auch die Importe sinken. Im Juni gab es ein Minus von 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Damit erreichten die Einfuhren noch ein Volumen von 147 Milliarden Dollar. Ein Berater des Industrieländerclubs OECD sagte SPIEGEL ONLINE, das reflektiere, dass auch die Nachfrage im Inland sinkt. Kombiniert mit den niedrigsten Exportwerten seit Oktober 2009 werde es der chinesischen Politik schwerfallen, einen starken Rückgang der Wachstumsraten zu verhindern.

Experten rechnen damit, dass das Wachstum im zweiten Quartal bei 7,5 Prozent und damit unter den 7,7 Prozent im ersten Quartal liegen wird. Trotz des langsameren Wachstums hält die Zentralbank daran fest, den Geldhahn nicht weiter aufzudrehen. Denn auch die Inflation ist im Juni unerwartet stark gewachsen. Mit einem starken Anstieg der Lebensmittelpreise legte der Verbraucherpreisindex um 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zu.

"Ein großangelegter Stimulus ist vom Tisch", sagte der OECD-Berater SPIEGEL ONLINE. "Wir werden uns an viel niedrigere Wachstumsdaten aus China gewöhnen müssen. Das ist kein Kollaps, aber eine Enttäuschung."

znd/fdi/dpa-AFX

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Export-Import
wennderbenzbremst... 10.07.2013
Wenn ich mir so überlege, dass weniger exportiert als auch weniger importiert wird komme ich zu dem Schluss, dass zunehmend Waren für den eigenen Konsum produziert werden. Zumal die Wirtschaft jedes jahr sehr stark wächst. Ganz klare Sache: Die Chinesen sind technologisch mittlerweile so stark entwickelt, dass die ihre eigenen Maschinen, Autos etc bauen können und sich zunehmend vom Konzept der "Werkbank für die Welt" verabschieden.
2. Willkommen!
Stelzi 10.07.2013
Willkommen in der harten Wirklichkeit des Kapitalismus!
3.
pommbaer123 10.07.2013
Da sehen die Chinesen, dass wir bei einem handelskrieg nicht unbedingt die Verlierer sind.. Gut dass wir nicht nachgegeben haben.
4. Es war abzusehen ....
svenbaerlin 10.07.2013
Es war abzusehen , dass nach Jahren des rasanten Wachstums und Förderung des Exports letztendlich mit billigem Geld aus der Notenbank , auch in China die Zahlen einmal rückläufig sein werden. Wirklich wundern darf einen das doch nicht!
5. Das war zu erwarten,
pacificwanderer 10.07.2013
und es ist auch normal. Von den Chinesen klug genug gesteuert bevor die Seifenblase platzt.
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