Wirtschaftsfaktor Umweltschutz: Chinas Wirtschaft erstickt im Smog

Von Peter Lundgreen

Dicke Luft: Das unsichtbare Peking Fotos
DPA

Smog über Peking, belastetes Trinkwasser in Shanghai: Im Namen des Wachstums hat China ein ökologisches Desaster provoziert, das immer mehr zur Wachstumsbremse wird. Die Folgekosten der Umweltverschmutzung machen inzwischen fast sechs Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

Es war seine erste Rede seit er zum Staatschef Chinas gekürt wurde. Xi Jinping rief am Sonntag zu "Anstrengungen für die weitere Verwirklichung der großen Renaissance der chinesischen Nation und des chinesischen Traums" auf. Wie das gehen soll, ergänzte Regierungschef Li Keqiang: durch Reformen und nachhaltiges Wachstum. Bei seinem ersten Auftritt vor der Presse nach Abschluss der Jahrestagung des chinesischen Volkskongresses sicherte der Premier zu, die große Kluft zwischen Arm und Reich verringern und die Einkommen steigern zu wollen.

Um das Ziel einer Verdoppelung der Wirtschaftsleistung und Einkommen von 2010 bis 2020 zu erreichen, müsse China ein Wachstum von 7,5 Prozent im Jahr halten. "Das wird nicht einfach, aber wir haben günstige Bedingungen und eine enorme Binnennachfrage." China müsse seine Wirtschaft transformieren und die Urbanisierung vorantreiben.

Der proklamierte Wachstumskurs hat seinen Preis, das bekommt die Volksrepublik immer deutlicher zu spüren. Der Smog-Alarm in Peking hat die Welt schockiert. Seit die Luftverschmutzung in der Hauptstadt Mitte Januar ihren Höchststand erreicht hat, tobt in Chinas Blogs eine Debatte über Umweltverschmutzung und ihre gesundheitsschädlichen Folgen.

Über die wirtschaftlichen Folgen wird bislang wenig diskutiert. Dabei sind diese nicht minder groß. Nicht nur Chinas Millionenstädte ersticken im Smog, sondern auch Chinas Wirtschaft.

Laut Berechnungen der Weltbank machen die Kosten, die durch Umweltverschmutzung entstehen, inzwischen 5,8 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus, wobei allein die Luftverschmutzung mit 3,8 Prozent zu Buche schlägt. In den Kosten sind unter anderem der Anstieg der Kosten für medizinische Versorgung, Autounfälle, die Stornierung von Flügen und Materialschäden enthalten.

Die Regierung reagiert darauf. Zurzeit gibt China pro Jahr ungefähr 91 Milliarden Dollar für Umweltschutz aus, das entspricht rund 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Von 2011 bis 2015 will sie insgesamt 536 Milliarden Dollar in die Verbesserung der Umwelt investieren.

Umweltschutz vor Wirtschaftswachstum

Trotz steigender Ausgaben hat sich die Umweltverschmutzung in den vergangenen Jahren verschlimmert. Experten zufolge müsste China seine Umweltschutz-Ausgaben auf bis zu vier Prozent des BIP verdreifachen, um die Sünden der Boom-Jahre auszugleichen.

Der öffentliche Druck wächst. Besonders die städtische Mittelschicht hat sich an einen höheren Lebensstandard gewöhnt - und fordert nun mehr Lebensqualität: sauberere Luft, sauberes Wasser, unbelastete Lebensmittel. Laut einer Gallup-Umfrage von Dezember 2012 finden inzwischen 57 Prozent der Chinesen Umweltschutz wichtiger als Wirtschaftswachstum.

Für westliche Unternehmen ist das eine gute Geschäftsgelegenheit. Grüne Länder wie Deutschland, Dänemark, die Schweiz, Neuseeland und Australien können von den steigenden Umweltinvestitionen der Chinesen profitieren, indem sie ihre Technologie in der Volksrepublik etablieren. Unternehmen wie etwa Sembcorp (Singapur), Dais (USA) oder Veolia Water und Suez Environment (Frankreich) haben bereits begonnen, diese Chance zu nutzen.

Der öffentliche Druck steigt

Chinas Umweltprobleme zeigen zudem, welchen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen die neue Führung gegenübersteht. Denn nicht nur die Kosten für Umweltschutz steigen. Auch die Ausgaben für öffentliche Dienstleistungen, Gesundheitsfürsorge und Renten ziehen an. Der Staat muss immer mehr aufwenden, um das Volk zufrieden zu stellen. Die Folge wird eine spürbare Veränderung der ökonomischen Entwicklung Chinas sein.

Bislang haben große Bau- und Infrastrukturprojekte das Wachstum angeschoben. Das ließ sich zentralistisch steuern. Doch um die neuen Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, müssen künftig vor allem der öffentliche und private Dienstleistungssektor wachsen - was nur mit dezentralen Strukturen funktioniert. Peking wird es künftig schwerer haben, den Kurs der Wirtschaft zu kontrollieren.

Mit Material von dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Smog
kdshp 17.03.2013
Zitat von sysopSmog über Peking, belastetes Trinkwasser in Shanghai: Im Namen des Wachstums hat China ein ökologisches Desaster provoziert, das immer mehr zur Wachstumsbremse wird. Die Folgekosten der Umweltverschmutzung machen inzwischen fast sechs Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Chinas Wirtschaft erstickt im Smog - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/chinas-wirtschaft-erstickt-im-smog-a-888251.html)
Wilkommen im kapitalismus!
2. Och Joh!
Carlo Nappo 17.03.2013
Gerade habe ich die neusten Prospekte der hiesigen Ramschläden durchgesehen. Eine Hose für 2,50 €, ein Hemd für 3,00 € usw. usw. Wen wundert es dabei, das China ein ökologisches Desaster provoziert, um mit derartigen Preisen erst mal alle Mitbewerber der restlichen Welt zu ruinieren, um damit die eigene Markmacht zu festigen. Das die nun in ihrer eigenen Sch..sse zuallererst ersticken werden, ist mir dabei völlig egal. Leider aber nicht, das damit auch der Rest der Welt verdreckt und massiv geschädigt wird! Zölle könnten offensichtlich nicht nur die Wirtschaft der EU schützen, sondern richtig eingesetzt evtl. auch massiv umweltschädigende Produktionen in sogenannten Billiglohnländern unterbinden. Billig ist dort eben nicht nur der Lohn, insbesondere die hierzulande extrem kostenintensiven und gesetzlich vorgeschriebenen Umweltschutzmaßnahmen sind dort zumeist völlig obsolet.
3. Ja, sicher
brennholzverleiher 17.03.2013
Zitat von sysopSmog über Peking, belastetes Trinkwasser in Shanghai: Im Namen des Wachstums hat China ein ökologisches Desaster provoziert, das immer mehr zur Wachstumsbremse wird. Die Folgekosten der Umweltverschmutzung machen inzwischen fast sechs Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Chinas Wirtschaft erstickt im Smog - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/chinas-wirtschaft-erstickt-im-smog-a-888251.html)
Ja, ja ... Ja, ja kennen wir. War Ende der 60iger bei uns geanu so ...
4.
bernd_lauert_meer 17.03.2013
Zitat von kdshpWilkommen im kapitalismus!
Ja, im Kommunismus ging es den Chinesen viel besser. Da sind die Leute zu Millionen und Abermillionen verhungert. Aber die Luft war wenigstens sauber.
5. Dt. Nichtraucherlungen schwarz
plagiatejäger 17.03.2013
In dt. Groß-Städten können Pathologen optisch die schwarzen Lungen von Nichtrauchern nicht mehr von Raucherlungen unterscheiden. Unsere Luft ist etwas sauberer geworden von extremen Schmutz.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Wirtschaft in China
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 62 Kommentare
  • Zur Startseite
Zur Person
Lundgreen's Capital
Peter Lundgreen beobachtet seit 25 Jahren die Finanzmärkte. Er leitet die Beratungsfirma Lundgreen's Capital und ist Herausgeber der ökonomischen Fachzeitschrift "China Quarterly".

Fotostrecke
Smog-Alarm: Dunstglocke über Chinas Metropolen