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Chinesische Investoren in Deutschland: "Hauptsache, wir haben Arbeit"

Von Katrin Rössler

Investoren aus Fernost haben in Deutschland einen miesen Ruf. Doch für viele Firmen ist eine Übernahme durch Chinesen die Rettung: Die kommunistischen Kapitalisten erhalten Jobs und schaffen neue. Ein Besuch beim Maschinenbauer Schiess in Sachsen-Anhalt.

Schiess: Deutsche Firma in chinesischer Hand Fotos
SPIEGEL ONLINE

Es ist 13.15 Uhr. Ein Grüppchen Männer steht im Bahnhof von Aschersleben und trinkt Bier aus braunen Glasflaschen. Die kleine Stadt liegt rund 50 Kilometer südlich von Magdeburg, viel ist hier nicht los. Häuser in der Umgebung stehen leer und verfallen. Der Salzlandkreis, zu dem Aschersleben gehört, hat eine Arbeitslosenquote von 11,6 Prozent.

Vor wenigen Jahren war auch die Stelle von Frank Seifert in Gefahr. Der 51-Jährige ist EDV-Leiter und Betriebsratsvorsitzender bei Schiess, einem 153 Jahre alten Werkzeugmaschinenhersteller in Aschersleben. Das Unternehmen ging pleite, musste immer wieder Leute entlassen. Doch dann kam ein chinesischer Investor in die sachsen-anhaltische Provinz. Seitdem geht es mit Schiess aufwärts.

Die Vorgeschichte: Nach der Wende wurde das Traditionsunternehmen, das zu DDR-Zeiten dem Staat gehörte, privatisiert. Die Investoren statteten Schiess nicht mit den nötigen finanziellen Mitteln aus, um konkurrenzfähig zu bleiben, wie der heutige Geschäftsführer Torsten Brumme sagt. Es folgten ein Konkurs und drei Übernahmen.

"Jedesmal wurden Arbeitsplätze gestrichen und Know-how aus der Firma abgezogen. Das lief immer nach demselben Schema ab", sagt Betriebsrat Seifert, der seit 1989 bei Schiess ist. Das Unternehmen wurde regelrecht zerpflückt. 2004 war dann der Tiefpunkt erreicht: Von den 2500 Mitarbeitern, die Ende der Achtziger bei Schiess arbeiteten, waren nur noch 250 übrig. Die Firma war insolvent, der ehemals renommierte Markenname Schiess in Gefahr.

Gerettet und weiterentwickelt

"Dann stand der Chinese vor der Tür", sagt Seifert. Die Shenyang Machine Tool Co. Ltd., die heute Shenyang Machine Tool Group (SYMG) heißt, kaufte den Ascherslebener Betrieb. Nach den ernüchternden Erfahrungen der vorangegangenen Übernahmen standen die Schiess-Mitarbeiter dem Investor aus Fernost zunächst skeptisch gegenüber: "Wir hatten Angst vor der asiatischen Kopier-Mentalität", erzählt Seifert. In der Belegschaft sei man sicher gewesen, dass nun endgültig das Fachwissen von Schiess abgesaugt werde.

Doch "der Chinese" gewann bald das Vertrauen der Mitarbeiter. Die Produktionshallen wurden für ein Maschinenbauunternehmen der Zukunft fit gemacht. "Das tut niemand, der bald wieder abhauen möchte", sagt Seifert. Auch mit pünktlichen Lohnzahlungen machte sich SYMG beliebt - waren doch in der Vergangenheit manchmal über mehrere Monate hinweg keine Löhne gezahlt worden. Mittlerweile sind die chinesischen Chefs bei Schiess voll respektiert: "Heute sagt keiner mehr etwas über SYMG. Die haben uns damals den Standort gerettet", erzählt Seifert.

Nicht nur gerettet. Auch weiterentwickelt. Seit 2004 hat die Muttergesellschaft 50 Millionen Euro in das Ascherslebener Werk investiert. Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 250 auf 400, wovon 20 Chinesen sind. Auch ein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum richtete SYMG bei Schiess ein, eine neue Montagehalle wurde im August 2010 in Betrieb genommen. Den Gewinn, den Schiess erwirtschaftet, reinvestiert Shenyang zu 100 Prozent in das Ascherslebener Unternehmen. Mit Erfolg, wie Schiess-Geschäftsführer Brumme sagt: "Obwohl die Wirtschaftskrise uns im letzten Jahr stark zu schaffen machte, rechnen wir innerhalb der kommenden fünf Jahre mit einer Umsatzverdopplung."

China will investieren

So wie für Schiess haben sich Übernahmen durch chinesische Investoren auch für andere deutsche Unternehmen ausgezahlt. Der fränkische Werkzeugmaschinenbauer Waldrich Coburg wurde 2005 von Beijing No. 1 Machine Tool Plant gekauft. Seitdem hat sich der Umsatz verdreifacht, die Belegschaft vergrößerte sich von 495 auf 760.

Aufgrund des guten Rufs deutscher Ingenieure waren anfangs vor allem Maschinenbau-Unternehmen bei den Chinesen beliebt, doch nun zeigen immer mehr chinesische Firmen auch Interesse an alternativer Energiegewinnung in Deutschland. 2007 kaufte der chinesische Hersteller von Windkraftanlagen Goldwind 70 Prozent der Anteile an Vensys, einem deutschen Windenergieunternehmen im Saarland. Damals hatte Vensys 27 Mitarbeiter, heute sind es 90. Der Umsatz hat sich seit der Übernahme verzwölffacht.

Doch nicht alle Unternehmen in chinesischer Hand entwickelten sich ähnlich gut wie Schiess, Waldrich Coburg oder Vensys. Ein Negativbeispiel ist Schneider aus Türkheim: Bei dem TV-Hersteller endete die Übernahme durch den chinesischen Elektronikkonzern TCL damit, dass dieser 2005 die Produktion in Türkheim einstellte. Fälle wie Schneider führten zu viel Aufsehen in der Öffentlichkeit. Politiker fürchteten fortan, Chinesen wollten bloß Wissen gewinnen und seien nicht langfristig am Standort Deutschland interessiert.

Yi Cao, China-Expertin bei Germany Trade & Invest (gtai), der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing der Bundesrepublik, erklärt sich die damaligen Fehler so: "Die chinesischen Investoren waren einfach nicht gut über den deutschen Markt informiert." Dadurch sei der Ruf der Chinesen in Deutschland schwer geschädigt worden. Seitdem habe sich aber viel getan: Inzwischen nähmen fast alle Investoren professionelle Beratung in Anspruch, sagt Cao.

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1. .
Spiegeleii 17.12.2010
"Es folgten ein Konkurs und drei Übernahmen. "Jedesmal wurden Arbeitsplätze gestrichen und Know-how aus der Firma abgezogen. Das lief immer nach demselben Schema ab", sagt Betriebsrat Seifert, der seit 1989 bei Schiess ist. Das Unternehmen wurde regelrecht zerpflückt. 2004 war dann der Tiefpunkt erreicht: Von den 2500 Mitarbeitern, die Ende der Achtziger bei Schiess arbeiteten, waren nur noch 250 übrig." 153 Jahre Geschichte und dann kam die BRDigung. Nein ich bin kein Ostdeutscher, aber es ist einfach nur krank was man diesen Leuten angetan hat. Ihr bekommt jetzt eine "freiheitlich demokratische Grundordnung" und einen gehörigen Tritt in den Ar..h. Und zuhause bleiben könnt ihr auch, ihr seit höchstens 1€ die Stunde wert. Und bei aller antichinesischen Propaganda die tagtäglich hier von der "freien Welt" veranstaltet wird, zumindest in Afrika benehmen sich die Chinesen viel besser als die Amerikaner es je getan haben.
2. Feststellung
lemming51 17.12.2010
Die Tatsache, dass ausländische Investoren hierherkommen, damit die arbeitnehemnden Leute sagen können "Hauptsache, wir haben Arbeit !", sollte uns schwer zu denken geben. Bei den Dumpinglöhnen hier könnten das doch auch unsere Unternehmer, oder ????
3. Er deutet mit dem Zeigefinger auf seine Stirn
Sonntagskind, 17.12.2010
Und Schiess soll auch in Aschersleben bleiben. "Denn Technologie kann man nicht einfach so mitnehmen", erklärt Yuanda Lu, der chinesische Geschäftsführer von Schiess und verantwortlich für die Kommunikation mit der Muttergesellschaft. Er deutet mit dem Zeigefinger auf seine Stirn: "Technologie sitzt genau dort", sagt er. Man könne Zeichnungen kopieren, aber nicht das Können und die Erfahrung der Mitarbeiter in Aschersleben. Genau, dass verstehen unsere BWL -ler, Investmentbanker, Personalchefs, Unternehmensberater nicht. Die können sich, mit sich selber so beschäftigen, ( Leerlauf in hohen Drehzahlen), die benötigen keinen Produktionsbetrieb. Was nicht auf die Power- Point Folie passt, gibt es nicht. Die sind zu blöd für die Firma, vorhandene Gebrauchsmuster und Patente zu sichern, denn dazu muss man sich in die Materie einarbeiten. Jeder von diesen Schnellsprechern ist schon genervt, wenn man mehr als ein Lösungsvorschlag für ein Problem macht.
4. Die Chinesen würden soetwas niemals zulassen!
curtisnewton 17.12.2010
Zitat von sysopInvestoren aus Fernost haben in Deutschland einen miesen Ruf. Doch für viele Firmen ist eine Übernahme durch Chinesen die Rettung: Die kommunistischen Kapitalisten erhalten Jobs und schaffen neue. Ein Besuch beim Maschinenbauer Schiess in Sachsen-Anhalt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,733023,00.html
Wenn man in China produzieren möchte MUSS man ein JointVenture mit einem chinesischen Unternehmen eingehen. MINDESTENS 50% des Unternehmens MUSS chinesisch sein. So hat der chinesische Teil immer die Möglichkeit Einspruch zu erheben wenn es beispielsweise darum geht Gewinne z.B. nach Deutschland mitzunehmen. Gewerkschaften gibt es in China nicht. Demonstrationen werden nur in Ausnahmefällen genehmigt - z.B. wenn es gegen ausländische Unternehmen geht. Die Strategie ist klar. Möglichst viel Know-How nach China bringen und den Absatz in Europa sichern. Mit dem Kauf Deutscher Unternehmen (was so in China niemals möglich wäre!) sichert man sich beides - KnowHow und den Absatz mit "Made in Germany". So wird es für Konsumenten noch schwieriger auf chinesische Produkte zu verzichten. Insgesamt hat Europa dadurch langfristig einen riesen Nachteil -> Siehe auch kauf v. Anleihen europ. Länder durch Chinesen. Wir machen uns extrem abhängig von einer Diktatur. Jeder der chinesische Produkte kauft, stärkt die Diktatur China. Und warum sollten die Chinesen etwas ändern, wenn das Geld in Strömen fließt und die Westler und sogar deutsche Betriebsräte ihnen zu Füßen liegen?
5. Tja, die Zeiten ändern sich eben...
donnerbalken 17.12.2010
Ich kann mich noch gut an das joviale Lächeln der Deutschen erinnern, als die Chinesen bei den bankrotten Bremer Werften große Portalkräne demontierten und nach China verschifften. Seit einigen Jahren sollen einige deutsche Container Häfen angeblich mit chinesischer Hitech Technik ausgerichtet sein. Erinnern kann ich mich ebenso an die komplette demotage eines deutschen Mopedherstellers. Deutschen Werkmeistern hat man vorübergehend einen guten Job in China angeboten. Ich glaube keiner der Meister hat das Angebot abgelehnt... Tja, die Zeiten ändern sich eben...
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Import nach Deutschland aus ausgewählten Ländern 2009
in Milliarden Euro Veränderung zum Vorjahr in Prozent
gesamt 674 -16,4
Niederlande 58 -14,6
Frankreich 55 -13,9
China 55 -8,8
Italien 40 -15,3
USA 40 -14,1
Großbritannien 33 -20,3
Russland 25 -33,0
Quelle: Statistisches Bundesamt, vorläufige Daten

Vier Risiken für Chinas Wirtschaft
Export aus Deutschland in ausgewählte Länder 2009
in Milliarden Euro Veränderung zum Vorjahr in Prozent
gesamt 808 -17,9
Frankreich 82 -12,6
USA 54 -24,6
Niederlande 54 -17,7
Großbritannien 53 -17,2
Italien 51 -17,7
China 37 +7,0
Russland 21 -36,6
Quelle: Statistisches Bundesamt, vorläufige Daten

Der chinesische Staatsfonds CIC
Der Auftrag
Der chinesische Staatsfonds CIC wurde gegründet, um die enormen Devisenreserven des Landes anzulegen. Insgesamt verfügt China über Devisen im Wert von mehr als drei Billionen Dollar - es sind die größten Reserven der Welt. Offiziell nahm die CIC (China Investment Corporation) die Arbeit Ende September 2007 auf. Der Fonds verfügt mittlerweile über ein geschätztes Kapital von 200 bis 300 Milliarden Dollar. Das Ziel des Fonds ist eine möglichst hohe Rendite. Pro Tag muss der Fonds mindestens 44 Millionen Dollar verdienen, um die Anleihen zu bedienen, die zu seiner Finanzierung ausgegeben wurden. Politischer Einfluss scheint dagegen nicht an erster Stelle zu stehen. Bislang zumindest erwiesen sich die Sorgen westlicher Regierungen als nicht begründet.
Die Mittel
Vom Gesamtkapital des Fonds steht nur etwa die Hälfte für Auslandsinvestitionen zur Verfügung, die andere Hälfte soll inländischen Unternehmen, vor allem den staatlichen Banken, zugute kommen. Allein 67 Milliarden Dollar wurden dazu genutzt, Central Huijin zu kaufen, einen Investment-Arm der chinesischen Zentralbank, der Anteile an Chinas größten Geldhäusern hält. CIC-Chef Lou Jiwei sagte, sein Fonds wolle zur Stabilisierung der globalen Märkte beitragen - ebenso wie andere Staatsfonds, die sich ebenfalls an großen Banken beteiligt haben, als diese in den Strudel der Hypothekenkrise gerieten.
Die Investitionen
In seiner ersten Investition kaufte der Fonds knapp zehn Prozent an der US-Beteiligungsgesellschaft Blackstone für drei Milliarden Dollar. Dieser Anteil hat seit dem Einstieg der CIC im Juni 2007 rund 60 Prozent an Wert eingebüßt, da der Kurs der Aktien stark gefallen ist. Einige Monate später stieg die CIC auch bei Morgan Stanley ein. Für den 9,9-Prozent-Anteil an der US-Investmentbank zahlte sie fünf Milliarden Dollar. Auch bei dieser wohl größten Einzelinvestition verlor die CIC einen Milliardenbetrag. Mittlerweile investiert der Staatsfonds bevorzugt in den weltweiten Rohstoffmärkten, etwa in Indonesien, Russland, Kanada oder Kasachstan. Doch auch eine Beteiligung am deutschen Autobauer Daimler wurde geprüft.

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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