Neuer Deutsche-Bank-Chef Sewing Versöhnen und durchgreifen

Die Anleger reagieren erleichtert auf den Chefwechsel bei der Deutschen Bank. Doch der neue Boss Christian Sewing hat schwere Aufgaben vor sich: Er muss ein gespaltenes Unternehmen einen und gleichzeitig Härte zeigen.

Neuer Chef der Deutschen Bank: Christian Sewing
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Neuer Chef der Deutschen Bank: Christian Sewing

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Wenn man die Börse fragt, ist Christian Sewing wohl der richtige Mann, um die Deutsche Bank aus der Krise zu führen. Mit einem Kurssprung um fast vier Prozent reagierte die Aktie am Montag zur Börseneröffnung. Es gibt also zumindest so etwas wie Hoffnung.

Der Aufsichtsrat der Bank hatte Sewing am späten Sonntagabend mit sofortiger Wirkung zum neuen Vorstandschef bestimmt. Der Brite John Cryan, der bisher an der Spitze des größten deutschen Geldhauses stand, muss gehen. Auch Marcus Schenck, bislang zusammen mit Sewing Vizechef, wird das Unternehmen verlassen.

Die wichtigsten Aufgaben des neuen Deutsche-Bank-Chefs
Die Mitarbeiter versöhnen
Die Deutsche Bank ist seit Jahren gespalten: Auf der einen Seite die hochbezahlten und mächtigen Investmentbanker in London, New York und Singapur - auf der anderen Seite die alte Deutsche Bank in ihrem Heimatmarkt. Die Investmentbanker hatten den Konzern fast zwei Jahrzehnte fest im Griff. Nun könnte Sewing, der aus der Privatkundensparte kommt, eine neue Balance herstellen und beide Lager versöhnen.
Das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen
Die Deutsche Bank ist seit jeher die wichtigste Bank der deutschen Großunternehmen. Früher war sie an vielen Konzernen sogar selbst beteiligt. Doch in den Jahren unter Josef Ackermann und Anshu Jain hat sich die Bank zunehmend auf Finanzmarktgeschäfte konzentriert, die relativ wenig mit den eigentlich Kernkunden der Bank zu tun haben. Der neue Chef muss nun zeigen, wie wichtig ihm diese Kunden sind - um so ihr Vertrauen zurückzugewinnen.
Die Investoren begeistern
Der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie entwickelt sich seit Jahren schlecht. Der Börsenwert des Konzerns ist nur noch etwa halb so hoch wie der Buchwert - also all jene Wertpapiere und Kredite, die die Bank als Vermögen in ihrer Bilanz stehen hat. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Investoren der bisherigen Bankführung misstraut haben. Christian Sewing muss nun nicht nur eisern Kosten sparen, sondern auch eine Idee entwickeln, wie die Bank künftig wieder wachsen und ordentlich Geld verdienen kann. Und vielleicht noch wichtiger: Er muss diese Idee den Investoren gut verkaufen.

Sewing wandte sich gleich am Montagmorgen mit einem offenen Brief an die etwa hunderttausend Mitarbeiter des Konzerns und forderte mehr Teamgeist in der seit Jahren in verschiedene Lager gespaltenen Bank. "Wir müssen klarer und schneller entscheiden, wir müssen besser zusammenarbeiten, wir müssen den Teamgeist in den Mittelpunkt stellen", schrieb Sewing. "Wir sollten uns weniger auf uns selbst, sondern vielmehr auf unsere Kunden konzentrieren."

Das wird auch dringend nötig sein, denn die Stimmung in der Bank und auch bei vielen Kunden ist schlecht. Fast neun Milliarden Euro Verluste hat die Bank in den vergangenen drei Jahren angehäuft. An der Börse hat die Aktie rund 60 Prozent an Wert verloren. Etliche Mitarbeiter haben die Bank verlassen. Und der Graben zwischen den hochbezahlten Investmentbankern in London und den eher traditionellen Bankangestellten in Deutschland ist riesig.

Sewing selbst war zuletzt Chef des Privat- und Firmenkundengeschäfts - und dürfte schon deshalb auf Skepsis bei den Investmentbankern stoßen (mehr über Christian Sewing lesen Sie hier). Die Unsicherheit, wie es mit diesem für die Bank immer noch so wichtigen Bereich weitergehen soll, ist groß.

"Das wird das Führungsteam nicht mehr akzeptieren"

In seinem Mitarbeiterbrief ließ Sewing wenig zu einer möglichen neuen Strategie durchscheinen. Gefallen dürfte den Investmentbankern sein Appell, "unsere Jägermentalität" zurückzugewinnen und dadurch die Erträge zu steigern. In der Sparte selbst seien aber weitere Veränderungen notwendig. "Es gilt, Stärken zu stärken und hier zusätzlich zu investieren." Gleichzeitig wolle man sich aber auch "dort zurückziehen, wo wir nicht ausreichend rentabel arbeiten können".

Insgesamt dürften die Kosten- und Ertragsziele der Bank künftig nicht mehr wie bisher verfehlt werden, so der neue Chef. "Das wird das Führungsteam nicht mehr akzeptieren. Hier werden wir harte Entscheidungen treffen und umsetzen."

Das klingt in der Tat nach harter Hand und stärkeren Einschnitten als bisher. Ob sich Sewing damit gegen die immer noch mächtigen Investmentbanker im Konzern wird durchsetzen können, bleibt aber offen. Immerhin wird einer von ihnen, der Südafrikaner Garth Richie, nun sogar Sewings Vizechef - zusammen mit dem bisherigen Rechts- und Personalvorstand Karl von Rohr. Richie war es, der zuletzt gemeinsam mit Marcus Schenck die umstrittenen hohen Bonuszahlungen von 2,3 Milliarden Euro durchdrückte.

Die große Frage, wie die Deutsche Bank künftig wieder ordentlich und skandalfrei Geld verdienen soll, bleibt auch nach dem Chefwechsel unbeantwortet. "Was der Deutschen Bank unserer Ansicht nach seit Jahren fehlt, ist eine klar definierte Strategie", schrieb am Montag der Bankenanalyst Kian Abouhossein von JP Morgan. "Es fehlt eine Übereinkunft aller Beteiligten, wohin die Bank steuern soll."

Achleitners letzter Schuss

Eigentlich wäre dafür auch Paul Achleitner zuständig, der mächtige Aufsichtsratschef. Doch der konnte in seiner seit 2012 andauernden Amtszeit wenig Zufriedenstellendes liefern.

Paul Achleitner
AFP

Paul Achleitner

Entsprechend gerät auch Achleitner zunehmend in die Kritik. Der Londoner Investorenberater Hermes meldete sich am Montag mit drängenden Fragen zu Wort, die Achleitner bis zur Hauptversammlung der Aktionäre Ende Mai beantworten müsse. Unter anderem heißt es in der Mitteilung von Hermes, Achleitner sei "eng beteiligt gewesen an der Entwicklung der aktuellen Strategie" der Bank und habe eine "Reihe strategischer U-Turns" mitgemacht. Nun wolle man wissen, ob mit dem neuen Vorstandschef ein erneuter Strategiewechsel verbunden sei.

Auch ein Vertreter eines Großaktionärs der Bank sieht Achleitner nun in der Bringschuld. Der Aufsichtsratschef habe mal wieder die Notbremse gezogen, als er gemerkt habe, dass es eng wird, sagte er dem SPIEGEL. "Das war der letzte Schuss. Der muss jetzt sitzen."



insgesamt 9 Beiträge
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citizen01 09.04.2018
1. Wenn endlich einmal das organisatorische Chaos gestrafft würde,
hätte sich der neue Vorstandschef schon sehr verdient gemacht. Vor allem sollte er undogmatisch vorgehen und sich von gängigen, medial gepriesenen Problemlösungen nicht beeinflussen lassen. Rückgrat ist angesagt.
Newspeak 09.04.2018
2. ...
Anstatt den Vorstand rauszuwerfen, der den Laden zuletzt aufgeraeumt hat, haette man auf Seiten der Aufsichtsraete handeln muessen, denn dieselben Leute, die die Bank erst in diese ruinoese Lage gebracht haben, treiben immer noch ihr Unwesen. Die Deutsche Bank ist Geschichte. Man sollte diese kriminelle Vereinigung abwickeln und eine entsprechende Bank von Grund auf neu aufbauen.
Fabian K. 09.04.2018
3. Ich habe mir dessen Lebenslauf angeguckt.
Der erste Deutsche Bank Vorstandssprecher seit Kopper, dessen Lebenslauf anzeigt, dass er der Aufgabe gewachsen ist. Die grössten Versager der Deutschen Bank sitzen im Aufsichtsrat.
Francois S. 09.04.2018
4. Schuster bleib bei deinem Leisten.
Investment Banking ist zwar die Königsdisziplin im Finanzwesen, aber darin scheinen wir hierzulande nie besonders gut gewesen zu sein. Insofern, gut das der Neue aus dem Privatkundengeschäft kommt.
alternativlos 09.04.2018
5. Wir schaffen das...
Die Deutschen Banker wollen, dass Deutschbanker funktionieren! Herrn Müller stört’s nur, „wenn die Politik ihm vorschreibt, wie er seine Geschäfte machen muss“, die von solchen Bankern finanziert werden. Wir haben keine Fehler gemacht, sondern sind Opfer von widersprüchlichen Rechtsnormen, denen Bürger und Beamte, Volk und Politik, Menschlichkeit und Würde vorsätzlich in die Irre geführt worden ist. Diese Philosophie tötet und der Aufsichtsrat hat es genau so gewollt, aus Raffgier. Vielen Dank und weiterhin Alles Gute
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