Chronik Das rasante Wachstum des Bertelsmann-Verlags

Vom Provinzverlag zum Weltkonzern: Der Verstorbene Unternehmer Reinhard Mohn baute nach dem Zweiten Weltkrieg Bertelsmann zu einem riesigen Medienimperium aus. SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Stationen.

Bertelsmann-Zentrale in Gütersloh: Nach dem Krieg fing Mohn mit etwa 100 Mitarbeitern an - heute sind es weltweit mehr als 100.000
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Bertelsmann-Zentrale in Gütersloh: Nach dem Krieg fing Mohn mit etwa 100 Mitarbeitern an - heute sind es weltweit mehr als 100.000


Gütersloh/Frankfurt - In 174 Jahren ist Bertelsmann vom kleinen christlichen Verlag zu einem der größten Medienkonzerne der Welt aufgestiegen. 1835 gründete der Drucker Carl Bertelsmann den Verlag in Gütersloh. Theologie bildet in den Anfangsjahren den Schwerpunkt im Verlagsprogramm. In fünfter Generation kam 1947 Reinhard Mohn an die Spitze des Unternehmens.

Als "Königsidee" gilt Mohns Gründung des Bertelsmann-Leserings 1950, der heute "Der Club" heißt. 1958 kommt die hauseigene Schallplattenfirma Ariola hinzu, 1962 wird der erste Schritt ins Ausland gewagt: Bertelsmann gründet in Spanien den Lesering "Circulo de Lectores".

In den Folgejahren expandierte das Unternehmen Schlag auf Schlag: 1964 kommt der Einstieg bei der Filmfirma Ufa, 1969 eine erste Beteiligung an Gruner+Jahr ("Stern","Brigitte"), 1973 wird daraus eine Mehrheitsbeteiligung. 1970 führt Mohn die Gewinnbeteiligung für Mitarbeiter ein, ein Jahr darauf folgt die Umwandlung vom Familienunternehmen zur Aktiengesellschaft. Mohn bleibt als Mehrheitsaktionär Vorstandschef.

1977 wird der Goldmann-Verlag übernommen, und Mohn gründet die gemeinnützige Bertelsmann-Stiftung. Sie soll Vorhaben im Bereich der Ausbildung, Kultur und Sozialpolitik fördern. Ab Ende der siebziger Jahre geht Bertelsmann in den USA auf Einkaufstour: 1979 wird das US-Label Arista gekauft, 1980 der Taschenbuchverlag Bantam Books. 1986 kommen das Label RCA und das Verlagshaus Doubleday dazu.

Das weltweite Musikgeschäft wird ab 1987 in der Bertelsmann Music Group (BMG) zusammengefasst. 1998 übernimmt das Unternehmen in den USA die Verlagsgruppe Random House - die höchste Investition in der Unternehmensgeschichte.

Als in Deutschland der Startschuss für den privaten Rundfunk fällt, verschmelzen Bertelsmann und Gruner+Jahr 1984 ihre Aktivitäten im Bereich elektronischer Medien zur Ufa Film- und Fernseh-GmbH. Die Ufa beteiligt sich zu 40 Prozent an RTL plus. 997 fusioniert die Ufa mit der Compagnie Luxembourgoise de Telediffusion (CLT) zur CLT-UFA. 2000 wird die RTL-Group an die Börse gebracht. 2001 übernimmt Bertelsmann die Mehrheit von 67 Prozent an der RTL Group, später werden weitere 22 Prozent übernommen.

1990 kauft sich Bertelsmann über Gruner+Jahr beim Dresdner Druck- und Verlagshaus ("Sächsische Zeitung") ein, zwei Jahre später kommt der Berliner Verlag ("Berliner Zeitung") hinzu. 1995 wird gemeinsam mit America Online für Europa der Online-Dienst AOL gegründet. Die AOL-Beteiligung wird später äußerst gewinnbringend - für damals 15 Milliarden Mark - wieder verkauft. Das Intermezzo mit der Musiktauschbörse Napster kostet den Konzern hingegen bei außergerichtlichen Einigungen eine dreistellige Millionensumme.

Bertelsmann kauft 2006 dem belgischen Minderheitsaktionär Albert Frère seine 25-Prozent-Beteiligung für 4,5 Milliarden Euro wieder ab, um einen Börsengang zu verhindern.

Heute beschäftigt Bertelsmann rund 103.000 Mitarbeiter und ist in den Geschäftsfeldern Fernsehen und Radio, Buchverlage, Zeitschriften und Zeitungen, Druck und Mediendienstleistungen, Buch und Musikclubs aktiv. Diese Geschäfte sind in den Unternehmen RTL Group (Luxemburg), Random House, Inc. (New York), Gruner + Jahr (Hamburg), Arvato (Gütersloh), Direct Group (Güterlsoh) gebündelt.

Der Gesellschafterkreis setzt sich zusammen aus der Bertelsmann Stiftung (76,9 Prozent) und der Familie Mohn (23,1 Prozent). Mit Stand Ende 2008 meldete Bertelsmann einen Jahresumsatz von 16,1 Milliarden Euro. 35 Prozent davon gehen auf die RTL Group zurück, 30,2 Prozent steuert Arvato bei, 16,8 Prozent Gruner + Jahr, 10,4 Prozent Random House und 7,6 die Direct Group.

Ende August 2009 kündigte Bertelsmann allerdings das umfassendste Sparprogramm der Firmengeschichte an. Die Krise auf dem Werbemarkt hatte dem Medienriesen im ersten Halbjahr einen Verlust von 333 Millionen Euro beschert. Um die Kosten noch in diesem Jahr um mehr als 900 Millionen Euro zu senken, sind mehr als 2500 Einzelmaßnahmen geplant. Tausende Stellen werden gestrichen.



insgesamt 56 Beiträge
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eikfier 04.10.2009
1. Manager von heute sind vaterlandslose Gesellen, leider zu oft...
Zitat von sysopBertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn führte schon in den siebziger Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung ein und legte ethische Grundsätze in einem Firmenkodex fest. Was können Manager heute von ihm lernen?
Auf Anhieb fällt mir dazu ein: 1.) Heutige Manager müßten mit ca.25% Ihres gesamten Vermögens für das Unternehmen haften und nur wie der erste Angestellte, aber das überdurchschnittlich, doch dafür öffentlich, bezahlt werden. 2.) Bei der Arbeitsnehmerschaft positive und negative(!) Unternehmens-Gewinnbeteiligung durchdrücken wollen, können,dürfen....Wie es das z.B. vor dem Kriege bei Zeiß,Jena schon vor der elendiglichen VEB-Sozialisierung und prima funktionierend gegeben haben soll! 3.) Verpflichtung, für kongenialen Nachfolger beizeiten zu Sorgen - was Mohn bei aller verdienten Hochachtung wie die meisten Patriarchen leider auch wohl nicht so richtig tat.
volkmargrombein 04.10.2009
2. Unternehmenspersönlichkeiten der Nachkriegszeit, was können wir lernen?
Zitat von sysopBertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn führte schon in den siebziger Jahren eine Mitarbeiterbeteiligung ein und legte ethische Grundsätze in einem Firmenkodex fest. Was können Manager heute von ihm lernen?
Der Artikel gibt, vermutlich aus Versehen einen Einblick frei in ein Unternehmen, dass sich darauf spezialisiert hat, die Meinung möglichst jedes Einzelnen zu bestimmen. So ist die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Netzwerk maßgeblich an einer Reihe Neo - liberalen Entwicklungen in unserem Land verantwortlich. Auch bei der Agenda 2010 war man, zwar nicht in vorderster Front, aber maßgeblich beteiligt! Auch die PPP forcierte die Stiftung massiv, bis hin zur Privatisierung von Verwaltungen.
maemo 04.10.2009
3. -
Zitat von volkmargrombeinDer Artikel gibt, vermutlich aus Versehen einen Einblick frei in ein Unternehmen, dass sich darauf spezialisiert hat, die Meinung möglichst jedes Einzelnen zu bestimmen. So ist die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Netzwerk maßgeblich an einer Reihe Neo - liberalen Entwicklungen in unserem Land verantwortlich. Auch bei der Agenda 2010 war man, zwar nicht in vorderster Front, aber maßgeblich beteiligt! Auch die PPP forcierte die Stiftung massiv, bis hin zur Privatisierung von Verwaltungen.
Zur Agenda 2010 kann man in der Wikipedia folgendes nachlesen: "Als Grundlage der Reform diente der „Wirtschaftspolitische Forderungskatalog für die ersten hundert Tage der Regierung“ der Bertelsmann-Stiftung, seinerzeit u.a. im Wirtschaftsmagazin Capital publiziert, dessen Inhalte zu weiten Teilen übernommen wurden." Der Artikel zur Bertelsmann Stiftung in der Wikipedia hat einen interessanten Unterpunkt "Kritik". Und die Nachdenkseiten von Albrecht Müller widmen der Stiftung eine ganze Rubrik: http://www.nachdenkseiten.de/?cat=27 Wenn man sich ein wenig mit dem Thema befasst, erscheint vieles in einem anderen Licht.
avollmer 04.10.2009
4. Zwiespältiges Erbe
Als Unternehmer, als politischer Mensch und als Mäzen war er ein Großer. Hier steht sein Wirken vorbildhaft. Als "Verleger" war er leider einer derjenigen, die der Uniformität des deutschen Printmedienmarktes extrem ihren Stempel aufgeprägt haben. Hier steht er beispielhaft für die Industrialisierung eines Kulturbetriebs, der unter dem Diktat des Marketings zu einem Sammelsurium von Klonen geworden ist. An der Spitze dieser Entwicklung steht zur Zeit als erfolgreichster Neulaunch ein Magazin einer Lebensmittelkette. Diese Entwicklungen wären ohne Herrn Mohns Wirken nicht derart extrem möglich gewesen.
Björn Borg 04.10.2009
5. Ich habe da mal zwei Fragen....
Ist das der Gründer desjenigen Bertelsmann-Konzerns, der in Europa eine Medienkonzentration betreibt, die nur in Berlusconi und Kirch ihresgleichen findet, und zu dem auch das CHE gehört, das seit nunmehr 15 Jahren unsere Bildungslandschaft evaluiert, solange bis nur noch stromlinienförmige Managertypen einen Hochschulabschluss erlangen, die jeden investierten Cent auch wert sind? Wieso wird so jemand hier als Visionär abgefeiert?
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