Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

GDL-Chef Weselsky: Unbeugsam, unkorrumpierbar, unbelehrbar

Von

Fast alle sind gegen ihn: Arbeitgeber, Politiker, Bahnkunden und sogar andere Gewerkschafter. Doch das ficht Claus Weselsky nicht an. Der Chef der Lokführergewerkschaft scheint an der Phalanx seiner Gegner sogar zu wachsen.

Berlin - Die rote Linie hat er selbst vorgegeben. Das "grundgesetzlich verbriefte Recht" der GDL, die Interessen ihrer Schützlinge zu vertreten, ist für Claus Weselsky nicht verhandelbar. Um keinen Preis. Bei Lohnerhöhungen oder der Reduzierung der Arbeitsbelastung sieht er viele Möglichkeiten. Aber in diesem Punkt nicht.

Fast triumphierend hob der Gewerkschaftsboss am Mittwoch den Entwurf eines Tarifvertrages in die Luft, als er in Berlin vor die Presse trat. Das Papier sei der Beweis, dass die Bahn nichts anderes im Sinn habe, als die Grundrechte der GDL einzuschränken. Mit erhobener Stimme verlas er sein Statement, kritische Nachfragen parierte er mit dem Verweis auf die Verfassung. "Wir lehnen das Schlichtungsangebot ab", lautete seine erste Botschaft, "hier sitzt ein unnachgiebiger Kämpfer", die zweite.

Dass er mit dem Streik seiner Lokführer die halbe Republik anhält, schmerzt ihn nach eigenem Bekunden. Aber die Schuld dafür sieht er bei den anderen. Ganz konkret bei der Bahn und ihrem Personalvorstand Ulrich Weber.

Wäre Weselsky Drogenfahnder und würde sich Dealern ähnlich unerschrocken entgegenstellen wie dem Bahnmanagement, man würde ihn als Helden feiern. So aber schaut die Republik auf diesen Mann, voller Sorge, dass in den kommenden Tagen während des Bahnstreiks das Chaos ausbricht.

Vor einiger Zeit hatte die Bahn Weselsky den Posten des Personalvorstands angeboten. Für viel Geld hätte er also die Seiten wechseln können, hätte ein gutes Gehalt, ein paar Probleme und wahrscheinlich eine ganze Reihe von Gegnern weniger. Selbst der Ansehensverlust hätte sich in Grenzen gehalten, wenn man sein derzeitiges Image als Maßstab heranzieht.

Manche werfen ihm Anmaßung vor

Aber Weselsky hat abgelehnt. Er lasse sich nicht kaufen, rief er am Mittwoch noch einmal den anwesenden Journalisten zu - obwohl das in diesem Kreis sowieso niemand von ihm dachte.

Das alles klingt zunächst einmal nach einem unbestechlichen Gewerkschafter, der mit allen Mitteln für seine Mitglieder und deren Interessen kämpft. Warum also erntet Weselsky landauf, landab so viel Ablehnung, ja Hass?

Natürlich gibt es diejenigen, die ihn schlicht für anmaßend halten. Er will auch die Rechte der Zugbegleiter durchsetzen, obwohl doch die Konkurrenzgewerkschaft EVG nach eigenem Bekunden die überwiegende Mehrheit von ihnen zu ihren Mitgliedern zählt. Juristen tun sich allerdings schwer, der GDL deshalb das Recht auf einen Streik abzusprechen.

Andere wiederum werfen Weselsky persönliches Machtstreben vor. Es gehe gar nicht um die Interessen der Bordkellner und Fahrkartenkontrolleure, sondern um die Ausschaltung der EVG. Weselsky selbst hat solche Vorwürfe in der jüngsten Vergangenheit des Öfteren geschürt, indem er die EVG als "handzahme Hausgewerkschaft" abqualifizierte und ihr Totalversagen vorwarf. Sein Vorgänger auf dem Chefsessel der GDL, der selbst nie zimperliche Manfred Schell, bereut inzwischen öffentlich, Weselsky auf den Schild gehoben zu haben: "Der stellt sich hin, als würde er zum Heiligen Krieg aufrufen. Nur um sein Ego zu stärken".

Starrsinn statt Geradlinigkeit

Doch sein Machtwille allein kann es nicht sein, der so viel Unbehagen auslöst. Den haben andere Gewerkschaftschefs auch, bei Managern und Politikern gilt er sogar als unverzichtbar für die Karriere. Verstörend wirkt vielmehr die Unbeweglichkeit, die der Gewerkschaftsführer in der Öffentlichkeit ausstrahlt. Sein Argument, ein grundgesetzlich verankertes Streikrecht sei nicht verhandelbar, wiederholt er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Einwände lässt er nicht gelten, er setzt sich nicht einmal mit ihnen auseinander, zumindest nicht öffentlich. Auch in den Gremien, die über die Strategie der GDL entscheiden, duldet er keinen Widerspruch, wie Insider berichten. Für ihn existiert nur die eine Wahrheit. Schwarz oder weiß.

In einer dem Konsens verpflichteten Gesellschaft, in der sich die meisten Menschen einig sind, dass es eben nicht nur schwarz und weiß gibt, richtet das kompromisslose Pochen auf den eigenen Standpunkt Schaden an, denn es berührt den Kern eben dieser Übereinkunft.

Vor diesem Hintergrund wirkt Weselskys Selbstbild vom aufrechten Gewerkschafter, wie es nach seinen eigenen Worten kaum einen mehr gibt, plötzlich anmaßend und autoritär. Der GDL-Chef lässt kein Zucken, keine Unsicherheit erkennen. Es steht zu befürchten, dass er das noch eine Weile lang durchhält.

Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn
Was will die GDL?
Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Zusammengerechnet ergibt sich eine Steigerung von 15 Prozent. Weselsky will zudem künftig nicht nur Tarife für die rund 19.000 Lokführer aushandeln, sondern auch für die Zugbegleiter und Rangierführer unter den GDL-Mitgliedern. Bislang wurden diese von der Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten.
Was bietet die Bahn?
Die Bahn bietet eine dreistufige Einkommenserhöhung um fünf Prozent, verteilt auf 30 Monate. Dazu eine Einmalzahlung von rund 325 Euro. Konkurrierende Tarifverträge innerhalb einer Berufsgruppe will der Konzern aber in jedem Fall vermeiden. Die Bahn hatte angeboten, bei Tarifgesprächen künftig parallel mit GDL und EVG zu verhandeln. Sollte dann nur eine Gewerkschaft einem Kompromiss zustimmen, soll dieser auch nur für ihre Mitglieder gelten. Die andere Gewerkschaft soll nach Willen der Bahn dann aber nicht mehr streiken dürfen.
Was kosten Bahnstreiks die Wirtschaft?
Streiks bei der Deutschen Bahn kosten die Wirtschaft nach Prognose von Forschern schnell einen dreistelligen Millionenbetrag, abhängig von Länge und Intensität. "Bei durchgängigen Streiks von mehr als drei Tagen sind in der Industrie Produktionsunterbrechungen zu erwarten", schreibt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). "Die Schäden können dann schnell auf mehr als 100 Millionen Euro pro Tag steigen."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 308 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was soll er machen?
Dr. Elmo 05.11.2014
Ich habe Claus Weselsky vor ein paar Wochen persönlich kennengelernt. Eigentlich ein netter Mensch, nicht sonderlich auffällig, auch mal für ein Späßchen zu haben. Aber eben - Gewerkschafter. Immer auf Knopfdruck dieses Gewerkschaftssprech drauf. Bla Bla Bla - Tarif. Bla Bla Bla - Forderungen. Er hat sich vermutlich einfach verrannt. Das ist jetzt riesengroß geworden, sicherlich größer, als er es erwartet hat. Claus Weselsky legt Deutschland an die Kette. Alle wollen ihn bespucken, aber er kann nicht mehr zurück. Wenn er den Mega-Streik abblasen würde, wäre er intern erledigt. Was soll er tun? Ich weiß es auch nicht.
2. Die GDL Chefs sollten sofort zurücktreten!
thunderstorm305 05.11.2014
Es geht hier nicht um das Streikrecht an sich. Früher bevor das Bundesarbeitsgericht plötzlich entschieden hat dass die Tarifeinheit nicht mehr verfassungsgemäß wäre, hat die Streikkultur zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gut funktioniert. Es wurden Abschlüsse für den gesamten Betrieb ausgehandelt. Auch die weniger privilegierten Arbeiter bekamen ihren Anteil. Weshalb kann man nicht zurück zur alten guten Tarifeinheit?Was jetzt abläuft ist der Machtkampf einer Minigewerkschaft die nicht nur den Waren- und den Personenverkehr in ganz Deutschland lahm legt, sondern alle beeinträchtigt. Jeder muss zur Arbeit kommen und in den nächsten Tagen in entsprechenden Staus sitzen. Hier geht es nicht um ein Grundrecht sondern um eine wahnwitzige Forderung von 15% mehr Lohn, um bei anderen Gewerkschaften zu wildern. Die gesamte GDL Gewerkschaft sollte gezwungen werden ihren Hut zu nehmen. Es ist eine Unverschämtheit dass sich deren Chef auch noch als charismatisch bezeichnet.
3.
BonChauvi 05.11.2014
Ich kann Weselsky verstehen. Der Mann kann gar nicht mehr anders. Er hat sich durch die selbst gesteckten hohen Ziehle unter Erfolgsdruck gesetzt. Wenn er zurückrudert hat er verloren. So lange seine eigenen Leute noch hinter ihm stehen - was offensichtlich der Fall ist - und auf Zuruf lustig streiken, kann man ihm nicht viel anhaben. Mal sehen, welche Verluste die Bahn hinzunehmen bereit ist.
4.
stauner 05.11.2014
Mir geht das Gestänkere von euch langsam auf die Nerven. Die Lockführer haben meine volle Unterstützung. Warum? Bis in die 80er waren Lockführer Beamte und bekamen guten Lohn. Dann kamen die Spezis in Bonn auf die Idee, die Bahn müsse privatisiert werden. Auch Nahles war damals dafür! Sie nahmen den Bahnern den Beamtenstatus und seither haben die genausowenig Lohnsteigerungen bekommen, wie der Rest von uns. Ein Lockführer mit 20 Jahren Berufserfahrung und zwei Kindern bekommt etwa 1700 Euro Brutto. Ich finde es völlig richtig, dass sie Streiken. Wer jetzt über "Verhältnismäßigkeiten" motzt, ist schlichtweg zu jung sich an die grossen Streiks in den 70er und 80er von den Metallern zu erinnern. Seither haben die Gewerkschaften jeden Mist geschluckt und mitgemacht. Entweder durfte der Aufschwung nicht gefährdet werden oder wegen der Krise abwechselnd mussten wir alle auf jede Reallohnsteigerung in den letzten 20 Jahren verzichten. Die Privatisierer bekommen jetzt, was sie selber angerichtet haben. Es ist unglaublich, dass jetzt ein Grundrecht eingeschränkt werden soll, weil eine Gewerkschaft sich erfolgreich wehrt. Wir sollten nicht über die Bahner schimpfen, sondern sie zu einem Vorbild für uns machen, ich denke viele die über Streiks schimpfen, tun das nur aus Neid vor einem erfolgreichen Arbeitskampf, den sie selber nie erleben durften.
5. unkorrumpierbar
Gottloser 05.11.2014
wurde der nicht von den Fernbusbetreibern gekauft, lum die Bahn in Grund und Boden zu fahren. Die Lokführer (Vorschlag 1936: die Ziehführer) werden dann bald zu den Hungerlöhnen der Fernbusunternehmen Busse fahren. Weselsky sei Dank, dass sie wenigstens noch eine Arbeit gefunden haben. Im Bahnbetrieb der Deutschen Bahn arbeiten Leiharbeitskräfte aus allen Ländern Europas, die schon mal einen Zug gefahren sind. Selbst Frauen wurden in den letzten Monaten als S-Bahn-Fahrerinnen entdeckt. Wenigstens hat die GDL einen Ausschlussparagraphen gegen die langhaarige Konkurrenz. (So nannten die Drucker die weiblichen Beschäftigten an den Setzmaschinen). Auch so eine Spartengewerkschaft, die von der technischen Entwicklung überholt wurde.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Verkehrslage in Deutschland
Bahn-Unternehmen
Die Deutsche Bahn informiert auf dieser Seite sowie unter der kostenpflichtigen Telefonnummer 0180-6996633 über kurzfristige Verkehrsbehinderungen im Regional- und Fernverkehr. Die kostenlose Hotline mit der Nummer 08000-996633 ist nur in Sonderfällen geschaltet. Die Web-Seiten der sechs privaten Bahnunternehmen:

Abellio
Arriva
Benex
Hessische Landesbahn
Keolis
Veolia Verkehr
Straßenverkehr
Gezielt können Autofahrer Autobahnen, Strecken und Orte nach Staus und Baustellen abfragen unter:

ADAC
Verkehrsinformation.de
Flughäfen
Fluglinien
Aktuelle Informationen über Verspätungen und Flugausfälle geben die Airlines auf diesen Websites bekannt:

Air Berlin Air France
British Airways
Condor
Germanwings
Iberia
Lufthansa
Ryanair
SAS Scandinavian Airlines
Southwest Airlines
Tuifly
United Airlines
Bahngewerkschaften
Welche Gewerkschaften spielen eine Rolle in der Bahnbranche?
Mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) und der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) gibt es in der deutschen Bahnbranche zwei rivalisierende Gewerkschaften. Bis Ende 2010 waren es sogar drei - bis Transnet und die Verkehrsgewerkschaft GDBA zur EVG fusionierten.
Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG)
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ist mit 240.000 Mitgliedern die größte Interessensvertretung der Beschäftigten in der Bahnbranche. Sie ist Ende 2010 aus der Fusion von Transnet und GDBA hervorgegangen, die zuvor schon kooperiert hatten. Die EVG gehört dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) an. Ihre Mitglieder kommen aus allen Bereichen der Deutschen Bahn sowie von privaten Bahn- und Busgesellschaften.
Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GdL)
Die 1867 als Verein Deutscher Lokomotivführer gegründete GDL hat 34.000 Mitglieder. In ihr sind nach Gewerkschaftsangaben rund 75 Prozent der Lokführer bei der Deutschen Bahn und ein Drittel der Zugbegleiter organisiert. Die GDL gehört dem Beamtenbund an.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: