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"Club of Marrakesh"-Gründer Kolb: Der Punk-Innovator

Von Markus Grundmann

Bernd Kolb war Punk, erfolgreicher Internetunternehmer und Telekom-Vorstand. Jetzt will er die Welt verbessern - und hat im "Club of Marrakesh" Dutzende kluge Köpfe vereint. Binnen weniger Jahre will der Multimillionär so eines der einflussreichen Netzwerke der Welt schaffen.

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Alexander von Spreti

"Club of Marrakesh"-Gründer Kolb: "Ich bin Innovationsmanager, ein Handwerker"

Es war eine dieser lauen Nächte, irgendwann im vergangenen Sommer. Die Sterne standen hell am Firmament und aus den Gassen der Medina, der Altstadt von Marrakesch, wehte der Geruch von Jasmin und Myrte herauf aufs Dach. Eine Handvoll Männer und Frauen hatte sich dort um Bernd Kolb, den Herrn des Stadtpalasts AnaYela, auf den "Fliegenden Teppich" gebettet, und die Gedanken flossen. Weit, weit weg. Die Natur - ihre Zerstörung! Die Menschen - ihre Unterdrückung! Die Welt - ihr Ende!

Es waren mächtige Männer, die sich dort auf dem Teppich herumlümmelten. Chefs großer Konzerne mit großer Verantwortung. Und weil große Männer große Gedanken gewohnt sind, fassten sie einen Entschluss, den viele fassen, aber nur wenige tatsächlich umzusetzen imstande sind: Wir retten die Welt! Einer der Männer, "den man kennt", wie Kolb es formuliert, sagte am Ende dieser Nacht: "Wenn ich sterbe und der Film meines Lebens abläuft, ist diese Nacht dabei."

Wenn man so will, dann ist Bernd Kolb der Sindbad in dieser Geschichte aus 1001 Nacht, der sich wie der Seefahrer aus dem Orient seit jeher, aber besonders seit jener Nacht auf eine Reise voller Abenteuer und Entdeckungen gemacht hat. Der Name seines Schiffes: Club of Marrakesh. Mit an Bord: einige der besten Köpfe der Welt. "Wir verbinden die besten Unternehmer, Politiker, Künstler, Religionsführer, Wissenschaftler und Innovatoren zu einem internationalen Netzwerk, zu einem Think Tank mit den klügsten Köpfen aus allen Kontinenten und Kulturen."

Sein Club will Plattform sein für die Transformation zu einer in allen Belangen nachhaltig agierenden Gesellschaft, die Fortsetzung des Club of Rome mit den Erweiterungen der rein ökologischen Dimension um die der sozialen und ökonomischen. Kolb formuliert es so: "Wäre der Club of Rome von Unternehmern gegründet worden, wäre es der Club of Marrakesh geworden."

Bevor es so richtig losgeht, braucht Sindbad noch einen Kaffee. Der 48-jährige Kolb sitzt auf dem Sofa eines Cafés in einem der Hinterhöfe Kreuzbergs, um die Ecke liegt seine Wohnung. In einer Gegend, wo Graffiti wie "Den Kapitalismus im Alltag sabotieren" auf die Häuserwände gesprüht sind und Mülleimer schief an ihren Pfosten hängen. "Klasse Gegend", sagt Kolb. "Ich kann mit dem Punk in der Kneipe genau so viel Spaß haben wie mit dem CEO beim Dinner."

Die Manager schätzen Kolbs Gespür für "the hottest shit"

Kolb macht keine Sprüche, er kennt sich aus in beiden Welten. 15 Jahre alt und gerade der gutbürgerlichen Stube in Aalen erwachsen, ist er Leadsänger in der Punk-Band "Blitzkrieg", zerrissene Jeans, gefärbte Haare, Gitarrengeheul, Gebrüll. Sein einziges Ziel bei seinen Auftritten: den Abbruch provozieren. Kolb lacht und sagt: "Hat auch immer geklappt. Spätestens nach einer halben Stunde war Schluss."

Es ist das Unbekannte, Irre, Unkonventionelle, das Bernd Kolb reizt. Und es ist das Fundament seines Erfolgs, der 1988 beginnt, als er die Kreativagentur I-D Media gründet. Er denkt immer noch eine Schlaufe weiter als die Konkurrenz, ist risikobereiter, wacher. Das spricht sich rum. Seine Kunden werden schnell mehr und größer: Chevignon, Mustang Jeans, Lee Jeans. Die Manager schätzen Kolbs Gespür für "the hottest shit" und bleiben auch dann noch sitzen, wenn er ihnen nach dem ersten Gespräch eröffnet: "Gebt mir ein Budget und lasst mir sechs Wochen Zeit. Kann sein, dass am Ende was Brauchbares rauskommt."

Dann zündet er die nächste Stufe. Bei einem Besuch in New York Anfang der Neunziger erzählt ihm "ein Freak mit viereckigen Augen" von einem System namens Internet, das gerade seinen Siegeszug in der In-Szene der Stadt antritt. Kolb setzt sich in einen Laden in Manhattan an einen Computer mit Internetzugang und beginnt, in eine neue Dimension zu reisen. "In dieser Sekunde war mir klar: Das ist Revolution!"

In Aalen lässt er sich einen Computeranschluss legen, er hat die Compuserve-Kundennummer 61. Fortan verknüpft er seine Kreativtätigkeit mit dem neuen Medium, schnell wird er zum Dienstleister und gefragten Gesprächspartner der Vorstände von West, Sony, Telekom, Siemens, Swatch, Toshiba. Die Internet-Szene verleiht ihm den Ehrentitel "Kolumbus des Cyberspace".

Und Kolumbus segelt. Bis an die Börse. 1999, die Krise am Neuen Markt ist in den Köpfen allzu fern, geht er mit seiner Firma aufs Parkett, sein Freund Lothar Späth, Ex-Ministerpräsident im Ländle, ist an diesem Tag mit dabei, als I-D Media von jetzt auf gleich 300 Millionen Mark reicher ist.

Sein Rezept: Innovation, seine Köche: Menschen mit Visionen

Kolb steht auf dem bisherigen Zenit seines Erfolgs, seine Träume, wie mit einem Nomadenvolk durch die Wüste zu ziehen oder Klavier spielen zu lernen, müssen weiter warten. Stattdessen hat er Geld. "Ich hatte in meinem Leben viel davon. Und ich weiß, was man alles damit machen kann", sagt er und setzt wieder dieses Grinsen auf. Was wohl heißen soll: Glaubt mir, ich habe nichts ausgelassen. Und es hat verdammt viel Spaß gemacht.

Nachdem er seine Firma heil durch die Krisenjahre gebracht hat, nach 90 Auszeichnungen und Millionen Gewinnen, verkauft er seine Mehrheitsanteile an I-D Media und geht. Auf zu neuen Ufern! Am Strand steht 2005 die Telekom und winkt mit einem Vorstandsposten, Bereich Innovation, Verantwortung für 200.000 Mitarbeiter. Kolb, der Reisende, wird an seinem Stuhl festgetackert, fremdbestimmt und gesteuert von einer Flut der Aufgaben.

Kolb will das nicht, das ist nicht er. Das ist nicht Punk. Er geht. Hinein in eine Welt am Rande des Kollaps, von der US-Vizepräsident Al Gore in einer flammenden Rede berichtet, der Kolb 2006 beiwohnen darf und die ihn tief beeindruckt. Kolb will die unbequeme Wahrheit mit eigenen Augen sehen, er reist zwei Jahre gemeinsam mit seiner Frau Andrea zu den Orten, über die Gore gesprochen hat: Sie sind in China und schauen sich die T-Shirt-Produktion für die westliche Welt an, stehen neben den Maschinen zur Herstellung von Chicken McNuggets, wandern am Ufer des vergifteten Aralsees.

Und wenn sie nicht mit dem Koffer unterwegs sind, dann reisen sie im Netz umher, immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen. "Wir waren wie Kinder", sagt Kolb. "Alle zehn Minuten hat einer von uns dem anderen zugerufen: 'Komm her, das muss ich dir zeigen!'" Für Kolb steht am Ende der Reise fest: "Es muss etwas Grundlegendes passieren. Wir brauchen ein radikales Umdenken, einen Paradigmenwechsel. Die Frage der Zukunft darf nicht mehr lauten: Was hast du Schickes gekauft? Sondern: Für welches Thema engagierst du dich?" Sein Rezept: Innovation. Seine Köche: Menschen mit Visionen - und der Macht, die Welt besser machen zu können.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. lächerlich
soundflow 31.07.2011
bernd kolb hat ende der 90er seine firma id media künstlich aufgeplustert, um dann mit völlig übertriebenem aktienausgabepreis an die börse zu gehen. er und ein paar andere haben damit einen mordsreibach gemacht, er hatte soviel vertrauen in seine firma das er sofort 1 million seiner eigenen aktien verkauft hat, und schon 1 jahr später war die aktie auf ramschwert. diesem geschicktem täuscher und abzocker so eine weltretter geschichte bei spiegelonline zu widmen und ihn auch noch als innovator hinzustellen ist grober journalistischer unfug, recherchieren sie denn garnicht mehr? an diesem mann ließe sich stattdessen wunderbar eine geschichte erzählen wie man sich mit leeren phrasen, grössenwahn, eine aus einem siencefiction buch geklaute idee und ein paar tüten weed zum multimillionär schwindeln kann.
2. Ich weis nicht,
fort-perfect 31.07.2011
aber ich habe bei solchen Leuten und solchen Geschichten immer das Gefühl, da kommt eine Horde von Schwätzern und zieht den ach so Erfolgreichen mit absurden Geschichten das Geld aus der Tasche.... aber vielleicht bin ich ja auch nur engstirnig und kleingeistig....
3. .
Carnival Creation, 31.07.2011
wenn Kapitalisten die Welt retten wollen, wird mir immer schlecht. Einen größeren Antagonismus KANN es garnicht geben. Die wollen nur, daß alles so weiter läuft, damit ihr Geld weiter einen Wert behalten kann und haben immerhin erkannt, daß ein BISCHEN Freiheit und Lebensgrundlage dazu halt doch notwendig ist. Daß Konzernleiter mehr Macht haben als Staatenlenker ist schon ein ultimativer Systemfehler. Daß sie offen anfangen, demokratisch nicht legitimierte Netzwerke bilden zu wollen, um die Welt zu retten, sollte uns allen große Angst machen.
4. Noch lächerlicher
Transmitter, 31.07.2011
Zitat von soundflowbernd kolb hat ende der 90er seine firma id media künstlich aufgeplustert, um dann mit völlig übertriebenem aktienausgabepreis an die börse zu gehen. er und ein paar andere haben damit einen mordsreibach gemacht, er hatte soviel vertrauen in seine firma das er sofort 1 million seiner eigenen aktien verkauft hat, und schon 1 jahr später war die aktie auf ramschwert. diesem geschicktem täuscher und abzocker so eine weltretter geschichte bei spiegelonline zu widmen und ihn auch noch als innovator hinzustellen ist grober journalistischer unfug, recherchieren sie denn garnicht mehr? an diesem mann ließe sich stattdessen wunderbar eine geschichte erzählen wie man sich mit leeren phrasen, grössenwahn, eine aus einem siencefiction buch geklaute idee und ein paar tüten weed zum multimillionär schwindeln kann.
Ihren Beitrag kann ich nur nachdrücklich unterstreichen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Art Gefälligkeitsartikel. Wenn SPON auf ein derart peinliches Niveau absinken sollte, kann ich auch den SPON-Link löschen. Ausgerechnet Bernd Kolb als "Modell-Unternehmer" hinzustellen, ist schon ein starkes Stück. Und ein harter Schlag ins Gesicht echter, schöpferischer und risikofreudiger Unternehmer.
5. Weltenretter?
sittingbull, 31.07.2011
Hâroun ar-Rashid, Sinbad und Peter Pan in einer Person (etwa mit einem Hauch Stavisky?). Und in seinem Kondenzstreifen jagt Egon Erwin - Markus Grundmann vom Kreuzberger Hinterhof zu den Schlangenbeschwoerern des Jemâa el-Fna! Mein Gott, was fuer ein Schwachsinn, Herr MG! Haben Sie sich damit nun die Mitgliedskarte im Club der Weltenretter erschrieben? LOL
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