Coca-Cola Wirbel um geheimes Coke-Rezept

Sie gilt als eines der bestgehüteten Firmengeheimnisse der Welt - die Formel von Coca-Cola. Jetzt will ein US-Radiosender ein Originalrezept entdeckt haben. Der Konzern dementiert, doch die Meldung verbreitete sich rasant. Eine Geschichte von der Macht des Marketings.

Von , New York

Cola-Flaschen: Erfolgs-Mischung entschlüsselt?
AP

Cola-Flaschen: Erfolgs-Mischung entschlüsselt?


Die "World of Coca-Cola" hat alles, was das Sprudelherz begehrt. Millionen Coke-Fans sind bereits durch das vier Jahre alte Brausemuseum in Atlanta gepilgert, vorbei an "Schmeckautomaten", Dioramen und Abertausenden Artefakten: Originalflaschen aus dem 19. Jahrhundert, historische Lieferwagen, ein 3-D-Film über die sagenumwobene Geschichte des Getränks.

Nur eines gibt's in der kunterbunten Colawelt nicht zu finden - das Geheimrezept von Coca-Cola, des erfolgreichsten Softdrinks der Welt.

Das liegt nämlich im Haupttresor der SunTrust-Bank in Atlanta, in einfacher, schriftlicher Ausfertigung, nicht weit von der Konzernzentrale entfernt. Den Schlüssel dazu haben angeblich nur zwei Top-Manager, die wiederum, so die gut gepflegte PR-Legende, nicht mal dasselbe Flugzeug nehmen dürften, auf dass die kostbare Formel im Fall eines bedauernswerten Absturzes ja nicht verloren gehe.

Schon oft wollen findige Forscher die Mischung entschlüsselt haben - letztlich stets erfolglos. Diesmal aber scheint es wirklich ernst. "Platz da, WikiLeaks!", triumphiert die Coke-Heimatzeitung "Atlanta Journal-Constitution" ("AJC") schon, in zeitgemäßer Anspielung auf die vieldiskutierte Polit-Enthüllungsplattform.

Denn nicht WikiLeaks soll das Rätsel diesmal gelöst haben, sondern eine US-Radiostation. "Dieses angeblich geheime Rezept hat sich seit 30 Jahren in aller Öffentlichkeit versteckt", behauptet Ira Glass, der Moderator der wöchentlichen Radioshow "This American Life" im öffentlichen Sender NPR, die von Chicago aus landesweit rund 1,7 Millionen Zuhörer erreicht. "Aber nein, es ist kein Geheimnis."

"This American Life" will eine Kopie der Formel entdeckt haben - im Archiv des "AJC", in einer Lokalkolumne vom 18. Februar 1979, Seite 2B.

"Schmeckt nach Medizin"

Die Kolumne enthält tatsächlich das Foto einer Seite eines Notizbüchleins, darauf eine handgeschriebene Mixtur aus diversen Ingredienzen. Das Rezeptbuch gehörte einem Freund John Pembertons, jenes legendären Apothekers, der Coca-Cola 1886 erfunden hatte. Es wanderte von einer Hand in die andere und landete schließlich bei Everett Beal, ebenfalls Apotheker und ein Angelfreund des "AJC"-Kolumnisten Charles Salter, der es wiederum in besagtem Artikel veröffentlichte.

Auch Radiotalker Glass, bekannt als "der Geschichtenerzähler der Nation", nähert sich der vermeintlichen Sensation zunächst nur mit amüsierter Distanz, untermalt von quäkender Dixieland-Musik. Er interviewt Augenzeugen, darunter Beals Witwe Judy, die die Entstehungsgeschichte prinzipiell bestätigt. Schließlich lässt er das Rezept nachmischen und unterzieht sich mehrerer, schmatzender Selbstversuche.

"Nicht schlecht", murmelt er nach dem ersten Test, wiewohl leise enttäuscht. "Schmeckt zu sehr nach Medizin." Das Ganze sei "ein nach Limonen und Kinderaspirin schmeckendes Durcheinander". Erst ein Remix goutiert besser.

Trotzdem: Binnen kürzester Zeit verbreitete sich die Nachricht durchs Internet und dann durch die Massenmedien. Am Dienstag wurde Coca-Cola zum heißen Trend-Topic auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Die Website von "This American Life" brach zusammen, weil zu viele das kolportierte Rezept herunterladen wollten.

"Los Angeles Times" und "Time" legten nach. Die Networks ABC und CBS meldeten es am Dienstag in ihren Hauptabendnachrichten. CNN schickte einen investigativen Reporter an die Coke-Front. Selbst die zurückhaltende "Washington Post" jubilierte: "Eines der größten Mysterien unserer Zeit ist geknackt."

"Es gibt nur ein 'Real Thing'"

In der Tat ist die Coke-Formel bis heute eines der bestgehüteten Firmengeheimnisse der Welt. Der US-Finanzblog "DailyFinance" zählt es zu den zehn "wertvollsten" Markentricks der Wirtschaftsgeschichte. Mit in diesem Olymp: die Rezepte für Thomas' English Muffins, Kentucky Fried Chicken und Chartreuse.

So wichtig ist dem Coke-Konzern die eigene Legende, dass er die Mischung nie hat patentieren lassen: US-Patente laufen nach 20 Jahren aus und müssen bei einer Verlängerung offengelegt werden. Selbst die Versuche der hausinternen Nahrungsmittelchemiker selbst, mit der Formel herumzuspielen, scheiterten grandios, etwa 1985 bei der Einführung von "New Coke", die keiner trinken mochte.

Kein Wunder also, dass der Coke-Konzern - der gerade erst hervorragende Quartalsergebnisse verkündet hat - auch die jüngste Entdeckung prompt dementiert. Coke-Archivchef Philip Mooney begab sich zur Klarstellung ins NPR-Studio und probierte die Versuchsbrause, Jahrgang 1979. "Könnte das ein Vorläufer sein? Ja, absolut", sagte er kühl. "Ist es das, was auf den Markt ging? Ich glaube nicht."

Das Dementi war zu verklausuliert, um die Aufregung zu dämpfen. Schließlich ergriff am Dienstag Coke-Sprecherin Kerry Tressler das Wort. "Viele Drittparteien haben versucht, unsere Geheimformel zu knacken", sagte sie. "So oft sie es auch versuchen, sie sind nie erfolgreich gewesen, denn es gibt nur ein 'Real Thing'."

Dementi? Ausflucht? Ein weiterer Marketing-Gag? Bevor "This American Life" die Episode ausstrahlte, lag die Coke-Aktie bei fast 65 Dollar. Am Dienstag schloss sie mit 63,19 Dollar.

Ach ja, und hier ist es, besagtes Rezept von 1979 - zumindest die Zutaten: Koka-Extrakt, Zitronensäure, Koffein, Zucker, Wasser, Limettensaft, Vanille, Karamell, Alkohol, Orangenöl, Zitronenöl, Macisöl, Korianderöl, Neroliöl, Zimtöl. Dann merkt "The American Life" noch hilfreich an: "Alles kann online gekauft werden."

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mensch0815 16.02.2011
1. Da lacht ja der Weihnachtsmann
Zitat von sysopSie gilt als eines der bestgehüteten Firmengeheimnisse der Welt - die Formel von Coca-Cola. Jetzt will ein US-Radiosender ein Originalrezept entdeckt haben. Der Konzern dementiert, doch die Meldung verbreitete sich rasant. Eine Geschichte von der Macht des Marketings. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,745819,00.html
Marketing ist für eine Marke oder Produkt nun mal alles. Wer würde denn Coke, iPad, addidas, Mercedes usw. kaufen wenn das Image ein ganz Anderes wäre. Keiner würde einen Mercedes kaufen wenn die Marke den Charme von Schrottplatz und Werkstattdauerbesuch verbreiten würde. Gerade an Marken wie RedBull und Bionade kann man doch sehen, wie wichtig Marketing ist. Und CocaCola macht es doch nur vor wie erfolgreiches Marketing läuft. Selbst wenn man keine Cola trinkt - man kennt trotzdem die Marke an sich und das muss man erst einmal schaffen. Respekt! Jede andere Firma auf dieser Welt wäre doch schon freudig überrascht, wenn man 20% des Bekanntheitsgrades von CocaCola hätte. Henry Ford hat mal zu diesem Thema gesagt:"Wenn eine Ente ein Ei legt, dann tut sie das still und zurückgezogen in einem Busch. Wenn jedoch ein Huhn ein Ei legt, so gackert es laut und flattert herum. Und der Erfolg? Die ganze Welt isst Hühnereier!" in diesem Sinne weiter so.
pannen 16.02.2011
2. Cola?
Wer trinkt den Mist denn eigentlich noch? Normale Cola enthält Tonnen von Zucker und die Light-Variante enthält Aspartam - ein Zusatz, der eigentlich sofort verboten werden müsste.
peter-k 16.02.2011
3. Nur ein Marketingcoup
Das Geheimnis um dieses angebliche Geheimrezept ist schlicht Unfug. Jedes Aromenhaus kann in Minuten eine von Coca Cola nicht unterscheidbare Brause herstellen. Außerdem gibt es "das Rezept" gar nicht. Denn Coca Cola schmeckt in jeder Region leicht anders, d.h. das Produkt wird den örtlichen Präferenzen angepasst.
ohne_sorge 16.02.2011
4.
Okay die Liste der Zutaten soll sein "Koka-Extrakt, Zitronensäure, Koffein, Zucker, Wasser, Limettensaft, Vanille, Karamell, Alkohol, Orangenöl, Zitronenöl, Macisöl, Korianderöl, Neroliöl, Zimtöl." Ich kann mir nicht vorstellen, dass das stimmt, schließlich müsste Alkohol bei den Inhalten ausgewiesen werden. Damit würde ich auch schon die ganze Liste als ungleubwürdig anzweifeln...
Oberleerer 16.02.2011
5. .
Ich kann an sowas nicht glauben. Wer stellt die Cola her, wenn niemand das Rezept kennt?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.