Neue Strategie der Commerzbank: Gescheiterter Gigant sucht Spargroschen

Von

Die Commerzbank wollte ein Geldhaus internationalen Formats sein. Doch der Plan ging gründlich schief. Wenn Konzernchef Blessing in dieser Woche die neue Strategie verkündet, geht es nur noch um Mangelverwaltung. Die Bank büßt für die Fehler der Vergangenheit.

Commerzbank-Turm: Das höchste Gebäude Frankfurts symbolisiert den einstigen Anspruch Zur Großansicht
dapd

Commerzbank-Turm: Das höchste Gebäude Frankfurts symbolisiert den einstigen Anspruch

Hamburg - Seit vergangener Woche ist es amtlich: Die Commerzbank gehört nicht mehr zu den Großen der Finanzwelt. Sang- und klanglos rutschte das einst so stolze deutsche Geldhaus aus der Liste der sogenannten global systemrelevanten Banken, von denen die internationalen Regulierungsbehörden besondere Sicherheitsvorkehrungen verlangen. Die Commerzbank ist jetzt ganz offiziell nur noch in Deutschland von Bedeutung.

Das hatte sich Martin Blessing eigentlich ganz anders vorgestellt. Als er im Spätsommer 2008 die Fusion mit der Dresdner Bank verkündete, wollte er "einen Marktführer mit europäischem Format" schaffen. "Wir sind besser denn je aufgestellt, um weiter zu wachsen", tönte Blessing damals.

An diesem Donnerstag muss Blessing wieder vor die Öffentlichkeit treten - er will die neue Strategie der Bank bis 2016 vorstellen. Doch diesmal geht es nicht mehr um ehrgeizige Wachstumspläne, sondern um Mangelverwaltung.

Die Commerzbank Chart zeigen hat eine radikale Schrumpfkur hinter sich. Lag ihre Bilanzsumme im März 2009 noch bei mehr als einer Billion Euro, sind es heute gerade mal noch 673 Milliarden Euro - Tendenz fallend. Vom Anspruch, ein zweiter "nationaler Champion" neben der Deutschen Bank zu sein, ist nicht mehr viel geblieben. Stattdessen muss sich Konzernchef Blessing immer öfter den Sparkassen-Vergleich anhören.

"Zielsicher die falschen Sachen gekauft"

Die Bank, die vor vier Jahren mit 18 Milliarden Euro Staatsgeld vor dem Bankrott gerettet werden musste, hat zuletzt vor allem die Fehler der Vergangenheit weggeschrumpft: Den Großteil des Investmentbankings, das sie von der Dresdner Bank übernommen hatte, den Immobilien- und Staatsfinanzierer Eurohypo sowie die ukrainische Tochtergesellschaft Bank Forum - alles Konzernteile, die Blessing und sein Vorgänger Klaus-Peter Müller zuvor mit viel Tamtam einkauft hatten und die dann zur Last wurden. "Das Management hat damals zielsicher genau die Sachen gekauft, die jetzt keiner mehr haben will", sagt Dieter Hein vom unabhängigen Analysehaus Fairesearch.

Im Sommer musste Blessing sogar das Ende der Schiffsfinanzierung und des gewerblichen Immobiliengeschäfts verkünden - zwei Bereiche, die er drei Monate zuvor noch zum Kerngeschäft erklärt hatte. Nun sollen die Reste in einer Bad Bank entsorgt werden. Auf der hauseigenen Finanzmüllhalde liegen mittlerweile Kredite und Wertpapiere im Umfang von 160 Milliarden Euro.

Übrig bleiben nun neben einem rudimentären Investmentbanking und der polnischen Tochter BRE vor allem zwei Bereiche, die die Zukunft der Bank bilden sollen: die Mittelstandssparte und das Privatkundengeschäft.

Während das Geschäft mit den Firmenkunden dank der robusten Konjunktur zuletzt ordentlich lief, ist das Privatkundensegment zum Problemfall der Bank geworden. Im zweiten Quartal des Jahres verdiente sie hier gerade einmal 14 Millionen Euro.

Das war eigentlich anders geplant. Als Blessing Anfang 2009 seine sogenannte "Roadmap 2012" vorstellte, hatte er große Pläne für das Geschäft mit den rund elf Millionen Privatkunden: Die Sparte sollte 2012 einen operativen Gewinn von rund einer Milliarde Euro abwerfen - ein Ziel, das nach Ansicht von Experten selbst in den kommenden Jahren kaum zu erreichen sein dürfte.

Schuld daran ist nicht nur die verpatzte Fusion mit der Dresdner Bank. Die Finanz- und Euro-Krise macht den Banken das Leben derzeit schwer. "Die Kunden sind unsicher und zögern mit Investitionen", sagt Konrad Becker, Analyst bei Merck Fink. "Die Zinssätze gehen gegen Null - da ist es schwer, im Privatkundengeschäft überhaupt Geld zu verdienen."

Die Filialen sollen länger öffnen

Um das trotzdem zu schaffen, will Blessing die Sparte umkrempeln. Sichtbares Zeichen nach außen wird wohl ein neuer Werbeslogan sein. Doch auch sonst soll sich etwas tun. Vor allem das Internetangebot will Blessing verbessern. Ein großer Teil der Kunden soll die Standardgeschäfte künftig online abwickeln.

Zugleich soll jedoch die spezialisierte Beratung in den Geschäftsstellen zeitlich ausgedehnt werden. Viele Filialen schließen bisher in der Woche um 16 oder 18 Uhr, samstags sind sie ganz zu. Das soll sich ändern: Künftig sollen berufstätige Kunden ihre Baufinanzierung auch am Abend oder am Wochenende abschließen können.

Ganz neu ist die Idee nicht - 2007 gab es sie schon einmal. Damals verhinderte der mächtige Betriebsrat die längeren Öffnungszeiten. Auch diesmal könnte er sich querstellen.

Experten zweifeln ohnehin daran, dass die Ausdehnung der Filialzeiten die Commerzbank retten kann. "Das ist ein bisschen wie bei der Geschichte vom Hasen und vom Igel", sagt Analyst Becker. "Wenn die Commerzbank es endlich geschafft hat, samstags zu öffnen, gibt es zig Internetbanken, für die Öffnungszeiten überhaupt keine Rolle mehr spielen."

Becker ist überzeugt, dass die Commerzbank nur über einen Weg profitabler werden kann: Sie muss die Kosten noch stärker senken. "Das kann bedeuten, dass Filialen geschlossen werden", sagt der Experte.

Auch ein weiterer Stellenabbau gilt als wahrscheinlich. Zwar beschäftigt die Bank heute bereits 9000 Mitarbeiter weniger als vor drei Jahren und hat auch sonst kräftig gespart. Doch ob das reicht, ist fraglich. "Die Bank wird um einen Personalabbau nicht herumkommen", meint Analyst Hein.

Ob Commerzbank-Chef Blessing das bereits an diesem Donnerstag verkünden oder sich die schlechte Nachricht noch ein bisschen aufsparen wird, ist für Hein nicht entscheidend. Er misstraut den offiziellen Ankündigungen ohnehin zunehmend. "Das Management hat bisher nie erreicht, was es versprochen hat", sagt der Analyst. "Das ist eine Geschichte grandioser Fehleinschätzungen."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. hier schreibt....
trevorcolby 06.11.2012
.....wenigstens einer einmal die Wahrheit über dieses Haus.... am besten ist diese Schiffsfinanzgeschichte. Erst tönen, dass dies ein neues Standbein ist und nach drei Monaten verramscht man das ganze wieder und stampft es ein. Das nenn ich mal seriöses Unternehmertum !
2. Geldhaus
Inuk 06.11.2012
Zitat von sysopdapdDie Commerzbank wollte ein Geldhaus internationalen Formats sein. Doch der Plan ging gründlich schief. Wenn Konzernchef Blessing in dieser Woche die neue Strategie verkündet, geht es nur noch um Mangelverwaltung. Die Bank büßt für die Fehler der Vergangenheit. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/commerzbank-blessing-stellt-neue-strategie-vor-a-865474.html
In unserer Stadt greifen die Synergien langsam. Vor zwei Jahren gab es noch die Dresdner Bank und die Commerzbank, keine 50 m voneinander getrennt in der Fußgängerzone. Eine Filiale wurde geschlossen und dort, wo früher die Dresdner Bank war, zeigt sich die Commerzbank im neuen Kleid. Ein schicker Vorraum, mit Wincor-Nixdorf Geldein- und Auszahlautomaten, Kontoauszugsdruckern und Schirmständer. In den Bankräumen selbst herrschte reger Kundenverkehr und die Serviceschalter waren gut besetzt. Auch wenn ich kein Kunde dort mehr bin, war ich beeindruckt und habe mich wohlgefühlt. Trotzdem, die Glaspaläste in unserer Stadt gehören den Banken und Versicherungen. Die Foren in diesen Räumen sind so attraktiv, dass unser Rathaus geradezu bescheiden wirkt.
3. Hochmut kommt vor dem Fall
Hank the voice 06.11.2012
Ich kann mich noch daran erinnern, das die Commerzbank, Kunden anschrieb, die weniger als 250.000 DM auf dem Konto hatten, sie mögen sich eine neue Bank suchen. Auf Kleingeld habe man keine Lust mehr. Sogar der Analyst spricht vom Sparen über Personalabbau. Wie wäre es mit neuen Ideen, neuen Produkten, gutem Marketing, enstaubtes Image neue Marke (siehe Ergo)? Bei der Anhäufung von Mangmentfehlern in der Wirtschaft, muß man von einer schlechten Ausbildung der Manager ausgehen und die Probleme an den Unis suchen. Oder es liegt daran das jeder Schnösel BWL studieren kann und vom unternehmerischem Handeln nix kapiert. Die Zugangsvoraussetzungen für Wirtschaftslenker sollten mal gehörig auf den Prüfstand, schließlich hängt von ihnen eines Tages das Wohl und Wehe der Volkswirtschaft ab.
4. ...
echobravo 06.11.2012
Meine Hausbank (Genossenschaftliche Raiffeisenbank) hat schon seit ich denken kann Samstags von 9.00 bis 12.00 geöffnet. Das erwartet man einfach, alles andere ist (sehr) schlechter Service.
5. Müller und Blessing
adam68161 06.11.2012
Müller und Blesseing - zwei hochdotierte Nieten in Nagelstreifen, Kapitalvernichter und Grossschwätzer, laufen immer noch frei herum....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Commerzbank
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 48 Kommentare