Commerzbank in der Krise Der Möchtegern-Champion geht zu Boden

Ein Geldhaus von Weltformat sollte die Commerzbank einst werden, doch dann kam die Finanzkrise - und damit alles anders. Jetzt kämpft das einstige Vorzeige-Institut gegen die zweite Teilverstaatlichung innerhalb von nur drei Jahren. Der Abstieg zur Feld-, Wald- und Wiesenbank droht.

Commerzbank-Turm in Frankfurt: Schrumpfen oder Staatshilfe
dapd

Commerzbank-Turm in Frankfurt: Schrumpfen oder Staatshilfe

Von


Hamburg - Der Minister war zufrieden. "Eine gute Entscheidung für den Finanzplatz Deutschland", jubelte Peer Steinbrück (SPD) im September 2008. Wenige Tage zuvor hatte der Aufsichtrat des Finanzkonzerns Allianz Chart zeigen dem Verkauf der Dresdner Bank an die Commerzbank zugestimmt. Die Politik sollte das bekommen, was sie immer gewollt hatte: Einen zweiten "nationalen Champion" neben der Deutschen Bank Chart zeigen.

Gut drei Jahre später ist die Commerzbank wieder Gesprächsthema. Doch von den großen Ambitionen ist wenig übriggeblieben. Stattdessen steht die einstmals stolze Bank vor einer schwierigen Wahl: Entweder sie schrumpft sich selbst auf die Bedeutung einer Regionalbank - oder sie beantragt Staatshilfe. Wieder einmal.

Die letzte Rettung ist noch gar nicht so lange her. Im November 2008, nur wenige Wochen nach der großspurigen Fusion mit der Dresdner Bank, musste die neue Superbank in Berlin um Hilfe betteln: Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers hatte die Branche schwer erschüttert - und auch in den Bilanzen der Dresdner Bank gewaltige Risiken offenbart.

In zwei Schritten erhielt sie damals mehr als 18 Milliarden Euro. Den Großteil davon hat sie mittlerweile zurückgezahlt. Doch noch immer hält der Bund 25 Prozent plus eine Aktie an dem Institut. Bankchef Martin Blessing ärgert das maßlos. Zum einen wurmt es den Manager, dass sein Institut allenthalben als "teilverstaatlicht" bezeichnet werden darf. Zum anderen muss er selbst auf viel Geld verzichten: Nach dem Einstieg des Bundes wurden die Vorstandsgehälter auf 500.000 Euro pro Jahr gedeckelt - das ist nicht viel in einer Branche, die sonst mit Millionenboni um sich wirft.

Statt sich endlich aus der lästigen Gängelung der Politik zu befreien, könnte die Commerzbank nun bald noch mehr Staat erdulden müssen. Die meisten Experten jedenfalls bewerten die Lage der Bank als zu aussichtslos, um sich aus eigener Kraft daraus zu befreien.

Der Kapitalbedarf könnte auf fünf Milliarden Euro steigen

Grund sind vor allem die drastisch verschärften Kapitalanforderungen, die demnächst auf Europas Geldinstitute zukommen: Bis Mitte 2012 sollen die Banken neun Prozent der Kredite und Wertpapiere in ihren Bilanzen mit sogenanntem harten Eigenkapital decken können, also mit Aktienkapital und einbehaltenen Gewinnen. So hat es der EU-Gipfel im Oktober beschlossen. Das Kapital soll in der Krise als Puffer dienen, um mögliche Verluste abzufedern.

Vor einigen Wochen hatte die europäische Bankenaufsicht EBA bereits getestet, welche Banken wie viel frisches Kapital benötigen. Für die Commerzbank kam sie auf 2,9 Milliarden Euro. Schon das wäre für das Institut schwer zu stemmen gewesen. Doch nun hat die Behörde ihre Testkriterien noch einmal verschärft - und kommt offenbar auf einen deutlich höheren Kapitalbedarf. Laut der Nachrichtenagentur Reuters muss die Bank bis zu fünf Milliarden beschaffen.

Die neue Zahl hat die Finanzmärkte schockiert. Am Dienstag brach der Aktienkurs der Commerzbank Chart zeigen um mehr als 15 Prozent ein. Das Papier, das Anfang 2008 noch gut 20 Euro wert war, kostet mittlerweile nur noch etwas mehr als einen Euro.

Das Unternehmen mag den Bericht über den höheren Kapitalbedarf nicht bestätigen. Doch Konzernchef Blessing gibt sich weiter kämpferisch: "Wir haben doch gesagt, wir werden das aus eigener Kraft schaffen. Im Moment gibt es keinen Grund, an irgendeiner meiner Äußerungen etwas zu ändern."

Experten rätseln indes, wie dem Bankmanager das Wunder gelingen soll. Von privaten Investoren bekommen Finanzinstitute derzeit jedenfalls kein frisches Kapital. Zu tief sitzt das Misstrauen gegenüber der Branche. Und bei der Commerzbank ist es besonders groß: Das Geldhaus hat im dritten Quartal fast 800 Millionen Euro auf griechische Anleihen abgeschrieben und deshalb 664 Millionen Euro Verlust gemacht. Zudem lauern in der Bilanz noch weitere Zeitbomben - zum Beispiel italienische Staatsanleihen im Wert von knapp acht Milliarden Euro.

Schrumpfen oder Staatshilfe - das sind die Alternativen

Weil die Aussichten auf eine private Kapitalspritze schlecht sind, will Blessing die Bank lieber weiter verkleinern - schließlich lässt sich auch so die Kapitalquote erhöhen. Erfahrung im Schrumpfen hat der Bankchef bereits: Seit Anfang 2009 hat er die Bilanzsumme schon um mehr als ein Viertel auf 738 Milliarden Euro eingedampft. Aus dem prestigeträchtigen Investmentbanking hat sich das Institut weitgehend verabschiedet.

Nun sollen die Risiken weiter sinken. Dazu will Blessing Wertpapiere und kleinere Beteiligungen verkaufen. Die in der Staats- und Immobilienfinanzierung tätige Tochtergesellschaft Eurohypo Chart zeigen soll ihr Neugeschäft bis Mitte 2012 komplett einstellen.

Ob das reichen wird, um auf die notwendige Kapitalquote zu kommen, ist fraglich. "Wenn alle gleichzeitig versuchen, ihre Wertpapiere zu verkaufen, drückt das die Preise", sagt Konrad Becker, Bankenexperte bei Merck Finck. Die möglichen Einnahmen dürften also geringer ausfallen als zunächst gedacht.

Experten sehen deshalb nur zwei Möglichkeiten, um die strikten Kapitalvorgaben einzuhalten: Entweder die Commerzbank verkauft wichtige Unternehmensteile - oder sie braucht doch wieder Geld vom Staat.

"Wenn die Bank wirklich fünf Milliarden aus eigener Kraft stemmen will, wird sie ans Tafelsilber gehen müssen", sagt Analyst Becker. Tafelsilber bedeutet im Falle der Commerzbank: Entweder ihre polnische Tochtergesellschaft BRE Bank, die sie gerade noch zum wichtigen Kerngeschäft erklärt hat. Oder die Online-Bank Comdirect, an der die Commerzbank derzeit 80 Prozent hält - eine Beteiligung, die eigentlich auch als unverzichtbar gilt.

Beide Varianten wären ein schwerer Schlag für die Bank - und würden ihre nationale und internationale Bedeutung weiter verringern. Experten rechnen deshalb damit, dass Konzernchef Blessing doch wieder Staatsgeld annehmen wird. "Die Commerzbank wird nicht Pleite gehen", sagt Dieter Hein, Analyst beim unabhängigen Analysehaus Fairesearch. "Wenn sie das nötige Kapital nicht am Markt bekommt, wird sie wieder beim Staat anfragen - und der Staat wird ihr das Geld geben."

Ähnlich sieht das auch Konrad Becker von Merck Finck: "Die eleganteste Variante wäre es, sich das fehlende Geld vom Staat zu besorgen", sagt der Experte. Allerdings werde dabei der Staatsanteil an der Commerzbank auf mehr als 30 Prozent steigen - der Bund bekäme wieder mehr Kontrolle über das Institut. "Das ist natürlich das, was Blessing unbedingt vermeiden will."

Sollte der Bankchef trotz aller Unabhängigkeitsbekundungen am Ende doch wieder um Staatshilfe bitten müssen, wäre das eine herbe Niederlage. Um seinen Job müsste er nach Beckers Meinung trotzdem nicht bangen - schon aus Mangel an Alternativen: "Ich glaube nicht, dass der Chefposten bei der Commerzbank im Moment der Traumjob in der Branche ist."



insgesamt 95 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
antopus 24.11.2011
1. Nicht schade drum
Zitat von sysopEin Geldhaus*von Weltformat sollte die Commerzbank einst werden,*doch dann kam die Finanzkrise - und damit alles anders.*Jetzt*kämpft das*einstige Vorzeige-Institut gegen die zweite Teilverstaatlichung innerhalb von nur drei Jahren. Der Abstieg zur Feld-, Wald- und Wiesenbank droht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,799575,00.html
Man sollte sich keine Illusionen machen - alle werden sie dort enden. Und das sehr sehr bald.
Viva24 24.11.2011
2. Ich habe kein Verständnis mehr!
Die Commerzbank wird nun das zweite Mal in 3 Jahren vom Staat gestützt. Die Aktionäre werden gegen Tptalverlust geschützt. Dies ist gegenüber den HRR Aktionären eine boden´lose Frechheit und verstößt gegen jede Moral. Nun muss mit der Comerzbank ein Ende sein. Komplette Übernahme des Staates ohne Ausgelcih der Aktionäre!. Die Bundesregierung hat ja dabei (HRW) beste Erfahrungen gemacht, Menschen zu enteignen (CDU=communistische deutsche partei!)
Gebetsmühle 24.11.2011
3. wieso verstaatlichung?
Zitat von sysopEin Geldhaus*von Weltformat sollte die Commerzbank einst werden,*doch dann kam die Finanzkrise - und damit alles anders.*Jetzt*kämpft das*einstige Vorzeige-Institut gegen die zweite Teilverstaatlichung innerhalb von nur drei Jahren. Der Abstieg zur Feld-, Wald- und Wiesenbank droht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,799575,00.html
der kommunismus ist vorbei. wir haben die freie marktwirtschaft. der staat muss keine banken retten, denn das darf er gar nicht. ich schlage folgendes vor: 1. verkauf der kleinsparer-sparte an eine andere bank und überweisung aller valuta dorthin 2. sofortige inhaftierung des gesamten managements und einleitung einer untersuchung. 3. schließung der bank 4. geordnetes insolvenzverfahren versagerbanken haben am markt nix zum suchen und die lücke wird ersetzt durch andere marktteilnehmer. so einfach ist das. der staat sollte sich hier endlich mal raus halten, so wie es die f.d.p. seit jahrzehnten fordert. in einer freien marktwirtschaft gibt es keine privatbanken, die vom staat gerettet werden, es gibt allenfalls systemrelevante banken, die für immer und ewig in staatsbesitz bleiben und bestimmte aufgaben haben. dazu gehört übrigens nicht die risikkofreie spekulation auf irgendwelchen unübersichtlichen finanzmärkten. auch mit ganz normalen mittelstandskrediten kann man gutes geld verdienen - nur halt keine renditen von 30%. aber die verdiene ich mit meiner hände arbeit ja schließlcih auch nicht. also: schließung der commerzbank sofort und haftbarmachung der versager für den schaden. so läuft das im kapitalismus und nciht anders.
beutzemann 24.11.2011
4. >|-)
Zitat von sysopEin Geldhaus*von Weltformat sollte die Commerzbank einst werden,*doch dann kam die Finanzkrise - und damit alles anders.*Jetzt*kämpft das*einstige Vorzeige-Institut gegen die zweite Teilverstaatlichung innerhalb von nur drei Jahren. Der Abstieg zur Feld-, Wald- und Wiesenbank droht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,799575,00.html
Na, dann werde ich dort einmal ein Konto eröffnen. Die müßten ja jetzt willfähig sein >:)
mneisen 24.11.2011
5. Wann war denn das?
Zitat von sysopEin Geldhaus*von Weltformat sollte die Commerzbank einst werden,*doch dann kam die Finanzkrise - und damit alles anders.*Jetzt*kämpft das*einstige Vorzeige-Institut gegen die zweite Teilverstaatlichung innerhalb von nur drei Jahren. Der Abstieg zur Feld-, Wald- und Wiesenbank droht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,799575,00.html
Tut mir leid, dass ich so doof fragen muss: Aber wann war die Commerzbank denn einmal ein Vorzeige-Institut? Die Commerzbank war in den letzten drei Jahrzehnten immer ein etwas spießiger und muffiger Laden, der nie den Glanz, die Effizienz und die Vetrauenswerte der Konkurrenz - egal ob Deutsche Bank oder örtliche Sparkasse - erreichte. Sie ist eher durch Skandala aufgefallen - und dadurch, dass man sich mit der Übernahme der Dresdner Bank so heillos übernommen hat, dass der Staat diese Übernahme mit unser aller Steuergeld finanzieren musste. Da ist es fast schon zum Lachen, dass die "neue" Commerzbank jetzt so knapp vorm Abgrund steht. So leid es mir tut, aber ein Vorzeige-Institut war die Commerzbank nie, und zu einem Unternehmen von Weltrang hat es schon gar nicht gereicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.