Neue Commerzbank-Strategie Finger weg vom Zocken

Die Commerzbank präsentiert eine radikal neue Strategie - auch in Abgrenzung zur Deutschen Bank. Mehr als 10.000 Angestellte müssen gehen, Arbeitnehmervertreter sind empört.

Commerzbank-Zentrale in Frankfurt
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Commerzbank-Zentrale in Frankfurt

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Mit einem großangelegten Konzernumbau will der neue Commerzbank-Chef Martin Zielke das zweitgrößte Finanzinstitut des Landes aus der Krise holen. Die Bank sei einfach nicht profitabel genug, sagte Zielke, der die neue Strategie unter dem Namen "Commerzbank 4.0" am Freitag der Öffentlichkeit vorstellte. "Wir verdienen schlicht zu wenig."

Das soll sich durch den Umbau ändern. Die Bank soll vor allem kleiner werden, Kosten sparen und sich auf Privat- und Firmenkunden konzentrieren. In den kommenden vier Jahren sollen dazu 9600 Vollzeitstellen gestrichen werden, was nach Schätzungen von Arbeitnehmervertretern mindestens 12.000 Mitarbeiter betrifft.


Was steckt hinter dem Kurswechsel?

Die Commerzbank ist seit Jahren in der Krise. Ende 2008 musste sie nach der Übernahme der Dresdner Bank vom Staat mit Milliarden von Steuergeldern gerettet werden. Noch immer ist der Bund mit 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt. In den vergangenen Jahren hatte die Bank unter ihrem damaligen Chef Martin Blessing im Zuge von zwei Sparprogrammen bereits mehrere Tausend Stellen abgebaut. Im vergangenen Jahr schrieb die Bank erstmals seit fünf Jahren wieder einen Milliardengewinn.

Doch nachdem Zielke im Mai 2016 den Chefposten von Blessing übernommen hatte, wurde schnell klar, dass die Krise längst nicht ausgestanden ist. Die Gewinne schrumpften wieder, der Aktienkurs rutschte ab. Vor allem die dauerhaften Niedrigzinsen machen der Bank gewaltig zu schaffen, weil sie mit klassischen Sparprodukten kaum mehr Geld verdient und sogar noch Strafzinsen zahlen muss, wenn sie überschüssige Einlagen ihrer Kunden bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parkt.

Trotzdem sieht die Commerzbank ihre Zukunft im klassischen Geschäft mit Privat- und Firmenkunden. Das Investmentbanking, das die Bank in der Vergangenheit bereits verkleinert hatte, wird weiter gekürzt. "Wir werden uns von Geschäften, mit denen wir keinen Bezug zu unseren Kernkunden haben, konsequent trennen", sagte Zielke. Als Beispiel nannte er Geschäfte mit exotischen Derivaten. Finger weg vom Zockergeschäft - das ist die Botschaft. Damit versucht sich die Commerzbank auch von der Deutschen Bank und deren Problemen abzusetzen.

Wie groß die sind, wird in diesen Tagen deutlich: Die Deutsche Bank bereitet vielen Investoren Sorgen. Gerüchte über eine staatliche Rettungsaktion machten bereits die Runde. Einige US-Hedgefonds fahren heftige Spekulationsattacken gegen die Bank. Auch die Commerzbank Chart zeigen wird davon in Mitleidenschaft gezogen. Die Aktie fiel bis zum Freitagmittag um mehr als sechs Prozent.


Warum müssen so viele Mitarbeiter gehen?

Konzernchef Zielke will pro Jahr mindestens eine Milliarde Euro Kosten sparen. Bis 2020 sollen 80 Prozent der Geschäftsprozesse digitalisiert werden. Das heißt: Viele Arbeitsschritte im Hintergrund wird künftig der Computer erledigen. Die Bank wolle ein digitales Technologieunternehmen werden, sagte Zielke.

Offiziell will die Bank bis 2020 bis zu 9600 Vollzeitstellen abbauen. Gleichzeitig will die Bank an anderer Stelle aber auch 2300 Stellen schaffen. Genaueres konnte Zielke aber auch am Freitag noch nicht sagen. Er würde lieber Stellen auf- als abbauen, sagte der Vorstandschef. "Der Umbruch in der Branche ist aber so massiv, dass man darauf nicht halbherzig reagieren kann." Man wolle den Stellenabbau so sozialverträglich wie möglich gestalten und am liebsten ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen.

Martin Zielke
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Martin Zielke

Arbeitnehmervertreter sind empört. Der Plan, so viele Stellen zu streichen, sei "aus unserer Sicht völlig überzogen und überhaupt nicht nachvollziehbar", sagte Mark Roach von der Gewerkschaft Ver.di SPIEGEL ONLINE. Er fürchtet, dass mindestens 12.000 Mitarbeiter betroffen seien, weil es in der Bank auch viele Teilzeitkräfte gebe. "Die Beschäftigten fühlen sich bedroht, weil die Bank betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließt", sagte Roach.

Roach, der auch im Aufsichtsrat der Bank sitzt, hält Zielkes Radikalschwenk für übertrieben. "Die Bank ist nicht in einer Krise", sagt er. "Sie erzielt im operativen Geschäft gute Erträge." Mit den 700 Millionen Euro, die die Umstrukturierung der Bank allein im dritten Quartal dieses Jahres koste, würden sich viele Stellen finanzieren lassen.


Was bedeutet der Umbau für die Kunden?

Wenn Zielke seine Versprechen einlöst, müssen die Commerzbank-Kunden künftig keine großen Filialschließungen fürchten. Allerdings werden sich die Filialen deutlich verändern. Zielke unterscheidet zwischen großen sogenannten Flagship-Filialen in Ballungszentren und kleineren City-Filialen in mittelgroßen und kleinen Städten.

Auch für die Kunden dürfte vieles digitaler werden. So will die Bank etwa verstärkt Robo-Adviser einsetzen, also Computer, die bei der Geldanlage beraten.

In den vergangenen vier Jahren hat die Bank im Privatkundengeschäft bereits sehr erfolgreich um neue Kunden geworben und dabei zum Beispiel auch Geldprämien für die Kontoeröffnung gezahlt. Diesen Weg will Zielke nun offenbar weitergehen. "Insgesamt wollen wir bis 2020 netto zwei Millionen neue Kunden gewinnen", gab er als Ziel aus. Die Commerzbank wäre dann so etwas wie eine Hightech-Sparkasse.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
mimas101 30.09.2016
1. tststs
Aber SPON. Sparkassen sind öffentlich-rechtliche Bankinstitute, die Commerzbank ist dagegen eine privatwirtschaftlich Firma. Mit der Planung zur Neuausrichtung wird die Commerzbank ebenfalls in ein Terrain wechseln das schon stark besetzt ist. Da werden die Gewinnmargen dann nur noch mager sein.
sonntag500 30.09.2016
2. Finger weg vom Zicken
War das nicht das Motto vor der letzten Rettung durch und Steuerzahler? Wie schon davor und davor und davor? Die Kunden sollten diese Bank den Rücken kehren.
held_der_arbeit! 30.09.2016
3. Bankster bleiben sich treu
Wenn man der Gesellschaft schon nicht durch wilde Spekulationen schaden kann treibt man wenigstens tausende Menschen in Hartz IV. Hauptsache der Gewinn stimmt. Von Firmen die "nur" profitabel sind wollen Aktionäre schließlich nichts wissen
Jabromski 30.09.2016
4. Die Katze lässt das Mausen nicht
Erzählen können die viel. Zurück zur kundenorientierten Bank gehen die nie.
larsmach 30.09.2016
5.
Die Sozialämter sind dazu da, um Menschen zu helfen, die zeitweise ohne Einkommen sind und Geld für den Lebensunterhalt benötigen; wir sind eine soziale Gesellschaft - und das ist gut so! Es kann schwerlich Aufgabe einer Bank sein, diese soziale gesellschaftliche Aufgabe zu übernehmen. Eine Bank verkauft Dienstleistungen an (Konten, Depots, Transfers, Handel an Börsen usw.) und bietet als Großhändler von Krediten Finanzierungen an (große Kredite von Zentralbanken werden gestückelt weiterverliehen an Privatkunden und Unternehmen). Die Bank verlangt für ihre Dienstleistungen Gebühren und verdient am Weiterverleih geliehenen Geldes Margen: Damit werden Investitionen und Betriebskosten gedeckt, Rücklagen aufgebaut - und im Idealfall etwas Gewinn an die Eigentümer ausgeschüttet. So einfach ist das. Alles andere, was da betrieben wurde und wird, gehört in die Hand der Lotteriegesellschaften, Wettbüros und Casinos: Dort, und nur dort ist der Ort, um menschlichen Spieltrieb und Nervenkitzel zu befriedigen!
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