Creditreform-Daten Textildiscounter KiK spähte Personal-Finanzen aus

Der Kleiderkette KiK droht Ärger mit der Justiz: Das Unternehmen hat systematisch die finanzielle Lage seiner Mitarbeiter mit Creditreform-Abfragen ausspioniert. Wer massive Geldprobleme hatte, wurde entlassen - das berichtet ein ehemaliger Bezirksleiter des Textildiscounters.

ddp

Von


Hamburg - Was Guido Hagelstede erzählt, klingt unglaublich: Sein ehemaliger Arbeitgeber, der Textildiscounter KiK, soll systematisch Informationen über die finanziellen Verhältnisse seiner Mitarbeiter eingeholt haben - um ihnen zu kündigen, wenn die Auskunft der Schufa-Konkurrentin Creditreform negativ ausfiel.

Hagelstede ist Kronzeuge in einem Beitrag des ARD-Magazins "Panorama", der am Donnerstagabend ausgestrahlt wird. Viele Jahre hat der Manager als Bezirksleiter für KiK gearbeitet. In dieser Zeit habe er selbst Mitarbeitern kündigen müssen oder ihre Verträge nicht verlängern dürfen, wenn sie in finanziellen Schwierigkeiten steckten, sagt Hagelstede. Konkret: Creditreform meldete etwa einen Offenbarungseid, also eine Zahlungsunfähigkeit. Da die KiK-Führung ihm aber verboten habe, den wahren Grund für den Rausschmiss zu nennen, "musste ich mir dann irgendwas aus den Fingern saugen", sagt Hagelstede. Viele Mitarbeiterinnen hätten geweint, "weil sie gar nicht wussten, was los ist".

KiK teilte ARD-"Panorama" mit, dass das "angeführte Verfahren bei KiK nicht mehr praktiziert" werde. "Seit Oktober 2009 arbeiten wir nicht mehr mit der Creditreform und auch mit keiner anderen Wirtschaftsauskunftei zusammen." Eine schriftliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE ließ das Unternehmen auch nach mehreren Nachfragen unbeantwortet.

"Dass es diese Abfragen von KiK bis Oktober gab, ist unbestritten", sagt Michael Bretz, Sprecher von Creditreform. Eine Negativauskunft sei auch datenschutzrechtlich zulässig, wenn jemand in sensiblen Bereichen wie der Kasse arbeite. "Welche Schlussfolgerungen ein Unternehmen aber aus den Daten zieht, ist deren Sache - in diesem Fall also Sache von KiK", sagt Bretz und versichert: "Dass KiK die Auskünfte benutzt hat, um Mitarbeiter zu entlassen, war uns nicht bekannt."

Der ARD-Beitrag könnte KiK nun erheblichen Ärger einbringen. Laut Datenschutzgesetz ist es strafbar, persönliche Daten von Mitarbeitern mit der Absicht zu besorgen, ihnen zu schaden.

Bereits im April hatte "Panorama" kritisch über den Textildiscounter berichtet. Damals standen die katastrophalen Zustände bei KiK-Lieferanten in Bangladesch im Mittelpunkt. Die juristische Auseinandersetzung über den Beitrag dauert an, der NDR hat in der Mehrzahl der Fälle Recht bekommen. Die meisten Unterlassensbegehren von KiK wurden von den Landgerichten Dortmund und Hamburg zurückgewiesen.

"Mitarbeiter unverzüglich abbauen"

Dieses Mal geht es nicht um Bangladesch, nicht um das Versprechen, die Produktionsbedingungen bei den Zulieferern zu verbessern. Dieses Mal geht es um die Mitarbeiter der über 2300 deutschen Filialen. Die ARD-Reporter zitieren aus einem internen Schreiben des KiK-Geschäftsführers Heinz Speet. Darin habe dieser Führungskräften des Unternehmens "streng vertraulich" mitgeteilt, KiK hole "über alle neu eingestellten Aushilfsbeschäftigten eine telefonische Auskunft bei der Creditreform ein".

Ein Bezirksleiter wird laut ARD in dem Dokument darauf hingewiesen, dass in seinem Bereich einige Aushilfen "einschlägig bekannt" und "unverzüglich abzubauen" seien. Konkret werde eine Mitarbeiterin genannt, die einen Offenbarungseid geleistet habe, also nicht mehr in der Lage war, ihre Rechnungen zu bezahlen.

Die Frau, um die es geht, ist Yvonne T. Sie arbeitete drei Monate in einer norddeutschen Filiale, dann habe ihr der Filialleiter mitgeteilt, dass ihr Vertrag nicht verlängert werde. Dass KiK bei Creditreform Informationen über ihre finanzielle Situation eingeholt haben soll, nennt T. "frech". Es sei "schon ein starkes Stück, dass die im Privatleben rumschnüffeln und Sachen preisgeben, die ja eigentlich niemand was angehen". Sie habe nach dem Offenbarungseid versucht, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, "und da schmeißen die einem Steine zwischen die Beine".

Dortmunder Staatsanwaltschaft prüft Anfangsverdacht

Der Ex-Manager Hagelstede sagt im "Panorama"-Beitrag, dass KiK sich von jedem Mitarbeiter trennen würde, bei dem Creditreform einen Offenbarungseid oder eine Haftandrohung meldete.

Für ihn sei es ein Dilemma gewesen: So seien Bezirksleiter, die sich nicht an die Anweisung halten wollten, darauf hingewiesen worden, dass man dann für die betreffenden Mitarbeiter haften müsse. "Man kann nicht für hundert Menschen selbst bürgen", sagt Hagelstede. Deshalb habe er den Angestellten gekündigt - meistens während ihrer Probezeit oder er habe befristete Verträge auslaufen lassen.

Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat bereits im vergangenen Jahr gegen KiK ermittelt. Doch obwohl das Unternehmen bei Creditreform die Daten von 49.000 Mitarbeitern abgefragt hatte, wie der SPIEGEL bereits vor einem Jahr berichtete, konnte die Oberstaatsanwältin Ina Holznagel keine Klage erheben: "Wir hätten beweisen müssen, dass KiK systematisch Mitarbeiter aussiebt, die eine schlechte Auskunft bekommen haben, und das war nicht beweisbar."

Das könnte sich nun ändern - vor allem dank des Zeugen Hagelstede. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sagte ein Sprecher der Dortmunder Staatsanwaltschaft, es werde geprüft, ob sich aus dem Bericht ein Anfangsverdacht ergebe, der zu weiteren Ermittlungen führe.


Die "Panorama"-Sendung läuft am Donnerstag, dem 22. Juli, um 22 Uhr in der ARD.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 247 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Florian Geyer, 22.07.2010
1. Erivan Haub, Schämen Sie sich!
Zitat von sysopDer Kleiderkette KiK droht Ärger mit der Justiz: Das Unternehmen hat laut einem "Panorama"-Bericht systematisch die finanzielle Lage seiner Mitarbeiter ausspioniert. Wer massive Geldprobleme hatte, wurde entlassen - das berichtet ein ehemaliger Bezirksleiter des Textildiscounters. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,707783,00.html
Es wird Zeit, dass dieses Unternehmen vom Markt verschwindet, immer wieder macht dieses Unternehmen Ärger. Schade, dass es keine Möglichkeit gibt Karl Erivan Haub einmal auf die Finger zu klopfen!
Florian Geyer, 22.07.2010
2. ...
Erivan Haub lacht Sie aus, aber er ist ja Träger des Bundesverdienstkreuzes!
amerlogk 22.07.2010
3. Fassungslos
Ich bin echt fassungslos. Kommt nicht so häufig vor. Mitarbeiter kündigen, besonders wenn sie ihren Job brauchen... Hier gehts ja nicht nur um Datenschutz. Hier wurden Arbeitnehmerrecht massiv verletzt.
the4thpip 22.07.2010
4. Wenn man es sich irgendwie anders leisten kann...
... und trotzdem bei KiK, Lidl usw einkauft, dann macht man sich moralisch mitschuldig an diesen menschenverachtenden Geschäftspraktiken. Ich wünsche diesen Läden die Pleite!
TranceData, 22.07.2010
5. ....
Muss nicht bei der "üppigen" Bezahlung, mit der KiK die einfachen Angestellten versieht, jeder von denen in Schwierigkeiten kommen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.