Dubiose Börsenfirma Cynk Kursplus von 36.000 Prozent

Die Firma Cynk macht keinen Umsatz, hat einen Mitarbeiter - und ist an der Börse plötzlich bis zu sechs Milliarden Dollar wert, ein Plus von 36.000 Prozent. Jetzt gibt es erste Hinweise, wer und was dahintersteckt.

Screenshot der Website Introbiz: Dubioser Kurssprung

Screenshot der Website Introbiz: Dubioser Kurssprung


Hamburg - Ein "Social Marketplace" will die Firma Cynk sein. Ein angeblich gut verdrahteter Adresshändler mit Zugang zu Kontaktdaten von Prominenten wie Leonardo Di Caprio, so preist sich die Firma selbst auf ihrer Website Introbiz an. Ziemlich große Versprechen für eine Firma, die laut Geschäftsbericht keinen Umsatz macht und genau einen Mitarbeiter hat.

Dennoch erlebte die Aktie der bis vor Kurzem völlig unbekannten Firma einen beispiellosen Boom. Sechs Milliarden Dollar war das Unternehmen in der Spitze an der Börse wert, das entspricht einem Kursplus von zeitweise 36.000 Prozent binnen Wochen. Am Wochenende schritt die US-Börsenaufsicht SEC ein und setzte den Handel mit der Aktie aus. Der Schritt solle Anleger schützen, heißt es in einer Mitteilung.

Seitdem rätselt die Fachwelt. Wer steckt hinter der dubiosen Firma? Und was steckt hinter dem sagenhaften Kurssprung? Nun sind US-Medien dem Fall nachgegangen und haben erste Details zusammengetragen.

So könnte der mysteriöse Kurssprung funktioniert haben

Warum der Kurs so exorbitant gestiegen ist - darüber gibt es bislang nur Spekulationen. Börsenexperten vermuten eine sogenannte Short-Sales-Falle. Diese würde so funktionieren:

  • Eine Firma wird gegründet, sie macht keinen Umsatz und ist nichts wert.
  • Sie gibt 300 Millionen Aktien aus und verteilt sie auf zwei Leute.
  • Am Montag verkauft der erste 10.000 Aktien an den zweiten, für einen Dollar das Stück. Auch wenn die verkauften Aktien nur einen Bruchteil der vorhandenen ausmachen, bestimmt diese Transaktion nun den Wert aller Aktien: Der Börsenwert der Firma beträgt deshalb jetzt 300 Millionen Dollar.
  • Am Dienstag verkauft der zweite die 10.000 Aktien zurück an den ersten, für zwei Dollar das Stück. Der Börsenwert der Firma beträgt jetzt 600 Millionen Dollar.

Bis hierhin handelt es sich um ein sogenanntes "Pump and dump"-Schema, einen alten Trick, mit dem seit Jahrhunderten der Wert von Firmen illegal nach oben getrieben wird. In der Hoffnung, dass ahnungslose Anleger die Aktien einer wertlosen Firma kaufen, weil sie einen Börsenboom vermuten. Diesen Trick kennt so ziemlich jeder.

Gerade weil er aber so bekannt ist, könnten ausgefuchste Aktienjongleure dies als Grundlage für einen noch viel gemeineren Trick genutzt haben. Denn es gibt Spekulanten, die ein "Pump and dump"-Schema sofort erkennen - und ihrerseits für Zockereien nutzen. Das würde so funktionieren:

  • Der Börsenwert der Firma beträgt noch immer 600 Millionen Dollar. Die Aktie kostet zwei Dollar das Stück.
  • Der Spekulant leiht sich solche Aktien.
  • Er verkauft sie sofort wieder, für zwei Dollar das Stück.

Der Spekulant rechnet damit, dass der "pump and dump"-Schwindel bald auffliegt und der Aktienkurs der Firma abstürzt. Dann kann er die Aktien billig zurückkaufen und demjenigen zurückgeben, der sie ihm geliehen hat. Die Differenz aus Verkaufspreis und Kaufpreis streicht er als Gewinn ein.

Was aber wäre, wenn es gar keine Aktien zu kaufen gibt? Wenn nur die Firmengründer ein paar Aktien an den ahnungslosen Spekulanten verliehen haben und sonst alle Aktien bunkern? Und auch die Aktien, die der Spekulant für zwei Dollar am Markt verkauft, wieder zurückkaufen?

Dann hätte der Spekulant ein großes Problem.

Der Firmengründer könnte jetzt zum Spekulanten sagen: "Ich hab's mir überlegt. Ich will die Aktien, die ich dir geliehen habe, wieder zurück." Der Spekulant geht nun auf die Suche - und merkt, dass es keine Aktien zu kaufen gibt.

Wenn er die geliehenen Aktien nicht zurückgibt, würde er das Gesetz brechen. Er hat nur eine Chance, dem zu entgehen: Er muss dem Firmengründer die Aktien abkaufen. Der freilich verlangt einen Mondpreis. Der Kurs steigt. War es so bei Cynk?

Die Männer hinter Cynk

Die Erklärungen zum Kurssprung sind bislang nur Spekulation. Über die Strippenzieher hinter der Firma indes ist inzwischen eine ganze Menge bekannt. Laut "Wall Street Journal" und dem Wall-Street-Blog "Business Insider" hat der Besitzer der Firma in den vergangenen Jahren mehrfach gewechselt.

Die Firma wurde demnach 2008 von einem Geschäftsmann namens John Kueber im US-Bundestaat Nevada gegründet. Der "Business Insider" sprach am Montag mit Kueber; dieser sagte, er habe die Firma an einen Freund seines Bruders Phil verkauft und dafür "rund 6000 Dollar" kassiert. Besagter Freund sei der Geschäftsmann Kenneth Carter, schreibt der "Business Insider" weiter. Bevor dessen Hintergrund ausgeleuchtet wird, nimmt das Blog allerdings John Kuebers Bruder Phil genauer unter die Lupe. Denn auch dieser scheint bei Cynk eine Rolle zu spielen.

Gegen Phil Kueber liegen Gerichtsdokumenten zufolge Beschwerden vor. Laut "Business Insider" sei er schon 2004 den Behörden auffällig geworden. Seine damalige Firma First Cash Card wurde offiziellen Dokumenten zufolge von der Financial Institutions Commission in British Columbia geschlossen. Eine ältere Frau hatte gegenüber der Polizei angegeben, von First Cash Card kontaktiert worden zu sein - mit der Nachricht, sie habe 1,2 Millionen Dollar gewonnen, müsse First Cash Card aber erst selbst 12.200 Dollar überweisen, ehe der Gewinn ausgezahlt werden könne.

Laut "Business Insider" versuchte ein gewisser Phil Keeber - mit "ee" statt "ue" - zudem im Mai 2013 die Namensrechte für "Cynk Technology Corp" zu reservieren. Als Adresse gab er 8350 Wilshire Blvd., Beverly Hills, Kalifornien, an - eine Anschrift, die Phil Kueber schon zuvor für Geschäftsangaben genutzt hatte, wie aus einem SEC-Dokument hervorgeht.

John Kueber distanzierte sich gegenüber dem "Business Insider" von den Geschäftspraktiken seines Bruders. Phil Kueber konnte zunächst nicht für eine Stellungnahme erreicht werden.

"Ich habe meine Magie angewandt, mein Freund "

Die Aktien jedenfalls wanderten zu Kenneth Carter. Wie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Firmendokumente berichtet, kaufte Carter im Oktober 2011 insgesamt sechs Millionen Aktien für 600 Dollar. Gegenüber dem "Wall Street Journal" sagte Carter, die Geschäftsidee für das soziale Netzwerk stamme von ihm. Im März 2013 stieg Carter aus. Sein Anwalt habe ihm dringend dazu geraten, gab er an.

Dafür erhielt bald ein Mann namens Marlon Luis Sanchez 2,8 Millionen Cynk-Aktien, er habe zu diesem Zeitpunkt 72 Prozent der Anteile gehalten und sei neuer Vorstandschef der Firma geworden, berichtet das "Wall Street Journal". Heute sei Sanchez unter anderem als Sprecher einer Beratung für Medizintourismus in Tijuana, Mexiko, gelistet. "Ich habe ein Jahr meine Magie angewandt, mein Freund", sagte er dem "Wall Street Journal" in einem Telefonat über Cynk, "und jetzt kannst du die Resultate sehen."

Kürzlich verkaufte Sanchez offenbar 210 Millionen Aktien an einen gewissen Javier Romero. Das geht laut "Wall Street Journal" aus einem Brief hervor, den die OTC Markets Group erhalten hat. OTC ist der Betreiber der Börsenplattform, auf der die Cynk-Aktie bis zum Wochenende gehandelt wurde. Woher Sanchez plötzlich so viele Aktien hatte, ist noch unklar.

Der Brief datiere auf den 11. Juni, berichtet die Zeitung. Sechs Tage später begann der spektakuläre Kursboom. Absender des Briefs sei ein gewisser Harold Gewerter, der sich gegenüber der Zeitung als Anwalt ausgab. Er sei von Cynk angestellt worden, um zu prüfen, ob alle Firmendokumente den SEC-Standards entsprechen. Er habe sein Mandat aber inzwischen niedergelegt.

In einer E-Mail an die Zeitung gab Gewerter an, Javier Romero persönlich getroffen zu haben. Romeros Anschrift, so Gewerter, sei die eines Geschäftszentrums in der zentralamerikanischen Republik Belize. Dieselbe Anschrift tauchte 2013 auch in einem Geschäftsbericht von Cynk auf. Der Manager des Gebäudes gab gegenüber der Zeitung an, dass das Unternehmen dort nicht residiere. Der Gebäudemanager habe bei Cynk nachgefragt, warum die Firma die Adresse angegeben habe. Die Firma habe geantwortet, es handle sich um einen Fehler.

Der "Business Insider" berichtet, mehrfach mit einem Javier Romero in Belize City gesprochen zu haben. Dieser habe angegeben, in der Fischereiwirtschaft zu arbeiten und indirekt zugegeben, Phil Kueber zu kennen. Als der Kursboom von Cynk seinen Höhepunkt erreichte, war Romeros Aktienpaket 3,5 Milliarden Dollar wert.

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Seite 1
tommit 15.07.2014
1. Vielleicht sollte man einmal aufhören den Begriff
Wert zu verwenden.. vor allem pro Aktie das ist schon per se ein Systemschwindel
robin-masters 15.07.2014
2. lächerlich
zeigt mal wieder das der Aktien\Finanzmarkt komplett von der Realwirtschaft entfernt hat bzw. schon immer war. Normalerweise sollte die Anzahl der ausgegebenen Aktien auch im Verhältnis zur Unternehmensgröße stehen, wenn hier für eine 6000 Dollar Firma Millionen an Aktien über den Tisch gehen ist alleine das schon kriminell und gehört reguliert. Aktienverkäufe unter Inhabern sollten als Tausch ablaufen und nicht den offiziell auf dem Parkett passieren und den Markt beeinflussen... wie lange gibt`s den Aktienmarkt eigentlich schon? - seit gestern? Man müsste doch mittlerweile genug Erfahrung gesammelt haben und entsprechende Sicherheitsmechanismen entwickelt zu haben der den Aktienmarkt näher an die Realwirtschaft holt und nicht zum Casino verkommen lässt.
noalk 15.07.2014
3. pump and dump
Das ist das allgemeine Handelsprinzip an der Börse. Aus dem Handelsvolumen eines kleinen Teils Aktien wird der Gesamtwert der Firma hochgerechnet.
Henk-van-Dijk 15.07.2014
4. Bester Beweis,...
...dass ein Wirtschaftssystem, das zu große Teilen auf spekulativem Kapital beruht und in dem Geldsummen nicht mehr mit echten Werten hinterlegt sind, sehr anfällig ist. Absurde Geschichte!
zippzapp 15.07.2014
5.
Wieder ein perfektes Beispiel dafür, wie an irgendwelchen Finanzplätzen mit rein virtuellen Werten jongliert wird. Bis dann einer kommt und sich dafür reales Geld auszahlen lassen will und man feststellt, dass da einem Börsenwert von mehreren Milliarden Dollar allenfalls ein paar tausend Dollar an reellem Wert gegenüber stehen. Diese Geschichte ist völlig undurchsichtig. Im Oktober 2011 kauft irgendwer 6 Mio Aktien für 600 Dollar. Im März 2013 sind 2,8 Mio Aktien auf einmal 72% der Anteile. Passt schon rein rechnerisch nicht. Von den 210 Millionen Aktien, von denen angeblich niemand etwas wusste, mal ganz zu schweigen. Völliger Wahnsinn, was da möglich ist und am Ende potentiell an reellem Geld verbrannt werden würde.
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