Dachkläranlage Öko-Tüftler will Abwasserentsorgung revolutionieren

In Mannheim versucht ein Ingenieur , mit stinkendem Kloakenschlamm die Welt zu verbessern. Mikroorganismen in Pflanzenwurzeln sollen Abwasser ebenso gut säubern wie es chemische Anlagen tun - zum halben Preis. Das Konzept sei für jedes Hausdach geeignet, sagt der Erfinder.

Jochen Schönmann

Aus Ludwigshafen berichtet Jochen Schönmann


Das Haus steht in der Einöde, umringt von Tausenden Reifen. Grün-gelbe Traktoren parken daneben. Der Bau liegt auf dem Industriegelände der Firma John Deere, dem Weltmarktführer für Landwirtschaftsfahrzeuge. Es ist ein Ort, an dem man nicht unbedingt erwarten würde, eine ökologische Sensation zu entdecken.

Auf dem Flachdach des Hauses, das über eine Metalltreppe zu erreichen ist, soll sich aber genau eine solche Sensation finden: Ein ausgeklügeltes Bepflanzungssystem klärt dort das Abwasser der umliegenden Fabriken - gänzlich ohne Chemie und, nach Angaben des Erfinders, viel billiger. Es ist der Prototyp einer grünen Kläranlage, die etablierten chemischen Abwasserbetrieben bald massiv Konkurrenz machen soll.

Der Öko-Tüftler, der das Dach erfunden hat, heißt Hartmut Bauer. Der 55-Jährige ist bei John Deere europaweit für die Einhaltung der Umweltauflagen und für das Ideenmanagement zuständig. Manch Mitarbeiter nennt ihn "Umwelt-Bauer", er selbst aber sagt, er sei kein Öko, sondern Betriebswirt. "Alles, was wir tun, muss sich rechnen."

Und das tut es, Bauer zufolge, vor allem für die Kunden: Im Vergleich zu einer chemischen Anlage sei das Öko-Dach bis zu zwei Drittel billiger, sein Unterhalt koste nur halb so viel - dabei soll das Dach laut Bauer mindestens genauso effektiv arbeiten wie ein chemisches Klärwerk.

Zehn Kubikmeter Klärwasser pro Tag

Der Prototyp der Firma John Deere ist etwa 150 Quadratmeter groß. Binsen-, Carex- und Irisgewächse stehen in gut zehn Zentimeter tiefem Wasser. Durch ihr dichtes Wurzelwerk sickert Industrie- und Toilettenabwasser. An den Wurzeln der Pflanzen bilden sich Mikroorganismen, die den Schmutz sozusagen aus dem Wasser wegfressen. Laut Bauer werden sie mit so ziemlich allem fertig, was im Industriebereich anfällt. Bis zu zehn Kubikmeter schaffe die Anlage pro Tag.

Das gesäuberte Wasser fließt über Rohre ab. Trinken sollte man es zwar nicht, doch es gelte, so Bauer, nach den strengen Standards deutscher Abwasserverordnungen als gereinigt. Es kann gesammelt und zur Bewässerung von Feldern genutzt werden. Oder man lässt es guten Gewissens versickern - und spart sich teure Entsorgungskosten.

Doch das Klärdach soll nicht nur Geld sparen: Es ist auch eine grüne Lunge. Die Pflanzen und Bakterien produzieren mehr Sauerstoff als CO2, eine Dachkläranlage, so seltsam es klingt, sorgt für frische Luft. "Hätte jeder eine, wäre unser Feinstaubproblem im Handumdrehen gelöst", behauptet Bauer. Die grünen Dächer könnten den Dreck aus Schornsteinen und Auspuffrohren zum Teil filtern.

Zudem wirken die Pflanzen wie eine natürliche Isolierung, sie machen Gebäude energieeffizient: Laut Bauer ist die Temperatur unter dem Dach im Sommer rund acht Grad kühler und im Winter rund acht Grad wärmer als ohne Begrünung.

Erste Referenzprojekte in Planung

Sein Geschäftskonzept will der "Umwelt-Bauer" nun bald vermarkten - und dabei Firmen- und Wohngebäude gleichermaßen begrünen. Auch terrassierte Anlagen für geneigte Dächer seien möglich.

Einen genauen Zeitplan für seine grüne Geschäftsoffensive hat Bauer noch nicht, einen Vertrieb aber schon. Die Lizenz hat das Ekon-Institut, ein Energie-Effizienzdienstleister aus Hockenheim.

Geschäftsführer Bernd-Dieter Ott will das Öko-Dach zunächst Industrie- und Gewerbebetrieben anbieten. Auch Krankenhäuser und Altenheime seien eine gute Zielgruppe. Mit interessanten Referenzprojekten will Ott dann nach und nach ein Bewusstsein für die neue grüne Technik schaffen.



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