Dieselaffäre Anleger verklagen Daimler auf Schadensersatz

Nach dem VW-Konzern droht nun auch Daimler eine Flut von Aktionärsklagen. Erste Anteilseigner werfen dem Autobauer vor, sie getäuscht zu haben. Das dürfte nur der Anfang sein.

Mercedes-Stern auf einem Oldtimer
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Mercedes-Stern auf einem Oldtimer

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Daimler-Chef Dieter Zetsche schien sich sehr sicher zu sein, als er am 26. September 2015 in einem Interview auf das Thema der Stunde zu sprechen kam: den Dieselskandal. Keine zehn Tage zuvor hatte das amerikanische Justizministerium publik gemacht, dass der VW-Konzern mit Abschalteinrichtungen die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen manipuliert und so gegen amerikanisches Recht verstoßen habe. Ob er sicher sein könne, dass kein übereifriger Ingenieur manipuliert habe, um einen Motor im Verbrauchstest besser aussehen zu lassen, wurde der Daimler-Chef gefragt.

Zetsches Antwort fiel eindeutig aus: "Ein Defeat Device, sprich eine Funktion, die die Wirksamkeit der Abgasnachbehandlung unzulässig einschränkt, kommt bei Mercedes-Benz nicht zum Einsatz." Er persönlich sei in alle Entwicklungsprojekte eingebunden.

Diese Aussagen könnten für Zetsche und Daimler nun zu einem Problem werden. Ein von der Tübinger Kanzlei Tilp vertretener Kleinaktionär des Autokonzerns verlangt Schadensersatz, weil er es als erwiesen ansieht, dass Zetsche damals nicht die Wahrheit sagte. Eine entsprechende Klage reichte er jetzt beim Landgericht Stuttgart ein. Vor knapp zwei Wochen hatte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) angekündigt, es werde den Rückruf von 238.000 Daimler-Fahrzeugen in Deutschland anordnen, weil sie verbotene Abschalteinrichtungen enthielten. Europaweit seien sogar 774.000 Autos betroffen. Daimler leistete der KBA-Anordnung Folge, legte aber Widerspruch ein.

Auf den Rückruf beruft sich nun in der Klage der Aktionär. Daimler habe gewusst, dass einige Dieselmodelle Abschalteinrichtungen enthielten und der Konzern dafür bestraft werden könnte, habe aber den Kapitalmarkt darüber nicht informiert. Im Gegenteil habe Daimler in Geschäftsberichten seit 2015 Manipulationsvorwürfe stets zurückgewiesen. "Durch diese andauernde Fehlinformation ist Anlegern ein Schaden entstanden", sagte Axel Wegner, Anwalt bei der Kanzlei Tilp, dem SPIEGEL. "Wir sehen ein Milliardenrisiko für Daimler."

Höhere finanzielle Belastungen durch die Dieselaffäre

In dem Zeitraum, in dem Modelle mit manipulierter Abgasreinigung verkauft wurden - nach Wegners Darstellung zumindest seit Anfang 2014 - sei der Kurs unnatürlich hoch gewesen. Hätten Investoren von dem Betrug und den möglichen finanziellen Folgen für den Konzern gewusst, wäre der Kurs niedriger gewesen, Neu-Aktionäre hätten billiger gekauft. Ein Indiz dafür sei der Kursrutsch, den nicht nur die VW- sondern auch die Daimler-Aktie erlitten hätten, nachdem die Manipulation bei VW im September 2015 publik geworden war.

Vor einigen Tagen hatte bereits die Kanzlei Rotter im Auftrag eines Kunden eine Schadensersatzklage gegen Daimler eingereicht. Gegen den VW-Konzern hatten nach Bekanntwerden des Dieselbetrugs Tausende Aktionäre geklagt. Ob sie ihre Ansprüche durchsetzen können, wird in zwei Musterverfahren in Braunschweig und Stuttgart geklärt. Die Kanzlei Tilp, die den Musterkläger in Braunschweig vertritt, strebt auch gegen Daimler ein solches Musterverfahren an. Man werde in Kürze weit mehr als zehn weitere Klagen einreichen und damit ohne Weiteres die für ein Musterverfahren erforderliche Schwelle überschreiten.

Daimler hat die von den Aktionären erhobenen Vorwürfe stets zurückgewiesen. Der Konzern stellt sich jedoch insgesamt auf höhere finanzielle Belastungen durch die Dieselaffäre ein. Am Mittwochabend hatte Daimler für dieses Jahr sein Gewinnziel kassiert und dies unter anderem mit den Kosten des vom KBA angeordneten Rückrufs begründet.

Im jüngsten Quartalsbericht weist das Unternehmen auch auf Risiken aus behördlichen Ermittlungen in den USA sowie durch mögliche Schadensersatzklagen im Zusammenhang mit der Dieselaffäre hin.

insgesamt 9 Beiträge
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unbegreiflich 22.06.2018
1. Wer zahlt jetzt?
Einen Vorteil hat dieses ganze lügen und vertuschen und zwar bekommt man ab jetzt Daimler Diesel viel billiger und den Schaden werden wie immer die Kunden/Verbraucher haben, prost.
jacpro 22.06.2018
2. top aktuell
Ab Morgen dürfen alle bis Mai produzierte n a,b,gla,cla,c und g-klasse mit 180er,200er und der g350 mit dieselmotor nicht ausgeliefert werden - bereits zugelassene fahrzeuge werden wieder abgemeldet...
Spiegelleserin57 22.06.2018
3. der Kleinanleger ...
Zitat von unbegreiflichEinen Vorteil hat dieses ganze lügen und vertuschen und zwar bekommt man ab jetzt Daimler Diesel viel billiger und den Schaden werden wie immer die Kunden/Verbraucher haben, prost.
muss erst mal beweisen dass er durch die von ihm unterstellte Lüge einen Nachteil erlitten hat. Die Anleger der Autoindustrie haben doch immer kräftig mitverdient. Was wäre denn gewesen wenn diese Autos nicht auf den Markt gekommen wären und die Unternehmensgewinne kleiner ausgefallen wären. RICHTIG...die Anleger hätten auch weniger verdient. Die die Probleme haben sind keinesfalls die Anleger sondern die Leute die mit den Autos in die Fahrverbotszonen fahren müssen. Noch gibt es wenige und es bleibt zu hoffen dass bis es mehr werden viele die Diesel brauchen die Autos gewechselt haben.
exHotelmanager 22.06.2018
4.
Das war bis 2015. Danach hat sich Herr Zetsche nicht mehr einbinden lassen. Übrigens geht nur ein kleiner Teil der Mercedes-Diesel-PKW und Vans als Neuwagen an Verbraucher.
rathat 22.06.2018
5. @ Spiegelleserin57
Wenn ein Unternehmen seine Verkaufsziele nicht erfüllt, dann wird von vornherein nicht in das Unternehmen investiert. Erfüllt ein Unternehmen diese Ziele nur durch Betrug, so wird eben auch der Anleger betrogen, weil er investiert hat, obwohl er es bei voller Information nicht getan hätte. Letztendlich werden die Umsatz- und Gewinnausfälle (ggf. noch Strafzahlungen) von jedem Anleger bezahlt. Die Infragestellung eines Verlustes erübrigt sich, da diese Gelder dem Unternehmen nicht mehr zur Verfügung stehen, gleichzeitig aber keine Dividende sind. Ergo entsteht immer ein mindestens so hoher Verlust für die Aktionäre, wie an Strafen geleistet werden muss. Hinzu kommt die Ungewissheit, ob nicht noch mehr Modellreihen betroffen sind, was den Aktienkurs noch weiter sinken lässt.
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