Dieter Zetsche Daimler-Boss lässt in Flüchtlingszentren nach Arbeitskräften suchen

"Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir", sagt Dieter Zetsche in einem Zeitungsinterview. Deshalb will der Daimler-Chef in Asylunterkünften neue Arbeitskräfte finden.

Dieter Zetsche bei einer Daimler-Aktionärsversammlung: "Deutschland kann doch die freien Arbeitsplätze gar nicht mehr allein mit Deutschen besetzen"
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Dieter Zetsche bei einer Daimler-Aktionärsversammlung: "Deutschland kann doch die freien Arbeitsplätze gar nicht mehr allein mit Deutschen besetzen"


Einer der größten Industriearbeitgeber Deutschlands will gezielt Flüchtlinge einstellen. Daimler-Chef Dieter Zetsche kündigte an, in den Flüchtlingszentren Arbeitskräfte zu suchen und für sein Unternehmen anzuwerben.

"Ich könnte mir vorstellen, dass wir in den Aufnahmezentren die Flüchtlinge über Möglichkeiten und Voraussetzungen informieren, in Deutschland oder bei Daimler Arbeit zu finden", sagte Zetsche der "Bild am Sonntag" ("BamS"). "Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir doch."

Zetsche fügte demnach hinzu: "Sie können uns - ähnlich wie vor Jahrzehnten die Gastarbeiter - helfen, unseren Wohlstand zu erhalten beziehungsweise zu vermehren. Deutschland kann doch die freien Arbeitsplätze gar nicht mehr allein mit Deutschen besetzen."

Im August waren 2,8 Millionen Menschen in Deutschland ohne Job. Das war zugleich die niedrigste Arbeitslosigkeit in einem August seit 1991.

Kürzlich hatte bereits Daimler-Vorstandsmitglied Christine Hohmann-Dennhardt in einem Zeitungsinterview angeregt, die Regeln zur Arbeitsaufnahme allgemein zu lockern und Asylbewerbern nach einem Monat zu gestatten, eine Arbeit aufzunehmen.

"Viele werden für immer bleiben"

Bisher ist es für Asylsuchende und Geduldete gänzlich verboten, in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland zu arbeiten. Auch danach haben sie nur schlechte Chancen auf einen Job, wenn es "bevorrechtigte Arbeitnehmer" gibt. Dies sind Deutsche, aber auch EU-Ausländer oder anerkannte Flüchtlinge. Nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland dürfen Asylbewerber und geduldete Flüchtlinge - ohne die oben beschriebenen Einschränkungen - arbeiten.

Führende Vertreter der deutschen Wirtschaft haben bereits im Frühsommer Bund und Länder aufgefordert, Flüchtlingen den Zugang zum Arbeitsmarkt deutlich zu erleichtern. "Viele Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Vertreibung zu uns kommen, werden längerfristig oder sogar für immer bleiben", sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. "Es ist im Interesse aller, alles zu tun, damit sich diese Menschen zügig in den Arbeitsmarkt integrieren können."

Der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, sagte dazu, es gehe bei der Frage der Erteilung von Arbeitserlaubnissen darum, die "richtige Balance" zu finden. "Oft werden die ersten Monate benötigt, um ein Mindestmaß an Sprachkenntnissen sicherzustellen." Generell gelte, dass die Arbeitsmarktchancen von Flüchtlingen sehr ungleich seien. Viele Asylbewerber aus Syrien beispielsweise seien sehr gut ausgebildet und würden perfekt Englisch sprechen.

Weise sprach sich zudem für einen Abschiebeschutz für Flüchtlinge in Ausbildung aus.

lgr/dpa

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