Für Mytaxi und Car2Go Warum Daimler sein Taxi-Geschäft riskiert

Taxifahrer waren immer die treuesten Daimler-Kunden - und der Konzern kümmerte sich um sie. Das ist vorbei: Jetzt setzt der Konzern auf Carsharing und die App Mytaxi. Die Wut in den Taxizentralen wächst.

Daimler-Dominanz am Taxistand: Der Autohersteller gerät in die Kritik
DPA

Daimler-Dominanz am Taxistand: Der Autohersteller gerät in die Kritik

Von manager-magazin.de-Redakteurin


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Taxi = Daimler. Diese Gleichung galt über Jahrzehnte auf deutschen Straßen. Die deutschen Taxifahrer und den Stuttgarter Autobauer verband eine lange und enge Zusammenarbeit: Die Taxifahrer sorgten dafür, dass gepflegte, neue Daimler-Modelle für Millionen von Kunden als Taxi - gewissermaßen für stetige Testfahrten - zur Verfügung standen. Und sie waren treue Kunden.

Der Stuttgarter Autobauer revanchierte sich, indem er auf die Bedürfnisse der Taxifahrer einging. Zum Beispiel die Wagen mit extra strapazierfähigen Federungen und Türen ausstattete, attraktive Garantieprogramme oder Rabattangebote für die Taxibranche entwickelte. Und für sie besonders langlebige Batterien einbaute, die sicherstellten, dass die Fahrer beim Warten in der Taxischlange trotz Funknutzung nicht frieren mussten.

So war das damals. Man schätzte sich, tauschte sich aus - und "wusste, was man aneinander hatte", wie es ein Branchenkenner ausdrückt.

Entsprechend hoch war und ist bis heute die Zahl der Daimler, die auf deutschen Straßen als Taxis unterwegs sind. Von den rund 90.000 Taxis sind Schätzungen zufolge 50 bis 60 Prozent Daimler-Modelle - allen voran die Mercedes E-Klasse.

Daimler setzt auf Mytaxi

Doch seit einiger Zeit ist in der Beziehung zwischen Daimler und der Taxibranche einiges in Aufruhr geraten. Schuld daran ist Daimlers Engagement beim Taxi-App-Betreiber Mytaxi. Einer App, über die Kunden per Smartphone Taxis rufen und Fahrer sich Kunden vermitteln lassen können. Seit 2014 ist das Unternehmen zu 100 Prozent im Besitz der Stuttgarter, die mit der App Kunden für ihre Mobilitätsangebote an sich binden wollen.

Daimler steht unter Zugzwang. Die Automobilwelt, wie sie jahrzehntelang Bestand hatte, wandelt sich schnell. Der durchschnittliche Neuwagenkäufer in Deutschland ist mittlerweile 53 Jahre alt. Statt selbst Autos zu kaufen, wollen viele, vor allem junge Menschen in den Metropolen, diese nur noch punktuell nutzen. Allerortens wird an selbstfahrenden Wagen gebastelt, die - einmal auf den Straßen - den Fahrzeugbedarf massiv reduzieren dürften. Künftig, so Mobilitätsexperten, könnten sich rein rechnerisch 15 Menschen ein Auto teilen.

Kein Wunder also, dass Daimler wie auch jeder andere Automobilkonzern schaut, wie er in der schönen neuen digital-autonomen Sharing-Welt überlebt und für Kunden relevant bleibt.

Außer Mietwagenangeboten wie Car2Go und der Mobilitätsplattform moovel setzt Daimler dabei ebenso auf Mytaxi. "Es gibt Dinge, die man machen muss, um im Spiel zu bleiben", fasst ein Daimler-Manager die Entscheidung zusammen.

Justizschlacht mit Taxizentralen

Für jede vermittelte Fahrt müssen Taxifahrer sieben Prozent ihres Umsatzes an Mytaxi abtreten. Deutlich weniger als Fahrer es für den Fahrdienstvermittler Uber müssen. Und zudem nach deutschem Gesetz legal. Ein Auktionsmodell, mit dem Mytaxi vor einiger Zeit die Wartezeit für Kunden in traditionell schwachen Zeiten beschleunigen wollte, stampfte der App-Betreiber nach massiven Fahrerprotesten wieder ein.

Doch auch wenn Daimler beteuert, sich - anders als Uber - als Partner der Fahrer und Taxiunternehmer zu sehen und bei Mytaxi ausschließlich mit Taxiunternehmern zusammenarbeitet, gibt es mittlerweile diverse Reibungspunkte mit den einstigen Verbündeten.

So liefert sich Daimler bereits seit längerem eine Justizschlacht mit verschiedenen Taxizentralen sowie dem Deutschen Taxi- und Mietwagenverband (BZP). Der Grund: Um seine App populärer zu machen, startete Mytaxi in der Vergangenheit immer wieder Rabattaktionen, bei denen die Kunden nur die Hälfte des Fahrpreises zahlen mussten. Den Rest zahlte Mytaxi aus eigener Tasche.

Aktionen, die der App massiven Zulauf brachten. Den die Taxizentralen aber als unlauteren Wettbewerb sehen, weil ihnen selbst per Gesetz solche Aktionen verwehrt sind. Und den sie sich in diesem Ausmaß schlicht nicht leisten können. Mytaxi, hinter dem der Milliardenkonzern Daimler steht, hingegen schon. Hier werden die Kosten für die umfangreichen Rabattaktionen als Investition in die Zukunft gesehen. Schließlich, so die weitverbreitete Annahme in der digitalen neuen Welt, kann nur der Stärkste gewinnen.

Streit um Warteplätze

In der vergangenen Woche verbot nun ein Gericht in Frankfurt Mytaxi diese Rabattaktionen bundesweit. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig - und in Juristenkreisen zudem hoch umstritten. Die Daimler-Tochter will dagegen jedenfalls wohl in Berufung gehen. Sollte Kläger Taxi Deutschland die gerichtlich bestimmte Sicherheitsleistung von 160.000 Euro wie geplant wie demnächst bezahlen, wären Mytaxi bis zu einem anderslautenden Urteil Rabattaktionen aber erst einmal verboten.

Und dies ist nicht der einzige Schauplatz, auf dem es zwischen Daimler und dem Taxigewerbe gerade heftig kracht. In Köln sorgt ein Streit um spezielle Taxi-Warteplätze vor dem Hauptbahnhof für zusätzlichen Ärger. Die Plätze, die lange vom Kölner Marktführer Taxi Ruf genutzt worden waren, hat seit Anfang des Jahres nun die Daimler-Tochter Mytaxi von der Bahn angemietet. Ursprünglich sollten Mytaxi-Fahrer für 120 Euro eine Plakette kaufen, um dort Fahrgäste aufnehmen zu können.

Doch bislang ignoriert die Konkurrenz, die sich ausgebootet fühlt, die Abmachung und nutzt die Warteplätze trotzdem. Und Mytaxi verhandelt mit der Bahn, wie es weitergehen soll. Der Ärger bei den Taxi-Zentralen ist groß. Und auch viele Fahrer sind verärgert oder verunsichert. Sie müssen sich an neue Regeln gewöhnen und stehen nicht selten zwischen den Fronten.

Bei einigen Unternehmen ist der Ärger mittlerweile sogar so groß, dass sie zum Boykott von Daimler-Fahrzeugen aufgerufen haben. Ein Thema, das vor allem in den sozialen Netzwerken heiß diskutiert wird. Während einige der oft genossenschaftlich organisierten Taxizentralen entschlossen gegen den neuen digitalen Wettbewerber kämpfen, haben andere sich mit dem neuen Mitspieler und den neuen Regeln bereits abgefunden.

"Wir brauchen einfach den Umsatz"

In Köln etwa hat vor etwas mehr als einem Jahr eine Konkurrenzvermittlung zum alteingesessenen Marktführer Taxi Ruf aufgemacht. Anders als viele Konkurrenten arbeitet Taxi17 mit Mytaxi zusammen. Die Wagen der Zentrale, die sich durch besondere Qualität und ausschließlich relativ neue Daimler-Fahrzeuge abheben will, lassen sich auch über Mytaxi rufen. Bei dieser Buchungsart geht Taxi17 allerdings leer aus - aktuell immerhin bei rund einem Drittel aller Fahrten.

Eine Alternative zur Zusammenarbeit mit Mytaxi sehe er dennoch nicht, erklärt Taxi17-Gründer Alexander Tritschkow manager-magazin.de. "Wir brauchen einfach den Umsatz." Und Mytaxi hat viel Geld, so der ehemalige Taxifahrer. "Das ist in der Branche einfach mal was Neues."

Dass Daimler wegen der Querelen und Boykottaufrufe künftig auf dem Taximarkt irrelevant werden wird, steht wohl nicht zu befürchten. "Bei aller Politik - letztlich bleibt die Entscheidung, welches Auto ein Unternehmer kauft, eine Geldfrage", ist der Präsident des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes BZP, Michael Müller, überzeugt.

Doch auch hier kommt es allmählich zu Verschiebungen. So konnte Toyota seinen Absatz in der Taxibranche nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr um 30 Prozent steigern. Damit bewegen sich die Japaner allerdings noch immer auf einem übersichtlichen Niveau mit einer, so das Unternehmen, "vierstelligen Zahl" von verkauften Taxi-Fahrzeugen im vergangenen Jahr.

Keine Zahl, die Daimler in enormen Schrecken versetzen dürfte. Das Gros seines Geschäftes macht der Konzern ohnehin schon lange nicht mehr hierzulande. Aber eine Entwicklung, die zeigt, wie schwer für Konzerne die Gratwanderung zwischen traditionellem Geschäft und der neuen digitalen Welt ist - und in Zukunft noch werden wird.


Zusammengefasst : Daimler gilt traditionell als bevorzugter Lieferant für Taxis - die Zusammenarbeit nutzte lange beiden Seiten. Doch der Stuttgarter Autobauer muss auf den Strukturwandel in der Branche reagieren: Künftig liegen die Geschäftschancen außer im Verkauf von Neuwagen in Mobilitäts- und Sharing-Angeboten. Unter anderem setzt Daimler dabei auf die eigene Taxi-App-Tochter Mytaxi, die den angestammten Taxizentralen Konkurrenz macht. Die wehren sich zunehmend juristisch gegen die finanzstarke Daimler-Tochter - der Autokonzern nimmt den Konflikt in Kauf.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bernd.Brincken 27.01.2016
1. Spieltheorie
Klar, dass die Taxifahrer erstmal sturm laufen. Schon die Möglichkeit, die Fahrer mit der App zu bewerten, dürfte da manche Unruhe auslösen. Aber vielleicht steigt dann ja auch mal die Freundlichkeit der Fahrer, und am Ende sogar - kaum zu fassen - der Umsatz? Und dann werden auch wieder mehr von den Autos bestellt?
johannesbueckler 27.01.2016
2. Da hilt nur Eins
Taxifahrer verbeamten. Da fahre ich lieber mit einem Sikh in NYC. Okay, die Lizenz kostet wohl 500 Large.....
Seraphan 27.01.2016
3.
Einmal mehr zeigt sich, wie der Monopolist Taxi reagiert, wenn ihm aufgezeigt wird, dass sich die Zeiten in den letzten 100 Jahre geändert haben, er sich dieser Realität nicht stellen möchte. Nachdem er jeglichen Kundenservice und -freundlichkeit über Bord geworfen hat, kommt nach Uber auch noch sein Hoflieferant und tut einfach, was er will. Seitdem ich in Münster Taxis zu meiner Beförderung nutze, habe ich so viel an Arroganz, Dummheit, Mangel an Kundendienst und Servicegedanken erlebt, wie in keiner anderen Branche.
larry_lustig 27.01.2016
4. Man sollte unterscheiden
Die Taxizentralen sind sauer und laufen Sturm, weil ihre Monopolstellung bröckelt und die exorbitanten Einnahmen wohl nicht mehr zu garantieren sind. Die Taxifahrer sind meistens keine Eigentümer der Taxen sondern das sind die Taxiunternehmer. Und die dürften siche freuen, wenn etwas Bewegung in die Kosten kommt, die sie stemmen müssen...
tomtomone 27.01.2016
5.
Die ursprüngliche Idee von mT war vollkommen in Ordnung. Nur ist der Hintergrund jetzt ein ganz anderer: mT hat von allen Kunden die Bewegungsprofile und kann sich dadurch die lukrativen Kunden rauspicken und zu einem Limousinen-Service umleiten. Und diese Kunden werden dadurch dem Taxigewerbe entzogen. Abgesehen davon haben "anständige" Fahrer ihre Stammkunden und brauchen diesen ganzen (eh größtenteils subjektiven) Bewertungs-Hokuspokus nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.