Mercedes-S-Klasse-Präsentation: Warten auf den Rettungswagen

Von

Mercedes-Flops: Kipper, Rostbeulen, Ladenhüter Fotos
Daimler

Das Beste? Oder nichts? Die Daimler-Belegschaft erwartet mit Bangen den Stapellauf der neuen S-Klasse von Mercedes. Die Luxuslimousine soll den gesamten Konzern aus seiner Lethargie reißen. Ein Fehlschlag dürfte Vorstandschef Dieter Zetsche sein Amt kosten.

Berlin - Es ist nur ein kleines Gimmick aus der langen Liste von Extras, die für die neue S-Klasse von Mercedes zu haben sind. Doch es könnte sich nachhaltig auf das Image der Luxuslimousine auswirken. Im Handschuhfach haben die Ingenieure einen kleinen Zerstäuber untergebracht, der den Innenraum auf Knopfdruck in eine Duftwolke hüllt. So etwas gab es schon mal, bei Citroën etwa - oder in Form des legendären Duftbaums, der an so vielen deutschen Rückspiegeln hängt.

Das sogenannte Air-Balance-Paket lässt sich als Angebot an diejenigen interpretieren, die so etwas gut finden. Oder als Anbiederung an eine Kundschaft, die wenig Stil besitzt und dafür umso mehr Geld. Oder schlicht als Ratlosigkeit, wie um alles in der Welt man den Abstand zur Konkurrenz dokumentieren kann. Damit auch jeder glaubt, dass es kein Auto auf der Welt gibt, das an die S-Klasse heranreicht.

Lange Reihe von Fehlschlägen

Die Nervosität der Mercedes-Leute ist verständlich: Wohl kaum ein Stapellauf war in der jüngsten Vergangenheit von größeren Erwartungen begleitet als der des neuen Luxusliners von Mercedes. Die S-Klasse soll Daimler Chart zeigen endlich wieder jenen Glanz verleihen, in dem der Konzern sich Jahrzehnte gesonnt hat. "Das Beste oder nichts", der Werbeslogan, den Dieter Zetsche bei jeder sich bietenden Gelegenheit deklamiert, wird damit auch zum Menetekel: Wenn die S-Klasse floppt, dürfte das auch das Ende von Zetsches Karriere bedeuten. Denn nach einer ganzen Reihe von Fehlschlägen in der Vergangenheit kann sich der Konzernchef keinen weiteren leisten.

Nach Abrechnung des jüngsten Quartals musste Zetsche die Ergebnisprognose bereits zum zweiten Mal binnen weniger Monate kassieren. Dass die enttäuschenden Verkaufszahlen keine Gottesfügung sind, beweisen die Wettbewerber BMW und Audi, die den Abstand zur einstigen Nummer eins Mercedes Monat für Monat vergrößern. Sie liegen nicht nur gemessen an den Stückzahlen vorne, sondern erwirtschaften auch mehr Gewinn pro Auto. 2012 lag die operative Rendite bei Mercedes bei 7,1 Prozent, BMW Chart zeigen schaffte dagegen 10,9, Audi Chart zeigen sogar 11 Prozent.

Besonders krass wirken Versäumnisse auf dem chinesischen Markt nach. Dort machen die Stuttgarter eigentlich nur mit der S-Klasse Punkte, während die kleineren Baureihen unter "ferner liefen" rangieren. Andere Probleme lassen sich Zetsche noch direkter zuordnen: So musste die E-Klasse, das erste Auto, das maßgeblich unter seiner Ägide entstand, bereits nach kurzer Laufzeit so umfassend renoviert werden, wie kein zweites Modell zuvor. Rund eine Milliarde soll die Aufhübschung des wichtigsten Umsatz- und Gewinnbringers im Konzern verschlungen haben. Oder der Lieferwagen Citan, ein Ableger des Renault Kangoo. Nach einem verheerenden Crashtest des ADAC musste Mercedes rund 3500 in Europa verkaufte Fahrzeuge in die Werkstätten rufen, um nachzubessern.

Zweifel an Zetsche

Um das Ruder herumzureißen, müsste es gelingen, das gesamte Unternehmen auf das gemeinsame Ziel einzuschwören, doch ob Zetsche dazu noch die Kraft hat, das bezweifeln inzwischen viele Beobachter. Denn in der Hektik des andauernden Krisenmanagements hat der einst für einen kooperativen Führungsstil gelobte Manager den Kontakt zur Basis verloren. Dem Widerstand der Arbeitnehmer ist es auch zu verdanken, dass sein Vertrag nur um drei statt wie üblich um fünf Jahre verlängert wurde. "Er kann es nicht", heißt es aus den Reihen des Managements.

Dass ein gelungener Einstand der S-Klasse die Fehlentwicklungen der letzten Jahre vollends vergessen machen könnte, glauben jedoch nicht einmal die Stuttgarter selbst. Aber er könnte immerhin einen wichtigen Beitrag leisten, dass der Stern wieder strahlt und die Belegschaft wieder aufgerichtet wird.

Mehr Prestige hat keiner

Denn als Identifikationsobjekt taugt die Luxuslimousine allemal. Sie beherrscht seit Jahrzehnten weltweit ihr Segment und gilt als Maßstab für die automobile Oberklasse schlechthin. Andere mochten elegantere Autos bauen, Jaguar etwa -doch in Sachen Prestige konnten die der S-Klasse nie das Wasser reichen. Selbst BMW mit dem Siebener nicht oder Audi mit dem A8. Auch 2012 markierte die S-Klasse mit 65.000 Einheiten den Spitzenplatz vor dem BMW Siebener mit rund 59.000 Stück und dem Audi A8 mit 38.000 weltweit verkauften Wagen.

Stolz können die Mercedes-Leute auch auf die enormen Gewinne sein, die das Flaggschiff einfährt. Zwar entfallen nur sechs Prozent der Mercedes-Auslieferungen auf die S-Klasse, doch zum Gesamtprofit des Konzern trägt sie nach Schätzungen von Analysten mindestens 15 Prozent bei. Der Bruttogewinn jedes verkauften Wagens, davon sind Branchenexperten überzeugt, beträgt 40 bis 50 Prozent.

Doch die Alleinstellung ist auch eine Bürde für Zetsche: Denn es gilt, sie mit dem neuen Modell um jeden Preis zu verteidigen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schade
Ratzbär 15.05.2013
Mercedes-Benz war ja lange Zeit DAS deutsche Auto: Qualität, Solidität. Aber wie schon gesagt: WAR! Shareholdervalue sei Dank!^^
2.
thanks-top-info 15.05.2013
eine Duftwolke im Handschuhfach... kommt die da auch raus, ohne das man das Türchen öffnet :o)) Vielleicht durch Osmose... das währe dann tatsächlich eine Technische Revoluzion und der Rede Wert. Der Duft würde aus den Verkleidungen gleichmäßig in den Fahrgastraum abgegeben, wählbar in 5 Gestankvarianten. Da erinnere ich mich gerade an unseren 72' 300SEL, Ledersitze deren Geruch mir jetzt noch in der Nase liegt
3.
tim-quasineutral 15.05.2013
Nachdem ich die ersten Bilder gesehen habe, kommen mir leise Zweifel, dass dieses Auto wirklich gut läuft. Wo ist das zeitlose Design hin? Außen nichtssagender als die aktuelle S-Klasse. Innnen wird die Anzahl der runden Luftauströmer auf vier in der Mittelkonsole gesteigert. Runde Luftausströmer sehen für mich immer etwas deplaziert und verspielt aus - also gar nichts für eine S-Klasse. Beim Design ist Mercedes etwas zwiespältig in letzter Zeit. Klasse ist der CLA - rundum gelungen. Die A-Klasse vielleicht etwas zu drastich auf Golf-Format gebracht. Etwas langweilig die B-Klasse. Aber immerhin spricht man mit diesen drei Modellen unterschiedliche Gruppen an. Die Diversifizierung sollte hier klappen. Bei den Limousinen C- und E-Klasse ringt Mercedes noch mit dem neuen Außendesign (nach dem Vieraugengesicht). Bei der C-Klasse ist es für die Klasse gut gelöst. Die E-Klasse macht sich deutlich besser mit dem MOPF, wenn auch hier das aktuell modische, verspielte Leuchtendesign stark Einzug hält. Hier wäre etwas weniger doch mehr. Innen folgt man seit dem W212 der alten BMW 5er Linie - also eher kantig. Ist ok. Die neue S-Klasse? Gar nicht gefällt mir der Trend zu immer mehr runden Luftauströmern in zentraler Position im Amaturenbrett. Sieht irgendwie deplaziert aus. Hatte mir schon damals beim Audi A5 Cabrio mit drei solcher Ausströmer nicht gefallen. Bei der S-Klasse sind es nun vier ... Ansonsten ist das Design zeitgemäß, aber doch etwas nichtssagend. Eigentlich so, wie mein Gefühl bei der Vorstellung des W212 war. Hier sollte doch eine neue Designsprache entwickelt werden.
4. optional
dr.haus 15.05.2013
Mercedes ist schon seit mindestens 15 Jahren qualitativ u. imagemässig (bis auf die ewiggestrigen M-Fahrer) hinter Audi,BMW u. seit ca. 5 Jahren auch hinter VW ! abgerutscht. Wenn ich meinen SL 500 (Bj 07) mit meinen parrallel (06- 2013) gefahrenen Q7 ,Cayenne, A8, Phaeton ,BMW 650 vergleiche ,wundern mich die schlechten Verkaufswerte von Mercedes nicht die Bohne. Arroganz kommt eben vor dem Fall u. diese schon seit 40 Jahren.
5. Liebe SPON-Redaktion, lieber Herr Kröger
fgeiger 15.05.2013
Ich habe gewisses Verständnis dafür, daß in der heutigen schnelllebigen Zeit der Hang zum Sensationsjournalismus merklich zunimmt.....irgendwie muss man ja auch die Kundschaft unterhalten. Dennoch fällt auf, daß ihr Resort "Auto" relativ schwach besetzt zu sein schein, denn immer wieder fallen Dinge auf, die nicht der Faktenlage entsprechen. Zitat: "So musste die E-Klasse, das erste Auto, das maßgeblich unter seiner Ägide entstand, bereits nach kurzer Laufzeit so umfassend renoviert werden, wie kein zweites Modell zuvor. Rund eine Milliarde soll die Aufhübschung des wichtigsten Umsatz- und Gewinnbringers im Konzern verschlungen haben." Fakt ist, daß der Modellzyklus der Mittelklasse seit dem W210 immer gleich ist: etwa 8 Jahre Laufzeit, nach 4 Jahren eine grosse Modellpflege. Auch wenn es dem Bericht etwas seiner Dramaturgie beraubt: von voreiliger Aufhübschung kann also keine Rede sein. Desweiteren verschweigen Sie daß die kolportierte Milliarde Euro (was eben so als Gerücht durch´s Internet schwirrt) dadurch entstanden sind daß sich W212 MOPF und W222 eine ganze Reihe Systeme teilen, ergo teiles sich die beiden Baureihen auch die Kosten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Daimler AG
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 114 Kommentare
  • Zur Startseite