Kooperation Daimler-BMW Schwäbisch-bayerische Entwicklungshilfe

Sie sind erbitterte Rivalen im Luxussegment - trotzdem wollen Daimler und BMW bei Roboterautos laut einem Bericht gemeinsame Sache machen. Was steckt hinter der geplanten Kooperation?

Elektroautos von Mercedes und BMW
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Elektroautos von Mercedes und BMW

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Bis vor Kurzem waren derlei Partnerschaften nahezu unvorstellbar: ein BMW-Ingenieur brauchte keine Hilfe, schon gar nicht vom Erzrivalen Daimler. Nun aber suchen die beiden Premiumhersteller wegen wachsender Konkurrenz aus dem Silicon Valley den Schulterschluss und wollen künftig bei der Entwicklung autonomer Fahrsysteme gemeinsame Sache machen. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was ist geplant?

Die beiden erbitterten Rivalen prüfen offenbar eine umfangreiche Kooperation beim autonomen Fahren. Daimler-Entwicklungschef Ola Källenius und BMW-Chef Harald Krüger hätten entsprechende Gespräche geführt, berichtet das "Handelsblatt" aus Kreisen beider Unternehmen. Geprüft werde eine Zusammenlegung der Entwicklungsaktivitäten. Sogar Patente könnten sich die beiden konkurrierenden Unternehmen gegenseitig offenlegen. Ziel ist es, die milliardenschweren Entwicklungskosten zu senken und einen gemeinsamen Industriestandard zu entwickeln. BMW und Daimler haben für 2021 eigene Modelle angekündigt, die zumindest auf Autobahnen zeitweise autonom fahren können.

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Nicht nur Rivalen: Wo Daimler und BMW kooperieren

Auch wollen die beiden Autohersteller näher beim Thema Batteriezellen für Elektroautos zusammenarbeiten. Daimler will ebenso wie BMW seine Energiespeicher von CATL beziehen. Der Markt für Elektroautos ist angespannt. Die Rohstoffkosten steigen, weil die Nachfrage nach Zellen hoch ist. Gerade einmal drei Hersteller dominieren das Geschäft: CATL in China, LG Chem im Rest der Welt und Panasonic als Partner von Toyota und Tesla. Womöglich wollen die beiden deutschen Premiumhersteller mit ihrer gemeinsamen Allianz dem Batteriegiganten aus China mit einer Stimme entgegentreten - denn CATL verlangt teils saftige Preise.

Warum gehen die beiden Rivalen aufeinander zu?

Sowohl den Chefs von Daimler als auch von BMW dürfte klar sein, dass die besten Jahre der deutschen Edelhersteller vorerst vorbei sind. Die Absätze stagnieren, die Gewinne schrumpfen, die Aktienkurse sind im Dauertief.

Die Herausforderungen sind groß, weil autonom fahrende Roboterautos das Geschäftsmodell beider Premiumhersteller radikal bedrohen könnte. Denn wenn Fahrer durch neue Technologien ersetzt werden, würde das Experten zufolge die Kosten für Taxifahrten in einer Stadt um 70 Prozent senken. Ob es in solch einem Szenario überhaupt noch BMW oder Daimler braucht, ist fraglich.

Bisher kämpfen die beiden Premiummarken auf eigene Rechnung, um das zu verhindern. BMW arbeitet mit Intel und Fiat Chrysler zusammen und investierte Milliarden in die Entwicklung eines autonom fahrenden Fahrzeugs, das 2021 auf Autobahnen längere Strecken ohne Fahrer auskommen kann. Daimler hat sich für ein ähnliches Projekt mit Bosch zusammengeschlossen.

Doch die derzeitig diskutierte Zusammenarbeit der beiden Edelmarken würde weit über alle bisherigen Projekte hinausgehen. Womöglich setzen die beiden Hersteller dabei auch ein Stück weit ihre Einzigartigkeit aufs Spiel. Denn bei den Mobilitätskonzepten der Zukunft geht es nicht um Motorleistung und Fahrspaß, sondern um Sicherheit und Vernetzung. "Ob da ein Daimler-Stern oder ein BMW-Propeller drauf ist, wird nicht mehr so wichtig sein", sagte Autoexperte Stefan Bratzel jüngst dem "Handelsblatt".

Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hofft, dass die deutsche Autoindustrie eine Spitzenposition beim autonomen Fahren einnehmen wird. "Wir haben das ganze Wissen darüber, wie man ein Auto konstruiert, wie man technische Probleme löst", sagte der CDU-Politiker an diesem Montag auf der Innovationskonferenz DLD in München. Das müsse nun mit Daten und künstlicher Intelligenz verknüpft werden. "Meine Ambition ist, dass Deutschland vorn sein sollte."

Welche Konkurrenten gibt es?

Die deutschen Hersteller haben zunehmend starke Konkurrenten aus dem Silicon Valley wie die Google-Tochter Waymo, die Milliarden in die Entwicklung von autonomen Fahren investiert. Das Unternehmen will zwar selbst keine Autos bauen, aber das Betriebssystem für selbstfahrende Autos liefern. Damit könnte Google den Standard für autonome Fahrzeuge setzen.

Auch das chinesische Pendant Baidu könnte den deutschen Herstellern gefährlich werden. Die Chinesen setzen im Apollo-Projekt ebenfalls auf eine offene Plattform, die zum Betriebssystem für die gesamte Branche werden kann, ein "Android für autonomes Fahren". Rund 90 Partner hat die Apollo-Initiative mittlerweile, darunter Ford, Microsoft und andere große Namen.

In Zukunft wird es also vor allem darum gehen, wer welche Plattform nutzt. Wenn BMW und Daimler nun gemeinsam einen Industriestandard für autonomes Fahren entwickeln, steigt die Chance, diesen in Europa oder in den USA durchzusetzen. Doch das dürfte schwierig werden, denn selbst eine Allianz aus Daimler und BWW wäre wohl zu klein, um gegen große Volumenhersteller anzukommen.

Wie reagieren andere Hersteller auf die neuen Konkurrenten?

Auch andere Autohersteller schmieden Allianzen, um sich auf dem Markt für Roboterfahrzeuge zu behaupten. Volkswagen hat jüngst die Kooperation mit dem US-Start-up Aurora verkündet, das autonome Fahrerassistenzsysteme entwickelt. Gemeinsam wolle man selbstfahrende Autos auf den Markt bringen. Auch der koreanische Hersteller Hyundai hat eine Partnerschaft mit Aurora geschlossen.

Toyota investiert derzeit Millionen in den Fahrdienst Uber, um gemeinsam die Entwicklung selbstfahrender Autos voranzutreiben. Renault, Nissan und Mitsubishi haben angekündigt, bis 2022 nach eigenen Aussagen 15 teilautonome Fahrzeuge und einen komplett autonomen Wagen anzubieten.

Opel-Mutter PSA ging bereits 2017 eine Kooperation mit dem US-Start-up nuTonomy ein, um autonome Fahrzeuge zu entwickeln. Derzeit testet das Unternehmen bereits erste selbstfahrende Autos in Singapur.

Ist die Kooperation von BMW und Daimler einmalig?

Auch wenn sie sich nach außen als harte Konkurrenten geben - BMW und Daimler kooperieren seit Jahren auf verschiedenen Gebieten. Für sich genommen sind die Hersteller zu klein, um alle Fahrzeugkomponenten selbst zu bauen, entwickeln oder einzukaufen. Zusammen lässt sich viel Geld sparen.

Offen reden mögen die Konzerne über Details oft nicht, da sie als eigenständig wahrgenommen werden wollen. Nicht viel ist beispielsweise über die Einkaufkooperation der Firmen bekannt, die schon seit 2008 besteht. Zunächst beschafften sie gemeinsam Teile in den USA und China, um Kosten zu senken. Es ging dabei um Gurtroller, Fensterheber und Klimaanlagen - alles Teile, die Fahrer nicht sehen. Hinzu kamen Reifen, Sitzgestelle und Kleinteile wie Kabelbaumstecker oder Gurtstraffer, die sich in gleicher oder ähnlicher Form in Mercedes-Autos und BMWs finden.

Etwas gesprächiger sind die Hersteller bei den großen Zukunftsthemen. Für Carsharing, Parkplatzsuche, Elektromobilität und mehr haben BMW und Daimler sogar ein Joint Venture gegründet. So wollen die Kurzzeitmietautoanbieter Car2Go (Daimler) und DriveNow (BMW) fusionieren. Eine gemeinsame App soll das Angebot mit weiteren Dienstleistungen wie Fahrradverleih, Taxisuche oder Informationen zum öffentlichen Nahverkehr bündeln. Zusammen wollen die Konzerne so sechs Millionen Nutzer erreichen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, BMW arbeite bei der Entwicklung eines autonom fahrenden Fahrzeugs mit Ford zusammen. Tatsächlich handelt es sich um eine Zusammenarbeit zwischen BMW, Intel und Fiat Chrysler. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 17 Beiträge
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leberhart 21.01.2019
1. nicht das erste Mal
Soo erbittert sind die Rivalen nicht. Wenn ich mich richtig erinnere, gab's vor ein paar Jahren schon mal eine Kooperation bei Motoren.
dirkcoe 21.01.2019
2. Ich habe die Befürchtung
das es selbst wenn Daimler und BMW zusammenarbeiten nicht reichen wird. Seit googel in die Entwicklung eingestiegen ist, stehen da Summen bereit, von denen unsere Autobauer nur träumen können. Hinzu kommt - bei EAutos ist das Thema Premium ohnehin Geschichte - hat es sich doch in erster Linie über den Antriebsstrang definiert. Einen EMotor bauen kann jede Feldschmiede, Blech biegen auch - und Batterien und Elektronik kommt eh aus Asien. Unsere Autobauer haben vor 10 Jahren die Chance verpasst, Technologieführer für alternative Antriebe zu werden.
rurei 21.01.2019
3. Was steckt hinter der geplanten Kooperation?
BMW arbeitet mit Intel und Ford zusammen und investierte Milliarden (!!!) in die Entwicklung eines autonom fahrenden Fahrzeugs ... und immer reichts noch nicht. Das komplizierteste am Menschen und somit auch am Autofahrer sind nicht die Mechanik des Körpers oder seine Sensoren. Ob man nun Roboter baut mit Beinen und Armen (oder soll das Ding auch Räder haben) und mit Sensoren zum sehen und hören, das mit Abstand komplizierteste ist das Gehirn, das alles erkennt, verarbeitet und steuert: 86 Milliarden Nervenzellen und dann noch: Das Muster von neuronalen Verknüpfungen ist für neurale Funktionen entscheidend, so wie es in 100ten von Millionen von Jahren aus der Evolution entstanden ist. Wenn aber schon die kognitiven und verarbeitenden Fähigkeiten eines Fliegenhirns reichen würden: Ein "Android für autonomes Fahren ?" Da hat man gerade mal 1 % geschafft. Die bisschen Blechbieger haben das Problem total unterschätzt und tun das wohl immer noch! Autonomes Fahren wird kommen, aber die Autofirmen werden die Lösung nicht liefern, sie werden in der Wertschöpfungskette zurücktreten, sie haben schon verloren.
Stäffelesrutscher 21.01.2019
4.
»Sowohl den Chefs von Daimler als auch von BMW dürfte klar sein, dass die besten Jahre der deutschen Edelhersteller vorerst vorbei sind. Die Absätze stagnieren, die Gewinne schrumpfen, die Aktienkurse sind im Dauertief. Die Herausforderungen sind groß, weil autonom fahrende Roboterautos das Geschäftsmodell beider Premiumhersteller radikal bedrohen könnte.« Tja - wer zu spät kommt, den bestrafen die Chinesen.
hbb258 21.01.2019
5. Sagen was ist
Allein die Aufmachung dieses Artikels wieder. Bis vor kurzem unvorstellbar, dass die erbitterten Rivalen zusammenarbeiten. Es wird bereits seit unzähligen Jahren zusammengearbeitet. Man kennt sich von verschiedenen Kongressen, es gibt verschiedene Kooperationen (Kartendienst, etc.), man bezieht teilweise Gleichteile von Herstellern und tauscht sich aus. Überhaupt nichts ungewöhnliches. Ich finde man hätte das hier deutlich sachlicher darstellen können.
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