Hohe Kursverluste Der Dax hat ausgeklettert

Am Mittwoch begann der deutsche Leitindex Dax plötzlich abzustürzen - und fiel immer weiter. Grund sind mächtige Wechselwirkungen der Weltwirtschaft. Eine Analyse in vier Grafiken.

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Börse in Frankfurt am Mittwoch: Jäher Absturz am späten Nachmittag
REUTERS

Börse in Frankfurt am Mittwoch: Jäher Absturz am späten Nachmittag


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Am Mittwoch kurz nach 16 Uhr schien es kein Halten mehr zu geben: Binnen weniger Minuten büßte der Dax Chart zeigen mehr als 150 Punkte ein. Bei Handelsschluss verzeichnete er den größten Tagesverlust seit mehr als einem Jahr: minus 3,2 Prozent. Auch am Donnerstag verlor Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer zunächst weiter an Wert, ehe der Kurs gegen Mittag leicht ins Plus drehte.

Was ist los an Deutschlands Börse?


1. Der unheimliche Höhenflug der deutschen Börse

Um zu verstehen, was gestern passierte, muss man zunächst wissen, dass dem jähen Absturz ein monatelanger Höhenflug vorausgegangen war. Am 22. Januar hatte die Europäische Zentralbank angekündigt, dass sie den Banken bald im großen Stil Anleihen von EU-Staaten abkaufen würde; am 1. März startete das Programm, das in Fachkreisen auch Quantitative Easing genannt wird. Das EZB-Programm hat zwei Folgen:

  • Erstens kommen Banken durch den Verkauf von Staatsanleihen leicht an frisches Geld, mit dem sie unter anderem neue Aktien kaufen können.
  • Zweitens verknappt die EZB das Angebot von Staatsanleihen aus EU-Staaten. Banken müssen verstärkt Anleihen aus Ländern jenseits der Euro-Zone kaufen. Da diese in den jeweiligen Landeswährungen gehandelt werden, steigt in der Folge auch die Nachfrage nach Dollar, Yen und anderen Devisen. Das drückt im Verhältnis den Kurs des Euro.

Durch den niedrigen Eurokurs werden wiederum Exporte aus der Eurozone in andere Länder billiger, was die Nachfrage steigert. Davon profitieren unter anderem Dax-Konzerne wie Volkswagen Chart zeigen, Linde Chart zeigen oder Lufthansa Chart zeigen, die viele Waren exportieren.

Das Gemisch aus frischem Geld und steigender Exportnachfrage löste einen Börsenboom aus. Anlegern wurde dieser zusehends unheimlich. Viele fragten sich: Kommt irgendwann die große Kurskorrektur? Und was könnte ihr Auslöser sein?


2. Amerikas plötzliche Schwäche

Am Mittwochnachmittag, kurz bevor der Dax binnen Minuten in die Tiefe rauschte, kamen schlechte Nachrichten aus Amerika. Die US-Wirtschaft war im ersten Quartal 2015 nur um 0,2 Prozent gewachsen.

Das hatte kaum jemand erwartet. Analysten hatten mit einem Wachstum von bis zu 1,0 Prozent gerechnet. Noch im Herbst 2014 hatte die US-Wirtschaft um fünf Prozent zugelegt.

Der jähe Einbruch machte Anleger nervös. Sie fragten sich: Was läuft falsch in den USA?

Im Kern waren es drei Faktoren, die die US-Wirtschaft lähmten:

  • Die US-Bürger legten deutlich mehr Geld auf die hohe Kante, anstatt es auszugeben. Die Sparquote stieg seit dem Winterquartal 2014 von 4,6 Prozent auf 5,5 Prozent. Für die US-Wirtschaft, die zu zwei Dritteln vom Konsum abhängt, ist das ein schwerer Rückschlag.
  • Wochenlange Streiks in den größten US-Containerhäfen lähmten das Exportgeschäft. Ohnehin leidet Amerikas Exportindustrie unter dem schwachen Euro, denn er macht US-Produkte im globalen Wettbewerb teurer.
  • Der Energiesektor litt unter den Folgen des niedrigen Ölpreises.

Die US-Notenbank Fed hält den Einbruch des Wirtschaftswachstums nach eigenen Angaben für ein temporäres Phänomen. Dennoch ist er auch für die Euroländer eine schlechte Nachricht.


3. Der sprunghafte Anstieg des Euro-Kurses

Eigentlich wollte die Fed demnächst den sogenannten Leitzins erhöhen. Dies ist der zentrale Zinssatz, zu dem sich Banken bei der US-Notenbank Geld leihen können.

Wenn die Fed den US-Leitzins erhöht, steigen auch die Renditen für Anleihen der US-Regierung und von US-Unternehmen. Und da solche Papiere in der Landeswährung gehandelt werden, steigt auch die Nachfrage nach dem Dollar. Der Euro würde sich in der Folge weiter verbilligen, die Exportwirtschaft der Eurozone weiter Auftrieb bekommen.

Die Schwächephase der US-Wirtschaft macht es nun deutlich unwahrscheinlicher, dass die Fed bald den Leitzins erhöht. Die Enttäuschung der Anleger schlug sich deutlich im Wechselkurs nieder. Der Euro verteuerte sich binnen zwei Tagen um gut zwei Cent gegenüber dem Dollar.

Für die Wirtschaft der Eurozone - besonders für die exportlastige deutsche Wirtschaft - sind das schlechte Nachrichten. Womit wir wieder beim Absturz vom Mittwoch wären.


4. Warum der Dax abstürzte - und wie es nun weitergeht

Wenn der Euro an Wert gewinnt, verteuern sich die Exporte aus dem Euroraum auf den internationalen Märkten. Entsprechend verloren am Mittwoch vor allem die Aktien der exportstarken Dax-Konzerne stark an Wert. Fragt sich nur, ob es mit dem Dax nun weiter bergab geht oder nicht.

Derzeit sieht es eher nach weiteren Kursverlusten aus. So brachen am Donnerstag auch am Rentenmarkt die Kurse zahlreicher Anleihen ein. Am Devisenmarkt bauten die Anleger in großem Stil ihre Dollar-Positionen ab und hievten den Euro teils auf ein Acht-Wochen-Hoch von 1,1248 Dollar. Dies sorgte an den Aktienmärkten zeitweise für neue Verkäufe.

Zusammengefasst: Schlechte US-Wachstumszahlen machen eine baldige Zinserhöhung in Amerika unwahrscheinlich. Das schwächt den Dollar - und stärkt den Euro. Das wiederum schwächt die deutsche Exportindustrie und macht Aktien für Anleger unattraktiver.

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insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
nobby_l 30.04.2015
1. Sprunghafter Anstieg Euro? Absturz DAX?
Ich weiß nicht, müssen diese Superlative eigentlich sein? Ich sehe kleinere Korrekturen, und der DAX legt heute wieder zu - vermutlich dann ein fulminanter Anstieg.
stefan.martens.75 30.04.2015
2. DAX Absturz?
Wie lächerlich ist das bitte wenn der DAX innerhalb weniger Monate massiv steigt und dann mal um 3% absackt?
subsect 30.04.2015
3. Export?
.... Durch den niedrigen Eurokurs werden wiederum Exporte aus der Eurozone in andere Länder billiger, was die Nachfrage steigert. Davon profitieren unter anderem Dax-Konzerne wie Volkswagen zeigen, Linde zeigen oder Lufthansa zeigen, die viele Waren exportieren...... Was exportiert denn die Lufthansa ? Passagiere ? Jetzt ist mir auch klar, warum die Deutschen immer weniger werden :) Schönen Feiertag noch
treasurer 30.04.2015
4. Anfang vom Ende?
ist dieses endlich die Bewegung die mehr als überfällig ist? Technisch gesehen ist der DAX auf den langfristigen Charts seit ca. 4 Jahren!! überkauft und in dieser Zeit dank der Flutung durch Geld der EZB nur höher gegangen. Der Fall, wenn er das denn nun ist, wird entsprechend groß sein. Es wird viele Tränen geben ;-)
t dog 30.04.2015
5. Absturz?
Wenn der DAX um 30 Prozent auf 9000 Punkte fallen würde, wäre er real bewertet und da wäre auch nichts Schlimmes dran.
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