Dax unter 10.000 Punkten Die Logik der Fondsmanager treibt die Kurse nach unten

China-Crash, Ölpreis im freien Fall - Anlässe für den jüngsten Kursrutsch im Dax gibt es genug. Jetzt kommt ein weiterer Faktor hinzu, der die Hoffnung auf rasche Erholung dämpft: der Herdentrieb der Investoren.

Dax unter 10.000 Punkten: Rasche Erholung ist unwahrscheinlich
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Dax unter 10.000 Punkten: Rasche Erholung ist unwahrscheinlich

Von manager-magazin.de-Redakteur Kai Lange


Ausverkaufsstimmung an der Börse: Am Montag rauschte der Dax durch die 10.000-Punkte-Marke, die er im Juni 2014 das erste Mal durchbrochen hatte. In den vergangenen elf Handelstagen hat der deutsche Leitindex rund 15 Prozent an Wert verloren, seit seinem Rekordhoch im April sind es inzwischen rund 25 Prozent Verlust. Bis über die Marke von 12.300 Punkten war der Dax Chart zeigen, getragen vom weltweit billigen Geld und dem schwachen Euro, in diesem Frühjahr gestiegen.

Dieser Schwung aus dem Frühjahr wird nun zum Problem.

Denn noch immer hat der Dax seit Jahresbeginn ein winziges Plus zu verteidigen, während die US-Indizes Dow Jones und S&P 500 inzwischen deutlich im Minus notieren.

Der deutsche Leitindex hat seit 2012 einen dramatischen Aufschwung gezeigt: Im Jahr 2012 stieg er um 29 Prozent, im Jahr 2013 um 23 Prozent. Auf die Verschnaufpause im Jahr 2014 (plus 2,7 Prozent) folgte zwischen Januar und April 2015 noch einmal ein Anstieg von 25 Prozent. Wo in so kurzer Zeit so stattliche Gewinne anfallen, da steigt auch die Neigung, diese Gewinne zu sichern.

"Value at Risk" heißt die Formel, nach der Fondsmanager das Risiko für ihre Anlagedepots berechnen: Werden innerhalb einer bestimmten Zeit vorab bestimmte mögliche Verlustsummen überschritten, sind nicht nur private Anleger, sondern auch institutionelle Investoren alarmiert.

Da hilft es wenig, dass Kursverluste von 25 Prozent und mehr bei BMW Chart zeigen, Daimler und BASF Chart zeigen innerhalb weniger Wochen "fundamental nicht zu rechtfertigen" seien, wie viele Analysten immer wieder gerne behaupten. Börse ist vor allem Psychologie: Bewertungen und Gewinnaussichten spielen in diesen Tagen nur eine untergeordnete Rolle. Es herrscht derzeit vor allem Angst, binnen kurzer Zeit viel Geld zu verlieren.

Noch verzeichnen viele Depots Gewinne

Beispiel Daimler Chart zeigen: Wer vor 12 Monaten die Aktie für rund 60 Euro kaufte, erlebte bis Mai dieses Jahres einen Höhenrausch und Kursgewinne von bis zu 50 Prozent. Seit zwei Wochen kann dieser einst glückliche Daimler-Anleger täglich zusehen, wie der Gewinn dahinschmilzt, zuletzt auf 10 Prozent. Was tun? Zumindest diesen Gewinn sichern? Oder standhaft bleiben, auf Erholung hoffen und riskieren, am Ende im Minus zu stehen? Die Angst vor Verlusten ist eine mächtige Triebfeder, wie auf Börsenpsychologie spezialisierte Anlagestrategen wie Martin Weber oder Joachim Goldberg immer wieder betonen.

Hinzu kommt der Herdentrieb. Für viele Fondsmanager ist es eine Jobversicherung, sich nicht gegen den Markt zu stellen: Wer so gut oder so schlecht ist wie sein Vergleichsindex, dem droht kein Ungemach. Wer den Investoren aber erklären muss, dass er noch schlechter als der Markt abgeschnitten hat, weil er zu früh auf eine Erholung gewettet hat, der hat ein Problem.

Mit seinem erneuten Schwächeanfall von knapp 3 Prozent am heutigen Montag auf 9850 Punkte (Stand 10.30 Uhr), hat der Dax seinen Kursrutsch zunächst fortgesetzt. Der Index sei "überverkauft", heißt es an der Börse. Anders gesagt: Die Anlegerherde rennt Richtung Notausgang.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Dax in Kürze einen Erholungsversuch startet und binnen eines Tages wieder 3 Prozent oder mehr zulegt, ist vergleichsweise hoch - die Tage mit den höchsten Tagesgewinnen sind in der Börsengeschichte die, die auf einen Kursrutsch folgen. Doch ebenso hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass viele Investoren solche Erholungsversuche nutzen werden, um Geld erst einmal in Sicherheit zu bringen. Für eine rasche Rückkehr auf 12.000 Punkte spricht derzeit nichts.

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insgesamt 87 Beiträge
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Sonia 24.08.2015
1. Geht's mal wieder bergab
Dämpft vielleicht auch bischen unseren deutschen Größenwahn. Wichtiger ist, den globalen Wirtschafts-Kriegen der USA entgegenzutreten, sonst wird es wahrscheinlich wirklich noch richtig finster bei uns. Die Politik schaut zu und hat dem nichts entgegenzusetzen. Die Uhr läuft.
coyote38 24.08.2015
2. Was für ein Gedanke ...
Und jetzt stelle man sich mal vor, dass die Fonds-Manager für ihr Mißmanagement auch noch SELBST haften müssten ...^^ Oder funktioniert diese hypertrophe Börsenwelt nur dann, wenn unbegrenzt kostenloses Geld in die Märkte gepumpt und risikolos Gewinne eingestrichen werden können ...?
vlado13 24.08.2015
3. Psychologie
Das wirtschaftliche Geschehen wird von Menschen gemacht, daher ist die Erkenntnis, dass man bei der Erklärung der Börsenentwicklung mit Psychologie am weitesten kommt, nicht so aufregend. Was würde eigentlich passieren, wenn a) Börsen nur einen Tag in der Woche geöffnet hätten und b) man Papiere am gleichen Handelstag nur einmal handeln darf - also kaufen *oder* verkaufen, aber nicht beides? Wahrscheinlich würden diese Wellen der Aufregung sich dramatisch abflachen. Eine weitere segensreiche Änderung wäre wahrscheinlich, wenn alle Transaktionen von Menschen vorgenommen werden müssten und die Software der High Frequency Trader ausgeschlossen würde.
gersois 24.08.2015
4. Psychologie?
Das Geschehen an der Börse hat nichts mit Psychologie zu tun, sondern mit Dummheit und irgendwelchen Algorithmen. Mit den Algorithmen versuchen die Spekulanten, äh Fondsmanager Kursrisiken für zu beschreiben und ihren Computern für automatisierte Entscheidungen beizubringen. Mit Dummheit hat das Ganze deshalb zu tun, weil die Verluste so lange virtuell sind, so lange ich diese nicht durch Verkauf realisiere.
weinstock111 24.08.2015
5. Märchen
Wer an das Märchen vom unendlichen Wachstum glaubt der glaubt auch an den Osterhasen. Alles ist endlich !
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