Dax-Geflüster Angst fressen Nüchternheit auf

Die Rating-Agenturen watschen Griechenland, Spanien und Portugal ab. Und ausgerechnet deutsche Unternehmen spüren die Folgen. Die Konzerne legen wieder gute Zahlen vor, doch ihre Kurse geben nach. Das zeigt: An der Börse dominiert die Angst, für Nüchternheit ist kein Platz.

Chemiekonzern BASF: Gewinn binnen Jahresfrist verdoppelt
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Chemiekonzern BASF: Gewinn binnen Jahresfrist verdoppelt

Von Arne Gottschalck


Hamburg - Es ist eine merkwürdige Situation: Schwergewichte im deutschen Leitindex Dax wie der Chemiekonzern BASF Chart zeigen oder die Deutsche Bank Chart zeigen legen gute Zahlen vor. Was normalerweise an der Börse Grund zum Jubeln ist, führte in dieser Woche zu Kursrückgängen.

Der Grund für die schlechte Stimmung: Die Rating-Agenturen watschten zuerst Griechenland, dann Portugal und schließlich auch noch Spanien ab. "Die Aktien rutschen, die Angst ist wieder da", sagt Karsten Stroh, bei JP Morgan Asset Management für europäische Aktien zuständig.

Angst - das bedeutet den Abschied vom nüchternen Verstand. Börsenpsychologe Conrad Mattern, Vorstand der Firma Conquest Investment Advisory, sagt: "Es ist ein Fall wie aus dem Lehrbuch. Da kommen die Rating-Agenturen mit einem Urteil, und alle werden nervös. Wie eine Herde."

Manfred Weber sieht das Thema "Kursrückgänge trotz steigender Gewinne" differenzierter: "Wer auf die Vergangenheit blickt, bekommt je nach Blickwinkel unterschiedliche, zufällige Ergebnisse", sagt der Professor der Universität Mannheim. Mit anderen Worten: Es mag lobenswert sein, dass Deutschlands größtes Chemieunternehmen BASF binnen Jahresfrist seinen Gewinn verdoppelt hat. Doch das heißt noch lange nicht, dass die Aktie auch ein lohnendes Investment ist.

Was heißt eigentlich langfristig?

Die Finanzindustrie sieht das naturgemäß anders. Und setzt auf frische Gelder von Anlegern. Nachhaltige Investments seien die Profiteure der Krise, erklärt zum Beispiel die Fondsgesellschaft Monega. Weil die Investoren nicht mehr Performance um jeden Preis suchen würden, lautet die etwas schwammige Begründung. Oder der Fondsgigant Fidelity, der Schwellenländer als gutes Investment lobt, da sie einen großen Nachholbedarf bei Konsum und Infrastruktur hätten.

Langfristig - so das Mantra der Finanzbranche - sind Aktien einfach die renditestärkste Anlageform. Nur für Investoren stellt sich nach den Enttäuschungen des vergangenen Jahrzehnts die Frage: Was heißt eigentlich langfristig? Bekanntlich sind wir langfristig alle tot - wie der Jahrhundertökonom John Maynard Keynes nüchtern feststellte.

Und was ist in der Zwischenzeit? Da bleibt den Anlegern wohl nur die Hoffnung, auf ein eindeutiges Signal vor allem der deutschen Regierung, wie den siechen Euro-Ländern geholfen werden kann. Das würde die Märkte beruhigen, so die gängige Einschätzung. Und damit auch wieder stetig steigende Kurse ermöglichen. Oder zumindest ein Umfeld schaffen, in dem Unternehmensdaten wieder realistisch eingeordnet werden.

Einfach wird das aber nicht. "Zunächst schienen die Länder bereit, sich gegenseitig zu helfen, doch diese Solidarität hat schnell nachgelassen", beobachtet Dinant Wansink, Stratege bei Delta Lloyd Asset Management. "Die Situation in Griechenland ist langfristig offensichtlich unhaltbar." Und verdrängen lassen sich die gewaltigen Probleme auch nicht mehr. "Man hat gesehen, dass das Thema Griechenland immer wieder nach oben kommt", so Stroh.

Kurz- schlägt langfristig

Hinzu kommt: Dass Griechenland Schwierigkeiten bekommen wird, seine Schulden zu refinanzieren, war lange klar. Doch erst das Urteil der Rating-Agenturen hat die Märkte wieder einmal an diese Probleme erinnert - auch wenn gerade die Rating-Agenturen angesichts ihrer Fehler in der Finanzkrise vielleicht nicht den Schulmeister mimen sollten.

Dass sich auch eine gigantische Verschuldungsquote in den Griff bekommen lässt, zeigt das Beispiel Belgien. Das Land war 1993 mit 140 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Doch binnen 14 Jahren hat das Land es geschafft, diese Quote auf 90 Prozent zu senken, sagt Stroh. In diesem Zeitraum müsse man auch bei den heutigen Wackelkandidaten denken.

Doch die Psychologie und das Bauchgefühl reagieren offenbar nicht auf langfristige Entwicklungen. Sondern hängen von kurzfristigen Impulsen ab. Eine Ausprägung davon ist das Webersche Gesetz. "Ein Reiz muss immer höher werden, um den gleichen Impuls auszulösen", sagt Börsenexperte Mattern. Mit anderen Worten: "Solange es keine neuen Horrorzahlen gibt, kann sich die Börse durchaus erholen, wie am Donnerstag gesehen. Denn die Übereifrigen greifen wieder zu."



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
gerthans 01.05.2010
1. Angst vs. Vernunft?
Aha, wer Angst hat, genauer, wer ihr nachgibt, verabschiedet sich also vom nüchternen Verstand! Und lässt sich von allgemeiner Nervosität anstecken wie ein Herdentier. Wenn es doch so einfach wäre! Also ist derjenige, der sich von der Angst nicht besiegen lässt, sondern sie verdrängt, der Vernünftige? Dann bin ich ein unvernünftiges Herdentier. Was in Griechenland ausgebrochen ist und sich in Spanien, Portugal, Irland und Italien abzeichnet, macht mir Angst, weil es auch bei uns ausbrechen kann. Denn wie diese Nationen leben auch wir Deutsche über unsere Verhältnisse, was auf Dauer nicht gut geht. Ich habe Angst.
sevens, 01.05.2010
2. Titel
Zitat von sysopDie Ratingagenturen watschen Griechenland, Spanien und Portugal ab. Und ausgerechnet deutsche Unternehmen spüren die Folgen. Die Konzerne legen wieder gute Zahlen vor, doch ihre Kurse geben nach. Das zeigt: An der Börse dominiert die Angst, für Nüchternheit ist kein Platz. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,692302,00.html
Das Stück heißt "Angst essen Seele auf". Nicht "fressen".
Gorchus, 01.05.2010
3. soso
Zitat von gerthansAha, wer Angst hat, genauer, wer ihr nachgibt, verabschiedet sich also vom nüchternen Verstand! Und lässt sich von allgemeiner Nervosität anstecken wie ein Herdentier. Wenn es doch so einfach wäre! Also ist derjenige, der sich von der Angst nicht besiegen lässt, sondern sie verdrängt, der Vernünftige? Dann bin ich ein unvernünftiges Herdentier. Was in Griechenland ausgebrochen ist und sich in Spanien, Portugal, Irland und Italien abzeichnet, macht mir Angst, weil es auch bei uns ausbrechen kann. Denn wie diese Nationen leben auch wir Deutsche über unsere Verhältnisse, was auf Dauer nicht gut geht. Ich habe Angst.
Die Frage stellt sich vor was haben die Anleger Angst? Bin selbst Anleger. Aber nur weil ein unbedeutendes Land wie Griechenland vor der Pleite steht, verkauf ich doch net meine Papiere. Bei einigen hat man das Gefühl, sie erwarten jeden Moment den Systemzusammenbruch. Nur was wollen sie dann mit ihrem Geld? Das ist dann eh nutzlos. Ein Systemzusammenbruch wird es irgendwann schon geben. Vielleicht ist es sogar schon überfällig. Aber um Gottes Willen nicht durch unbedeutende Länder wie Griechenland oder Portugal. Selbst wenn die Deutsche Bank gute Zahlen vorgelegt hat, wundert es mich gar nicht, warum der Kurs fällt. Die Unsicherheit ist groß, ob die Deutsche bank nicht doch mehr Mrd. in Griechenland stecken hat als angenommen. Von daher ist das schon gerechtfertigt. Und Gott sei Dank gibt es genug ängstliche Anleger. Die Börse ist ein Nullsummenspiel. Jeder Euro der gewonnen muss irgendwo verloren gegangen sein.
manni-two 01.05.2010
4. mit "Nüchternheit" hatte auch der rasante Anstieg seit
März 2009 nichts zu tun,die guten Zahlen sind daher prinzipiell schon in den aktuellen Kursen eingepreist.Es geht also selten um Nüchternheit ,meistens um Wechsel zwischen Angst und Euphorie.
frank_lloyd_right 01.05.2010
5. Für Nüchternheit
war die Börse nie ein guter Platz, jederzeit aber einer für Massenhysterie. Es gibt natürlich immer welche, die an so einem Fischmarkt nüchtern bleiben - die gehören da auch hin. Aber all die anderen, die dort nämlich für nichts als Hektik und ZockenFieber sorgen, sollte man getrost einsammeln, wegsperren und die Schlüssel in der Tiefsee versenken.
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