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Dax-Geflüster: Börsianern graut vor Lehman 2.0

Von Kai Lange

Die Griechenland-Krise lässt den Dax stürzen. Anleger fürchten Kreditausfälle, einen Staatsbankrott in Europa und dass der gesamte Bankensektor ins Rutschen gerät. Die Parallelen zum Lehman-Debakel sind beunruhigend: Nur steht diesmal noch viel mehr Geld auf dem Spiel.

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REUTERS

Börse in Frankfurt: Angst vor dem Euro-Crash

Hamburg - Als Déjà-vu bezeichnen Psychologen das Gefühl, man habe eine neue Situation schon einmal erlebt oder gesehen. Anleger haben dieser Tage ein höchst unangenehmes Déjà-vu: Wieder ist die Rede von Dingen, von denen sie bereits im Herbst 2008 gehört haben. Wieder beschleicht sie dieses Lehman-Gefühl.

Als im September 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers pleiteging, eskalierte die Finanzkrise zu einem Flächenbrand. Der Geldfluss zwischen den Banken fror ein, die Angst vor weiteren Zahlungsausfällen ließ die Anleihemärkte kollabieren. Wie Dominosteine gerieten Banken ins Wanken: Sie mussten nicht nur Wertpapiere ihres Handelspartners Lehman abschreiben, sondern auf Grund illiquider Märkte immer neue Milliardenlöcher melden.

Nun, 17 Monate später, geht es erneut um drohende Kreditausfälle und darum, dass ein in Not geratener Schuldner möglicherweise keine neuen Geldgeber findet. "Griechenland hat Wertpapiere in Höhe von 290 Milliarden Dollar ausstehen - das ist mehr als doppelt so viel wie die 140 Milliarden Dollar, mit denen Lehman im Herbst 2008 in der Kreide stand", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Zwölf Milliarden Euro Schulden muss Athen bis April zurückzahlen und neue Anleihen ausgeben - ob sich dafür genug Investoren finden, ist offen.

Gelingt dies nicht, wäre Griechenland zahlungsunfähig. Der Wert griechischer Staatsanleihen würde kollabieren. "Dann müssten europäische Banken massive Abschreibungen vornehmen. Zusätzlich dürften ihre Kreditbeziehungen zu griechischen Banken leiden", sagt Krämer. Griechische Banken halten heimische Staatsanleihen in Höhe von knapp 40 Milliarden Euro, was etwa ihrem Eigenkapital entspricht.

"Schlimmstenfalls geraten die Kreditgeber Griechenlands dadurch selbst ins Wanken, so dass eine Kette fallender Dominosteine entstünde", warnt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Die Indizes fallen bereits: Der Dax Chart zeigen hat binnen vier Wochen rund 10 Prozent nachgegeben, angeführt von Finanzwerten wie der Deutschen Bank Chart zeigen, die rund 20 Prozent an Wert verloren hat. Auch das kennen Anleger schon.

Der Handel mit Kreditrisiken blüht wieder auf

Wieder sind komplexe Kreditderivate, Credit Default Swaps (CDS), Teil eines riskanten Spiels. Hedgefonds jagen die Preise für diese Kreditausfallversicherungen immer weiter in die Höhe. Sie wetten darauf, dass der griechische Staat seine Schulden nicht zurückzahlen kann und die CDS-Kurse damit weiter steigen.

Déjà-vu: Vor Ausbruch der Finanzkrise betrug das Handelsvolumen mit CDS rund 50 Billionen Dollar. Ausfallrisiken wurden hin- und hergeschoben, für die am Ende niemand aufkommen konnte. Nun blüht erneut der Handel mit Kreditrisiken.

Dabei haben die EU-Staaten verschiedene Möglichkeiten, die Notbremse zu ziehen, erläutert Krämer. Sie könnten eine Garantie für griechische Anleihen geben. Sie könnten eine EU-Gemeinschaftsanleihe herausgeben und damit dem klammen Staat die dringend benötigte Liquidität verschaffen. Sie könnten den Weltwährungsfonds zu Hilfe rufen oder nach dem Vorbild des IWF einen europäischen Währungsfonds aufbauen, um strauchelnde Mitgliedstaaten im Notfall mit Geld zu versorgen. Sie könnten damit das Gespenst einer Staatspleite vertreiben.

Angst vor Kreditausfällen in den PIIGS-Staaten

Doch es geht nicht mehr nur um Griechenland, sondern um eine Vielzahl von Wackelkandidaten. Anleger, die eben noch auf die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) gehofft hatten, fürchten sich nun vor den PIIGS-Staaten. Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien. Dort schießen die Staatsdefizite in die Höhe, explodieren die Risikoaufschläge für Kreditausfallversicherungen. Händler sprechen von "stark steigenden CDS-Spreads" - und erinnern sich mit Gruseln.

Wenn die Angst vor einem Staatsbankrott in diesen Staaten weiter um sich greift, könnte sich auch diese Krise zu einem Flächenbrand entwickeln, meint Ulrich Leuchtmann, Devisenanalyst bei der Commerzbank. Dies hätte Auswirkungen auf andere Länder, auf Bankensysteme und auf die Konjunktur. Auch das hat man schon gesehen. "Doch diesmal gibt es möglicherweise keinen Staat, keine Zentralbank und keine Institution, die stark genug wäre einzugreifen", warnt Leuchtmann.

Ein ungemütliches Gebräu aus Angst, Spekulation und der Furcht vor einer neuen Kettenreaktion. Derweil hat sich der Jobabbau in den USA im Januar fortgesetzt, von der Wall Street ist derzeit keine Hilfe zu erwarten. Hoffnung kann ein Anleger dieser Tage lediglich daraus ziehen, dass ein Déjà-vu letztlich als Täuschungsphänomen gilt: Das Gefühl, etwas Bekanntes erneut zu durchleben, trügt, denn am Ende ist nichts genau so, wie es schon einmal war. Es könnte also noch mal gut gehen mit den PIIGS. Oder noch viel schlimmer kommen.

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insgesamt 186 Beiträge
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1.
capu65, 26.10.2009
Zitat von sysopDer Dax ist seit Frühjahr 2009 stark gestiegen, auch andere Indizes wie der Dow Jones entwickeln sich sehr gut. Wie dauerhaft ist der Aufschwung? Droht bald ein neuer Absturz?
Definitiv. Spielgeld verbrennt zu leicht.
2.
Volker Gretz, 26.10.2009
Zitat von sysopDer Dax ist seit Frühjahr 2009 stark gestiegen, auch andere Indizes wie der Dow Jones entwickeln sich sehr gut. Wie dauerhaft ist der Aufschwung? Droht bald ein neuer Absturz?
Der Anstieg endet dann, wenn Käufer überzeugt sind, dass sie keine größeren Idioten mehr finden, die ihnen mehr für wertloses Papier bezahlen, als sie selbst mit geliehenem Null-Prozent-Geld bezahlt haben.
3.
medienquadrat, 26.10.2009
solange diese Prozesse, in denen Geld sich selbst bearbeitet, unter gleichen Gesetzmäßigkeiten, wie vorher ablaufen, wird es auch wieder zum Finanzcrash kommen. Gleichwohl gibt es keine anderen Gesetze, nach denen sich Geld es selbst machen könnte. Ergo ist der Knall vorprogrammiert und unausweichlich.
4. neuer Absturz?
Hilfskraft 26.10.2009
Zitat von sysopDer Dax ist seit Frühjahr 2009 stark gestiegen, auch andere Indizes wie der Dow Jones entwickeln sich sehr gut. Wie dauerhaft ist der Aufschwung? Droht bald ein neuer Absturz?
Wer kann wissen, wer, ob und wie gerade mal wieder am DAX gefingert wird. Vielleicht sollte man weniger Augenmerk auf den DAX verschwenden. Das verdient dieser Ableger/Subkultur der Wirtschaft nicht. Zeitverschwendung! Wir haben wichtigere Dinge zu erledigen.
5. ...
Strichnid 26.10.2009
Zitat von sysopDer Dax ist seit Frühjahr 2009 stark gestiegen, auch andere Indizes wie der Dow Jones entwickeln sich sehr gut. Wie dauerhaft ist der Aufschwung? Droht bald ein neuer Absturz?
Das ist nur gut, wenn die Versicherer die Finger vom Aktienmarkt lassen. Viele können die zu hohen Garantiezinsen eh nicht mehr zahlen, wenn sie jetzt noch in die Spekulation einsteigen, gefährden sie noch mehr in den Konkurs zu gehen. Dann lieber kleine Zinsen, als dass der Emittent pleite ist. Die FTD hat zu diesem Thema (wieder mal) deutlich detailreichere Berichte: http://www.ftd.de/unternehmen/versicherungen/:haertepruefung-fuer-die-assekuranz-ba-fin-bangt-um-versicherer/50023022.html und als Konsequenz daraus: http://www.ftd.de/unternehmen/versicherungen/:gut-fuer-die-boersen-versicherer-duerfen-risiken-verstecken/50027169.html Man kann nur hoffen, dass die Versicherer der Verlockung nach dem schnellen, riskanten Geld nicht erliegen.
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