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Dax-Rekordjagd: Unangenehme Wahrheiten über den Aktienboom

Von Christian Kirchner

Frankfurter Börse: Wo steht der Dax in einem Jahr? Zur Großansicht
REUTERS

Frankfurter Börse: Wo steht der Dax in einem Jahr?

Der Dax liegt auf Rekordniveau - ist es zu spät für den Einstieg? Höchste Zeit für den Ausstieg? Privatanleger können solche Fragen leichter beantworten, wenn sie ein paar simple Wahrheiten über den Börsenboom bedenken.

8000, 8100, 8200… der Dax klettert und klettert. Doch wer in Aktien investiert ist, dem wird immer mulmiger angesichts der trüben Konjunkturperspektiven und der ungelösten Schuldenkrise. Und wer an der Seitenlinie steht - und das sind die allermeisten deutschen Anleger - hat Angst, zu vermeintlichen Höchstkursen einzusteigen.

Nun haben auch Profis keine Glaskugel, die verrät, wo der Dax Chart zeigen in einem Jahr steht. Um beurteilen zu können, ob es sich lohnt, investiert zu bleiben oder neu einzusteigen, sollte man jedoch die Fakten kennen. Hier die wichtigsten zur Dax-Rally.

Mit steigender Inflation fallen auch die Kurse

Aktien sind Sachwerte und als solches ein guter Schutz vor der Inflation - das ist ein tückischer Irrglaube. Lediglich auf lange Sicht und bei radikalen Ereignissen wie einer Hyperinflation haben sich Aktien als Inflationsschutz bewährt. Auf kurze und mittlere Sicht sind sich Kapitalmarktforscher einig, dass ein deutliches Anziehen der Inflation meist auch zu starken Kursverlusten führt. Denn dann wird auch die wirtschaftliche Lage der Unternehmen unsicherer, die Zinsen ziehen ebenfalls an, was Gift für Aktien ist. Wer also sehr fest an eine künftig stark anziehende Inflation aufgrund der Gelddruckorgien der Notenbanken glaubt, der muss auch mit fallenden Kursen rechen.

Aktienfonds sind hochrentabel - für Berater und Anbieter

Kaum jemand warnt so eindringlich vor den Folgen der finanziellen Repression - also Zinsen unterhalb der Teuerungsrate - wie Fondsgesellschaften und ihre Anlagestrategen. Die Lösung - Aktien kaufen - liefern die Experten meist gleich mit. Nun schadet ein gesunder Aktienanteil zwar nicht. Ganz uneigennützig ist der Rat dennoch nicht, denn das Geschäft mit dem Vertrieb von Aktienfonds in Deutschland an Privatanleger ist seit Jahren tot. Und das ist für Anbieter wie Berater ärgerlich, denn mit Aktienfonds kassieren Berater die höchsten Ausgabeaufschläge und Bestandsvergütungen unter allen Fondsgattungen, und für die Fondsgesellschaften sind es wiederum die margenstärksten Produkte.

Der Dax notiert auf Rekordhoch - die meisten seiner Indexmitglieder nicht

Nicht einmal die Hälfte der Dax-Aktien hat die herben Verluste aus den letzten Abstürzen in den Jahren ab 2000 und 2008 wieder aufgeholt. Nur ein Drittel aller 30 Dax-Werte notiert in der Nähe ihrer Rekordhochs, ein weiteres Drittel liegt hingegen derzeit mindestens 50 Prozent darunter. Das ist derzeit nicht nur der Fall bei üblichen Verdächtigen wie der Telekom, der Deutschen Bank Chart zeigenund der Commerzbank Chart zeigen, sondern auch bei Blue Chips wie der Allianz Chart zeigen, Daimler Chart zeigen, E.on Chart zeigen, RWE Chart zeigen, Münchener Rück Chart zeigenund ThyssenKrupp Chart zeigen.

Nur eine Handvoll Firmen überzeugt auf lange Sicht wirklich

Über die Hälfte der Dax-Aktien notieren klar unter ihrem Rekordhoch - das heißt im Umkehrschluss auch, dass nur wenige Aktien im Dax wirklich langfristig überzeugt haben. Dabei handelt es sich oft eher um stille Stars - etwa die BASF Chart zeigen-Aktie, die sich binnen zehn Jahren inklusive Dividenden mehr als vervierfacht hat. Die Aktien von Adidas Chart zeigen haben sich binnen einer Dekade verfünffacht, die des Gasherstellers Linde Chart zeigen gar versiebenfacht.

Unternehmen mit verlässlichem Geschäft werden derzeit (zu) teuer bezahlt

Sicherheit ist weltweit Trumpf- auch bei der Aktienselektion. Das hat dazu geführt, dass die Aktien von Unternehmen mit einem vergleichsweise sicheren Geschäftsmodell - etwa Nahrungs- und Konsumgüterhersteller - historisch betrachtet so teuer wie nie sind. Henkel Chart zeigen ist derzeit mit dem rund 18fachen und Beiersdorf Chart zeigen gar mit dem 30fachen seiner laufenden Gewinne bewertet.

Moderate Bewertungen schützen nicht vor starken Verlusten

Es ist das Kernargument der Börsenbullen: Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund zwölf ist der Dax trotz des Rekordhochs historisch betrachtet nur moderat bewertet. Nun zeigt indes die Vergangenheit, dass in einer Rezession zunächst die Kurse, dann die Gewinne der Firmen rasant fallen können. Ende 2007 etwa war der Dax mit einem KGV von 14 auch nicht teuer, büßte 2008 aber dennoch rund 40 Prozent ein.

Dividenden sind der Renditeturbo

Der Dax ist ein sogenannter Performanceindex, das heißt: Bei seiner Berechnung wird - anders als bei Kursen von Einzeltiteln oder anderen Indizes wie dem S&P 500 oder Dow Jones Chart zeigen - unterstellt, dass die Dividenden aller Mitglieder sofort wiederangelegt werden. Welche Rolle Dividenden für den Dax spielen, zeigt ein Vergleich mit dem Dax-Kursindex: Der notiert immer noch 30 Prozent unter seinem Anfang 2000 erzielten Rekordhoch.

Mit häufigem Rein und Raus lässt sich die Rendite langfristig nicht steigern

Es klingt verführerisch: Einfach mal Kasse machen, wenn der Aktienmarkt zu Übertreibungen zu neigen scheint - und später wieder billiger einsteigen. Was in der Theorie einfach klingt, ist praktisch nahezu unmöglich. Denn man benötigt bei seinem Ein- und Ausstiegsmanöver dauerhaft eine Trefferquote von 70 Prozent, um besser abzuschneiden als ein geduldiger Halter von Aktien. Grund: Oft rennt den Pessimisten der Markt schlicht davon, weil sie den richtigen Zeitpunkt zum Wiedereinstieg verpassen.

Die Zeit heilt alle Wunden

Viele Privatanleger haben Angst vor einem falschen Timing beim Einstieg in den Aktienmarkt. Wer genügend Geduld mitbringt, muss sich indes kaum sorgen: Mit rund 15 Jahren Haltedauer haben Dax-Anleger seit dem Zweiten Weltkrieg nie Verluste gemacht, und ab etwa 25 Jahren Haltedauer selbst bei katastrophal schlechtem Timing beim Einstieg stets mindestens fünf Prozent pro Jahr verdient.

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insgesamt 89 Beiträge
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1. Manche Aktienfonds sind auch über die Börse
webmann 10.05.2013
zu bekommen. Dann entfällt der hohe Ausgabenaufschlag auf jeden Fall. Allerdings informieren manche Banken nicht darüber. Zudem, wenn schion Aufgabeaufschlag, dnn kann man den auch herunterhandeln auf etwa die Hälfte. Wenn man zudem den Fond nicht über die Börse wieder verkauft, sondern direkt an den Fondherausgeber, entfallen beim Verkauf auch die Bank- und Börsenspesen.
2. Das ist sicherlich richtig, aber ...
Isix 10.05.2013
Der Bericht ist sicherlich richtig, indes, mit sinkenden Zinsen und dadurch induzierten Abschwung ist ja nicht zu rechnen. Die Zinsen sind ja gerade erst wieder auf ein neues Rekordtief gesenkt worden.
3. Dauernd investiert zu sein, wäre noch besser ...
monzerat 10.05.2013
... denn dann braucht man sich über Gebühren und Timing überhaupt keine Gedanken zu machen. Ein bekannter Anlageberater hat mit Simulationsstudien gezeigt, dass mit Hilfe eines jährlich adjustierten ETF-Portfolios (bestehend aus 10 Aktien- und Renten ETF'S) eine Durchschnittsrendite von 10,1 % über die vergangenen 30 Jahre hätte erzielt werden können (bei 16 % max. Risiko).
4. Sinken und steigen
ellereller 10.05.2013
Zitat von IsixDer Bericht ist sicherlich richtig, indes, mit sinkenden Zinsen und dadurch induzierten Abschwung ist ja nicht zu rechnen. Die Zinsen sind ja gerade erst wieder auf ein neues Rekordtief gesenkt worden.
Wie dem Artikel zu entnehmen ist, muss der Aktionär vor allem STEIGENDE Zinsen fürchten, und dieses Szenatio ist in der Tat wahrscheinlicher als ein weiteres SInken
5. Zunächst einmal ist das ATH des DAX...
kantundco 10.05.2013
... ein Zeichen von Inflation und niedrigen Zinsen schlechthin. Sieht man sich mal die inflationsbereinigten Kurse und vor allem Ergebnisse der Aktiengesellschaften an, dann kommt man schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Aber der Nennwert des Geldes nur als Messlatte hergenommen wird und nicht seine tatsächliche Kaufkraft, kann man hübsch jubeln und die Schampuskorken knallen lassen. Wer jetzt blind in Aktien einsteigt, ist viel zu spät dran und selbst schuld. Bei der fragilen Weltwirtschaft und der noch fragileren finanzpolitischen Situation zählt (Inflations-)Sicherheit mehr als Rendite. Aber auch dafür gibt es interessante Assets.
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Zum Autor
  • Maxim Sergienko
    Christian Kirchner, Jahrgang 1975; Studium der Politologie und Germanistik an der Uni Mannheim, anschließend Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Von 2003 bis 2008 Finanzredakteur beim "Handelsblatt" und Geschäftsführender Redakteur von "New Investor" in Düsseldorf, von 2008 bis 2010 leitender Redakteur und von 2011 bis 2013 stellvertretender Ressortleiter Finanzen der Gruner+Jahr-Wirtschaftsmedien in Frankfurt am Main.

    In seiner Kolumne "Anlegemanöver" hinterfragt Kirchner für SPIEGEL ONLINE die typischen Anlagefloskeln und nimmt neue Produkte und Kampagnen der Finanzdienstleister unter die Lupe.

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