Ein Essay von Ernst Ulrich von Weizsäcker
Machen wir uns aber nichts vor: Eine neue industrielle Revolution kommt nicht von allein, und schon gar nicht vom "Markt". Dieser lenkt uns erst dann in die richtige Richtung, wenn es viel zu spät ist. Der Markt merkt das "Überfischen" quasi erst, wenn die Fangflotten trotz technischer Hochrüstung mit weitgehend leeren Netzen heimkommen. Wir brauchen darum ein großes öffentliches Bewusstsein, einen starken Staat und eine intakte Staatengemeinschaft, um das überlebensnotwendige Umsteuern rechtzeitig in Gang zu setzen.
Der Staat muss dafür sorgen, dass die Preise für Konsumgüter wenigstens annähernd die "ökologische Wahrheit" sagen. Sonst rentieren sich weiterhin Raubbau, Energieverschwendung und Denkfaulheit. Märkte sind ausgezeichnet, um für Effizienz und Innovation zu sorgen, wenn die Preise stimmen. Märkte sind dagegen schlecht, oft gar kontraproduktiv, wenn es um die Sicherung und den Schutz öffentlicher Güter geht oder darum, den Fortschritt in eine langfristig nachhaltige Richtung zu lenken.
Sinnvoll wäre es, die Preise für Energie, Wasser und Primärrohstoffe in kleinen, sehr langfristig vorhersehbaren Schritten anzuheben. Uns schwebt vor, dies einfach im Gleichschritt mit der gemessenen Erhöhung der Energie- und Ressourcenproduktivität zu tun. Die monatlichen Kosten für Energie, Wasser und andere Rohstoffe steigen dann durchschnittlich nicht, also gibt es weder soziale Nöte noch wirtschaftsschädigende Kapitalvernichtung. Und doch würden sich Investoren, Ingenieure, Händler und Konsumenten alsbald von der Erwartung steigender Naturverbrauchspreise beeinflussen lassen und den Gang der Effizienzverbesserung beschleunigen. Das ist genau die Dynamik, die die Welt braucht.
Der Markt bringt das nötige Signal nicht zustande
Pate gestanden hat bei dieser Idee die Erfahrung mit der Erhöhung der Arbeitsproduktivität. In den vergangenen 150 Jahren ist sie etwa um den Faktor 20 gestiegen. Gleichzeitig haben sich die Bruttolöhne etwa auf das 20fache erhöht. Ein Faktor hat den anderen getrieben, am Ende war der Wohlstand gigantisch gewachsen. Nur ist heute der Faktor Arbeit weder unproduktiv noch knapp - die eigentliche Knappheit liegt jetzt in der Natur. Aber die Natur streikt nicht, wenn sie schlecht bezahlt wird. Ihre Ressourcen sind im Gegenteil in den vergangenen 200 Jahren immer billiger zu haben, dank rasanter Fortschritte beim Baggern, Transportieren oder Veredeln.
Eine Strategie der sanften Anhebung von Energie- und Rohstoffpreisen ist natürlich hochpolitisch. Sie widerspricht dem seit Jahrtausenden existierenden Antrieb menschlicher Gesellschaften, immer mehr haben zu wollen. Die Effizienzgewinne der Vergangenheit sind immer von zusätzlichem Konsum aufgegessen worden. Auch unseren Faktor fünf der Effizienzsteigerung würden wir Menschen problemlos wieder aufbrauchen, wenn uns kein Bremssignal entgegensteht. Die langfristige Preiserhöhung soll genau dieses Signal werden.
Der Markt bringt das Signal nicht zustande. Es muss also von der öffentlichen Hand kommen. Das verlangt aber, dass wir wieder eine vernünftige Balance zwischen öffentlichen und privaten Gütern - oder zwischen Staat und Markt - herstellen. Die besonders im angelsächsischen Kulturraum entstandene und weitverbreitete Doktrin, die den Staat schwächte und die Richtungsfindung weitgehend Investoren und Privatwirtschaft überließ, war ökologisch gesehen ein schwerer Fehler.
Die Ressourcen der Erde sind endlich
Die Faktor-Fünf-Gedanken sind übrigens alles andere als wettbewerbsfeindlich. Wenn ein Land oder eine Firma früher als die Konkurrenten die Effizienzrevolution für sich entdeckt und wenn sie sich von Jahr zu Jahr immer mehr lohnt, dann stellt sich alsbald ein Wettbewerbsvorteil ein. Und der Wettbewerb ist kein ruinöser, sondern ein naturerhaltender.
Gleichwohl wird auch diese rosige Perspektive nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Ressourcen der Erde endlich sind. Irgendwo muss auch ein Sinn für Genügsamkeit einsetzen. Europäische und asiatische Kulturen können schon heute besser und lustvoller damit umgehen als die amerikanische.
Ein Forschungsergebnis hat viele Amerikaner irritiert und manche wachgerüttelt: Die Franzosen wenden viel mehr Zeit und vor allem Geld fürs Essen auf als die US-Amerikaner - aber die den USA äußerst verbreitete Fettsucht kommt in Frankreich praktisch nicht vor.
Der vorliegende Beitrag stammt aus dem Magazin "enorm" (siehe linke Spalte)
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