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Debatte über die Wirtschaft der Zukunft Fortschritt ja, aber bitte grün

Umweltdebatte: Der Fortschritt wird grün
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DPA/ NASA

2. Teil: Wir brauchen einen Sinn für Genügsamkeit

Machen wir uns aber nichts vor: Eine neue industrielle Revolution kommt nicht von allein, und schon gar nicht vom "Markt". Dieser lenkt uns erst dann in die richtige Richtung, wenn es viel zu spät ist. Der Markt merkt das "Überfischen" quasi erst, wenn die Fangflotten trotz technischer Hochrüstung mit weitgehend leeren Netzen heimkommen. Wir brauchen darum ein großes öffentliches Bewusstsein, einen starken Staat und eine intakte Staatengemeinschaft, um das überlebensnotwendige Umsteuern rechtzeitig in Gang zu setzen.

Der Staat muss dafür sorgen, dass die Preise für Konsumgüter wenigstens annähernd die "ökologische Wahrheit" sagen. Sonst rentieren sich weiterhin Raubbau, Energieverschwendung und Denkfaulheit. Märkte sind ausgezeichnet, um für Effizienz und Innovation zu sorgen, wenn die Preise stimmen. Märkte sind dagegen schlecht, oft gar kontraproduktiv, wenn es um die Sicherung und den Schutz öffentlicher Güter geht oder darum, den Fortschritt in eine langfristig nachhaltige Richtung zu lenken.

Sinnvoll wäre es, die Preise für Energie, Wasser und Primärrohstoffe in kleinen, sehr langfristig vorhersehbaren Schritten anzuheben. Uns schwebt vor, dies einfach im Gleichschritt mit der gemessenen Erhöhung der Energie- und Ressourcenproduktivität zu tun. Die monatlichen Kosten für Energie, Wasser und andere Rohstoffe steigen dann durchschnittlich nicht, also gibt es weder soziale Nöte noch wirtschaftsschädigende Kapitalvernichtung. Und doch würden sich Investoren, Ingenieure, Händler und Konsumenten alsbald von der Erwartung steigender Naturverbrauchspreise beeinflussen lassen und den Gang der Effizienzverbesserung beschleunigen. Das ist genau die Dynamik, die die Welt braucht.

Der Markt bringt das nötige Signal nicht zustande

Pate gestanden hat bei dieser Idee die Erfahrung mit der Erhöhung der Arbeitsproduktivität. In den vergangenen 150 Jahren ist sie etwa um den Faktor 20 gestiegen. Gleichzeitig haben sich die Bruttolöhne etwa auf das 20fache erhöht. Ein Faktor hat den anderen getrieben, am Ende war der Wohlstand gigantisch gewachsen. Nur ist heute der Faktor Arbeit weder unproduktiv noch knapp - die eigentliche Knappheit liegt jetzt in der Natur. Aber die Natur streikt nicht, wenn sie schlecht bezahlt wird. Ihre Ressourcen sind im Gegenteil in den vergangenen 200 Jahren immer billiger zu haben, dank rasanter Fortschritte beim Baggern, Transportieren oder Veredeln.

Eine Strategie der sanften Anhebung von Energie- und Rohstoffpreisen ist natürlich hochpolitisch. Sie widerspricht dem seit Jahrtausenden existierenden Antrieb menschlicher Gesellschaften, immer mehr haben zu wollen. Die Effizienzgewinne der Vergangenheit sind immer von zusätzlichem Konsum aufgegessen worden. Auch unseren Faktor fünf der Effizienzsteigerung würden wir Menschen problemlos wieder aufbrauchen, wenn uns kein Bremssignal entgegensteht. Die langfristige Preiserhöhung soll genau dieses Signal werden.

Der Markt bringt das Signal nicht zustande. Es muss also von der öffentlichen Hand kommen. Das verlangt aber, dass wir wieder eine vernünftige Balance zwischen öffentlichen und privaten Gütern - oder zwischen Staat und Markt - herstellen. Die besonders im angelsächsischen Kulturraum entstandene und weitverbreitete Doktrin, die den Staat schwächte und die Richtungsfindung weitgehend Investoren und Privatwirtschaft überließ, war ökologisch gesehen ein schwerer Fehler.

Die Ressourcen der Erde sind endlich

Die Faktor-Fünf-Gedanken sind übrigens alles andere als wettbewerbsfeindlich. Wenn ein Land oder eine Firma früher als die Konkurrenten die Effizienzrevolution für sich entdeckt und wenn sie sich von Jahr zu Jahr immer mehr lohnt, dann stellt sich alsbald ein Wettbewerbsvorteil ein. Und der Wettbewerb ist kein ruinöser, sondern ein naturerhaltender.

Gleichwohl wird auch diese rosige Perspektive nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Ressourcen der Erde endlich sind. Irgendwo muss auch ein Sinn für Genügsamkeit einsetzen. Europäische und asiatische Kulturen können schon heute besser und lustvoller damit umgehen als die amerikanische.

Ein Forschungsergebnis hat viele Amerikaner irritiert und manche wachgerüttelt: Die Franzosen wenden viel mehr Zeit und vor allem Geld fürs Essen auf als die US-Amerikaner - aber die den USA äußerst verbreitete Fettsucht kommt in Frankreich praktisch nicht vor.

Der vorliegende Beitrag stammt aus dem Magazin "enorm" (siehe linke Spalte)

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insgesamt 51 Beiträge
sam clemens 15.04.2010
Mich würde interessieren, ob die hier vorgeschlagenen Lösungswege tatsächlich für die Versorgung der rasant wachsenden Erdbevölkerung genügen. Außerdem muss Kapitalismuskritik die Kritik der entsprechenden politischen Strukturen [...]
Mich würde interessieren, ob die hier vorgeschlagenen Lösungswege tatsächlich für die Versorgung der rasant wachsenden Erdbevölkerung genügen. Außerdem muss Kapitalismuskritik die Kritik der entsprechenden politischen Strukturen einschließen. Wie auch immer - den Ansatz, eine nicht angstbesetzte Diskussion zu führen, halte ich für sehr wichtig. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Übrigens berührt die Forderung nach neuer Genügsamkeit die "alte" Kapitalismuskritik an einem entscheidenden Punkt - wir müssen erreichen, dass nicht alles zur Ware werden kann.
Transmitter 15.04.2010
Das ist ja mal wieder ein extrem tendenziöser Verblödungs-Vergleich. Was soll das? Wieso wird unterstellt, das Kapitalismus und "grüne Politik" ein Gegensatz sind? Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun! Der [...]
Zitat von sysopDer Kapitalismus pur stößt an seine Grenzen. Die Weltbevölkerung wächst rasant, die Ökosysteme kollabieren, ganze Landstriche drohen zu veröden. Die Unternehmen müssen deshalb radikal umdenken und ihre Produkte an einem höheren Ziel ausrichten: der grünen Revolution. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,688099,00.html
Das ist ja mal wieder ein extrem tendenziöser Verblödungs-Vergleich. Was soll das? Wieso wird unterstellt, das Kapitalismus und "grüne Politik" ein Gegensatz sind? Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun! Der Kapitalismus sucht Märkte, um Geld zu verdienen. Wenn die Verbraucher "grüne Produkte" nachfragen, liefert ihnen der Kapitalismus die grünste aller grünen Welten frei Haus. Natürlich aufgezogen, handpoliert, geprüft und zertifiziert. Der Sozialismus dagegen folgt politischen Visionen und Weisungen ohne Rücksicht auf Märkte, Preise und Verbraucherinteressen. Nicht umsonst waren - und sind - die sozialistischen Staaten deshalb die größten Umweltsünder, Gift- und Dreckschleudern der Welt. Wir können alles haben. Fahrradständer auf den Autobahnen und Gartenzwerg-Ausstellungen auf den Landebahnen der Airports, Fussgängerzonen im gesamten Stadtbereich, Bienenwachskerzen, bio-zertifiziertes, reines und unverfälschtes Dinkelbrot, garantiert gen-unverändertes Lauchgemüse und naturbelassene, textilgiftfreie Baumwoll-Waschlappen. Alles. Wir müssen nur Nachfrage (!) schaffen und es bezahlen. So einfach ist das. Nur schafft man keine nachhaltige Nachfrage, indem man alles fette, gefährliche, bunte, genveränderte, aufregende, billige, krank machende usw. usf. verbietet. Das haben schon die Sozialisten mit ihren Verboten der Produkte, der Musik, der Reise- und Denkfreiheiten des "Klassenfeindes" vergeblich versucht.
Schwede2 15.04.2010
Das Ganze kostet richtig Geld. Was bei dieser Lage passiert, haben wir in Kopenhagen gesehen. Es sind nicht einmal nur die Weltpolitiker, auch die Menschen auf diesem Globus sind ange nicht mehrheitlich für grüne Revolution. Was [...]
Zitat von sysopDer Kapitalismus pur stößt an seine Grenzen. Die Weltbevölkerung wächst rasant, die Ökosysteme kollabieren, ganze Landstriche drohen zu veröden. Die Unternehmen müssen deshalb radikal umdenken und ihre Produkte an einem höheren Ziel ausrichten: der grünen Revolution. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,688099,00.html
Das Ganze kostet richtig Geld. Was bei dieser Lage passiert, haben wir in Kopenhagen gesehen. Es sind nicht einmal nur die Weltpolitiker, auch die Menschen auf diesem Globus sind ange nicht mehrheitlich für grüne Revolution. Was nur ein bißchen Einfluß auf die Persönlichkeit hat, wird derzeit in den USA verteufelt. Sorry, lieber Herr von Weizsäcker, so sehr ich Sie auch schätze und Ihren Zielen verpflichtet bin, Ihr Essay bleibt ein Wunschtraum.
Crocofrog 15.04.2010
Ein radikales Umdenken ist unbedingt erforderlich, ich fürchte nur, dass wir den Wettlauf gegen die Zeit verlieren während dieses Umdenkungsprozesses. Ich weiß auch nicht, ob es einfacher ist, den brandrodenden Bauer in [...]
Zitat von sysopDer Kapitalismus pur stößt an seine Grenzen. Die Weltbevölkerung wächst rasant, die Ökosysteme kollabieren, ganze Landstriche drohen zu veröden. Die Unternehmen müssen deshalb radikal umdenken und ihre Produkte an einem höheren Ziel ausrichten: der grünen Revolution. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,688099,00.html
Ein radikales Umdenken ist unbedingt erforderlich, ich fürchte nur, dass wir den Wettlauf gegen die Zeit verlieren während dieses Umdenkungsprozesses. Ich weiß auch nicht, ob es einfacher ist, den brandrodenden Bauer in Brasilien zum Umdenken zu bewegen oder den betonköpfigen Manager von Monsanto, pars pro toto. Ich lebe selbst einen großen Teil des Jahres im tropischen Dschungel, in einem Tal, das als einziges in der Umgebung noch einen halbwegs intakten Primärwald hat, alle anderen Täler sind Kautschuk-Monokulturen. Ich erlebe, wie jedes Jahr weniger von diesem Dschungel übrigbleibt, es wird - illegal - auch auf dem Grundstück anderer abgeholzt, wenn es nur ein paar Mark zu verdienen gibt, oder auch um Teeplantagen anzulegen. Die Polizei blickt weg, sie ist geschmiert oder wegen hoffnungsloser Unterbezahlung desinteressiert. Das Abholzen auf Staatsgrund ist zwar illegal, aber was nützt das, wenn es niemand überwacht und ahndet? Und es gibt kein Unrechtsbewußtsein. Wie wollen wir da zu einem Umdenken kommen? Wenn schon ein paar Euro zur bedenkenlosen Naturzerstörung führen, wie ist es dann, wenn es um Mio oder Mrd geht? Diesem Reiz kann schwerlich etwas entgegengesetzt werden.
jjh 15.04.2010
Effizienzsteigerung und Genügsamkeit - diese Rezepte sind nicht neu gegen den drohenden ökonomischen und ökologischen Kollaps. Allerdings wird das immer so einfach verkauft - "Deutscher Passivhausstandard in aller [...]
Effizienzsteigerung und Genügsamkeit - diese Rezepte sind nicht neu gegen den drohenden ökonomischen und ökologischen Kollaps. Allerdings wird das immer so einfach verkauft - "Deutscher Passivhausstandard in aller Welt"! Viele Menschen, selbst in Deutschland, würden gerne in einem Passivhaus leben, können sich das aber nicht leisten. Von anderen Ländern ganz zu schweigen. Ich würde mir auch sofort ein Elektroauto kaufen - aber die 40.000-60.000 Euro dafür sind einfach unerschwinglich. Die technische Umsetzung der Effizienzsteigerung ist das kleinere Problem - das viel wichtigere ist, genug Geld, dass sich bislang in enormen Mengen bei einer winzigen Menge Großkapitalisten sammelt, wieder in den ökonomischen Kreislauf der "Normalverbraucher" einzuspeisen. Mit anderen Worten, den Wohlstand gerechter zu verteilen - ein rein politisches Problem. Danach greifen die im Artikel genannten Maßnahmen.
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Zum Autor
DDP
Ernst Ulrich von Weizsäcker, 70, ist Diplom-Physiker und ein Pionier auf dem Gebiet des nachhaltigen Wirtschaftens. Sein Buch "Faktor Vier" (1995), in dem er die Vereinbarkeit von Umweltschutz und Wohlstand nachweist, war ein Bestseller. Als Mitgründer leitete er von 1991 bis 2000 das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Von 1998 bis 2005 saß von Weizsäcker für die SPD im Bundestag. 2008 erhielt er den Deutschen Umweltpreis, 2009 das Große Bundesverdienstkreuz.
Ernst Ulrich von Weizsäcker, Charlie Hargroves u.a.:
"Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum"

Droemer Knaur; 431 Seiten; 19,95 Euro.

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Was ist Social Business?
Social Business ist ein Unternehmenskonzept, das auf den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zurückgeht. Im Unterschied zur herkömmlichen Wirtschaftsweise konzentriert sich Social Business auf die Lösung sozialer Probleme.




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