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Debatte über Unternehmenskultur: Die fiesen Rituale der Business-Elite

Ein Gastkommentar von Fred Grimm

Die Hälfte des deutschen Top-Managements stammt aus den reichsten Familien des Landes - und benimmt sich auch so. Dabei zeigt die Bankenkrise, dass jeder Imbissbudenbesitzer den Job genauso gut machen könnte. Wenn die Unternehmen fairer arbeiten wollen, brauchen sie eine Kulturrevolution.

Meeting im Büro: "Geschlossene Gesellschaft" auf Führungsebene Zur Großansicht
Corbis

Meeting im Büro: "Geschlossene Gesellschaft" auf Führungsebene

Es sind die kleinen Gesten, die unbedachten Äußerungen, an denen man den deutschen Spitzenmanager erkennt: Das kurze Zögern, wenn ihm der Name der Mitarbeiterin nicht einfällt, die seit Jahren für ihn schuftet; der abschätzige Blick auf die etwas zu billige Krawatte des Referenten, der dessen Karriere beendet; der Ausruf "Oh, noch keiner da!", wenn er den Konferenzsaal betritt - in dem bereits die Vorstandsassistentin sitzt.

Es ist dieses "Wer-kennt-wen?"-Prinzip, nach dem die Führungs-Posten vergeben werden. Es ist dieser Wortnebel aus "Verschlankung" und "Freisetzung", mit der Entlassungen von "Kostenfaktoren" begründet werden, als habe man sich einer ansteckenden adipösen Krankheit entledigen müssen.

In ihrem Buch "Gestatten: Elite" beschreibt Autorin Julia Friedrich die Begegnung mit einem Management-Coach, der das Menschenbild der meisten deutschen Wirtschaftsführer auf den Punkt bringt: '"Es gibt Menschen, die sind oben; das sind Gewinner. Und Menschen, die sind unten; die Verlierer." Und wenn man sich weigert, das zu akzeptieren? "Dann", sagte der Coach, "heißt es schnell EDEKA: Ende der Karriere."

Die "Verachtungskultur von oben", die eine Direktorin von Siemens einmal in einer Podiumsdiskussion beklagte, kommt "unten" an. Neun von zehn deutschen Arbeitnehmern fühlen sich laut einer Gallup-Umfrage emotional mit ihrer Firma nicht verbunden, sieben von zehn beklagen, am Arbeitsplatz "nicht als Mensch" behandelt zu werden.

Die Top-Führungsebene ist eine geschlossene Gesellschaft

"Führungskräfte nutzen ihre Macht dafür, nichts mehr hinzulernen zu müssen", beschreibt der Berliner Wirtschaftspsychologe Wolfgang Scholl die verheerenden Auswirkungen dieser hierarchisch zementierten Verachtungskultur. Daher werde "immer weniger neues Wissen, das ein Unternehmen dringend benötigt, produziert". Eine Studie beziffert die volkswirtschaftlichen Schäden durch die verbreitete "innere Kündigung" der "Verlierer" auf bis zu 100 Milliarden Euro im Jahr.

Die Innovationsfeindlichkeit dieser Strukturen wird durch die grotesken Rekrutierungsmechanismen auf Führungsebene noch verstärkt. Von einer "Geschlossenen Gesellschaft" in der deutschen Wirtschaft spricht der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann. Über die Hälfte des deutschen Top-Managements stammt aus dem winzigen 0,5-Prozent-Segment der reichsten deutschen Familien. Die Bankenkrise hat gezeigt, dass jeder Imbissbudenbesitzer ihren Job wahrscheinlich genauso gut oder schlecht hätte machen können.

Das Menschenbild selbstherrlicher "Leistungsträger"

Die abgeschlossenen Zirkel der Macht erinnern stark an die studentischen Korporationen von früher, nur dass an Stelle der Mensuren als Männlichkeitsritual Marathon- oder Triathlon-Wettkämpfe getreten sind. Frauen sind natürlich immer noch nicht gern gesehen. Ihr Anteil an den Vorstandssitzen der größten deutschen Unternehmen ist nur unwesentlich höher als der Stimmenanteil der Tierschutzpartei bei der letzten Bundestagswahl.

Und Talente, die ihren Namen erst einmal buchstabieren müssen, weil ihre Eltern nicht in Deutschland geboren wurden, kommen nicht einmal in die Nähe der Führungsetagen - auch solcher Unternehmen, deren Wohlergehen eigentlich davon abhängt, möglichst breite Kreise der Bevölkerung als Kunden zu gewinnen.

Wenn wir in der Wirtschaft wirklich etwas bewegen wollen, brauchen wir eine Kulturrevolution auch innerhalb der Unternehmen. Wir sollten uns nicht länger dem Menschenbild selbstherrlicher "Leistungsträger" unterwerfen, die Mitarbeiter unterhalb bestimmter Gehaltsgrenzen als Dispositionsmasse betrachten, und ihren Hass gegen die "Verlierer" immer unverhüllter auch in die politische Sphäre einbringen. Wir sollten zeigen, dass wir auch anders können. Und besser.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 549 Beiträge
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1. !
Pelayo, 13.04.2010
Diese Leute brauchen keine Kulturrevolution, sie gehören abgeschafft, mitsamt ihren Posten.
2. ..
Simpso, 13.04.2010
Zitat von sysopDie Hälfte des deutschen Top-Managements stammt aus den reichsten Familien des Landes - und benimmt sich auch so. Dabei zeigt die Bankenkrise, dass jeder Imbissbudenbesitzer den Job genauso gut machen könnte. Wenn die Unternehmen fairer arbeiten wollen, brauchen sie eine Kulturrevolution. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,688162,00.html
Wollen sie denn fairer sein? Jedes Unternehmen welches global agiert muss sich den Zwängen der ausländischen Mitbewerber unterwerfen oder es ist raus. Punkt. Dazu gehört eine gewisse Rücksichtslosigkeit und die fängt beim einzelnen Mitarbeiter an. Ein intern faires Unternehmen welches nach außen ausreichend böse ist, wird es nicht geben. Finde ich das richtig? - Nein. Die Frage lautet vielmehr, wie groß und gobal müssen Betriebe sein, denn größer = böser (nach innen und außen). Den einzelnen Beteiligten würde ich keine mittelbare "Schuld" anlasten, denn jeder versucht minimax-mäßig durchzukommen. Das war schon immer so und wird immer so bleiben.
3. Endlich wieder einmal der "alte" Spiegel
Till67 13.04.2010
das kritische Nachrichtenmagazin von früher. Diese "Leistungsträgerelite" ist genauso parasitär wie die Landjunker aus dem 19. Jahrhundert. Auf eigenen "Eliteschulen" großgeworden, arrogant und statusbewußt. Jeder der in großen Unternehmen arbeitete oder damit zu tun hatte merkt das. Die "Bankster"-Debatte hat nur einen Teil dieses Netzwerks aufgedeckt. Die sitzen auch in allen Großunternehmen, von wo sie auch die Politik über die Lobby kontrollieren (von wem kommen wohl die Wahlkampfspenden...)
4. Was soll das
prophet46 13.04.2010
Zitat von sysopDie Hälfte des deutschen Top-Managements stammt aus den reichsten Familien des Landes - und benimmt sich auch so. Dabei zeigt die Bankenkrise, dass jeder Imbissbudenbesitzer den Job genauso gut machen könnte. Wenn die Unternehmen fairer arbeiten wollen, brauchen sie eine Kulturrevolution. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,688162,00.html
Ist das jetzt die "Linke-Socken-Kampagne", nur dieses Mal anders herum? Wenn Spon seine redaktionellen Kosten senken will, ein Tip: Die LINKE hat jede Menge hartzgeförderte Propagandaschreiber, die das geknechtete Volk der abhängig Beschäftigten nur allzu gerne mit ihren Kampfparolen aufmuntern würden. Zur Not helfen auch Redakteure der TAZ aus.
5. Der Unterschied...
mm2112 13.04.2010
....zwischen Unternehmern und Managern: Während erstere meist mit eigenem Geld investiert sind und daher an nachhaltigem Handeln interessiert sind, haben zweitere meist nur die eigene Karriere im Auge. Jeder Imbissbudenbesitzer fährt ein höheres Risiko als unsere Top-Manager: Bauen die Manager Scheisse, gehen sie mit ner fetten Abfindung in den Ruhestand, während der Frittenbudenbesitzer die Finger heben kann. Als Unternehmensberater sehe ich leider zu viele dieser Exemplare, die weniger das Unternehmensinteresse, sondern vorrangig die Karriere im Auge haben. 'In die Firma reinkommen' ist das größte Problem (aber da helfen ja die 'Personalberater' willig weiter, die leider den Horizont auch sehr beschränkt haben) - danach kann man erst mal schalten und walten. Traurig.....
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Social Business ist ein Unternehmenskonzept, das auf den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zurückgeht. Im Unterschied zur herkömmlichen Wirtschaftsweise konzentriert sich Social Business auf die Lösung sozialer Probleme.
Die Rendite
Macht das Unternehmen Gewinne, bleiben sie größtenteils im Unternehmen. Investoren bekommen nur das Geld zurück, das sie investiert haben. Eine Dividende gibt es in der Regel nicht.
Beispiele
Bekannte Unternehmen, die im Social Business aktiv sind, sind unter anderem BASF, Danone oder Veolia. BASF verkauft gemeinsam mit Yunus' Grameen Bank erschwingliche Moskitonetze in Bangladesch. Danone gründete mit der Grameen Bank ein Joint Venture und verkauft einen Joghurt, der mit wichtigen Nährstoffen angereichert ist, für umgerechnet sechs Cent. Veolia versorgt die ärmsten Gebiete in Bangladesch mit Trinkwasser.

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