Debatte Warum der neue IWF-Chef kein Europäer sein darf

Dominique Strauss-Kahn sitzt im Gefängnis, jetzt läuft die Debatte über einen Nachfolger für den IWF-Chef. Kanzlerin Merkel will erneut einen Europäer auf den Posten hieven - doch das wäre ein fatales Signal an China, Indien und Co., meint Thorsten Benner. Es könnte sogar zur Schwächung Europas führen.


Alle hatten die besten Absichten: Europäer und Amerikaner wollten darauf verzichten, die Chefposten bei Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank einfach untereinander auszukungeln. Darauf verständigten sich vor gut zwei Jahren, am 2. April 2009, die Regierungschefs der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen. Beim G-20-Gipfel in London erklärten sie, "dass die Leiter und das Führungspersonal der internationalen Finanzinstitutionen durch einen Auswahlprozess bestimmt werden sollten, der auf Offenheit, Transparenz und Eignung setzt". Im Klartext: Die Europäer gaben das Privileg auf, den Chef des IWF aus den eigenen Reihen zu bestimmen.

Doch jetzt, da angesichts der Vorwürfe gegen Dominique Strauss-Kahn eine Neubesetzung des Spitzenjobs mit großer Wahrscheinlichkeit ansteht, will die deutsche Bundeskanzlerin von alledem plötzlich nichts mehr wissen.

Dass Angela Merkel den IWF-Chefsessel immer noch als europäische Manövriermasse betrachtet, deutete sich schon vor einer Woche an. Da kamen bereits Spekulationen auf, sie wolle den italienischen Notenbankchef Mario Draghi an die Spitze des Währungsfonds wegloben - um ihn so als Boss der europäischen Zentralbank zu verhindern. Am Montag ließ Merkel die Mutmaßungen nun zur Gewissheit werden: Sie erklärte mit Blick auf die Strauss-Kahn-Nachfolge beim IWF, "dass es in der jetzigen Phase, in der wir sehr viele Diskussionen im Zusammenhang mit dem Euro führen, gute Gründe gibt, dass Europa gute Kandidaten zur Verfügung hat".

Zwar fügte Merkel hinzu, dass aufstrebende Länder wie China, Indien und Co. auf "mittlere Zeiträume" durchaus Anspruch auf den Top-Posten hätten. Doch dies kann den klaren Wortbruch nicht verdecken.

Europa klammert sich an überkommene Privilegien

Merkel sendet damit ein fatales Signal: Die Europäer wollen so lange wie möglich an den Besitzständen der alten Weltordnung festhalten. Und ihre Pfründe verteidigen sie mit allen Mitteln.

Dieser Eindruck drängte sich schon im vergangenen Herbst auf, als sich die Europäer lange dagegen wehrten, auf Stimmrechte im IWF zu verzichten. Dabei war es längst überfällig, die Rolle von China, Indien, Südafrika oder Brasilien endlich aufzuwerten. Schließlich war für jeden ersichtlich, dass Europa im IWF überrepräsentiert ist mit rund 33 Prozent der Stimmrechte, aber nur 20 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts.

Schlussendlich stimmte Europa widerwillig einer marginalen Reduktion auf gut 30 Prozent der Stimmrechte zu - ein schaler Nachgeschmack blieb. Diese Farce wird nun noch übertroffen von der aktuellen Debatte. Die Begründung für das Festhalten am Chefsessel: In der Euro-Krise brauche es einen Europäer an der IWF-Spitze.

Merkel mag die Komik dieser Argumentation nicht erfasst haben. Ländern wie Mexiko oder Brasilien erschließt sich diese aber sofort. Denn während der lateinamerikanischen oder asiatischen Finanzkrisen hat auch kein Europäer argumentiert, dass es einen Arzt aus der betroffenen Region brauche, um die bittere IWF-Reformmedizin zusammenzumischen und zu verabreichen.

Jetzt, wo die Europäer selbst auf dem Krankenbett liegen, pochen sie auf einen europäischen Arzt. Schließlich kenne nur dieser die Leiden des Kollektivpatienten Europa mit seinen verschlungenen Entscheidungswegen, argumentieren sie. Als ob ein herausragender Inder, Südkoreaner, Brasilianer oder Südafrikaner an der Spitze des IWF nicht der Euro-Krise gerecht werden könne. Zumal er dabei auf ein Spezialistenteam im IWF zurückgreifen kann, das lange Erfahrungen mit Europa hat.

An guten Kandidaten mangelt es nicht

Ein krampfhaftes Festhalten am IWF-Spitzenposten schwächt Europa, weil es Europas Glaubwürdigkeit in einer Welt mit rapiden Machtverschiebungen untergräbt. Nur, wenn die Europäer glaubwürdig sind, können sie aufstrebende Mächte zur aktiven Mitarbeit in internationalen Institutionen verpflichten. Bislang verstecken sich die Newcomer im globalen Mächtekonzert oft hinter dem Argument, ihr rechtmäßiger Platz in der ersten Reihe werde ihnen von den Platzhirschen verwehrt. Mit diesem Argument überdecken sie oft mangelnden politischen Willen und auch eine Ideenlosigkeit, sich wirklich mutig internationalen Herausforderungen zu stellen. Dieses Argument fiele weg, wenn die Europäer auf ihre Privilegien verzichteten.

Die Europäer könnten die neuen Mächte dann auch mit gutem Recht an ihre Verantwortung für das globale Wirtschafts-und Finanzsystem erinnern und konkrete Beiträge einfordern. Bedarf dafür gibt es angesichts der zweifelhaften Transparenz und Legitimität des Währungsfonds mehr als genug.

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Europäer ihr G-20-Versprechen ernst nehmen. Sie müssen also bei der Wahl des neuen IWF-Chefs auf ein Verfahren setzen, das jenen Bewerbern eine Chance gibt, die sich durch "Offenheit, Transparenz und Eignung" qualifizieren. Das Gleiche gilt für die ebenfalls anstehende Neubesetzung des IWF-Vizepostens, den bislang die Amerikaner als ihre Domäne betrachten. An guten Kandidaten aus Entwicklungs- und Schwellenländern mangelt es jedenfalls nicht.

Statt sich an überkommene Privilegien zu klammern, sollte Europa im IWF mit einer Stimme auftreten. Dies bestimmt Europas Macht und Einfluss - und nicht die Frage, ob ein Europäer auf dem Chefsessel sitzt. Am Ende stünde ein stärkeres Europa in einem stärkeren Internationalen Währungsfonds.

Thorsten Benner ist stellv. Direktor des Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin.



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amarildo 17.05.2011
1. meinung
Zitat von sysopDominique Strauss-Kahn sitzt im Gefängnis, jetzt braucht der Internationale Währungsfonds schnell einen neuen Chef. Angela Merkel will erneut einen Europäer auf den wichtigen Posten hieven. Doch dies wäre ein fatales Signal an China, Indien und Co. - das sogar zur Schwächung Europa führen würde. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,763097,00.html
The winds of change are blowing through the IMF and Europe has to get used to it. Who has the money these days?? China and Japan are those that prop up the US with their money. Without that borrowed money the US would already be bankrupt. Half of Europe is teetering on the brink of bankruptcy. Our dollar is buying $US1.10 at the moment and the forecast indicate it will buy even more in the coming months. The Euro is shaky as well. The East is on the rise and the West is in decline. Our future is with the East which is next door.
matt_us, 17.05.2011
2. So ein Schwachsinn
Sonst noch was. Wie kommt der Spiegel an solche Meinungen? Das ist ja wohl das Allerletzte. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Der IWF soll schoen von einem Europaer gefuehrt werden. Denn was die machen im Moment - Eurolaender retten wenn die Finanzmaerkte versagen, ist genau die Hauptaufgabe des Waehrungsfonds. Sonst haben die nichts zu tun. Und die machen das prima. Die haben schon die baltischen Staaten gerettet, und Griechenland hat gerade fast ein Prozent Wirtschaftswachstum gemeldet, sensationell gut. Also alles scheint zu funktionieren! Das gefaellt den Amis und deren Propagandahaeusern natuerlich gar nicht. Aber Gordon Brown - unbestechlich und ganz klar faehig - muss der Spitzenkandidat sein. Wenn DSK freigesprochen wird, und franzoesischer Praesident wird. So einen Senf aus Amerika brauchen wir nicht.
sgift 17.05.2011
3. Glaubwuerdigkeit
Glaubwuerdigkeit kennt immer mehrere Seiten. Der Autor argumentiert Europa bleibt nur glaubwuerdig, wenn es seine Privilegien aufgibt. Moeglich. Auf der anderen Seite koennte man auch von den angesprochenen Laendern verlangen erst einmal Glaubwuerdigkeit zu demonstrieren, bevor man sie (bzw. ihre Experten) fuer wichtige Posten in Betracht zieht - also die entsprechenden Beitraege zu den internationalen Institutionen zu leisten statt sich staendig rauszureden. Wieso sollte Europa hier (wieder mal) in Vorleistung treten?
.......... 17.05.2011
4. Kemal Dervis ist der optimale Kandidat!
Zitat von sysopDominique Strauss-Kahn sitzt im Gefängnis, jetzt braucht der Internationale Währungsfonds schnell einen neuen Chef. Angela Merkel will erneut einen Europäer auf den wichtigen Posten hieven. Doch dies wäre ein fatales Signal an China, Indien und Co. - das sogar zur Schwächung Europa führen würde. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,763097,00.html
Er stammt aus der Türkei. So kann er die Interessen von Europa und Asien zugleich vertreten! Er hat theoritische und praktische Erfahrung! Die EU sollte eigentlich ihn favorisieren!
matt_us, 17.05.2011
5. Wieso kommt IWF Vize von der Bank, die kraeftig gegen die Eurozone wettet???
Wenn die Amis einen aus der dritten Welt wollen, sollten Sie mal ihren Vizeposten dorthin abgeben. Denn wieso dass ein Amerikaner macht, der auch noch vorher bei JP Morgan gearbeitet hat (die mit Credit Default Swaps, die auf eine Pleite Europas wetten) kraeftig Geld verdienen, erschliesst sich mir ueberhaupt nicht. Das ist der wahre Skandal hier. Schient dem Autor aber gar nicht aufgefallen zu sein. Die Amerikaner sind ueberhaupt nicht dazu geeignet, eine Managementposition im IWF zu vertreten. Und nach den letzten Spielchen mit dem IWF Chef ist klar, dass Washington oder die USA auch nicht der Ort ist, wo der IWF beherbergt sein sollte. Wenn man so mit einem umgeht, der noch nicht verurteilt ist, in dem Land das sich nicht an Menschenrechte haellt (Guantanamo) und Lynchjustiz betreibt (Usama Bin Laden), dann hat solch ein Schurkenstaat ausgespielt als Sitz wie der UNO, des IWFs oder der Weltbank.
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