Teures Kerosin: Delta Airlines kauft sich eine eigene Raffinerie

Der stark schwankende Kerosinpreis ist für Fluggesellschaften der größte Kostenblock. Normalerweise versuchen sie das Problem mit Aufschlägen auf den Ticketpreis zu bekämpfen - die US-Airline Delta geht einen anderen Weg: Sie kauft eine eigene Raffinerie.

Zukünftige Delta-Raffinerie nahe Philadelphia: Sicherung gegen hohe Treibstoffpreise Zur Großansicht
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Zukünftige Delta-Raffinerie nahe Philadelphia: Sicherung gegen hohe Treibstoffpreise

Atlanta - Fast fünfzehn Milliarden Liter Kerosin haben die Flugzeuge von Delta Airlines im vergangenen Jahr verbraucht - mehr als ein Drittel der Ausgaben gingen für Treibstoff drauf. Wenn die Preise auch nur ein wenig steigen, bringt das die Fluggesellschaften schnell in Bedrängnis - sie erheben dann Ticketzuschläge und bestellen verbrauchsärmere Maschinen. Die US-Fluggesellschaft geht jetzt einen Schritt weiter: Sie kauft eine ganze Raffinerie.

Der Kauf sei ein "innovativer Ansatz" zur Kontrolle des größten Ausgabepostens, sagte Delta-Chef Richard Anderson. Mit dem Kauf der Raffinerie nahe Philadelphia für 150 Millionen Dollar will die Fluggesellschaft jährlich 300 Millionen Dollar an Treibstoffkosten sparen. Der Betreiber der Raffinerie Phillips 66 hatte geplant, den Standort zu schließen, sollte er keinen Käufer finden.

Es ist der Versuch, den größten Kostenblock der Fluggesellschaft schnell in den Griff zu bekommen. Die Modernisierung der Flugzeugflotte mit neuen spritsparenden Modellen von Airbus und Boeing dauert Jahre und eventuell günstigere Bio-Treibstoffe sind noch nicht marktreif. Flugbenzin habe die größte Gewinnspanne aller Raffinerieprodukte, sagt Delta-Chef Anderson. "Und sie nehmen es von den Fluggesellschaften". Den Kauf der Raffinerie nannte er eine "bescheidene Investition", die vergleichbar sei mit der Anschaffung eines neuen Flugzeugs.

Unklar ist, ob sich die Investition lohnen wird. Das Raffineriegeschäft ist risikoreich und zyklisch: In Zeiten wachsender Wirtschaft lassen sich Benzin, Diesel und Kerosin gut verkaufen - wenn aber der Ölpreis hoch ist und die Nachfrage nachlässt, wie derzeit in den USA, dann machen die Raffinerien Verluste. Die großen Ölkonzerne haben sich deshalb weitestgehend von ihrem Raffineriegeschäft getrennt.

Branchenexperten halten den Schritt von Delta für vielversprechend, aber auch riskant. Wenn das Geschäft funktioniert, so die Meinung, könnte die US-Fluggesellschaft ein Trendsetter für andere sein.

Delta Airlines Chart zeigen will zusätzlich zum Kaufpreis weitere 100 Millionen Dollar investieren, um die Produktion von Kerosin in der Raffinerie auf mehr als 50.000 Barrel (Ein Barrel entspricht 159 Litern) täglich zu erhöhen - rund 80 Prozent des Delta-Bedarfs für den Flugbetrieb in den USA. Im Kaufpreis enthalten sind Delta zufolge auch Pipelines, durch die der Treibstoff direkt zu den New Yorker Flughäfen La Guardia und JFK transportiert werden kann.

Weil mit dem Verkauf der Raffinerie mehr als 5000 Arbeitsplätze wenigstens vorerst erhalten bleiben, bekommt Delta Airlines 30 Millionen Dollar Zuschuss von der öffentlichen Hand.

nck/dapd/Reuters

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1. In stillem Gedenken an die völlig verarmte Mineralölindustrie
herr_kowalski 01.05.2012
Zitat von sysopAPDer stark schwankende Kerosinpreis ist für Fluggesellschaften der größte Kostenblock. Normalerweise versuchen sie das Problem mit Aufschlägen auf den Ticketpreis zu bekämpfen - die US-Airline Delta geht einen anderen Weg: Sie kauft eine eigene Raffinerie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,830729,00.html
verstehe ich diesen Schritt nun überhaupt nicht: Die Raffinerien sind doch ein riesiges Zuschußgeschäft lt. Spritkonzernen. Wo der Sprit in den USA doch auch noch so viel billiger ist als hier. Dann dürfte es sich bei Delta wohl um Konkursbetrügerei handeln wenn man sehenen Auges in die Pleite rutscht. Oder lügen die Minaralölkonzerne etwa und verkaufen uns für dumm ????
2. Dann lieber
nesmo 01.05.2012
gleich eine Ölquelle kaufen, plus Öl-Tanker, also alle Zwischenhändler und Börsenspekulanten umgehen. Fraglich bleibt dann aber, ob das Benzin am "freien Markt" unter einem gewissen Wettbewerbsdruck nicht dann doch billiger und mit weniger Kostenaufwand und -risiko gekauft werden kann.
3. Prof. Dr. Dr. hc. mult.
chiefclancywiggum 01.05.2012
Zitat von sysopAPDer stark schwankende Kerosinpreis ist für Fluggesellschaften der größte Kostenblock. Normalerweise versuchen sie das Problem mit Aufschlägen auf den Ticketpreis zu bekämpfen - die US-Airline Delta geht einen anderen Weg: Sie kauft eine eigene Raffinerie. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,830729,00.html
Ein interessanter Ansatz von Delta, der sicherlich in der Airlineindustrie mit Interesse verfolgt werden wird. Die Investitionskosten im konkreten Fall sind in der Tat bescheiden, wenn man weiss, wie kapitalintensiv die Airlinebranche ist. Allerdings stellt sich die Frage, warum Delta glaubt besser als der bisherige Besitzer der Raffinerie wirtschaften zu können. Aufgrund der technischen Gegebenheiten kann eine Erölraffinerie nicht nur ausschliesslich Kerosin produzieren sondern es entstehen zwangsläufig auch andere Produkte, die dann entweder auch von Delta verwertet werden müssen oder eben an andere Abnehmer abgesetzt werden müssen. Diese anderen Abnehmer kaufen aber wohl auch preisbewusst. Zudem ist der Rohölpreis damit immer noch der Preistreiber Nr. 1 und ausserhalb des Einflusses von Delta. Nicht zuletzt wundert die Investition dann aber doch wieder, wenn man bedenkt, dass sich viele Fluggesellschaften nicht einmal mehr ein ausreichendes Preishedging für Kerosin leisten können. Warten wir mal ab, ob sich Delta hier nicht selber in den Fuss schiesst.
4.
Munku 01.05.2012
Zitat von nesmogleich eine Ölquelle kaufen, plus Öl-Tanker, also alle Zwischenhändler und Börsenspekulanten umgehen. Fraglich bleibt dann aber, ob das Benzin am "freien Markt" unter einem gewissen Wettbewerbsdruck nicht dann doch billiger und mit weniger Kostenaufwand und -risiko gekauft werden kann.
Ach, ein Flugzeug fliegt direkt mit Öl ? Richtig ist, daß Delta den Marktpreis nicht ignorieren kann, da sie immer die Wahl haben werden ihr Kerosin zum Marktpreis zu verkaufen oder selbst zu verfliegen. Fliegen sie mit dem Kerosin selbst weil der Marktpreis zu hoch ist, entgeht ihnen der Gewinn aus dem Verkauf. Ist der Marktpreis zu niedrig, wäre es wirtschaftlicher das Kerosin einzukaufen statt selbst zu produzieren. Unterm Strich dämpft Delta also nur kurzfristige Preisfluktuationen, das langfristige Preisniveau selber ändert sich dadurch aber effektiv nicht. Solange die Raffinerie selbst nicht wirtschaftlich betrieben werden kann (es findet sich ja sonst kein Käufer) macht damit Delta keinen Gewinn.
5. Wozu besser wirtschaften?
hinzkunz@gmx-topmail.de 01.05.2012
Zitat von chiefclancywiggumEin interessanter Ansatz von Delta, der sicherlich in der Airlineindustrie mit Interesse verfolgt werden wird. Die Investitionskosten im konkreten Fall sind in der Tat bescheiden, wenn man weiss, wie kapitalintensiv die Airlinebranche ist. Allerdings stellt sich die Frage, warum Delta glaubt besser als der bisherige Besitzer der Raffinerie wirtschaften zu können. Aufgrund der technischen Gegebenheiten kann eine Erölraffinerie nicht nur ausschliesslich Kerosin produzieren sondern es entstehen zwangsläufig auch andere Produkte, die dann entweder auch von Delta verwertet werden müssen oder eben an andere Abnehmer abgesetzt werden müssen. Diese anderen Abnehmer kaufen aber wohl auch preisbewusst. Zudem ist der Rohölpreis damit immer noch der Preistreiber Nr. 1 und ausserhalb des Einflusses von Delta. Nicht zuletzt wundert die Investition dann aber doch wieder, wenn man bedenkt, dass sich viele Fluggesellschaften nicht einmal mehr ein ausreichendes Preishedging für Kerosin leisten können. Warten wir mal ab, ob sich Delta hier nicht selber in den Fuss schiesst.
Weil die Raffinerie gegen Kursschwankungen helfen soll und nicht zum Gewinn abwerfen gekauft wurde. Diesen Zweck (Gewinn) hatte sie nur bisher. Für diejenigen, die sich nicht für die dämlichen aber wichtigtuerisch klingenden "Fachbegriffe" interessieren, aber trotzdem gerne wissen wollen von was die Rede ist: Preishedging bedeutet, dass man - wenn der Preis gerade gut ist - sich mit einer großen Menge an dem benötigten Wirtschaftsgut eindeckt, um sich gegen steigende Kosten abzusichern. Vielleicht schämt man sich in ein paar Jahren für die Denglischen Wörter genauso wie heute für die Mode der 80er...
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