Alter PanAm-Terminal in New York: Ende einer Jetset-Ikone

Von , New York

Es war ein Symbol des Jumbo-Zeitalters: Der 1960 eröffnete Worldport von PanAm am Kennedy-Airport galt als Sinnbild eines globalen Lifestyles. Jetzt lässt sein Besitzer Delta die "fliegende Untertasse" abreißen - trotz lauter Proteste von Denkmalschützern.

PanAm-Terminal: Abriss der "fliegenden Untertasse" Fotos
SPIEGEL ONLINE

Als Anthony Stramaglia zwei Jahre alt war, nahmen ihn seine Eltern zum Sommerurlaub nach Italien mit. 1971 war das: Sie flogen vom New Yorker Kennedy-Flughafen (JFK) aus, mit einem der frühen Jumbo Jets, einer Boeing 747 der damals größten US-Airline PanAm. Es war Stramaglias erstes Flugerlebnis.

Viel ist ihm nicht mehr bewusst von dieser Premierenreise. Nur dass sie in einem hochmodernen Terminal begann, der aussah wie eine fliegende Untertasse. "In meinem Unterbewusstsein", sagt Stramaglia, "hat sich diese Erinnerung bis heute festgegraben."

Der Terminal war der PanAm-Worldport, ein 1960 eröffnetes, futuristisches Wunderwerk und lange der weltgrößte Airport-Terminal. Sein ovales, scheinbar freischwebendes Dach, das 35 Meter übers Vorfeld ragte und darunter selbst Jumbos Platz bot, gab ihm den Spitznamen "Flying Saucer". Neben dem zwei Jahre später eingeweihten TWA Flight Center wenige hundert Meter entfernt war der Worldport das Symbol der glamourösen Jetset-Ära.

Diese Ära ist längst vorbei. Fliegen ist zum freudlosen Massenauftrieb verkommen. Und nichts offenbart das besser als das, was dieser Tage am JFK-Airport geschieht: Da wird der Worldport gerade gnadenlos abgerissen - trotz lauter Proteste von Fans und Denkmalschützern.

"Eine Schande", schimpft Stramaglia, der mit dem früheren PanAm-Angestellten Kalev Savi und Lisa Turano Wojcik, der Tochter eines der Architekten, eine Bürgerinitiative zur Rettung des Terminals gestartet hat. "Eine nationale Tragödie", fügt Savi hinzu. "Es bricht einem das Herz."

Riesiger Regenschirm

Zu spät. Vergangene Woche gruben Bagger alle Zierpflanzen am Worldport aus, der zuletzt als Terminal 3 Delta bedient hatte und allseits verhasst war, da so heruntergekommen. Das Dach ist nur noch ein Skelett aus Stahlträgern, die Teerpappe hängt in Fetzen herab. Von der Rampe ist nichts mehr übrig als ein Berg aus Schutt und Trümmern.

"Terminal 3 geschlossen", warnt ein Schild am Zaun überflüssigerweise.

Der Abriss ist auch die unweigerliche Folge der Konsolidierung in der US-Luftfahrtindustrie. PanAm ging schon 1991 unter. Die Reste der Gesellschaft und den Worldport übernahm Delta, die nach der Fusion mit Northwest 2010 zur größten Airline der Welt aufstieg - bis die Firmen-Ehe von American Airlines und US Airways sie auf den zweiten Platz verwies.

Dieses Geschäft hat kein Platz für Sentimentalitäten. Eine 1,2-Milliarden-Dollar-Verlängerung des benachbarten Terminals 4 soll den Ex-Worldport ersetzen. An dessen Stelle wird ein Parkplatz entstehen - für Flugzeuge.

Als der Bau des Worldports 1957 angekündigt wurde, war die Welt noch ganz begeistert von dem Terminal mit seinem 1,6-Hektar-Dach, an Stahlkabeln aufgehängt wie ein riesiger Regenschirm.

Acht Millionen Dollar kostete der Bau, entworfen von einem Konsortium aus Architekten, darunter Emanuel Turano, Lisa Turano Wojciks Vater. Der Worldport schrieb Fluggeschichte - von den Boeing 707 Clippers, die als erste Linienjets den Atlantik querten, bis zur 747, deren kommerzieller Jungfernflug hier am 22. Januar 1970 startete, nach London-Heathrow.

Letzter Flug nach Tel Aviv

Der Terminal wurde zum Sinnbild des kosmopolitischen Lifestyles. Hier kamen 1964 die Beatles zu ihrer ersten US-Reise an. Roger Moore durchschritt die Halle als James Bond in "Leben und sterben lassen" (1973), ebenfalls einer PanAm-Boeing entstiegen. Szenen von "Ein Hauch von Nerz" mit Doris Day und Cary Grant (1962) wurden im Worldport gedreht. "Vogue" und "Life" nutzten die stromlinienförmige Architektur für Fotoshootings.

Es gab auch tragische Momente. Am 28. Dezember 1988 wurden in der VIP-Lounge die Angehörigen der Passagiere von PanAm 103 über das Schlimmste informiert: Der Jumbo war auf dem Weg von London nach New York über Lockerbie abgestürzt - ein Terroranschlag.

Lockerbie und die wirtschaftlichen Folgen des Golfkriegs 1990 zwangen PanAm in die Knie. Delta schnappte sich die Konkursmasse. Schon da war der Terminal marode und viel zu klein, ganz zu schweigen von den platzraubenden Sicherheitszwängen nach dem 11. September 2001.

Das Dach leckte. Asbest rieselte herab. Der Reiseführer "Frommer's" kürte den "bröckelnden Betonklotz" zum schlimmsten US-Terminal.

Am 23. Mai 2013 flog die letzte Maschine ab, ohne viel Aufhebens: Delta 268, Gate 6, 23.25 Uhr nach Tel Aviv - eine Boeing 747-400. Delta will das Gebäude bis spätestens 2015 ganz abreißen.

Flugfreunde forderten Denkmalschutz für den Terminal. Der National Trust for Historic Preservation setzte es auf seine Liste der "elf bedrohtesten historischen Orte" der Nation. Doch Delta und die Port Authority, die JFK managt, halten es für historisch nicht wertvoll genug - anders als das TWA Flight Center des Stararchitekten Eero Saarinen.

Stramaglia, Savi und Turano Wojcik wollen nicht aufgeben. "Dies könnte ein Hotel werden, ein Konferenzzentrum, ein Museum", beharrt Savi, dessen Mutter von 1961 bis 1991 für PanAm arbeitete und der selbst als Student einst als PanAm-Reservierungsagent jobbte.

Sie besuchten Bürgerversammlungen, piesakten Delta und die Port Authority, sammelten bisher mehr als 4200 Unterschriften und 7600 "Gefällt mir" auf ihrer Facebook-Seite. "Warum die Eile mit dem Abriss?", fragt Savi.

Doch schon ist der Terminal eine Ruine. Am Zaun hängt nur noch ein fröhliches Plakat des Tourismusverbands: "Dies ist New York City."

Der Autor auf Facebook

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Luftfahrt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback