Bahnstreik und Demokratie Gelobt seist du, Gianis Weselsky!

GDL-Chef Claus Weselsky legt schon wieder die Republik lahm - und wirkt dabei genauso irrlichternd wie der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis in der Eurokrise. Wir sollten beiden dankbar sein. Denn Demokratie braucht Rebellen.

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Gewerkschaftschef Weselsky: Anstoß für ernsthafte Debatten
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Gewerkschaftschef Weselsky: Anstoß für ernsthafte Debatten


Der Streik bei der Bahn und das Chaos in Griechenland haben auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun. Und dennoch gibt es weit mehr Parallelen zwischen beiden Konflikten als allein die Tatsache, dass sie nie zu enden scheinen.

So wie es der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis und das in Athen regierende Linksbündnis Syriza gegenüber ihren Geldgebern machen, stellen auch der deutsche Oberlokführer Claus Weselsky und seine Gewerkschaft GDL an die Bahn Forderungen, die diese schon allein aus Gründen der Selbstachtung gar nicht erfüllen kann.

Rebellion befördert die Debatte

Dass Weselsky und Varoufakis die zwangsläufige Zurückweisung ihrer unberechtigten Anliegen jeweils als Affront werten, verstärkt nur den Eindruck, sie seien ideologisch verbohrte Anführer von irrlichternden Truppen, die sich vor allem auf Kosten anderer profilieren.

Beide Protagonisten - der Einfachheit halber an dieser Stelle Gianis Weselsky genannt - haben dabei etwas Tragisches. Eigentlich werden Leute wie sie in der Demokratie dringender denn je gebraucht. Im Gegensatz zu all den Politikern, Gewerkschaftern und Verbandsfunktionären, die immer nur die gleichen Einheitsbrei-Statements absondern, stellen sie den Status quo und seine Begründung infrage. Nur durch diese Rebellion werden ernsthafte Debatten überhaupt erst möglich, an deren Ende ein alternativer Weg stehen könnte.

Stehen könnte, aber nicht steht. Denn der Typus Gianis Weselsky macht es seinen Kritikern so leicht, dass die Verwalter des Ist-Zustands triumphieren. Dabei könnte Deutschland diese Auseinandersetzung mindestens genauso gut gebrauchen wie die Eurozone. Auch in der Währungsunion ist längst nicht ausgemacht, dass die bisherige Strategie wirklich erfolgreich ist.

Einfach nicht drüber reden

Aber verglichen mit Berlin werden Debatten in Brüssel geradezu kontrovers geführt. In der Konsens- und Kuschelrepublik Deutschland sind Bundestagsdebatten längst auf den Austausch von Sprechblasen zusammengeschrumpft, Diskussionen auch jenseits von Talkshows haben bestenfalls noch reflexhaften Charakter. Läuft doch alles gut in Deutschland, so die vorherrschende Meinung. Ob das so bleibt? Mal schauen, aber besser nicht drüber reden!

Besonders absurd ist, dass ausgerechnet die Bundesregierung die Entpolitisierung vorantreibt: Statt mit klaren Positionen um Mehrheiten in der Bevölkerung zu ringen, inszeniert sie lieber erneut einen Bürgerdialog. Bereits der erste Versuch einer solchen Veranstaltung zu Zeiten der Schwarz-Gelben Koalition verlief im Nichts.

Angesichts dieser Tristesse muss man Gianis Varoufakis und Claus Weselsky dankbar dafür sein, dass sie uns zumindest immer mal wieder aus dem kollektiven Schlaf wachrütteln - und sei es mit ihrem Wahnsinn.

Zum Autor
Sven Böll ist Wirtschaftskorrespondent im Hauptstadtbüro des SPIEGEL.

E-Mail: Sven_Boell@spiegel.de

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Seite 1
zyniker642 22.04.2015
1. irrlichtender Kommentar
Die Anliegen Griechenlands und der GDL sind im Wesentlichen berechtigt und für intelligente Menschnen nachvollziehbar. Die Parallelen sind erstaunlich. Beide haben es mit "Verhandlungspartnern" zutun, welche aus reiner Profitgier zu absolut keinen Kompromissen bereit sind und sowohl GDL als auch Griechenland werden dafür von einer neoliberalen Presse zerrissen
candoom 22.04.2015
2. Zustimmung
Ich bin der gleichen Meinung, wie der Autor des Artikels. Entgegen dem Duckmäusertums in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft und der "sowas macht man nicht"-Haltung, ist die GDL und vor allem Herr Weselsky ein wunderbarer Kontrast. In Zeiten von massiver Ungerechtigkeit, ist der Streik eine grundrechtlich zugesicherte Möglichkeit, dem Einhalt zu gebieten und sollte gefälligst auch angewandt werden, auch von anderen Gewerkschaften. Sicherlich habe ich auch Verständnis für den Ärger der Bahn-Kunden und bin selber nicht betroffen, nur sehe ich gesellschaftlich einen überwiegenden Vorteil in diesem Streik, mit Nachahmungspotential.
quark@mailinator.com 22.04.2015
3. ??
Demokratie mag "Rebellen" brauchen, aber sicher nur welche, die sich sichtbar konstruktiv um das GEMEINwohl sorgen. So wie es ist, dienen diese Menschen als Beispiel, warum man mehr direkte Demokratie unterbindet, indem man darauf zeigt, wie sie mißbraucht werden kann. Was nutzt mir ein Herr Weselsky, wenn der immer nur wütend und selbstgerecht rüber kommt und nichtmal ansatzweise versucht, auf den Normalbürger zuzugehen und wirklich zu erklären, warum er meint, mehr als eine Gewerkschaft wäre für einen Betrieb nötig und was er eigentlich glaubt, aus welchem Topf die Bahn die höheren Zahlungen für seine Leute am Ende nehmen wird - von den Bahnkunden, welche aufgrund Monopol keine Alternative haben, von den anderen Bahnangestellten oder ... ? Was nutzt mir ein Herr Varoufakis, wenn er nicht zuallererst mal klar und deutlich sagt, was genau eigentlich nach der Einführung des Euro in Griechenland mit dem billigen Geld gemacht wurde, wer es genutzt hat, wer noch heute davon profitiert ... wie er in Zukunft verhindern will, daß sowas wieder passiert, wer schuld an dem Schlammassel ist, wie das evtl. bestraft wird ... und VOR ALLEM, daß des ihm leid tut und daß es zunächst und zuallererst griechische SCHULD ist. Wild rumrennen und sagen, was man nicht will, ist billig. Rumrennen und anderen die Schuld geben, ist auch billig. Ja, Rebellen sind prinzipiell gut, wenn sie neue Wege öffnen, verkrustete Strukturen durchbrechen, etc. Aber es sollte bitte sehr im Interesse aller sein, was sie tun, nicht nur im eigenen Interesse und nicht nur aus Wut auf die Welt, sondern im Interesse einer wirklich guten Lösung. Vor allem sollte es nicht hauptsächlich GEGEN etwas sein, sondern FÜR etwas.
monopinion 22.04.2015
4. Es läuft vielleicht gut
wie es läuft, mit Yanis Weselsky läuft es vorübergehend mal etwas anders, ob es besser wird, mal sehen. Um die akademische Frage möglicher neuer Wege zu klären finde ich Aufwand und Auswirkungen doch recht hoch. Spieltheorie in den Praxis und weil man sich nicht an seine ursprüngliche Vereinbarung hält und Konsequenzen andere tragen lässt. Was daran demokratisch sein soll kann ich in beiden Fällen nicht erkennen.
jujo 22.04.2015
5. ....
Nicht ganz falsch, aber sind diese Leute Alleinherrscher? Angeblich gibt es einen GDL Vorstand, welcher die Verhandlungen im Kollektiv für gescheitert erklärt und Streikmaßnahmen beschließt.
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