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29. Dezember 2012, 10:40 Uhr

Riskante Wetten mit Derivaten

"Wie vor der Finanzkrise"

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Die Massenvernichtungswaffen der Finanzindustrie werden wieder scharf gestellt. Mehrere große Banken planen Geschäfte, mit denen die neuen europäischen Regeln für Derivate umgangen werden können. Experten sehen die nächste Krise heraufziehen.

Hamburg - Ab 2013 will die EU die Banken abrüsten. Die EU-Richtlinie "Emir" soll den Handel mit Derivaten wie zum Beispiel Kreditausfallversicherungen (CDS) sicherer machen. Also jenen Finanzprodukten, die der legendäre Investor Warren Buffett einst als "Massenvernichtungswaffen" bezeichnete. 2008 rissen schlecht abgesicherte CDS-Geschäfte den amerikanischen Versicherungsriesen AIG - und die gesamte Weltwirtschaft - fast in den Abgrund. Das soll nicht noch einmal passieren: Deshalb sollen Derivatehändler in der EU ihre Deals künftig stärker mit Sicherheiten unterlegen. Auch die USA führen ab 2013 ähnliche Regeln ein.

Doch mehrere Großbanken wollen nun Geschäfte anbieten, mit denen die Regulierung effektiv ausgehebelt wird: Händlern, die sich den Derivatehandel wegen erhöhter Sicherheitsanforderungen nicht mehr leisten können, wollen die Banken eigene Sicherheiten zum Tausch anbieten. "Collateral Transformation" heißt diese Umgehung der höher gelegten Hürden im Bankensprech.

Verhängnisvolle Versicherungen

Dabei sind CDS und andere Finanzderivate im Grunde genommen eine gute Sache. Sie funktionieren meist ähnlich wie Versicherungen: Deutsche Exporteure können sich mit ihnen gegen Wertschwankungen des Dollars absichern. Besitzer spanischer Staatsanleihen schlafen ruhiger, wenn sie gleichzeitig Ausfallversicherungen auf Schuldscheine dieses Landes halten.

Das Problem ist nur: Wenn die Finanzpolicen fällig werden, können die Versicherer womöglich nicht mehr zahlen. So war es in der Finanzkrise 2008. Damals wurde vielen Unternehmen ihr Engagement im Derivatemarkt zum Verhängnis. AIG zum Beispiel hatte für ein Kreditvolumen von 440 Milliarden Dollar Ausfallversicherungen verkauft. Als die Investmentbank Lehman Brothers Pleite ging, wurden viele der Versicherungen fällig. Doch AIG konnte die geforderten Summen nicht ohne weiteres auszahlen, weil sich die von dem Konzern bereit gehaltenen Sicherheiten nicht ausreichend schnell zu Geld machen ließen. An den Finanzmärkten brach Chaos aus, weil sich viele Banken auf die Zusagen von AIG verlassen hatten. Am Ende mussten die US-Zentralbank und der Staat den Versicherungsriesen mit mehr als 180 Milliarden Dollar in Kapital und Garantien retten.

Um einen zweiten Fall AIG zu verhindern, vereinbarten die Regierungschefs der G-20-Staaten 2009, den Derivatehandel sicherer zu machen. Ab 2013 gelten in der EU und den USA neue Regeln: Die meisten Derivategeschäfte sollen dann über zentrale Marktplätze, so genannte Clearinghäuser, abgewickelt werden. Clearinghäuser garantieren, dass alle Zahlungen geleistet werden. Eine Art PayPal für den Finanzmarkt.

Als Sicherheiten akzeptieren die Mittelsmänner nur Geld oder Anleihen mit sehr guten Ratings. Das Problem: Viele Derivatehändler besitzen von beidem nur sehr wenig. Überhaupt würden die weltweit vorhandenen Anleihen längst nicht ausreichen, um den Ende 2011 nominell rund 500 Billionen Euro schweren Derivatemarkt abzusichern. Von den Regulierern ist das durchaus gewollt: Reine Zockergeschäfte, die wenig Nutzen und viel Risiko bringen, sollen sich nicht mehr lohnen.

Mindestens sieben internationale Großbanken, laut "Bloomberg Businessweek" auch die Deutsche Bank, wollen nun Abhilfe schaffen - und kräftig daran verdienen: Gegen Gebühren leihen sie Derivatehändlern ihre hochliquiden Sicherheiten. Dafür erhalten sie lange laufende, schwer verkäufliche Kredite wie zum Beispiel strukturierte Wertpapiere oder Schiffsfinanzierungen. Die Deutsche Bank wollte ihr Engagement auf Nachfrage nicht kommentieren. Ein Derivateexperte einer großen amerikanischen Bank nennt diese "Collateral Transformation", also den Tausch von Sicherheiten, ein "Standardinstrument".

"Das Geschäft ist zu risikolos geworden"

Für die eigene Bank sieht der Derivateexperte keine Gefahr, schließlich nehme man die schlechteren Sicherheiten nur mit einem Abschlag in die eigenen Bücher. Selbst für einen extremen Krisenfall sei dieser Puffer groß genug. "Ich fürchte eher, dass das Geschäft zu risikolos und damit unprofitabel geworden ist", sagt er.

Das muss nicht so bleiben: Denn wie groß der Abschlag ist, den die Bank bei dem Sicherheitentausch verlangt, entscheidet sich laut dem Derivateexperten in einem "konkurrierenden Bieterverfahren". Sprich: Wer das größte Risiko mit dem geringsten Abschlag in seine Bücher nimmt, macht das Geschäft.

Viele Experten sehen das kritisch. Die Rating-Agentur Fitch äußert in einer Expertise die Befürchtung, dass das Geschäft "die Systemrelevanz großer Banken im Derivatehandel weiter vergrößern" und "die Transparenz der Geschäfte verwischen könnte". Manmohan Singh, leitender Ökonom beim IWF, wird noch deutlicher: "Wenn in der Krise Sicherheiten knapp werden und die Banken ihre erstklassigen Sicherheiten gegen BBB-geratete Kredite getauscht haben, stehen die Banken plötzlich voll im Risiko. Dann bekommen wir eine Situation ähnlich wie vor der Finanzkrise."

In normalen Zeiten ist der Sicherheitentausch ein unproblematisches Geschäft, in der Krise aber höchst riskant: Geht ein Derivatehändler pleite, behält das Clearinghaus die geliehene Sicherheit. Die Großbanken bleiben auf den illiquiden Krediten sitzen, die sie in einer Krise weder verkaufen noch bei der Zentralbank hinterlegen können, um frisches Geld zu erhalten. Im schlimmsten Fall droht die Zahlungsunfähigkeit der Bank.

Als letzte Rettung bliebe nur noch die Zentralbank, die bei den üblichen Leihgeschäften mit Geschäftsbanken ihre Anforderungen an Sicherheiten herunterschrauben und unter Zeitdruck womöglich zweifelhafte Kredite in ihre Bücher nehmen müsste. Oder der Staat: Wieder müssten die systemrelevanten Großbanken mit Steuergeld gerettet werden.

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