Ausstieg des Desertec-Namensgebers: Machtkampf um das Wüstenstromprojekt

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Solarkraftwerk in den USA: Tiefes Misstrauen bei Desertec Zur Großansicht
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Solarkraftwerk in den USA: Tiefes Misstrauen bei Desertec

Sonnenstrom aus der Wüste für Europas Energiewende - das ist die kühne Vision von Desertec. Mit dabei: die großen Namen der deutschen Wirtschaft. Doch jetzt eskalieren lang anhaltende Konflikte, der Initiator des Projekts springt ab. Die Industrieinitiative droht im Chaos zu versinken.

Hamburg - Es ist eine Vision, die viele Wunschträume weckt: Ein internationales Konsortium will die Wüstensonne als Energiequelle für Europa, Afrika und den Nahen Osten erschließen. Europa würde von der Petrokratie Russland unabhängiger, Nordafrika an geopolitischer Bedeutung gewinnen.

So kühn diese Vision ist, so erbittert wird um sie gekämpft. Denn umgesetzt werden soll das Projekt Wüstensonne vom derzeit größten Konsortium der Welt, in dem sich Großkonzerne, Umweltschützer und andere Interessengruppen gegenüberstehen. Schon lange gibt es Streit, doch nun ist dieser so heftig eskaliert wie noch nie.

Ausgerechnet die Desertec-Stiftung - Initiator, Ideen- und Namengeber des Projekts - hat das Konsortium verlassen, seine Mitgliedschaft in der sogenannten Desertec Industrial Initiative (DII) gekündigt. Und droht nun mit Entzug der Namensrechte.

Die Kündigung sei eine "Notmaßnahme" gewesen, sagt Thiemo Gropp, Geschäftsführer der Stiftung, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Unter dem Begriff Desertec sind unsägliche Dinge geschrieben worden." Das müsse aufhören. Die Stiftung müsse das Projekt Wüstenstrom schützen, das die Stiftung mit anderen Partnern auch in Saudi-Arabien, Südost-Asien, Chile, Peru und Brasilien vorantreibt. Das Konzept von Desertec solle "nicht unverschuldet in den Sog der negativen Berichterstattung" hineingezogen werden.

Kampf der Kulturen

In dem Konsortium tobt schon lange ein Kampf der Kulturen - was nicht zuletzt an seiner komplexen Struktur liegt. Mit dabei sind einerseits Größen der deutschen Wirtschaft wie E.on, RWE oder die Deutsche Bank, andererseits Umweltschützer, allen voran die Desertec-Stiftung. Diese Konstellation sorgt regelmäßig für Zwist. Zudem haben der Geschäftsführer der Stiftung (Gropp) und die beiden Chefs der Industrieinitiative (Paul van Son und Aglaia Wieland) jeweils unterschiedliche strategische Vorstellungen über das Megaprojekt.

Die Desertec-Stiftung habe sich schon lange über das Auftreten mancher Konzerne beklagt, sagen Insider. Fassungslos sei die Stiftung zum Beispiel über einen großen Energieversorger gewesen, der versuchte, ein riesiges Kohlekraftwerk in Chile zu bauen und gleichzeitig bei der Bundesregierung Subventionen für das Wüstenstromprojekt abzustauben. Gemeint ist der Energiekonzern E.on, dessen geplantes Kohlekraftwerk allerdings 2012 am Widerstand der chilenischen Bevölkerung scheiterte.

Hinzu kam, dass sich die Stiftung von Großkonzernen zusehends an den Rand gedrängt fühlte. Deren aggressive Industriepolitik sei immer weniger mit den Prinzipien der Stiftung vereinbar gewesen, die sich lokaler Wertschöpfung und maximaler Umweltverträglichkeit verschrieben habe, sagt ein Insider. Aus Sicht der Stiftung hätten Großkonzerne versucht, die Marke Desertec zu kapern, um das eigene Image aufzubessern.

Aus dem Lager der Industrie ist dagegen zu hören, man sei von Anfang an dem Misstrauen der Umweltschützer ausgesetzt gewesen. Viele hätten sich Argumente des 2010 verstorbenen Solarvordenkers Hermann Scheer zu Eigen gemacht, der in Desertec eine Verstärkung der Monopole der Energiekonzerne sah. "Dass wir da mitmachen, hat nicht in deren Weltbild gepasst", sagt ein Konzernvertreter, der von Anfang an dabei war.

Geschäftsführer Gropp will diese Vorwürfe nicht kommentieren, bestätigt aber den Machtkampf zwischen Stiftung und Industrie. "Wir waren nicht so naiv zu glauben, dass da nur Gutmenschen mit uns am Tisch sitzen", sagt er. "Aber wir hätten schon erwartet, dass die Zusammenarbeit besser läuft. Und professioneller." Auch Konzernvertreter sagen, die Zusammenarbeit sei letztlich an "schlechtem Erwartungsmanagement" gescheitert.

"Wir mussten uns wie Coca Cola benehmen"

Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich der öffentlich ausgetragene Machtkampf in der DII-Doppelspitze. Co-Chef Paul van Son setzte sich plötzlich dafür ein, das Wüstenstromprojekt zu verkleinern und das Desertec-Kraftwerk "Sawian 1" in Marokko vorerst nicht zu bauen. Seine Kollegin Aglaia Wieland dagegen wollte den ursprünglichen Plan weiterverfolgen. Details über den Streit wurden zeitnah an die Presse gestreut .

Geldgeber der Stiftung stellten unangenehme Fragen, da entschlossen sich Vorstand und Aufsichtsrat, die Reißleine zu ziehen. "Wir mussten uns wie Coca Cola benehmen", sagt Gropp. "Wir durften nicht zulassen, dass das Erfolgsrezept verändert wird." Wohl und Wehe des Desertec-Konzepts hingen "nicht von den Unternehmen in der DII ab". Man könne sich neue Partner suchen.

Gleichzeitig hält sich Gropp den Wiedereintritt in das Konsortium offen. "Voraussetzung ist, dass die Eckpunkte des Desertec-Konzepts künftig von uns überwacht werden und dass die Stiftung die alleinige Richtlinienkompetenz für die Umsetzung des Projekts hat." Nur unter diesen Umständen sei es für die Stiftung akzeptabel, dass der Name Desertec weiter für die Solarprojekte der DII genutzt werde.

Die Chancen, dass Strom aus der Wüste in absehbarer Zeit tatsächlich Europas Energieprobleme löst, sind damit gesunken.

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1. Konzerninteressen gehen wieder vor
raber 01.07.2013
Schade wenn das Projekt an den rein profit-orientierten Unternehmen scheitern sollte. Zwar reden diese Firmen über Umweltschutz und ihr sociales Engagement, aber meistens ist ausser Reden nichts gewesen. E.on und ihre Doppelzüngigkeit sind ja wieder ein Beispiel dazu. Es ist auch verständlich, dass die Firmen so handeln. Nur eben unverständlich, wenn sie versuchen es anders su verkaufen und dann nichts anderes als Heuchler sind. Die Entscheidung Desertecs auszusteigen finde ich nicht nur richtig sondern auch konsequent.
2. Schade eigentlich, daß...
giovanniconte 01.07.2013
Zitat von sysopAPSonnenstrom aus der Wüste für Europas Energiewende - das ist die kühne Vision von Desertec. Mit dabei: die großen Namen der deutschen Wirtschaft. Doch jetzt eskalieren lang anhaltende Konflikte, der Initiator des Projekts springt ab. Die Industrieinitiative droht im Chaos zu versinken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/desertec-machtkampf-zwischen-stiftung-und-industrie-a-908747.html
...dieses Projekt in der Wüste nicht funktioniert, ohne lokale Resourcen zu verschlingen, in wahnsinnigem Ausmaß, nämlich Wasser zum reinigen der riesigen Parabol-Spiegel. Die Anlagen in Spanien zeigen deutlich, daß es funktioniert, aber auch was es kostet, wie hoch der lokale Wasserverbrauch ist. An vielen Nordafrikanischen Küsten weht ein konstanter und starker Wind. Hier könnte man mit bekannter und bewährter Technik mit Mühlen gegen relativ kleines Geld und alter Technik Onshore Strom gewinnen, Marokko zeigt es schon wie es geht. Dersertec ist sicher mehr Vision und politischer Wille, als reale machbarkeit und sicher so auch keine ökölogische Lösung. Windmühlen in tiefen Staffelungen, entlang der Küsten, sind jetzt eine machbare und zeitnahe Alternative für alle Länder. Das hat deutlich eine schnellere und breitere Zukunft.
3. Subventionen...
proanima 01.07.2013
Zitat von sysopAPSonnenstrom aus der Wüste für Europas Energiewende - das ist die kühne Vision von Desertec. Mit dabei: die großen Namen der deutschen Wirtschaft. Doch jetzt eskalieren lang anhaltende Konflikte, der Initiator des Projekts springt ab. Die Industrieinitiative droht im Chaos zu versinken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/desertec-machtkampf-zwischen-stiftung-und-industrie-a-908747.html
Hier geht es NUR um die Subventions-Töpfe und sonst um nichts. Technisch und Real ist das gesamte Projekt von Anfang an vor allem auch politisch und real technisch nicht durchführbar (Sandstürme, Speicherung etc...) ! das weiß jeder Wissenschaftler und jeder der mit der Materie Stromerzeugung vertraut ist! Hier wollen die alten Bekannten nur UNSER Steuergeld in den Sand setzen - Basta!
4. Wohl und wehe hängen nicht davon ab
EchoRomeo 01.07.2013
Mit Verlaub, das ist: Bullshit. Desertec ist eine Vision, mit der einige sehr viel verdienen können und zwar vor allem solange die Vision noch unter Powerpoint läuft. Inzwischen aber müssen wenigstens Teile der Vision umgesetzt werden, damit niemand dahintersteigt, was die Vereinigten Märchenerzähler da wieder angerichtet haben. Gefahr bei der Umsetzung: Es es wird für alle ersichtlich, daß es sich nur um ein Märchen handelt. Und dann ist plötzlich das ganze, leicht abzugreifende Geld weg.
5.
soulbrother 01.07.2013
Zitat von sysopAPSonnenstrom aus der Wüste für Europas Energiewende - das ist die kühne Vision von Desertec. Mit dabei: die großen Namen der deutschen Wirtschaft. Doch jetzt eskalieren lang anhaltende Konflikte, der Initiator des Projekts springt ab. Die Industrieinitiative droht im Chaos zu versinken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/desertec-machtkampf-zwischen-stiftung-und-industrie-a-908747.html
Hermann Scheer hatte Recht: das Projekt war in der geplanten Form von Beginn an zum Scheitern verurteilt.
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Desertec: Strom aus der Wüste
Strom aus der Wüste
Sonnenkraft
Die Energie der Sonne bietet ein riesiges Potential: Pro Jahr gehen 630.000 Terawattstunden an ungenutzter Sonnenstrahlen-Energie auf die Wüsten in Nahost und Nordafrika nieder. Zum Vergleich: Ganz Europa verbraucht pro Jahr etwa 4000 Terawattstunden.
Desertec-Konzept
Würde man auf etwa 20.000 Quadratkilometern der nordafrikanischen Wüste Solarthermie-Kraftwerke aufstellen, ließe sich daraus theoretisch so viel Strom gewinnen, um den Bedarf Europas zu decken. Der gewonnene saubere Strom würde mit Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen nach Europa transportiert werden.
Solarthermie
Das Prinzip kennt jeder, der einmal mit einem Brennglas Löcher in Papier gebrannt hat: Gebündelte Sonnenstrahlen, von Parabolrinnen-Spiegeln konzentriert, erhitzen Wasser, Dampf treibt Turbinen an, und die erzeugen Strom. So funktioniert ein Solarthermie-Kraftwerk. Auch bei Nacht: In Salzspeichern kann die am Tag erzeugte Wärme für einige Stunden festgehalten werden. So können die Turbinen auch laufen und Strom erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint. Die Technologie ist alt und bewährt: In Kalifornien erzeugen Solarthermie-Kraftwerke seit den achtziger Jahren Strom. In Südspanien wurden kürzlich drei neue Kraftwerke gebaut.

Solarthermie hat Vorteile gegenüber Photovoltaik: Sie ist günstiger und nicht so wartungsintensiv. Außerdem benötigen Solarzellen teure Speicher für den Strom, um eine Versorgung bei Nacht zu gewährleisten. Dafür produzieren Solarzellen direkt Strom, wohingegen mit Solarthermie der Umweg über Wärme und Turbinen gegangen werden muss.
Versorgungssicherheit
Nachts scheint keine Sonne, in Flüssigsalz-Speichern kann man einen Teil der tagsüber solarthermisch erzeugten Wärme aber chemisch speichern - derzeit bis zu acht Stunden lang. So können die Turbinen auch nachts laufen, die Stromversorgung ist durchgehend gesichert.
Leitungsnetz
Um den Strom über eine Distanz von 3000 Kilometern nach Europa zu transportieren, braucht man Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen (HVDC). Normale Wechselstrom-Leitungen sind zu verlustreich. HVDC-Leitungen haben einen Verlust von etwa drei Prozent auf 1000 Kilometern. Auch diese HVDC-Technologie ist vorhanden und erprobt.
Kosten
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat in einer Machbarkeitsstudie errechnet, dass bis zum Jahr 2050 etwa 400 Milliarden Euro nötig wären, um so viel Solarthermie-Kraftwerke zu bauen, dass Europa 15 Prozent seines Strombedarfs damit decken könnte. 350 Milliarden Euro würden die Kraftwerke kosten und etwa 50 Milliarden Euro das Leitungsnetz, um den Strom von Nordafrika nach Europa zu transportieren.
Vorteile
Solarthermie ist Low-Tech - zuverlässig und risikofrei. Die Kraftwerke können nicht explodieren, es entsteht kein radioaktiver Abfall oder klimaschädliches CO2 und man braucht keine Kohle, kein Öl und kein Uran, um sie zu betreiben. Geht ein Spiegel-Modul kaputt, wird es einfach ausgetauscht - der Betrieb des Kraftwerks ist nicht gestört. Ein weiterer großer Vorteil: Baut man die Kraftwerke in Küstennähe, könnten mit dem Strom auch Meerwasser-Entsalzungsanlagen betrieben werden und dringend benötigtes Wasser für die nordafrikanischen Länder produziert werden. Politisch und wirtschaftlich gesehen könnten die Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas auf dem Exportgut sauberer Strom eine solide Wirtschaft und Wohlstand aufbauen.
Nachteile
Kritiker sehen die Gefahr von Abhängigkeit von den politisch eher instabilen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens. Zudem könnte das Leitungsnetz Ziel von Terroristen sein - die Stromversorgung Europas wäre im Falle eines Anschlags gefährdet. Politische Hürden bestehen vor allem darin, dass für eine Umsetzung des Desertec-Konzepts die Zusammenarbeit sowohl vieler europäischer Staaten untereinander erforderlich ist als auch mit Nordafrika und dem Nahen Osten. Diese Beziehungen sind allerdings historisch belastet.