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Designierter VW-Chef Müller: Mr Cool

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Er soll's richten: Der designierte VW-Chef Matthias Müller übernimmt den schwierigsten Job der Branche. Was ihn auszeichnet? Stehvermögen, Lockerheit, und im Konzern hat er nicht viele Feinde. Ein kleines Risiko aber bleibt.

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Designierter VW-Chef Müller: Lässig und entschlossen

Eigentlich ist er zu alt für den Job. Sagt er selbst.

Andererseits: Was gäbe es Größeres, als seine Karriere mit der Sanierung eines der weltgrößten Autokonzerne zu krönen? Eines Unternehmens, das bis vor einer Woche noch vor Kraft kaum laufen konnte und gerade den großen Schritt tun wollte, um den Erzrivalen im Rennen um die Krone endgültig abzuhängen. Alter hin oder her - Noch-Porsche-Chef Matthias Müller wird die Chance nutzen, davon kann man getrost ausgehen.

Am Freitag wird er sich erklären müssen, wenn der Aufsichtsrat seine Bestallung beschließen will. Wahrscheinlicher ist, dass er das schon getan hat, solche Dinge klärt man nicht in großer Runde, sondern vorher in Einzelgesprächen, damit nachher bei der offiziellen Abstimmung niemand sei Gesicht verliert.

Im Falle Müller droht da sowieso nicht wirklich eine Gefahr. Die Großaktionäre Piëch/Porsche stehen hinter ihm, im Konzern hat er nicht viele Feinde, wieso also sollen die Arbeitnehmer zicken? Man hätte die Personalie eigentlich schon längst verkünden können, doch wahrscheinlich ist es allen lieber, dass alles seinen geordneten Gang geht, wo doch sonst praktisch nichts mehr in Ordnung ist.

Wer aber ist der Mann, dem sie jetzt zutrauen, dass er den Karren aus dem Dreck zieht? Fotogen zunächst und oft provozierend lässig: Während andere Marken-Chefs des VW-Konzerns zur pompösen Präsentation neuer Modelle auf Automessen im Anzug erscheinen, tritt der Porsche-Chef schon mal im Pullover ohne Krawatte auf. Seine kleinen Etiketteverstöße sollte man aber nicht mit Disziplinlosigkeit und Mangel an Entschlossenheit verwechseln.

Lange Zeit Kronprinz

Für ihn spricht zunächst, dass er die Rolle als Kronprinz so lange überlebt hat. Bereits im Frühjahr hatte ihn der damalige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch gebeten, sich bereitzuhalten für den Fall, dass der Stuhl an der Spitze plötzlich frei wird, der SPIEGEL machte das damals bekannt.

In so einer Situation muss man schon sehr sicher im Sattel sitzen, sonst ist man verbrannt. Müller dagegen kokettierte mit seinem Alter, und dass er lieber den Freiraum nutzen will, den ihm sein Job als Porsche-Chef bietet. Dazu gehört auch die Muße, abends mal mit Freunden zusammen zu sitzen, oder ein Wochenende in den Bergen zu verbringen. Einer wie Piëch schätzt ein solches Maß innerer Unabhängigkeit nicht immer. Müllers fachliche Qualitäten müssen ihn überzeugt haben.

Piëch hatte aber auch lange genug Zeit, diese Qualitäten zu prüfen. Denn Müller hat praktisch sein gesamtes Berufsleben im VW-Konzern zugebracht. Zunächst als Werkzeugmacherlehrling bei Audi, nach einem Informatikstudium dann als Produktmanager für das Erfolgsmodell A3. Da war Martin Winterkorn Audi-Chef und erkannte Müllers strategisches Talent. Als Winterkorn 2007 zum VW-Chef aufstieg, machte er Müller zum Produktstrategen des Konzerns in Wolfsburg.

Nur drei Jahre später schickte Piëch ihn in heikler Mission als neuen Chef zu Porsche. Er sollte dafür sorgen, dass die Stuttgarter Sportwagenschmiede ihren Widerstand gegen die Integration in den VW-Konzern aufgibt. Müller schaffte das, ohne sich wirklich Feinde zu machen. Natürlich ist das Verhältnis speziell zu Audi nach wie vor von Konkurrenzdenken geprägt, doch man nutzt inzwischen einige Bauteile des anderen, nicht weil man muss, sondern weil man sie tatsächlich besser findet. Das ist nicht zuletzt Müllers Verdienst.

Ein kleines Risiko bleibt

Nicht zuletzt deshalb ist Müller auch zuzutrauen, den gesamten Konzern neu aufzustellen. Das Grundkonzept muss er gar nicht neu erfinden - seit März Mitglied des Gesamtvorstands, hat er wahrscheinlich selbst daran mitgearbeitet. Es sieht vor, die zwölf Marken in vier Gruppen zusammenzufassen, die künftig unabhängiger agieren sollen. Ganz oben in der Zentrale sollen sie nur noch als eine Art Holding für die Leitlinien zuständig sein und die Rivalitäten der Gebietsfürsten in Schach halten.

Müller hatte sich übrigens schon auf die Aufgabe als Leiter der Sportwagengruppe mit Porsche, Bentley und Bugatti gefreut, wie er in einem Interview erklärte. Die wird er nun einem anderen überlassen müssen.

Dennoch birgt die Entscheidung des Aufsichtsrats, Müller zum Konzernchef zu machen, ein Restrisiko. Denn noch ist der Abgas-Skandal, der jetzt den gesamten Konzern durchrüttelt, noch gar nicht bis in die letzten Verästelungen erfasst. 2009 kam der erste VW-Jetta mit dem Softwaretrick in den USA auf den Markt. Während der Entwicklung war Müller in Wolfsburg für die Konzernstrategie zuständig. Es könnte sich ja möglicherweise herausstellen, dass er von den Vorgängen zumindest einmal gehört hat. Bis es soweit ist, gilt Müller jedoch erst mal als Hoffnungsträger.

Zum Autor
Arne Siemeit
Michael Kröger ist Korrespondent im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Michael_Kroeger@spiegel.de

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1. Gibt es denn ...
Sangit raju 24.09.2015
... wirklich keinen Automobilmanager in der BRD oder weltweit mit einem grünen Parteibuch, der nicht aus der Piëch Inzucht stammt ...??? Allein ein solcher könnte m. E. als Sanierer tätig werden... Gibt´s nicht ... Ich weiß.
2.
L!nk 24.09.2015
Armes VW.
3. Wieder ein Haar in der Suppe gefunden?
Spiegelleserin57 24.09.2015
Man sollte vwohl doch die Entscheidung dem Aufsichtsrat über lassen.Dort sitzen die Profis die das am besten entscheiden. Interessant ist immer noch dass man von den Konkurrenten des Marktes keinen Kommentar hört, ebenso dass kein Mercedes zum Test zur Verfuegung stand wobei sich doch die Frage stellt ob dieser nicht käuflich zu erwerben war. Die Person Mueller duerfte wohl nur Fachwelt ein Begriff sein. Wir dürfen gespannt sein wie er das Schiff fahren wird. Von Herrn Piëch hört man auch nichts zu den vielen Vorkommnissen die ja auch mit ihm verbunden sind,merkwürdig!
4. Damit kommt VW dahin zurück,
ayberger 24.09.2015
wo es ursprünglich her kam, zu Porsche ...
5.
geld-frisst-hirn 24.09.2015
Ein riesiger Konzern... auf dem Sprung zur "Weltmarktführerschaft"... Es ist unser "globales" Gesellschaftssystem, welches das Risiko darstellt. Wie egal ist es mir eigentlich, ob VW Weltmarktführer ist, wenn in Deutschland die Verteilung des Vermögens mit jedem Tag ungerechter wird. Ob ich nun als Fußballfan mit der Vereinsfahne auf das Firmengelände irgendeines Konzern gehe und dort meine Fahne schwenke, oder ob ich im Stadion bin.. was macht das noch für Unterschied?! Die Konzerne bestimmen die Politik.. seit Jahrzehnten. Und die Politik ist Ihr Handlanger geworden.. mehr und mehr.. bis zur Prostitution. Herr Müller ist Teil dieses perfiden Systems.. nicht mehr und nicht weniger. Eine Rettung ist er vielleicht für VW.. sicher nicht für die Benachteiligten dieser Gesellschaft. Guten Tag
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