Von Marc Pitzke und Stefan Schultz, New York und Hamburg
Harmonie ist alles an diesem Tag. "Duncan und ich", sagt Reto Francioni immer wieder, den Kollegen stets an erster Stelle nennend. "Vielen Dank, mein Freund", flirtet Duncan Niederauer zurück und fügt hinzu: "Reto und ich kennen uns seit langem."
Die zwei trauten Börsenchefs - Francioni in Frankfurt, Niederauer in New York - bemühen sich an diesem Dienstag fast schon komödiantisch, Eintracht unter Beweis zu stellen. Francioni sitzt im Plenarsaal der Alten Börse am Main, Niederauer im Boardroom der New York Stock Exchange (NYSE) an der Wall Street. Beide sind per Videoschaltung verbunden. Beide verbiegen sich vor Höflichkeit. Hinter beiden prangen identische Banner mit den Logos "Deutsche Börse" und "NYSE Euronext".
Der Doppelauftritt ist sorgfältig inszeniert. Übers Wochenende haben die Verwaltungsräte der Deutschen Börse und der NYSE die Fusion ihrer historischen Institutionen abgesegnet. Nun müssen die zwei Top-Manager, als Comedian Harmonists der globalen Finanzbranche, die Megahochzeit verkaufen - den Shareholdern, deren Zustimmung noch fehlt, den nationalen Monopolbehörden, die das letzte Wort haben, und einer skeptischen Öffentlichkeit hier wie da.
Vor allem in Amerika schlägt diese Skepsis schnell in Panik um, von Trauer umflort. "R.I.P. New York Stock Exchange", titelt das Geldmagazin "Forbes". "Takeover" (Machtergreifung), sagt Maria Bartiromo, Star des Wirtschaftssenders CNBC. "Ein Schlag für unseren Nationalstolz", jammert David Weidner, Kolumnist fürs "Wall Street Journal" und dessen Web-Schwester Marketwatch.com, unter der Überschrift: "Nachtmare on Wall Street" - eine deutsch-amerikanische Verballhornung des Hollywood-Horrorklassikers "A Nightmare on Elm Street".
In der Tat sind die Fakten überwältigend. Die Fusion schafft die größte, stärkste Börse der Welt - einen Moloch mit einem Kapitalwert von fast 26 Milliarden Dollar, mehr als 6400 Angestellten und Handelsplätzen in 16 Ländern, darunter in Frankfurt, New York, Paris, Amsterdam, London, Chicago, Zürich, Brüssel und Lissabon. Sie wird die weltgrößte Aktien-, Derivate- und Optionsbörse sein und verdrängt bisherige Segmentführer wie CME und CBOE (Chicago), KRX (Korea) und Nasdaq.
Ein "wahrhaft historischer Moment"
Doch zu welchem Preis? Nach der Ankündigung fällt die NYSE-Aktie, ein Zeichen, dass viele Amerikaner dem Deal misstrauen. Und nicht nur dort: "Wird das Finanzzentrum Frankfurt nur noch ein Schatten seiner selbst sein?", bangt ein Reporter der "Börsenzeitung", an das Schicksal der Euronext in Amsterdam erinnernd, die 2006 von der NYSE geschluckt wurde. Angst herrscht auf beiden Seiten des Atlantiks.
Francioni und Niederauer tun ihr Bestes, das vor allem von der US-Presse propagierte Schreckensszenario einer NYSE-Übernahme durch die Deutschen zu zerstreuen. Schon da zeigt sich die unterschiedliche Unternehmenskultur der Partner: Francioni bleibt steif und bierernst, Niederauer ist jovial und kumpelhaft.
"Ich liebe euch, Leute", zwinkert der den Reportern im New Yorker Boardroom zu. Doch von Übernahme könne keine Rede sein: "Dies ist eine Fusion, dies ist eine Kombination, ich weiß nicht, wie oft ich das noch wiederholen soll."
Dass dieser "wahrhaft historische Moment" (Niederauer) tatsächlich einen "merger of equals" (Zusammenschluss von Gleichen) markiert, "strategisch zwingend" und "finanziell attraktiv", das versuchen alle dann mit einer akribischen Powerpoint-Präsentation zu beweisen. Penibel wird darauf geachtet, dass jede Seite exakt die Hälfte des Plädoyers moderiert. Schließlich gelten die 19 Dias, die sie auf Monitore und Riesenleinwände projezieren, einem weit breiteren Publikum als dem, das in beiden Sälen zuschaut.
"Dies sind gute Nachrichten für unsere Aktionäre, unsere Firmen, unsere Angestellten", versichert Francioni, dessen neues Lieblingswort "gemeinsam" ist. "New Yorks Rolle als die Finanzhauptstadt der Welt wird gestärkt. Frankfurts Rolle als das Finanzzentrum in Europa wird gestärkt."
Dies sei eine "Win-win-Situation", sagt auch Niederauer, der tatsächlich begeistert scheint von dem ganzen Drama. Erst später gibt er auf Nachfrage zu, für ihn sei das eine "emotionale Entscheidung" gewesen: "Es gibt eine Menge Nationalstolz."
"Eine amerikanische Institution geht kaputt"
Denn trotz aller offiziellen Beteuerungen wittern Kritiker eine Kapitulation der NYSE vor dem größeren Rivalen in Frankfurt - und den hausgemachten Problemen. Die Finanzkrise hat die NYSE demoliert. In drei Jahren hat sich ihr Aktienwert fast halbiert, von rund 70 auf zuletzt 38 Dollar. Immer mehr Börsennotierungen wandern ins Ausland ab. "Eine amerikanische Institution geht kaputt", schreibt Weidner.
Das ist ein Generationsproblem. Neue, multilaterale Handelssysteme wie Bats und Chi-X nehmen den klassischen Börsen immer mehr Marktanteile ab. Die außerbörslichen Plattformen, die seit einigen Jahren auch in Europa gegründet werden dürfen, unterliegen weniger strengen Regeln als herkömmliche Aktienmärkte. Transaktionen können über sie oft günstiger abgewickelt werden.
Und so ist dies zumindest auf dem Papier kein gleichwertiger Zusammengang, trotz der sorgsam austarierten Management-Struktur. Die Deutsche Börse ist größer als die NYSE, ihre Shareholder werden folglich mit 60 Prozent an der neuen Holding beteiligt sein. Kenner verweisen jedoch darauf, dass das wenig bedeute. "Die Deutsche Börse gehört mittlerweile zu über 50 Prozent angelsächsischen Investoren", sagt Christoph Schalast, Übernahmenexperte an der Frankfurt School of Finance. "Man kann daher bei der Fusion nicht automatisch davon ausgehen, dass der Finanzplatz Frankfurt gestärkt wird."
Das bestätigt auch Niederauer in einem Nebensatz: Shareholder aus den USA, beruhigt er die US-Zeifler, würden am Ende "mehr als 50 Prozent halten".
"Der Teufel steckt im Detail"
Der Mega-Merger ist auch weniger durch die enge nationale Brille zu sehen. Sondern als Griff zweier so schon internationaler Akteure nach der Weltmacht auf einem Markt, der sich immer mehr konsolidiert. "In der globalen Börsenbranche", freut sich Niederauer, "wird es kein vergleichbares Unternehmen geben."
Mit ihrer Verschmelzung positioniert sich die neue transkontinentale Börse auch ganz klar für ihren nächsten Schritt - den Einstieg in Asien. Immer wieder betonen beide Seiten bei ihrer Vorstellung am Dienstag, dass der künftige Konzern ein "attraktiver Partner" und "Wahlpartner" für die asiatischen Börsen sein wolle.
New Yorker Händler reagieren am Dienstag dann auch erst mal verhalten. "Ich verstehe das nicht als Übernahme", sagt NYSE-Veteran Kenny Polcari. "Ich verstehe es als Zusammengang gleichberechtigter Partner." Allerdings sei der Deal für ihn als Amerikaner "natürlich eine emotionale Geschichte". Nicht zuletzt für Polcari, der seine Frau Lynne auf dem Börsenparkett kennenlernte und auch das Trauma des 11. September 2001 hier in Lower Manhattan miterlebt hat.
"Wie immer steckt der Teufel im Detail", sagt auch der Trader Michael Shea dem "Wall Street Journal" abwartend. "Und die Details bleiben unbekannt."
Eines dieser nicht unwichtigen Details ist der Name der neuen Großbörse. Das "Wall Street Journal" befragte seine Leser, heraus kamen seriöse wie alberne Vorschläge: Börse NYSE, EuroNYSE, NYSEuroDB, NDYBSEuroNext, Stocks-n-Schnitzel. CNBC schlug "Big Börse" vor, analog zu "Big Board", dem hiesigen Spitznamen der NYSE. Schon mischen sich auch Politiker ein: Das Kürzel NYSE, beharrt New Yorks Senator Charles Schumer, müsse auf jeden Fall erhalten bleiben. In den Fusionsdokumenten heißt die Firma bisher nur lakonisch "NewCo".
Eine weitere Unbekannte sind die Monopolbehörden. Die dürften der Fusion vor allem in Europa ein kritisches Auge widmen. Nichtsdestotrotz glauben die Protagonisten, den Deal bis Ende dieses Jahres durchzubekommen.
Eine andere Erwartung dagegen hat sich bereits zerschlagen. "Einige Parkett-Trader hofften, dass wir nun zum Oktoberfest frei kriegen", schmunzelt Niederauer. Doch das Prosit wird wohl weiter bis nach Feierabend warten müssen.
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