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12. September 2018, 14:58 Uhr

Brandbrief des Vorstands

Bahn-Betriebsrat spricht von "Bankrotterklärung"

Mit einem Brief wollte Bahn-Chef Richard Lutz die Manager des Konzerns aufrütteln. Doch der Betriebsrat interpretiert das Schreiben anders und warnt vor einem Sparprogramm.

Der Konzernbetriebsrat hat Kritik am Brandbrief von Bahn-Vorstandschef Richard Lutz geäußert: Er sei eine "Bankrotterklärung des Bahnvorstands", teilte das höchste Mitarbeitergremium des Unternehmens mit.

Am Sonntag hatte der SPIEGEL das Schreiben von Lutz an die Führungskräfte des Konzerns öffentlich gemacht: Der Vorstandschef berichtet darin von einer "schwierigen Situation". Der Staatskonzern liege bei der Pünktlichkeit deutlich unter den selbst gesteckten Zielen, hieß es. Zudem drohe eine "dritte Gewinnwarnung", die es in jedem Falle zu vermeiden gelte. Die Konsequenz: Eine "Ausgabensteuerung" wurde verhängt.

Der Konzernbetriebsrat, der die Interessen von rund 200.000 Bahn-Mitarbeitern vertritt, hält dieses Vorgehen für untauglich. "Eine Ausgabensteuerung, die nichts anderes ist als ein Ausgabenstopp, lehnen wir ab", sagte der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Jens Schwarz. "Eine Kostensteuerung behindert das Unternehmen mehr, als dass es die Bahn nach vorn bringt. Das haben alle ähnlichen Maßnahmen in der Vergangenheit gezeigt."

Die Bahn brauche dringend notwendige Investitionen unter anderem für die geplanten digitalen Musterwerkstätten oder die Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten. Die Mitarbeiter seien schon heute sehr hohen Belastungen ausgesetzt. "Ein Tritt auf die Kostenbremse sorgt hier sicherlich nicht für die dringend notwendige Entlastung", erklärte Schwarz.

"Man muss nur besser auf die Beschäftigten hören"

Lutz müsse nun "konkrete Konsequenzen" benennen, mit denen das Unternehmen wieder wirtschaftlicher, pünktlicher und zuverlässiger werde. Der Brief, den der gesamte Vorstand unterzeichnet hatte, gebe nur Einschätzungen und Erwartungen wieder, biete aber keinerlei Lösung der Probleme an.

Der Betriebsrat kritisierte auch, dass das Schreiben nur an die Führungskräfte adressiert war. "Wenn die Situation der Bahn derart schlecht ist, muss ich alle Mitarbeitenden darüber informieren, wie es ihrem Arbeitgeber geht. Das Wissen, was im Konzern falsch läuft und wie es besser gehen könnte, ist im Unternehmen vorhanden. Man muss nur besser auf die Beschäftigten hören", sagte Konzernbetriebsratschef Schwarz. Auch die Konzernstruktur müsse auf den Prüfstand.

Die Krise bei der Bahn hat auch die Grünen auf den Plan gerufen. Sie verlangen in einem Fünfpunkteplan unter anderem die Trennung von Netz und Betrieb und Milliarden für die Technik.

cop/AFP

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