Fernverkehr der Deutschen Bahn Volle Züge, leere Kassen

Mit ihrem Großangebot an Billigtickets ködert die Bahn immer mehr Passagiere für ihre ICEs und ICs. Doch nach SPIEGEL-Informationen zahlt der Staatskonzern dafür einen hohen Preis.

ICE in Berlin
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ICE in Berlin

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Es gibt Unternehmen, in denen müssen Manager ehrgeizige Ziele erfüllen, wenn sie ihren Vertrag verlängert bekommen wollen. Und es gibt die Deutsche Bahn.

Wenn Rüdiger Grube der wichtigste Mann beim größten Staatskonzern bleiben will, muss er bis Ende des Jahres drei Dinge erreichen: ein besseres Ergebnis, 80 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr und kostenloses W-Lan in der zweiten Klasse. Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.

Diese Hürdchen, die der Eigentümer Bund formuliert hat, wird Grube locker nehmen. Das Ergebnis 2015 war wegen hoher Sonderabschreibungen so schlecht, dass sich Besserung von selbst einstellt. Der geforderte Pünktlichkeitswert liegt unter dem, den die Bahn 2009 - also in Grubes erstem Jahr als Vorstandschef - schaffte. Und für kostenloses W-Lan sorgt weniger die Bahn als vielmehr der Telekommunikationsanbieter.

Schwerer als der unambitionierte Charakter der Vorgaben wiegt, dass die Ziele nicht strategischer Natur sind. Sie führen also nicht zu einer langfristigen Verbesserung der Lage. Für Grube geht es vor allem darum, dass die Bahn Ende 2016 irgendwie hübscher aussieht als im Dezember 2015.

Ein solches Irgendwie-Management führt zu Strohfeueraktionen. Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie im Fernverkehr, der noch immer das Herzstück des Konzerns ist. Weil der gesunkene Ölpreis, die Fernbusse und die Billigflieger der Bahn zusetzen, wirft das Unternehmen mehr Billigtickets auf den Markt denn je. Durch eine höhere Auslastung der ICEs und ICs soll das Ergebnis verbessert werden.

Druck auf die Ticketpreise

Nach SPIEGEL-Informationen geht dieses Kalkül allerdings nicht auf. Wie aus dem Umfeld des Unternehmens verlautete, stieg der Umsatz im Fernverkehr im ersten Quartal zwar um 13 auf 931 Millionen Euro. Dieses ohnehin schon bescheidene Plus liegt allerdings 25 Millionen Euro unter Plan. Hinzu kommt ein deutlicher Rückgang des Ergebnisses vor Zinsen und Steuern (Ebit). Der operative Verlust der Sparte lag demnach bei 33 Millionen Euro- fast sechsmal so hoch wie im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres.

Wie stark der Druck auf die Ticketpreise inzwischen ist, zeigt sich auch daran, dass der Umsatz im ersten Quartal um rund anderthalb Prozent zulegte, die Zahl der Passagiere aber um etwa zehn Prozent stieg. Entsprechend sank der durchschnittliche Erlös pro Ticket deutlich.

Die für die Bahn dramatische Entwicklung bestätigt interne Kritiker des Billigkurses von Grube. Zumal einiges dafür spricht, dass die Zahlen ab 2017 noch schlechter werden. Dann erhält die Bahn die Züge der Generation ICE 4. Weil diese im Gegensatz zum derzeit überwiegend eingesetzten Material neu sind, verursachen sie hohe Abschreibungen. "Angesichts des Preisdrucks im Fernverkehr können wir uns die neuen Züge eigentlich nicht mehr leisten", sagt ein Bahner, der mit der Sache vertraut ist.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Donnerstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 138 Beiträge
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fleppmo 22.07.2016
1. Ticketerlös pro Person niedriger
Hä? Wo ist das Problem? Die Basispreise sind viel zu hoch, um konkurrenzfähig zu sein. Das Problem sehe ich eher darin, dass die Bahn immer noch kein gutes Preissystem hat. Die Sparangebote sind teilweise viel zu billig, während die Basispreise exorbitant teuer sind, so dass sich Fliegen meistens mehr lohnt.
giostamm11 22.07.2016
2. Die Bahn macht offensichtlich einiges falsch
Neue Züge könne man sich nicht leisten? Was machen Frankreich und Italien besser? Dort sind Fernzüge profitabel und erst noch neu. Und beide Zuggesellschaften fahren Gewinn ein obwohl die Tickets immernoch günstiger sind als die deutschen Schnäppchenpreise. Verschenkt die Bahn doch. Schlechter wirds bestimmt nicht.
observerlbg 22.07.2016
3. Chef, wir verlieren mit jeden Fahrgast 50 Euro
Macht nix, dafür haben wir deutlich mehr Fahrgäste als letztes Jahr. Ob Mehdorn oder Grube, die Bahn wird krank saniert.
prince62 22.07.2016
4. Hab
Das haus- und selbstgemachte Preischaos der Bahn AG, die normalen Preise sind viel zu hoch und für normale Menschen fast schon unbezahlbar, deshalb bleiben dann die Fahrgäste weg und werden mit Super-Duper-Sonderangeboten in die Züge gelockt, diese Preise sind dann weit unter den eigenen Kosten, wunderbar die Bahn AG, seit gut 20 Jahren privatisiert und trotz zweistelliger Milliardenzuschüsse pro Jahr aus der Steuerkassen nichtmal mehr ansatzweise ein Gewinnbringer, muß man sich ja immer vor Augen halten, die Bundesbahn bekam aus der Bundeskasse überhaupt nix, nicht mal für die Instandhaltung des Schienennetzes und mußte sich duch Anleihen auf dem Kapitalmarkt auch noch selber Geld leihen, daher auch die dann ca. 70 Mrd DM Schulden 1994, dann kam die Entschuldung, die Herren Dürr und Mehdorn und schon 15 Jahre später waren schon 25 Mrd Euro auf der Schuldenseite aufgehäuft, von der seit 1994 drastisch gesunkenen Leistungsfähigkeit des Schienennetzes gar nicht erst zu reden, mehr Güterverkehr - der eh massiv geschrumpft ist - kann gar nicht aufgenommen werden, weil weder Gleisanlagen, Loks und schon gar nicht das Personal dafür vorhanden ist.
hh22763 22.07.2016
5. Eine Entscheidung
Ich finde die Information, die Bahn mache mehr Umsatz bei weniger Gewinn, nicht aufregend, zumal bei ICE-Tickets ab 14,25 Euro (Frühbuchertickets mit BahnCard 25) erwartbar. Es ist eben die Entscheidung, die zu treffen ist: Will ich a) eine Gewinnoptimierung auf Deubel komm raus bei möglichst geringen Investitionen in die Infrastruktur etc. und Milliarden in die Staatskasse wie jahrelang gewohnt oder sollen b) möglichst viele Menschen erschwinglich und umweltfreundlich reisen statt mit dem Auto respektive überhaupt nicht, weil viele sich Fernreisen ansonsten kaum leisten könnten? Bahn ist Teil der Grundversorgung. Eine viel genutzte Bahn ist darum in meinen Augen ein erstrebenswertes Ergebnis, wenn auch vielleicht nicht im Sinne mancher "Ergebnis"-orientierten Manager.
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