Brandbrief des Vorstandschefs Chaostage bei der Bahn

Mehr unpünktliche Züge, höhere Schulden und womöglich bald die nächste Gewinnwarnung: Die Lage bei der Bahn ist so verheerend, dass Konzernchef Lutz einen Brandbrief an seine Führungskräfte schickt. Das Schreiben hat es in sich.

ICE-Züge am Bahnhof München
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ICE-Züge am Bahnhof München

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Einen erstaunlichen Brief von Konzernchef Richard Lutz und seinen Vorstandskollegen haben die Führungskräfte der Bahn am vergangenen Freitag in ihren Postfächern vorgefunden.

Lutz kommt schon im ersten Absatz zum Punkt: Der Konzern befinde sich "in einer schwierigen Situation", die sich in den vergangenen Monaten nicht verbessert, sondern verschlechtert habe. "Da gibt es leider nichts zu beschönigen", konstatiert der mächtigste Mann im Berliner Bahn-Tower.

Das Dokument, das dem SPIEGEL vorliegt, gleicht einem Offenbarungseid. Es ist eine schonungslose Analyse und ein verzweifelter Aufruf an alle Führungskräfte: "Zusammenrücken und den Systemverbund Bahn wieder auf Kurs bringen", notiert Lutz und tippt am Ende des Satzes ein Ausrufezeichen.

Die Führungsebene der Bahn ist in Aufruhr. Doch das ist der Öffentlichkeit über den Sommer weitgehend verborgen geblieben. "Im Fokus standen andere Themen und in der Kritik vor allem die Airlines", so schreibt Lutz. Man sei "mit einem blauen Auge" davongekommen. Einen großen Anteil hatten daran die Passagierrekorde: Etwa 30.000 Fahrgäste mehr pro Tag als im Jahresdurchschnitt beförderte die Bahn durch die Hitze.

Richard Lutz
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Richard Lutz

Dadurch ist nicht aufgefallen, dass der Staatskonzern in einem besorgniserregenden Ausmaß Schulden anhäuft, dass die Züge sich weiter verspäten und der Spielraum für die großen Reformen und Modernisierungsprojekte immer kleiner wird, obwohl diese von der Politik gefordert werden.

Wie dramatisch es um die Bahn steht, zeigt Lutz mit einem aktuellen Kassensturz auf. Das operative Ergebnis liege "deutlich unter Vorjahr und weit weg von unserer Zielsetzung." Im Juni und Juli habe man sich mit weiteren 160 Millionen Euro vom Geschäftsplan entfernt, weshalb "das auf 2,1 Mrd. Euro reduzierte Ergebnisziel im Risiko" stehe. Mit aller Kraft versucht Lutz, der zugleich auch Finanzvorstand ist, eine Gewinnwarnung zu vermeiden. Es wäre die dritte in diesem Jahr, wie er zerknirscht vermerkt.

Die Folgen wären verheerend. "Es würde unsere finanzielle Lage weiter destabilisieren und Vertrauen und Goodwill, die wir bei Eigentümer und Öffentlichkeit noch haben, zusätzlich beschädigen", schreibt Lutz. Am vergangenen Dienstag habe der Vorstand deshalb beschlossen, die Notbremse zu ziehen. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe bereits angedeutet hat, verhängte der Bahnboss eine "Ausgabensteuerung". In seinem Vorstandsbrief begründet Lutz dies damit, eine weitere Gewinnwarnung abzuwenden.

Diese Maßnahme gelte "ab sofort" und "bis auf Weiteres", schwört er seine Kollegen im Führungsgremium zum Geldsparen ein. Dieses Eingeständnis wiegt umso schwerer, weil der Staat als hundertprozentiger Eigentümer der Bahn kein frisches Geld nachschieben will. Das hatte der SPIEGEL unter Bezug auf einen internen Finanzierungsplan aus dem Bundesfinanzministerium am Wochenende vermeldet.

Rabattschlacht mit Flixbus

Die schlechte Ertragslage liegt an einer Rabattschlacht, die sich die Bahn mit den Fernbusanbieter Flixbus leistet. Dieser macht dem Staatskonzern neuerdings auch mit dem neuen Bahnservice Flixtrain Konkurrenz auf dem Gleis.

Die Fahrpreise, die die Bahn verlangt, decken die Ausgaben nicht. Zumal es der Bahn offensichtlich nicht gelingt, effizienter zu werden. "Die geschäftsfeldübergreifende Zusammenarbeit ist nach wie vor unbefriedigend", analysiert Lutz. Dies sei "einer der Gründe, warum wir in der Performance abrutschen". Verantwortung werde hin- und hergeschoben. "Entscheidungen werden nicht getroffen oder nach oben delegiert", kritisiert der Bahnchef.

Bei einem ganz entscheidenden Gradmesser für Qualität spiegelt sich das interne Bild wider: bei der Pünktlichkeit. Sie sei "weiter abgerutscht", und liege im August "bei unter 76 Prozent". Lutz erinnert, dass dies schlechter als 2015 sei, als der Konzern mit dem Projekt "Zukunft Bahn" gestartet sei. "Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit ist außerdem klar, dass wir 2018 weder die Vorjahreswerte und schon gar nicht unser Ziel erreichen werden", so Lutz. Dieses Ziel liegt bei einer Pünktlichkeit von 80 Prozent aller Fernzüge.

Personenverkehrsvorstand Huber in der Kritik

Bislang galten das veraltete Schienennetz, die Weichen und die Zugsteuerung als Hauptursachen dafür, dass immer weniger Fernzüge zur angegebenen Zeit ihr Ziel erreichen. Doch mittlerweile richtet sich der Blick weg von der Infrastruktur, hin zu dem fahrenden Gerät. Im August hatten 16,3 Prozent aller Züge eine Störung, insgesamt fielen 118 Züge aus oder hatten technische Probleme. Im Juli waren es nur 56 Züge. Doch auch das war schon meilenweit entfernt vom Ziel, das sich die Bahn gegeben hat: Eigentlich sollten nur 20 Züge pro Monat ausfallen.

In der Hauptkritik steht Berthold Huber, der im Vorstand für den Personenverkehr verantwortlich ist. Er muss die Wartung in den Reparaturwerken der Bahn besser in den Griff bekommen. Von dort gehen zu viele Züge auf die Strecke, ohne dass sie ausreichend gewartet und repariert sind. Folge sind nicht nur die den Bahnkunden vertrauten Ansagen, wonach im Bordrestaurant etwas nicht funktioniere. Viele Züge müssen technisch bedingt ihre Geschwindigkeit reduzieren oder bleiben ganz liegen. Nur 20 Ersatzzüge stehen für diesen Fall bereit.

Lutz nimmt in seinem Brief immer wieder den Fahrgast in den Blick: "Die aktuelle Situation zeigt, wie breit und tief unsere operativen Schwächen gehen und wie grundlegend wir uns als DB verändern müssen, um die notwendige Leistungsfähigkeit im Sinne unserer Kunden zu erreichen." Der Vorstandschef ist offensichtlich sehr verärgert über seine Kollegen. Er wirft ihnen "Geschäftsfeldegoismen" vor und fordert sie auf, endlich damit aufzuhören, gegeneinander zu arbeiten: "Je größer die Not, umso enger müssen wir zusammenrücken."

Lutz hat sich mit dem Brief zur Flucht nach vorn entschieden und dazu, Chaos und Missmanagement offen anzusprechen. Das ist ein riskanter Schritt. Denn er verhandelt mit der Bundesregierung über mehr Geld für die Instandhaltung der maroden Infrastruktur sowie wichtige Zukunftsprojekte, darunter die digitale Steuerung des Zugverkehrs, die viele Milliarden verschlingen wird. Warum sollte Finanzminister Olaf Scholz dem Bahnchef entgegenkommen, wenn der seinen Konzern nicht im Griff hat?

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, die Vorstandsmitglieder der Bahn hätten den Brief von Richard Lutz in ihren Postfächern vorgefunden. Tatsächlich hat der Konzernchef gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen an die Führungskräfte des Unternehmens geschrieben. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.



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Softeis 09.09.2018
1. Die Politik muss endlich handeln
Die Politik muss ihre Investitionen in den Bahnverkehr endlich und deutlich erhöhen. Gründe dafür wären: Präventive Wartung an Rollmaterial und Infrastruktur, Verbesserung/Erneuerung des überalterten Fuhrparks, Bau neuer Bahnstrecken.
eulenspiegel2k17 09.09.2018
2. Mir kommen die Tränen
Es gibt kein vorhersehbareres Verkehrssystem als die Schiene. Huch, wir haben Schwierigkeiten. Vielleicht mal weniger Spartickets beim ICE. Das hätte mehrere Vorteile.
wizzbyte 09.09.2018
3. Unsinniger Ansatz
öffentliche Verkehrsmittel mit vorgegebenen Fahrplan und in der Fläche kostendeckend betreiben zu wollen.
see_baer 09.09.2018
4. Dank Mehdorn
Die Bahn wurde von Politik und Vorstand an die Wand gefahren - auf dem Weg zum nie erreichbarem Börsengang kaputgespart
giostamm11 09.09.2018
5. abwickeln und verschenken
die DB hat 50% der Performance der SBB. Bei Güter 30%. Die italienische FS ist ein Juwel im Vergleich. Deutschland kann Bahn schlicht nicht und ist auf Schwellenland Niveau. Verschenkt den Schrott an die SBB. Keiner machts schlechter. Die schwarze Null lässt grüssen
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