Vize-Aufsichtsratschef der Bahn "Vieles ist unter Grube sogar noch schlechter geworden"

Alexander Kirchner ist Chef der Bahn-Gewerkschaft EVG, Vize-Vorsitzender des Aufsichtsrates - und damit einer der mächtigsten Spieler bei der Bahn. Im Interview attackiert er Ex-Konzernchef Grube: Dieser habe eine Mitverantwortung am Chaos.

Alexander Kirchner, Rüdiger Grube (r.)
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Alexander Kirchner, Rüdiger Grube (r.)

Ein Interview von


Der vergangene Montag war einer der skurrilsten in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte: Um 9 Uhr trafen sich die Aufsichtsräte der Deutschen Bahn (DB), um den Vertrag von Rüdiger Grube zu verlängern. Rund zwei Stunden später hatte der Chef des größten Staatskonzerns hingeschmissen. Das Unternehmen mit seinen rund 300.000 Mitarbeitern und gut 40 Milliarden Euro Umsatz stand da, als werde es geführt wie die Dönerbude um die Ecke.

Inzwischen hat die Deutung um die Ereignisse begonnen: Wer war schuld, dass es zum Eklat kam? Grube ließ wissen, der Aufsichtsrat habe sich nicht an Absprachen gehalten. Aufsichtsräte warfen dem Chef des Kontrollorgans, Utz-Hellmuth Felcht vor, versagt zu haben. Dieser teilte mit, keine Fehler gemacht zu haben.

Nun spricht erstmals Alexander Kirchner, einer der mächtigsten Eisenbahner der Republik über das Thema.

Zur Person
  • DPA
    Alexander Kirchner ist einer der mächtigsten Eisenbahner der Republik. Er ist Chef der Bahn-Gewerkschaft EVG und Vize-Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bahn.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kirchner, was ist am Montag schiefgelaufen?

Kirchner: Es gibt es aus meiner Sicht verschiedene Gründe. Ein wesentlicher liegt in der Kommunikation. In der Öffentlichkeit ist bewusst der Eindruck erweckt worden, die Vertragsverlängerung sei bereits in trockenen Tüchern - obwohl der Aufsichtsrat zu diesem Thema noch gar nicht getagt hatte. Das Gremium wurde medial unter Druck gesetzt. Das sorgt natürlich für Unruhe. Dass Entscheidungen letztlich anders als erwartet oder erhofft ausfallen, ist aber ein ganz normaler Vorgang.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige Konzernchef Grube hat in einem Brief an die Mitarbeiter dem Personalausschuss und dem Aufsichtsrat die Schuld gegeben. Das Gremium habe sich nicht an Absprachen gehalten.

Kirchner: Hier präsentiert Herr Grube - wie man neuerdings sagt - alternative Fakten. Er ist kein Opfer einer Intrige. Im Gegenteil. Es wurden Absprachen mit dem Eigentümer am Aufsichtsrat vorbei getroffen. Der Aufsichtsrat ist aber nicht der willfährige Erfüllungsgehilfe des Vorstandes oder des Eigentümers. Er entscheidet eigenständig. Das ist seine Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Der Aufsichtsrat besteht je zur Hälfte aus Vertretern des Anteilseigners und der Arbeitnehmer. In der entscheidenden Sitzung hatten die Arbeitnehmer wegen des Ausscheidens von Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries sogar die Mehrheit. Warum haben Sie Grube nicht gerettet?

Kirchner: Es entspricht nicht unserem Selbstverständnis, bei der Bestellung oder Vertragsverlängerung eines Vorstandsvorsitzenden maßgeblich mitzubestimmen. Das nehmen wir im Sinne der Mitbestimmung nur in Anspruch, wenn es um den Arbeitsdirektor geht. Insofern war und ist es Sache des Eigentümers, für die nötigen Mehrheiten auf der Seite der Anteilseigner zu sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Trauern Sie Grube eigentlich hinterher?

Kirchner: Er hat seine Aufgabe von Anfang an mit viel Herzblut gemacht und war auf den Ausgleich unterschiedlichster Interessen bedacht. Auf sein Wort konnten wir uns immer verlassen. Er suchte immer den Kontakt zu den Menschen und den Beschäftigten. Dafür sind wir auch dankbar. Aber die Bahn ist mehr als Rüdiger Grube. Es gab sie vor ihm und es wird sie auch nach ihm geben. Deshalb sollte sich ein Bahn-Chef persönlich nicht so wichtig nehmen. Klar, wir haben auch gestritten, aber um Inhalte. Kontrolle und Kritik - ob durch den Aufsichtsrat oder die Gewerkschaften - sind da keine Majestätsbeleidigung. Vieles hat Herr Grube in seiner Zeit vorangebracht. Vieles läuft aber immer noch nicht oder ist sogar noch schlechter geworden. Zum Beispiel im Güterverkehr. Da ist der Marktanteil in seiner Amtszeit um über 22 Prozent gesunken. Und bei dem von ihm beschworenen Brot- und Buttergeschäft ist das Unternehmen im Hinblick auf Pünktlichkeit und Qualität noch weit von akzeptablen Werten entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sitzen selbst im Aufsichtsrat. Wenn so vieles so schlecht lief: Warum haben Sie nicht früher eingegriffen?

Kirchner: Das tut der Aufsichtsrat permanent. Wir diskutieren bei jeder Sitzung mit dem gesamten Vorstand über die Probleme - vom Fernverkehr über den Gütertransport bis zur Infrastruktur und Stuttgart 21. Aber: Der Aufsichtsrat ist nur das Kontrollorgan, die operative Verantwortung liegt beim Vorstand.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht sinnvoll, wenn sich der Bund als Eigentümer jetzt erst einmal in Ruhe Gedanken machen würde, was er mit der Bahn eigentlich will, und dann einen passenden Chef sucht?

Kirchner: Mal mehr Dividende, mal mehr Qualität - dem Unternehmen fehlt eine klare, langfristige Zielsetzung durch den Eigentümer. Es wurde bisher versäumt, zu evaluieren, was seit der Bahnreform gut und was schlecht gelaufen ist. Die DB hat heute noch die Strukturen, die Anfang der Neunzigerjahre erdacht wurden. Dabei hat sich die Welt stark verändert. Der Eigentümer müsste dringend Orientierung geben.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings wirkt der Bund mit dieser Aufgabe überfordert.

Kirchner: Weil es kein verkehrspolitisches Gesamtkonzept gibt. Die politisch gewollten Liberalisierungen des Verkehrsbereichs haben die Schiene geschwächt. Man kann nicht Fernbusse in dieser Form erlauben, aber die Bahn zwingen, im Fernverkehr jede kleine Stadt anzufahren. Man kann nicht die Lkw-Maut senken und jammern, dass es zu wenig Güterverkehr auf der Schiene gibt. Die Schiene ist nach wie vor unterfinanziert und muss mit Wettbewerbsnachteilen gegenüber den anderen Verkehrsträgern kämpfen. Da muss sich dringend was ändern. Die Politik muss die Rolle der Bahn klar definieren und entsprechend handeln statt immer nur zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Was muss der neue Vorstandschef mitbringen?

Kirchner: Er muss alles tun, damit die Bahn wieder pünktlicher, sicherer und serviceorientierter wird. Da ist das Unternehmen noch lange nicht, wo es wieder hin muss. Und das liegt nicht an den Mitarbeitern, die nach wie vor ihr Bestes geben. Außerdem muss er wichtige Zukunftsthemen wie die Folgen der Digitalisierung entschlossen angehen und dafür sorgen, dass das System Schiene nicht von den anderen Verkehrsträgern abgehängt wird. All das kann der neue Bahn-Chef nur mit den Eisenbahnern und nicht gegen sie gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt auch: Er muss mehr Geld bei der Politik besorgen. Dafür scheint der ehemalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla prädestiniert zu sein.

Kirchner: Es ist nicht unsere Aufgabe als Arbeitnehmervertreter, irgendeinen Vorschlag für die Grube-Nachfolge zu machen. Das ist Aufgabe der Anteilseigner. Gibt es keine wesentlichen Vorbehalte, werden wir den Vorschlag mittragen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre Pofalla ein vernünftiger und akzeptabler Vorschlag?

Kirchner: Jetzt warten wir erst einmal ab, wer vorgeschlagen wird.



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Backs 02.02.2017
1. Nicht glaubwürdig
Man sollte Menschen, die mit mit Aufsichtsrastpöstchen (kein Verschreiber) bezahlen lassen, nicht alles glauben. Insbesondere nicht, dass bei der Deutschen Bahn AG das Chaos herrscht. Das ist völliger Unsinn. Züge kann man nicht im Chaos einigermassen pünktlich fahren lassen, sondern das wird geordnet gemanagt. Selbst zum Ende des 2. Weltkrieges bracht bei der Reichsbahn kein Chaos aus, sondern die Bahner haben damals Grossartiges geleistet. Alexander Kirchner sollte mal seine Schrauben wieder fest drehen. Da scheinen einige locker zu sein.
aktivist1000 02.02.2017
2. Politiker sind keine Betriebswirte
Es zeigt sich an der DB AG sehr deutlich das Lehrer und Juristen in der Rolle Politiker keine Ahnung davon haben wie ein großes Unternehmen zu führen ist. Und ein Sozialpädagoge Pofalla und ein Soziologe Dobrindt machen alles nur noch schlimmer!! Mein dringender Rat: die Bahn privatisieren.
ovhaag 02.02.2017
3. Aufgabe für den neuen Bahnchef? Individualverkehr auf der Schiene.
Vielleicht eine Aufgabe für den neuen Bahnchef? Autonomer Individualverkehr auf der Schiene. Mit Hybridfahrzeugen, die auf Staße und Schiene fahren können. Ich stelle mir das so vor: Von der Straße fährt man an einer Einkopplestelle auf ein Nebengleis. Dann aktiviert sich der autonome Modus. Das Fahrzeug beschleunigt und fährt an der nächsten Weiche aufs Hauptgleis. Dort geht es autonom weiter. Schließlich sollte autonomes Fahren auf der Schiene sehr viel leichter zu realierbar sein, als auf der Straße. Die Spur ist ja festgelegt, überholen verboten, etc.. In der Nähe des Ziels geht es dann über eine Weiche auf ein Nebengleis mit einer Auskoppelstelle. .. Natürlich müssen die Bahnstrecken ein paar Voraussetzungen erfüllen und ggf. ausgebaut werden. Aber wenn das klappt sehe ich eine Reihe von Vorteilen: Die Autobahnen werden entlastet. Lkw Fahrer bekommen zusätzliche Ruhezeiten ohne anzuhalten. Und das allergeilste: Elektrofahrzeuge können während der Fahrt Strom an der Oberleitung tanken.
wasistlosnix 02.02.2017
4. Öffentliche Aufgabe
Hat die Bahn noch eine öffentliche Aufgabe zu erfüllen? Wenn nein verkaufen. wenn ja dann ist ein öffentliches unternehmen und sollte nicht gewinnorientiert betrieben werden.
appgeordneter 02.02.2017
5. Schön bequem
macht es sich der Gewerschaftschef und Vize-Vorsitzender im Bahn-Aufsichtsrat, wenn er die Parolen aus der Zeit vor der Bahnreform ("Die Schiene ist nach wie vor unterfinanziert und muss mit Wettbewerbsnachteilen gegenüber den anderen Verkehrsträgern kämpfen.") als Basis seiner aktuellen Überlegungen zur Zukunft der Bahn wählt. Den Verkehrs- und (vor allem) den Finanzministern des Bundes der letzten 20 Jahre ein solches Politikergebnis vorzuhalten, läßt zumindest darauf schließen, daß Alexander Kirchner den Eindruck vermitteln will, als Insider Zugang zu "alternativen Fakten" zur Bahn zu haben. Und bequem ist auch, jede Mitverantwortung der Gewerkschaft für Auswahl und Vertragsbedingungen des Vorstansvorsitzenden von sich zu weisen, obwohl sie im Präsidium/Personalausschuß vertreten ist. Bei solchen Entscheidungsträgern - und dabei schließe ich die Vetreter des Bundes im Aufsichtsrat durchaus ein - kann man als außenstehender Beobachter vnur Verständnis für das bei der Bahn angeblich vorhandene "Chaos" haben.
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