Konkurrenz für die Bahn Alle gegen den ICE

Die Geschäftsidee ist ziemlich gewagt: Start-ups steigen in den Fernverkehr ein. Bald sollen Privatbahnen Köln und Berlin, Stuttgart und Hamburg verbinden. Die Newcomer versuchen es mit Tiefpreisen, Bioessen - und Crowdfunding.

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Noch keine Pläne für Silvester? Wie wär's damit: Kurztrip im Schnellzug nach Berlin und zurück, Partywaggon und Schlafliege inklusive, zum Beispiel von Fulda aus für 79 Euro. Das Ungewöhnlichste an diesem Angebot ist nicht der recht niedrige Preis, sondern der Anbieter: ein Start-up namens derschnellzug.de, das deutschlandweit den Fernverkehr umkrempeln will.

Für Bahn-Kunden sind das gute Nachrichten, für die Deutsche Bahn eher schlechte. Denn derzeit machen gleich mehrere Unternehmen dem einstigen Staatskonzern die marktbeherrschende Stellung streitig. Wenn alles klappt wie geplant, fahren bald schon Privatbahnen die Hauptbahnhöfe von Aachen und Dresden, Berlin und Köln, Hamburg und Stuttgart an.

Besonders profitiert davon zunächst die Hauptstadt Baden-Württembergs: Ab März bietet derschnellzug.de Fahrten von Stuttgart nach Aachen und Hamburg an, später soll die Verbindung Karlsruhe-Dresden hinzukommen. Und auch der Mitbewerber Locomore will von Stuttgart aus starten: Von kommendem September an plant das Start-up mit einer täglichen Verbindung zwischen Schwaben und Berlin.

Überblick: Alle geplanten Privatbahn-Strecken im Fernverkehr

HKX: Hamburg-Frankfurt (ab Dezember 2015)
RDC Autozug Sylt: Niebüll-Westerland (ab Januar 2016)
Locomore: Stuttgart-Berlin (geplant ab September 2016)
Locomore: Berlin-Bonn (geplant ab 2017)
Locomore: Frankfurt-München (geplant ab 2017)
derschnellzug.de: Hamburg-Stuttgart (ab März 2016)
derschnellzug.de: Stuttgart-Aachen (ab März 2016)
Locomore: Rügen-Berlin (geplant ab 2017)
derschnellzug.de: Karlsruhe-Dresden (noch ohne Starttermin)

Doch auch im Rest des Landes breiten sich Privatanbieter aus: Ab Januar etwa fährt der RDC Autozug Sylt auf die nördlichste deutsche Insel, und der Hamburg-Köln-Express (HKX) verlängert seine Stammstrecke bis nach Frankfurt. Die Fahrt von der Elb- in die Finanzmetropole kostet dann 34 oder 48 Euro. Zum Vergleich der Normalpreis im ICE: 122 Euro.

Fahrgäste dürften sich über diese Entwicklung freuen - und von ihr profitieren. Denn schon der Preiskampf zwischen Deutscher Bahn und Fernbussen hatte flächendeckende Preiserhöhungen in diesem Jahr verhindert, die Konkurrenz auf der Schiene dürfte diesen Effekt verstärken. So gibt es nun 13-Euro-Tickets für eine Bahnfahrt von Kassel nach Berlin, der ICE-Normalpreis ist mit 93 Euro mehr als sieben Mal so teuer.

Für die Deutsche Bahn, die mitten in einer tiefgreifenden Umbruchphase steckt, könnte diese Entwicklung zum ernsten Problem werden. Die Privatunternehmen wollen nicht nur günstig und fast so schnell wie die ICE-Prestigezüge sein, sondern auch deren Kunden mit zusätzlichem Service anlocken. So wirbt derschnellzug.de mit "gesunden Slow-Food-Alternativen" aus dem Bordrestaurant, Locomore lockt mit kostenlosem WLAN und sogenannten Themenabteilen. Dort sollen sich Fußballfans, Laptop-Fanatiker oder Skatfreunde treffen können, Gesellschaftsspiele inklusive.

Abteile im Locomore-Schnellzug: "Mehr Bahn"
Locomore

Abteile im Locomore-Schnellzug: "Mehr Bahn"

Hinter solchen Ideen steckt ganz augenscheinlich ein mitunter ausgeprägter Idealismus. Locomore-Chef Derek Ladewig etwa schwärmt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vom Bahnfahren als "besonders kultivierter Form des Reisens" - die zudem umweltfreundlich sei. Die Lokomotiven seines Start-ups, die im Gegensatz zu den angemieteten Gebrauchtwaggons brandneu sind, verfügen laut dem 44-Jährigen über moderne Technik zum Speichern von Bremsenergie. Auch der Strom soll grün sein, das angebotene Essen größtenteils biologisch, der Kaffee fair gehandelt.

Solchen Eifer brauchen Neueinsteiger auf dem Fernverkehrsmarkt wohl auch, denn das Geschäftsmodell ist voller Tücken und Risiken. Anders als im Nahverkehr schießen die Bundesländer kein Geld zu, zudem ist der Konkurrenzdruck durch Fernbusse enorm. Gut geschultes Personal müssen die jungen Anbieter auch noch finden: Zum Locomore-Team gehören bislang nur vier Mitarbeiter, auch derschnellzug.de sucht noch händeringend Zugbegleiter.

Vor allem aber macht die Deutsche Bahn den Newcomern zu schaffen. So sind neue Züge für die Start-ups zu teuer, ausgemusterte Eisenbahnwaggons jedoch Mangelware in Deutschland: Der DB-Konzern ließ diese jahrelang lieber ins Ausland verkaufen oder gleich verschrotten - und hatte wegen Lieferproblemen seiner Hersteller schließlich selbst zu wenige Züge.

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Kundenoffensive: Das ist neu bei der Bahn
Noch fragwürdiger ist die Macht der Deutschen Bahn über das Streckennetz. 21 Jahre nach der Öffnung des Eisenbahnmarkts gibt es dort kaum freien Wettbewerb, die Start-ups müssen Bahnhöfe, Schienen und Stellwerke des mächtigen Konkurrenten nutzen - und dafür zahlen.

Hinzu kommt: Wenn ein Eisenbahnunternehmen mit der Bahn-Tochter DB Netz einen über ein halbes Jahrzehnt laufenden Rahmenvertrag für bestimmte Strecken abschließen will, geht das nur alle fünf Jahre - denn alle Rahmenverträge laufen zum selben Datum aus. Gerade sind wieder fünf Jahre um, daher versuchen es nun mehrere Privatbahnen gleichzeitig. Wie aber soll sich ein junges Start-up für einen so starr abgegrenzten Zeitraum festlegen, wenn der wirtschaftliche Erfolg in den Sternen steht und Waggons nicht nur teuer sind, sondern auch rar?

Viele Wettbewerber haben diese Probleme bereits zu spüren bekommen - selbst große Konzerne: Das französische Unternehmen Veolia (inzwischen umbenannt in Transdev) etwa stellte 2014 nach zwölf Jahren den Interconnex-Zug von Leipzig über Berlin nach Rostock ein. Der US-Konkurrent RDC scheiterte daran, der Deutschen Bahn den begehrten Sylt-Shuttle komplett abzunehmen. Der Frankfurter Eisenbahnunternehmer Rolf Georg lässt seinen Berlin Night Express nur an Feiertagen und im Hochsommer nach Schweden fahren. Und zuletzt gab sogar der so ambitioniert gegen die Bahn angetretene HKX klein bei: Zwar fahren dessen Züge bald bis nach Frankfurt am Main, dafür aber deutlich seltener als bislang.

"Jedes halbe Jahr ein weiterer Zug"

Einfallsreichtum ist also gefragt, an dem mangelt es offenbar aber nicht. Die Bahn-Konkurrenten werden vor allem mit älteren DB-Abteilwagen durchs Land rollen - und wohl kaum auf modernen Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge, deren Nutzung sich die Bahn teuer bezahlen lässt.

Um nicht mit halbvollen Zügen zu fahren, plant Geschäftsführer Johannes Zimmer für derschnellzug.de vorerst nur mit besonders begehrten Fahrten rund ums Wochenende. Und Locomore legt sein Schicksal sogar ganz in die Hände künftiger Kunden: Wer will, kann schon jetzt ein Ticket für eine Fahrt im kommenden Herbst kaufen und so per Crowdfunding die Privatbahn unterstützen - oder gleich mit einem Darlehen in das Projekt investieren.

Ein paar tausend Euro sind so allein beim Crowdfunding bereits zusammengekommen, allerdings braucht Locomore-Chef Ladewig bis Ende Januar mindestens 240.000 Euro. Der Verwaltungswissenschaftler, der bis 2006 Bahnreferent der Grünen im Bundestag war, hat trotzdem keinen Zweifel am Erfolg seines Projekts: "Wir wollen nach dem Start im nächsten Herbst jedes halbe Jahr einen weiteren Zug auf die Schiene stellen und unser Netz kontinuierlich ausweiten."


Zusammengefasst: Mehrere Eisenbahnunternehmen wollen in den kommenden Monaten ins Fernverkehrsgeschäft einsteigen. Start-ups wie Locomore oder derschnellzug.de setzen auf unkonventionelle Methoden wie Crowdfunding, um mit der marktbeherrschenden Deutschen Bahn konkurrieren zu können. Sie setzen auf Niedrigpreise, Bioprodukte und Idealismus.

Grafik: Aida Marquez Gonzalez

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
Polyprion 12.11.2015
1.
Der einzige bisher erfolgreiche Konkurrent ist HKX von Köln nach Hamburg, hier hat die Deutsche Bahn schon dagegengehalten und verkauft die Fahrkarte zum gleiche Preis. Es geht also doch was an den bisherigen Wucherpreisen, muss nur Konkurrenz her! Auf der Strecke Köln - Berlin täte das insbesondere not, aber hier ist ja bereits mindestens ein "Wettbewerber" gescheitert. Große Chancen räume ich den anderen nicht ein, zumal hinter der Bahn noch der Staat mit seinen unendlichen Steuermilliarden steht und korrupte "Volksvertreter" hochbezahlte Jobs bei diesem (weiterhin) Staatsunternehmen bekommen.
gumbofroehn 12.11.2015
2. Auch wenn ich das sympathisch finde ...
... enden wird es wohl wie bei den regelmäßig auftretenden Manufakturen, die einen Supersportwagen mit atemberaubenden Design in Serie bauen wollen. Großes Tamtam, einhelliger Applaus, Insolvenz. Wettbewerb im Fernverkehr wird es auf der Schiene nur mit einer entsprechenden Regulierung geben. Die ist der Bund bislang schuldig geblieben.
herd1958 12.11.2015
3. Tgv
Dieser Superschnellzug (Niederlande, Belgien, Frankreich, Deutschland bis Köln) (in Deutschland auf DB Netz erklecklich langsam) kann auf deutschen Bahnhöfen nicht gebucht werden. Hier muß man sich im Internet anmelden.
Tiananmen 12.11.2015
4.
Ich sehe eine echte Marktlücke bei Fernverkehrszügen mit grünstrom-gepowerten Solariumsabteilen. Da kann man dann auf dem Weg vom/zum Kunden ein bisschen Sommerbräune auffrischen und kommt entspannt an. Dafür bin ich gern bereit, den normalen Bahnpreis zu zahlen, statt den Billigtarifen.
andrei.antoni.2 12.11.2015
5. Db
Keine schlechte Idee da die DB sowieso viel zu hohe Preise verlangt und keine guten Angebote anbietet derzeit. Also ran an die neuen ....
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