Deutsche Bahn Offenbar nur jeder fünfte ICE voll funktionsfähig

Kaputte Züge, fehlendes Personal: Das ARD-Magazin "Kontraste" berichtet über verheerende Mängel bei der Deutschen Bahn.

ICE-Triebwagen in München
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ICE-Triebwagen in München


In Berlin tagt heute und morgen der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn. Die Kontrolleure des Staatskonzerns müssen über Forderungen in Höhe von bis zu sieben Milliarden Euro entscheiden, mit denen das Unternehmen die nötigsten Lücken schließen will. Viel Geld? Ein Bericht des ARD-Magazins "Kontraste" beschreibt nun, wie schlimm es um die Bahn bestellt ist.

Der Deutschen Bahn fehlen dem Bericht zufolge 5800 Mitarbeiter im sogenannten betriebskritischen Bereich, der direkt für den Zugverkehr zuständig ist. Das Magazin beruft sich auf interne Dokumente des Aufsichtsrats. Unter anderem fehle es an Lokführern, Instandhaltungskräften und IT-Spezialisten.

ARD-"Kontraste" berichtet mit Verweis auf interne Unterlagen aus dem Juni, nur 20 Prozent der ICE-Züge seien voll funktionsfähig. Grund dafür sei, dass die Züge verspätet in die Werkstätten kämen - und daher oft nur Zeit für sicherheitsrelevante Reparaturen bleibe.

GDL: "Ein System kollabiert"

Die Deutsche Bahn wollte auf die ARD-Recherchen nicht direkt eingehen. "Interne Unterlagen kommentieren wir grundsätzlich nicht", teilte ein Bahn-Sprecherin mit. Der Konzern verwies aber darauf, dass "Fehlerfreiheit" bei ICEs sehr streng definiert werde - und beispielsweise bereits eine kaputte Kaffeemaschine als Fehler zähle.

"Ein System, das über Jahrzehnte auf Sparen getrimmt worden ist, kollabiert nun", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky, zu "Kontraste". Auch Zugbegleiter bestätigten dem Magazin, dass Züge teilweise Wochen oder Monate mit denselben Mängeln unterwegs seien.

Das Unternehmen räumte ein: "Mit dem aktuellen Stand der Fehlerbeseitigung in unserer Zugflotte sind wir selbst nicht zufrieden. Deshalb haben wir dem Aufsichtsrat für die heutige und morgige Beratung detaillierte und umfassende Vorschläge vorgelegt, wie wir kurzfristig zusätzliche Ressourcen für die Wartung und Instandhaltung der Züge aufbauen können."

Für Oktober hatte die Deutsche Bahn ihren Pünktlichkeitswert im Fernverkehr mit nur 73 Prozent angegeben, geplant waren eigentlich 82 Prozent. Dieses Ziel sei nun auf das Jahr 2025 vertagt worden. Wegen der schlechten Pünktlichkeitsquote hatte die Bahn erst vor wenigen Tagen ihren bisherigen Fernverkehr-Vorstand Kai Brüggemann abgelöst - und durch den bisherigen Fahrplanchef Philipp Nagl ersetzt.

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harryklein 22.11.2018
1. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit
Die von der Bahn angegebenen 73% sind ja auch nur auf dem Papier dank Rechentricks erreicht worden. Wieso ist auch immer die Rede vom Fernverkehr. Als Nahverkehrspendler sind Verspätungen eher noch nerviger und fallen prozentual mehr ins Gewicht. Wenn ich, wie etwa gestern auf dem Heimweg, bei einer eigentlich 25-minütigen Fahrt 15 Minuten Verspätung habe, ist das schlicht inakzeptabel. Dazu noch Züge mit defekten Türen etc. Man bekommt das Gefühl, dass es hier niemanden mehr gibt, der sich darum kümmert - ein Bild das ja auch von dem Artikel beziehungsweise der Fernsehsendung bestätigt wird. Ein Problem ist dabei sicher auch die Mentalität der Mitarbeiter, die vermutlich auch durch jahrelange Sparmaßnahmen etabliert wurde. Bei Verspätungen geht es in erster Linie darum, anderen die Schuld zuzuweisen, wie sich an den Durchsagen zeigt. "Wegen verspäteter Bereitstellung des Zuges", "Verspätung des vorangegangen Zuges" etc. Mit Verlaub, das ist mir als Fahrgast egal. Sie sitzen alle im gleichen Boot und sollten dementsprechend auch alle Verantwortung für das Funktionieren des Systems übernehmen. Aber diese Firmenkultur muss erst einmal, vermutlich von oben, etabliert werden.
giostamm11 22.11.2018
2. Man darf sich nicht wundern
Deutschland hat ein Schienennetz von etwa 36.000 km. Italien ungefähr 18.000 km. Nun investierte in den letzten Jahren Deutschland pro Kopf die Hälfte....das macht dann pro Schienen Km grob ein Viertel. Auch wenn in Italien 60% in die HG flossen, die auch wirklich eine ist und die schlappen ICE Strecken alt aussehen lassen, floss immer noch mehr in die Regionen. Da fragt man sich halt dann....ist eine schwarze Null mit einer schrottreifen Bahn so erstrebenswert?
SunnyWeather 22.11.2018
3. Züge warten ist teuer
Vor vielen Jahren hatte ich in der S4 nach Hamburg ein Gespräch mit angehört, indem behauptet wurde, dass die Bahn ihre Züge nicht warten würden, weil es zu teuer sei. Betriebswirtschaftlich sei es günstiger, den Zug so lange fahren zu lassen, bis er kaputt geht. Dann wüsste man, welches Teil auszutauschen sei. Da die Züge damals auf einer der ertragreichsten Strecken der DB (Hamburg-Lübeck) ständig ausfielen halte ich diese Aussage für nicht abwegig.
prest 22.11.2018
4. Kann ich bestätigen
Das mit den Zügen betrifft auch schon die neuen ICE 4 Marke Sardinendose. Zug fährt ein aber nicht los,da defekt. Manchmal hört man auf einer Fahrt bis zu 10 Gründe weswegen sich die Verspätung immer mehr erhöht.
rstevens 22.11.2018
5. Die Zahl wundert mich nicht.
Wenn man voll Funktionsfähig breit auslegt, also über das "der Zug fährt" hinaus, dann ist vermutlich "jeder fünfte ist voll funktionstüchtig" noch optimistisch. Es ist jedenfalls schon recht lange her, dass ich in einem ICE war, in dem ich nicht sofort mindestens eine Macke gesehen habe. Seien es nun gesperrte Toiletten, ausgefallene Reservierungsanzeigen, gesperrte Einstiege oder Probleme im Boardbistro.
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