Aufsichtsratssitzung verschoben Deutsche Bahn bekommt Vorstand nicht zusammen

Personalchaos bei der Deutschen Bahn: Die Besetzung des Vorstands des wichtigsten deutschen Staatskonzerns ist erneut gescheitert. Was heißt das für die Bahn - und für die Kunden?

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Eigentlich wäre genug Zeit gewesen: Schon im Juli dieses Jahres zeichnete sich Ärger bei der Deutschen Bahn ab. Drei Monate hätten die verantwortlichen Politiker Zeit gehabt, einen Kompromiss zu finden, allen voran Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Doch es war Wahlkampf und so passierte nichts.

Die Konsequenz: Der wichtigste deutsche Staatskonzern erlebt in dieser Woche sein drittes Personaldebakel innerhalb eines Jahres. Im Bahn-Sprech könnte man sagen: Die Besetzung des Vorstands verzögert sich auf unbestimmte Zeit.

Was ist passiert? An diesem Donnerstag hätte der Aufsichtsrat der Bahn eigentlich drei neue Vorstände bestimmen sollen, so stand es auf der Tagesordnung. Doch nun, zwei Tage vorher, wurde die Entscheidung nach SPIEGEL-Informationen vertagt. Das Problem: Der Kandidat für Güterverkehr und Logistik, Jürgen Wilder, hat in dem Gremium nicht genug Unterstützer. Die Arbeitnehmervertreter lehnen Wilder fast geschlossen ab, aber auch die SPD hätte auf dem Posten lieber eine andere Kandidatin gesehen. Unversöhnlich standen sich Bahn-Spitze und Dobrindt auf der einen und Arbeitnehmerseite und SPD-regiertes Bundeswirtschaftsministerium auf der anderen Seite gegenüber. Die Bahn wollte die Vorgänge auf Anfrage nicht kommentieren.

Jürgen Wilder
Deutsche Bahn

Jürgen Wilder

Nun hat der umstrittene Kandidat hingeschmissen. Wilder zog nicht nur seine Kandidatur zurück, er wird den Konzern gleich ganz verlassen, teilte die Bahn mit. Der Physiker war 2015 von Siemens zur Deutschen Bahn gekommen und hatte dort die Güter-Sparte DB Cargo geleitet - mit einer durchwachsenen Bilanz.

Die abgesagte Sitzung ist die dritte Personalpleite für die Bahn innerhalb von zehn Monaten. Zuerst hatte Anfang des Jahres der damalige Bahn-Chef Rüdiger Grube völlig überraschend sein Amt aufgegeben. Dann war im Juli eine Aufsichtsratssitzung kurzfristig abgesagt worden - schon damals, weil Wilders Wahl in Gefahr war. Und nun die nächste Absage. Damit gerät auch der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Utz-Hellmuth Felcht, immer stärker unter Druck.

Auf Arbeitnehmerseite sieht man die Verantwortung für das erneute Scheitern bei Verkehrsminister Alexander Dobrindt. "Die Politik hat bei der Personalie Grube reinregiert und es ist schief gegangen", sagte ein Aufsichtsratsmitglied dem SPIEGEL. "Und bei der Personalie Wilder hat die Politik wieder reinregiert und es ist wieder schief gegangen."

Konzern an entscheidenden Stellen lahmgelegt

Die erneute Verschiebung schadet aber nicht ausschließlich dem Image der Bahn - sie legt den Konzern auch an entscheidenden Stellen lahm. Der Güterverkehr hat seit Jahren wirtschaftliche Probleme, innerhalb des Unternehmens tobt ein Streit um den richtigen Kurs. Nun muss dort eine neue Führung gefunden werden. Wenn aber die Güterbahn keinen Gewinn macht, muss die Bahn das mit dem Personenverkehr auffangen.

Die Personalprobleme haben auch direkte Auswirkungen für die Fahrgäste: Denn durch die Verschiebung bleibt auch der Vorstand für die Digitalisierung und Technik unbesetzt, und das seit nunmehr einem halben Jahr. Die Bahn müsste bei diesem Thema aber dringend vorankommen, um Züge pünktlicher und zuverlässiger machen zu können. Die Maschinenbau-Professorin Sabina Jeschke aus Aachen gilt als unumstrittene Kandidatin für diesen Posten.

Das gilt wohl auch für den dritten Kandidaten: Martin Seiler soll neuer Bahn-Personalvorstand werden und Amtsinhaber Ulrich Weber ablösen, der Ende des Jahres aufhören will. Auch in diesem Bereich wäre eine geregelte Übergabe entscheidend.

Zwar stehen bei der Bahn im Moment keine Tarifverhandlungen an. Aber: Im nächsten Jahr endet die Friedenspflicht, dann könnten die Gewerkschaften EVG und GdL zumindest theoretisch wieder streiken. Nicht viel Zeit für den neuen Personalvorstand, um sich einzuarbeiten.

insgesamt 11 Beiträge
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TheFrog 17.10.2017
1. Als auf die Bahn angewiesener Bahnfahrer...
lasst mal den Pofalla ran. Der hat Kompetenz und der kann das (Ironie aus) Nichts ist mehr planbar als Kunde der DB. Da ist es auch wenig hilfreich, ständig mit Sonderangeboten per E-Mail als Besitzer einer Bahncard zugemülllt zu werden. Bringt Euren Laden endlich in Ordnung, und wer Häupling ist, ist völlig nebensächlich. Kümmert Euch um die Indianer, die einen gute Job machen und um die Kunden. Dann wäre für die DB viel gewonnen.
shardan 17.10.2017
2. Kurs
Der Kurs des Güterverkehrs ist seit Jahren klar: In den Keller. Prestigeprojekte haben Vorrang, neue ICE-Strecken, die bestimmte Verbindungen etwas (!) schneller machen - damit kann die Politik besser angeben. Güter? Wie langweilig. Ein gutes Güternetz der Bahn, in Zusammenarbeit mit den anderen EU-Ländern, Huckepacktransport usw... alles Möglichkeiten, die nicht oder gering genutzt werden. Die Autobahnen quellen über vor LKW's - buchbare Kapazität im Bahn-Güterverkehr? Nur lange im Voraus, schwierig zu bekommen. Buchung ein halbes jahr doer länger im Voraus, das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Die Devise hätte heißen müssen: Schneller, flexibler, verfügbarer. Und das vor vielen Jahren. Ob es heute noch möglich ist, den Güterverkehr von der Straße wieder auf die Schiene zu bringen? Wohl eher nicht. "Just in Time" heißt das Gebot der Stunde. Da kann die Bahn im Güterverkehr den Rückstand nur noch schwer aufholen. Daneben haben zu viele Firmen ihre Fuhrparks und werden die so schnell nicht wieder aufgeben. Nun ja. Der Personenverkehr wird ja nun schneller und teurer. Ob mir das etwas nützt, wenn ich 8 Minuten Umsteigezeit am nächsten Bahnhof habe habe und der Zug, in dem ich sitze, 20 Minuten verspätet ist?
eulenspiegel2k17 17.10.2017
3. Alexander Dobrindt
Wie immer ist diese Mann Teil des Problems. Das seit Jahrzehnten immer wieder „Spitzenpolitiker“ als Verkehrsminister herum“eiern“, macht es der Bahn nicht leichter. Und so lange die DB-Vorstände selber eher mit Auto oder Flugzeug reisen, wird sich so schnell auch nichts ändern. Technisch ist kein System planbarer als der Schienenverkehr. Dass es trotzdem nicht klappt, sagt viel über Politik und Vorstände aus.
Newspeak 17.10.2017
4. ...
Mal ehrlich. Waere die Bahn ein professionelles Unternehmen, dann braeuchte man sich die Frage, was Unklarheiten in der Besetzung des Vorstandes bedeuten, gar nicht stellen. Nichts sollten sie bedeuten. Das operative Geschaeft sollte mittelfristig voellig unbetroffen davon sein, wer gerade am Fleischtrog sitzt.
wilbury 17.10.2017
5. Was qualifiziert eigentlich einen Physiker.....
.....der bei Siemens tätig war für die Güterverkehrssparte der Bahn? Ich bin zwar kein Physiker aber von Güterverkehr auf der Schiene habe ich auch keine Ahnung. Ich würde den Job machen. Und das Augenärzte auch nicht Wirtschaftsminister können, hat uns einst Hr. Rössler (FDP) bewiesen. Also liebe Bahn, keine Qualifikation habe ich auch, bin nicht mal Bahnfahrer, meldet Euch.
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